Buchtipps

Wer auf der Suche nach interessanter Lektüre ist, kann an dieser Stelle sich über Buchempfehlungen informieren.

 

 

Was Jesus wirklich gesagt hat

Eine auferweckung

 
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus, erschienen September 2015, 22,99 €

ISBN-10: 3579085220
ISBN-13: 978-3579085227

Der etwas reißerische Titel verspricht Aufschluß darüber, was Jesus tatsächlich gesagt, gewollt und gedacht hat, jenseits aller dogmatischen Festlegungen, kirchlichen Lehren und theologischen Debatten. Natürlich kann auch Franz Alt das nicht liefern. Aber der bedient sich, um der Sache näher zu kommen, einer wissenschaftlich hoch umstrittenen Figur: der Rückübersetzung des griechischen Neuen Testaments ins Aramäische, also jene Sprache, die Jesus gesprochen hat. Da es keinen wirklichen Urtext des Neuen Testaments gibt, sondern nur zahlreiche, oftmals im Detail verschiedene Varianten der neutestamentlichen Bücher, ist der Rückgriff auf ein vermeintliches Original methodisch heikel. Nimmt man hinzu, dass das Aramäische zur Zeit Jesu und das, was wir heute davon rekonstruieren können, ebenfalls schwer aufeinander zu bringen sind, liegen bei diesem Unternehmen die Probleme klar auf der Hand. Alts Gewährsmann in der Sache ist ein Theologe namens Günther Schwarz, auf dessen Rückübersetzungsergebnisse er sich maßgeblich stützt. In der wissenschaftlichen Diskussion ist Schwarz ein vollkommener Außenseiter. Das spricht nicht gegen ihn, aber belegt auch noch nicht die Erkenntnisqualität seiner Forschungen.
Mit dem Schwarz’schen Verfahren gelingt es Alt, viele der anstößigen Formulierungen Jesu im griechischen Text aufzuheben, verständlich zu machen, gelegentlich zu entschärfen. Natürlich wird man den Verdacht nicht los, dass das bei einer doppelten Rückübersetzung: erst aus dem Griechischen in eine weithin gemutmaßte aramäische Sprache und aus dieser dann ins Deutsche, die so gewonnenen Übersetzungsergebnisse etwas Selbstfabriziertes haben. Beweisen lässt sich das kaum, widerlegen aber auch nicht.
Das am Ende herausgearbeitete Jesusbild ist aber erwartbar und bekannt – und auch biblisch gedeckt. Jesus ist das göttliche Vorbild menschlichen Lebens, dessen vorbildende Kraft durch alle Zeiten hindurch Menschen zu einem neuen Leben im Dienste der Liebe Gottes angestiftet hat. Die Großen der Glaubensgeschichte werden aufgeboten, um das zu illustrieren, bis zu Rupert Neudeck oder Rosi Gollmann, imponierenden Beispielen unserer Tage.
Alt möchte dringlich machen, dass die Botschaft Jesu nicht zum Begreifen, sondern zur Nachfolge ruft. Das Leben im Vertrauen auf Gott zum Bau des Reiches Gottes hingeben – um weniger geht es nicht. Darin hat er nach meinem Dafürhalten unbedingt recht. Die sesselaffine Christentumsbequemlichkeit der bürgerlichen Kirchen ist meilenweit entfernt von der Glut der aufopfernden Liebe, die sich bei Leuten wie Don Bosco, Mutter Teresa oder Dietrich Bonhoeffer finden.
Warum das bei Alt allerdings regelmäßig um den Preis einer universalen Kirchenschelte und einer geradezu obsessiven Kritik der römischen Papstkirche zu haben ist, gibt am Ende Anlaß zu großen Fragen. Und die hochesoterischen Spekulationen um die Vorgänge bei der Auferstehung, seine Überlegungen zu einem Geistleib, der nach der Kreuzigung wieder in den Körper Jesu zurückgekehrt seien, all das verdirbt eher den praktischen Anspruch, den seine drängenden Auslegungen der Worte Jesu erheben können.
Und der komplizierten Übersetzungshydraulik hätte es für diese Überlegungen auch nicht bedurft. Das ganze spekulative Material liegt seit Jahrhunderten vor. Kurzum: die ethischen Konsequenzen der Alt’schen Christologie sind in den Kirchen von Anbeginn gesehen und bewahrt, da braucht es eine Rückübersetzung nicht. Die weltanschaulichen Beimengungen aus anderen Interessensphären erhellen diese Sicht ohnehin nicht.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (November 2016) 

