Naked Attraction

02. august 2017

RTL II ist der Free-TV- Sender fürs Grobe. Von daher ist dort weder ein literarisches Quartett noch eine Tier-Doku auf BBC-Niveau zu erwarten. Beim typisch männlichen nächtlichen Herumzappen auf den üblichen Fernsehkanälen bin ich dort unlängst auf eine Sendung gestoßen, die den Namen „Naked attraction“ trägt. Es handelt sich dabei um einen Vorstoß in eine neue Dimension des Fremdschämens. Darüberhinaus lässt sie sich lesen als eine Veranschaulichung dessen, warum Flüchtlinge und Fremde hierzulande so etwas wie den Ausverkauf letzter Anstandsreste und Intimsphären wittern. Es ist eine Art Casting-Show. Ein Kandidat, möglichst schrill und noch nicht zu alt, soll unter Anleitung einer absolut toleranten und vollständig geistlosen Moderatorin aus sechs Personen verschiedenen Geschlechts eine auswählen, mit der es dann zu einem Rendezvous kommt, das selbstverständlich abgefilmt wird. Der Clou an der Sache: diese sechs Personen stehen jeweils splitterfasernackt in einer Art überdimensionalen Reagenzgläsern im Halbkreis und werden im Laufe der Show in drei Phasen begutachtet. Schritt für Schritt werden die Körperpartien vorgestellt, in dem die ursprüngliche Trübung des Reagenzglases aufgehoben wird; erst die Beine, dann die Geschlechtsteile und Brust, dann der Kopf. Da kann man dann zwei Menschen sich über Beinstellung, Penislänge, Brustwölbung und Haar- oder Tätowierungsfläche sachverständig unterhalten hören bzw. sehen.  Selbstverständlich ist das Ganze genderpolitisch maximal tolerant. Blümchensex und Heteros sind in diesem Kontext museale Geschichte. Zum Schluß darf dann der möglichst schrille und nicht zu alte Kandidat ungeklärten Geschlechts auch selbst seine besten Stücke zeigen. Hurra.
So etwas Unkomisches, Unerotisches und Unanständiges hab ich noch nie gesehen. Es heißt öffentlich zugängliche Unterhaltung und ist ein Zeugnis einer eigenartigen, verzweifelten Langeweile. Weil alles aufregend sein soll, müssen Schamgrenzen übersprungen und Tabus geschleift werden. Davon gibt es aber nicht unendlich viele. Und dann wird es langweilig. Nicht aus unterhaltungsprofessionellem Unvermögen, sondern in Ermangelung von Grenzen. Die sind eben nötig, wenn man irgendwie Gestalt annehmen will.

Helmut Aßmann