Zeig dich!

19. februar 2018

Die neue Fastenkampagne der EKD lautet: „Zeig dich! – Sieben Wochen ohne Kneifen“. Gemeint ist der Appell, sich in der laufenden Fastenzeit etwas ebenso Einfaches wie Kompliziertes vorzunehmen: nämlich beherzt auf die Dinge zu reagieren, die einem auffällig werden, quer kommen oder einfach jemanden brauchen, der dazwischengeht. Also nicht „kneifen“, d.h. den Mund halten, weggehen oder –schauen, sich auf das Eingreifen anderer verlassen usw. Statt der sattsam bekannten Konfliktvermeidungsstrategien nunmehr Intervention, Engagement und konstruktives Eingreifen. Eine in der Tat selten gewordene Haltung, so scheint es, legen es doch die komplizierten Rechts- und Haftungsverhältnisse in einer überregulierten Gesellschaft nahe, sich weder die Hände schmutzig noch das Gewissen schwer zu machen.
Was das jetzt genau mit Fasten zu tun hat, sei einmal dahingestellt. In Jes.58 findet sich derlei durchaus verbunden, insofern gibt es einen nachvollziehbaren biblischen Hintergrund dieses Bezuges. Den Appell allerdings mit der Aufforderung „Zeig dich!“ zu verbinden, ist wenigstens kompliziert. Auf der einen Seite ist selbstverständlich, dass es um „Gesicht zeigen“ geht. Sich aus der Anonymität der betrachtenden Masse herauszubewegen und als erkenn- und benennbares Individuum das Heft des Handelns zu ergreifen. Das ist der entscheidende Vorgang. Aber wenn ich es andererseits recht verstanden habe, ist eben das ja nicht das Motiv der „Helden des Alltags“. Also derjenigen, die in der Tat in bestimmten Situationen nicht „gekniffen“ haben.  Die wollen, so ist jedenfalls immer wieder in den persönlichen Berichten und Kommentaren nachzulesen, ja nicht sich selbst zeigen, sondern dem Recht, dem Anstand, dem bedrohten Mitmenschen Geltung verschaffen. Was sie zeigen, ist eben das Recht, der Anstand und das Lebensrecht des bedrohten Mitmenschen. Es gibt in dieser Formulierung „Zeig dich!“ eine kleine, aber gemeine Authentizitätsfalle, die das gute Werk der tätigen Nächstenliebe in eine Medaille für gelungene Lebensperformance umwidmet. Das aber ist genau das Gegenteil von tätiger Nächstenliebe.
So ist das mit Appellen: da handelt es sich um tückische rhetorische und thematische Gesellen. Hinten heraus ist in ihnen immer noch einmal ein Subtext zu hören, der möglicherweise etwas ganz anderes verkündigt als der Appell beim ersten Lesen oder Vernehmen zu  behaupten vorgab. Noch ein Grund, bei Appellen vorsichtig zu sein.

Helmut Aßmann