 


Ich bin ein Gast auf Erden

Eine pastorale Lebensgeschichte

 
Broschiert: 160 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus, erschienen März 2016, 14,99 €

ISBN 978-3-579-08230-1

Wer in den vergangenen 50 Jahren Theologie studiert hat, kommt um diesen Namen nicht herum. Josuttis. Er gehört zu den wirklich bedeutenden Nachkriegstheologen und hat zwei ganze Pastorengeneration geprägt, in leidenschaftlicher Zustimmung oder Ablehnung. Geboren im ostpreußischen Willkischken und geprägt durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre, hat er kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert, gezeichnet von einer wachsenden Demenz, und legt mit diesem Büchlein einen Rückblick auf seine „pastorale Lebensgeschichte“ vor. Eigentlich ist es gar kein Buch im strengen Sinne, sondern eine Collage von Bildern, Predigten, Eindrücken und Erkenntnissen, die dieser unglaublich produktive, provokative und zugleich ordnungsliebende Geist vorlegt, wie einen Gruß, mit dem er seine Freunde und Bewunderer, aber auch seine Widersacher und Skeptiker freundlich bedenkt. Es ist keine theologische Literatur im strengen Sinn, sondern vorgetragene Nachdenklichkeit, verblüfftes Staunen manchmal, dankbarer Rückblick auf jeden Fall. Das Buch beginnt mit drei Predigten, beleuchtet die großen Themen seiner Lebensgeschichte und schließt mit einer überraschenden Deutung von Demenz, Alter und Tod. Alles sehr einfach beschrieben; man erkennt die Mühe, die sich der Autor bei den Zeilen gemacht haben muss. Josuttis’ großes Thema, der sorgsame und bewusste Umgang mit dem Heiligen einerseits und die königliche Freiheit der Kinder Gottes andererseits, wird auf den knapp 160 Seiten ein ums andere Mal als Hintergrund seiner Berichte und Überlegungen sichtbar.
Am Ende ist man, bin ich jedenfalls, gerührt ob dieser entwaffnenden Offenheit, aber auch wegen der geistlichen Leuchtkraft, die sich aus den durchlesenen Kapiteln entwickelt. Ein echter Lehrer unter all den Referenten dieser Tage.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (November 2016) 

 


Erlöste und Verdammte

Eine Geschichte der Reformation

 
Gebundene Ausgabe: 508 Seiten
Verlag: C.H.Beck, erschienen August 2016, 26,95 €

ISBN 978-3-406-69607-7

Thomas Kaufmann, Kirchengeschichtsprofessor aus Göttingen, ist vermutlich der renommierteste deutsche Experte zur Reformationsgeschichte. In deutlicher Kritik gegenüber den offiziellen Jubiläumsfeierlichkeiten der EKD hat er sich zusammen mit seinem profanhistorischen Kollegen Heinz Schilling in den vergangenen Jahren auch einen Namen in der großen Tageszeitungen gemacht. Kaufmann vertritt die These, dass das Ereignis „Reformation“ zutiefst missverstanden wird, wenn man es auf die Vorgänge rund um Luther verkürzt. Es geht um einen europäischen Prozess, der sich hier Bahn bricht und am Ende die Einzelfigur Luther eher an den Rand der Ereignisse stellt. Die Reformation als kirchliches Ereignis muss deswegen in einen größeren Zusammenhang gestellt werden, damit man nicht am Ende auf folkloristischen Einzelsensationen wie Thesenanschlag, Verbrennung der Bannandrohungsbulle und Heirat mit einer entlaufenen Nonne erst sitzen und dann unbeachtet bleibt. Genau diesen größeren Zusammenhang hat Kaufmann bereits mit einem großen Werk 2009, der „Geschichte der Reformation“ aufgespannt, hier allerdings eher wissenschaftlich aufbereitet und in einer, sagen wir, nicht unmittelbar zugänglichen Sprache geschrieben. Das nun vorliegende Buch „Erlöste und Verdammte“ erlaubt einen in der Sache ebenso anspruchsvollen, aber in Sprache, Stil und Form leichteren Zugang zu dieser überzeugenden These. Dass das Buch geradezu üppig mit Bildern ausgestattet ist, macht es zusätzlich reizvoll, sich in die damalige Zeit zu vertiefen. Allerdings sind viele der Bilder so zusammengedrängt, dass erst die Unterschrift leidlich darüber aufklärt, was da nun zu sehen sein soll. Aber das sind Kleinigkeiten. Diese Geschichte der Reformation vermag es, dem interessierten Leser nahezubringen, warum diese vermeintlichen Kleingeistereien zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen, Hekatomben von Opfer gefordert und die gesamte Welt in Mitleidenschaft gezogen haben. Als Vorbereitung auf eine sachgemäße Jubiläumszeit und als Anleitung zu der wichtigen Frage, woran wir heute mit dem Erbe der Reformation eigentlich sind, ist Kaufmanns „Erlöste und Verdammte“ eine unverzichtbare Lektüre.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (September 2016) 

 


Als unser Deutsch erfunden wurde

Reise in die Lutherzeit

 
Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: Galiani-Berlin, erschienen Juni 2016, 24,99 €
ISBN 978-3-86971-126-3

Luther-Biographien gibt es zuhauf. Beschreibungen des Alltags aus der damaligen Zeit finden sich zumeist nur in arg wissenschaftlichen Monographien über die Welt des Mittelalters, und das meist in Milieuausschnitten, denen es an Anschaulichkeit gebricht. Das Buch von Bruno Preisendörfer schließt hier eine schmerzliche Lücke. Nicht zuletzt wahrscheinlich deswegen, weil der Autor weder Theologe noch Historiker, sondern Journalist ist. Einem größeren Publikum ist er bekannt geworden durch den Titel „Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit“, der eine ähnliche Annäherung an sein Thema wählt wie das vorliegende Buch. Preisendörfer beschreibt in einem leicht lesbaren, feuilletonistischen Stil, gelegentlich mit spöttischem Unterton den Alltag des spätmittelalterlichen Menschen in einem der zahllosen deutschen Fürsten-, Bis- und Herzogtümer, Graf- und Herrschaften, Reichsstädten oder Landgemeinden. Beim Essen angefangen und beim Glauben aufgehört. Wie man reiste, sich benahm, beherrscht wurde oder herrschte, zahlte oder zeugte: all das wird in knappen Skizzen vorgetragen, mit historischen Belegen ausgestattet, ohne dabei in Fußnoten zu ertrinken, und zu einem Bild zusammengesetzt, das sinnlich und verständlich zugleich ist. Manche historischen Einseitigkeiten sind dabei unvermeidlich, auch Überzeichnungen von Personen und theologische Verkürzungen – aber all dies nicht, um einer ideologischen Fixierung zu dienen, sondern um ein höheres Maß an Anschaulichkeit zu erzielen. Dieses Leitinteresse verdient den eigentlichen Dank. Hier macht sich einer die Mühe, dem Leser – dem Zeitreisenden, wie der Autor immer wieder einmal einstreut – einen Geschmack und ein Gefühl dafür zu geben, unter welchen Bedingungen das zustande kam, was wir die Reformation nennen: Gewalttätig war die Zeit und voller Angst. In Gärung das ganze Europa, überflutet von den Eindrücken, die aus der gerade erst entdeckten neuen Welt durch die Gesellschaften schwappten. Geniale Menschen zuhauf, der erste weltweite Kapitalismus unter den Fuggern und Welsern. 

Ein Lesevergnügen mit hohem Bildungsimpuls. Gerade recht zum Jubiläum.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (September 2016) 

 


Die fremde Reformation.

Luthers mystische Wurzeln

 
Gebundene Ausgabe: 247 Seiten
Verlag: C.H. Beck, erschienen Februar 2016, 21,95 €
ISBN 978-3-406-69081-5

Wieder mal ein Buch zur Reformation und ihrem 500jährigen Jubiläum. Mit einer wichtigen These und einem bedeutsamen Auftrag. Die These: die Reformation, deren Kopf und leidenschaftliches Herz der Augustinermönch Martin Luther war, speist sich vor allem und in der Tiefe des Anliegens aus der mystischen Tradition des Mittelalters. Sie ist also – anders formuliert – gar nichts Neues, sondern in erster Linie die Präzisierung und Zuspitzung einer längst vorhandenen religiösen Strömung. Luthers Anliegen war es, die äußerlichen religiösen Praktiken und die innerliche geistliche Haltung zusammenzubringen und als Lebenseinheit zu vollziehen. Damit überwarf er sich mit der kirchlich institutionalisierten Form christlichen Glaubens mit dem Papst an der Spitze einerseits; damit geriet aber auch mit den Vertretern einer unmittelbar geistgewirkten Lebensform auf Seiten der sogenannten Schwärmer andererseits aneinander. Wer die äußere Praxis geringschätzt, vergeht sich an der göttlichen Ordnung des Lebens, wer nur auf die Tradition setzt, verrät das Geheimnis des Evangeliums, das den Menschen im Herzen verwandeln will.

Volker Leppin, Professor für Kirchengeschichte in Tübingen, setzt sich zum wiederholten Mal mit der Biographie Luthers auseinander. Mit dem kleinen Buch (gut 200 S.) über dessen mystische Wurzeln präsentiert er einen einfachen Grundgedanken zur Reformation, der dem Leser eine wichtige Aufgabe mitgibt: wie sind die christliche Tradition und ein lebendiges Gefühl für die Christusgegenwart im eigenen Leben eigentlich zusammenzubringen? Und was ist zu tun, wenn einem der Glaube zu einer strohernen Veranstaltung unter den Händen missrät? Wie soll eine Kirche aussehen, die sich zwar auf Luther beruft, aber in ihrer eigenen Praxis mindestens genauso versteinert aussieht wie das, was sie einst bekämpfte? Luther würde diese Frage wahrscheinlich selbst als allererstes angehen, wenn er es denn zu sagen hätte.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (September 2016) 

 


Himmel, Herrgott, Sakrament!

Auftreten statt austreten

 
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Kösel-Verlag, erschienen März 2016, 19,99 €
ISBN-10: 3466371473

Das ist kein Buch im eigentlichen Sinn, sondern ein Manifest, eine Protestschrift auf der einen und ein Lebensbekenntnis auf der anderen Seite. Rainer Schießler, in München eine bekannte Lokalgröße, ist von Berufs wegen katholischer Pfarrer der Gemeinden St. Maximilian und Heilig Geist am Viktualienmarkt. Zugleich ist er eine Mischung aus Tausendsassa und Kraftpaket im Priesterkleid, kellnert auf dem Oktoberfest, erneuert zweijährlich seinen Taxischein, steckt voller unkonventioneller Ideen und Einfälle und ist leidenschaftlicher Motorradfahrer. Alles, was man so braucht für ein gediegenes Nonkonformisten-Image unter den langweiligen Kirchenfritzen, die sich sonst so in der Halböffentlichkeit herumtreiben. Eine Biographie voller Brüche und Leidenschaft, ein Selbstbewusstsein, das einem Durchschnittsmenschen die Luft etwas knapper macht.
Vor allem aber: ein herrliches Mutmachbuch gegen Depression und Kleingeisterei, Kopfglauben und Selbstbescheidenheit. Da muckt einer auf gegen die allgemeine Leisetreterei der Kirche, nennt das ganze Elend des Zwangszölibates beim Namen und beschreibt seine Lebenswirklichkeit, zieht gegen die klerikale Langeweile zu Felde und fordert munter auf, doch bitte den Worten Jesu mehr Vertrauen zu schenken als den Gesetzestexten der Kirchenoberen. Eine Mischung aus Frechheit und Erfahrung bahnt sich da ihren unterhaltsamen und berührenden Weg.
Das Ganze ist literarisch sehr hölzern und struppig, aber der Schwung der Begeisterung trägt über die redaktionellen und sprachlichen Abgründe hinweg. Es gibt richtig handfeste und gute Ratschläge, die zu beherzigen jeden gut ansteht, der in einer Gemeinde mitarbeitet oder gottesdienstlich unterwegs ist. Die drei wichtigsten: erstens „Du musst die Leute mögen!“, zweitens: „Liturgie darf nicht wehtun“, sprich: sie darf nicht langweilen; und drittens „Sakramente muss man spüren“. Das stimmt einfach, und es ist so schmissig, lebensnah und erfahrungssatt geschrieben, dass einem runtergeht wie Champagner. Das Buch hat mich an elementare Grundtugenden meines pastoralen Lebens erinnert und manches schmerzhafte Eingeständnis ausgelöst.

Allerdings: das Riesenego von Pfarrer Schießler muss man aushalten, sonst bekommt man nach zehn Seiten entweder eine Depression oder setzt sich seine Hasskappe auf.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (August 2016) 

 


Luther der Ketzer

Rom und die Reformation


 
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: C. H.Beck, erschienen Februar 2016, 24,95 €
ISBN: 978-3-406-68828-7

Eines der vielen Bücher, die nun in rascher Reihenfolge zum 500. Jubiläum der Reformation erscheinen. Diesmal geht es um die Beschreibung der durch Martin Luther ausgelösten Bewegung aus der Perspektive der römischen Position. Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht, und die Ergebnisse sind über weite Teile auch nicht wirklich neu. Schließlich ist auch die sprachliche und inhaltliche Darbietung nicht durchgängig so, dass sie einen fesseln könnte, aber es ist kein fachwissenschaftlich verfasstes Buch, und der Verfasser, Professor für Geschichte an der Universität Fribourg, bemüht sich darum, möglichst plastische Darstellungen der damaligen Verhältnisse und Begegnungen zu geben.
Zwei Hauptthesen werden präsentiert, beide sehr bedenkenswert. Die erste: die Protagonisten beider Seiten haben z.T. aus Nachlässigkeit, z.T. aus verständlichen Motiven oftmals aneinander vorbeigeredet und die gegenseitigen Vorhaltungen oder Friedensangebote gar nicht ernsthaft aufgenommen. Wäre verständigungswilliger theologischer und politischer Sachverstand am Werk gewesen, hätte die Sache auch ganz anders aussehen können.
Die zweite These: ein gerüttelt Maß an Schuld an diesem Umstand ist eine unüberbrückbare Mentalitätsdifferenz: die Deutschen und die Italiener mochten einander nicht, ganz grundsätzlich, und das schlug auch in den reformatorischen Wirren durch. Es gab für diese gegenseitige Abneigung gute Gründe: ein deutliches Bildungsgefälle, zwei unterschiedliche politische Kulturen und gegensätzlich begabte oder veranlagte Menschenschläge.
Vor allem aber wird präsentiert, in welch hohem Maße diese grundlegenden Differenzen übersteuert wurden von den anderen Schauplätzen des 16. Jahrhundert; angefangen von den Querelen um die Kaiserwahlen im Heiligen Römischen Reich, über die Pest und die Türkenkriege bis hin zu familienpolitischen Verstrickungen der Medici-Päpste.
Das Gesamtbild zeigt, dass die protestantisch stets vorausgesetzte Zentralstellung der Reformation Luthers in den Bewegungen der damaligen Zeit nur eine Sicht der Dinge ist, und durchaus nicht die unbedingt realistischste. Insofern regt das Buch dazu an, in den Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum neu danach zu fragen, worum es damals eigentlich ging und was davon für unsere heutige Kirche unabdingbar ist- und was nicht.

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (Juli 2016) 

 


Unterleuten

Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh


 
Gebundene Ausgabe: 640 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag, erschienen März 2016, 24,99 €
ISBN: 978-3-630-87487-6

Ein dicker Roman, 660 Seiten, genau richtig für die Ferien. Im Mittelpunkt steht das kleine brandenburgische Dorf Unterleuten unweit von Berlin, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Kein Glasfaserkabel mit Datenautobahn, kein Neubaugebiet, keine infrastrukturelle Erschließung mit Wasser-, Strom- und Straßennetz. Viel olle DDR noch zum Greifen nah. Hier steht zwischen den Menschen kein technischer Apparat, keine Unterhaltungsindustrie, kein Eventmarketing, sondern man hat es mit sich zu tun. Mit allem, was dazugehört. In Unterleuten ist man unter Leuten der normalsten Sorte. Hier regelt man die Dinge unter sich. Dass das so bleibt, auch wenn rings um Unterleuten andere Leute ihre Strippen ziehen, Pläne machen oder die Welt verändern, ist die überraschende Erfahrung der Zugezogenen. Ob sie nun als Naturschützer auflaufen, als Unternehmer zwischen gutem Willen und bösen Taten nicht gut unterscheiden können oder als Pferdeflüsterer plötzlich mit zwielichtigen Interessen Bekanntschaft macht, spielt dagegen keine große Rolle. Am Ende geht es um das alte Spiel der Macht, der Schuld und der Suche nach dem Sinn. Mit allem, was dazugehört. Ein großartiges Panorama menschlicher Größe und Niedrigkeit, eingespannt in den kleinen Bereich eines brandenburgischen Dorfes.

Juli Zeh gehört zu den produktivsten deutschen Schriftstellerinnen derzeit, ist gelernte Juristin und selbst wohnhaft unter solchen Verhältnissen wie sie sie in ihrem Roman beschreibt. Ihre Beschreibungen dessen, was in Menschen vorgeht, ist bis ins Detail genau und bisweilen schmerzhaft realistisch, ihr Blick auf das Getriebe der verschiedenen Interessen klar, kühl und abständig. Das verleiht der Lektüre den Eindruck, man schaue einer Mischung aus Theater und Irrenhaus zu, bleibe aber weitgehend unberührt und könne sich trotz der anzusehenden Dramatik durchaus gut unterhalten und in seiner schlechten Meinung über den Menschen an sich eindrucksvoll bestätigt fühlen. 

Genau dieses Gefühl zu erkennen und sich mit ihm auseinanderzusetzen, ist die eigentliche Aufgabe, die das Buch dem Leser stellt: Gibt es so etwas wie eine Moral, eine Ethik, eine innere Orientierung des Lebens, und wenn ja, warum? 

Empfehlung / TextHelmut Aßmann (Juli 2016)

 


Gewaltfreie Kommunikation in Kirchen und Gemeinden

DIE NÄCHSTEN LIEBEN WIE SICH SELBST
VON GOTTFRIED ORTH

Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Junfermann, erschienen Dezember 2015, 24,90 €
ISBN: 978-3-95571-479-6 

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - wie macht man das? Dies war eine der Kernfragen Marshall Rosenbergs, als er im Kontext der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) entwickelte. Wertschätzung aller Menschen war ihm ein zentrales gesellschaftliches wie spirituelles Anliegen. Grundlage der GFK ist eine Haltung, die einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst und anderen erleichtert und vertrauensvolle Beziehungen ermöglicht. Das Buch führt zunächst im Sinne eines Lehrbuchs in Spiritualität, Haltung und Methode der GFK ein. Im zweiten Teil wird an konkreten Beispielen gezeigt, wie GFK helfen kann, lebendige Beziehungen in Kirchen und Gemeinden zu gestalten und die theologische Reflexion zu bereichern. Mit Beiträgen von Gerlinde Fritsch, Britta Lange-Geck, Jutta Salzmann, Cornelia Timm und Barbara Wündisch-Konz. 

Text: Junfermann Verlag Paderborn 


Die granulare Gesellschaft.

Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst.
von Christoph Kucklick

Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Ullstein Hardcover, 2014, 18.- €

Christoph Kucklick, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von GEO. Das erklärt die wunderbar flüssige und lesefreundliche Schreibe dieses Buches. Zugleich ist er promovierter Soziologe. Das wiederum erklärt die Akribie des wissenschaftlichen Verstehenwollens. Beides zusammen ergibt ein außerordentlich inspirierendes, zeitnahes und hilfreiches Buch, das uns die Perspektiven der digitalen Revolution vor Augen führt, ohne in den gewohnten Alarmismus („Digitale Demenz“!) oder trockene Sachverhaltsfeststellungen abzugleiten. Kucklick erläutert auf faszinierende Weise, dass die Digitalisierung unserer Welt zu einer vollständigen Veränderung unserer Wahrnehmung und Bewertung der Welt und unseres Lebens führen wird. Diese Veränderung ist bereits eine gegebene Tatsache, keine Option mehr. Seine Darstellung des digitalen Wahlkampfes von Barack Obama 2012 als Lehrstück dokumentiert eindrucksvoll, wohin die politische und gesellschaftliche Reise geht. Die tatsächliche Berechenbarkeit des Menschen und die damit verbundene enorme Eingriffstiefe der Datensammler in das konkrete Leben werden sehr anschaulich präsentiert. Die theologische Frage, die sich mit diesen Entwicklungen verbindet, betrifft die Rede von der Freiheit des Menschen: was bleibt von ihr übrig, wenn der Wille des Menschen ausgeforscht ist? Und wie sieht ein Glaube aus, der sich unter den digitalisierten Lebensbedingungen die Erlösung des Menschen zum Ziel gesetzt hat?

Empfehlung: Helmut Aßmann


Wie hast du's mit der Religion, Matthias?

Claudius und die Gretchenfrage
VON Georg Gremels

Paperback: 224 Seiten,
Verlag: Francke-Buchhandlung GmbH; 
Erschienen im September 2014

Matthias Claudius – Pastorensohn, Journalist, Familienvater, Spaßvogel, Dichter, Denker, Kritiker, Freund, Schriftsteller und Original. Beharrlich stellt er in seinen Werken die altbekannte Gretchenfrage: „Wie hast du’s mit der Religion?“ 200 Jahre nach seinem Tod ist diese Frage so aktuell wie eh und je. Der Bote aus Wandsbek steht dafür ein, dass Denken und Glauben nicht im Streit liegen müssen und dass Frömmigkeit und Lebensfreude zusammengehören. In Briefen an einen kritischen Zeitgenossen nähert sich der Autor Georg Gremels diesem Dichter und kommt seiner Person und seinem Werk auf die Spur.

Mit einem Vorwort des Wandsbeker Pastors Richard Hölck.

Text: Verlag Francke-Buchhandlung GmbH


Zwei Herren am Strand

von michael köhlmeier 

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten,
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; Auflage: 10 (25. August 2014)

Winston Churchill und Charlie Chaplin – zwei Giganten der Weltgeschichte, so unterschiedlich wie nur möglich und doch enge Freunde. Der eine schuf als weltberühmter Komiker das Meisterwerk "Der große Diktator", der andere führte mit seinem Widerstandswillen eine ganze Nation durch den Krieg gegen Adolf Hitler. Michael Köhlmeier hat mit dem Blick des großen, phantasievollen Erzählers erkannt, was in diesem unglaublichen Paar steckt: die Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst und Politik, Komik und Ernst. Der arme Tramp und der große Staatsmann, in diesem verblüffenden Roman des berühmten Autors aus Österreich erleben sie die Geschichte des Jahrhunderts.

Text: Carl Hanser Verlag