Ehe für alle?!

09. oktober 2017

Ganz ehrlich: ich weiß nicht genau, was wir gesellschaftlich beschlossen haben, nachdem am 30.6. in einem Hastewaskannste-Akt der Bundestag mit veritabler Mehrheit das Gesetz verabschiedet hat und es am 1.10. mit großer medialer Beachtung in Kraft getreten ist. Das Gesetz „Zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“. Mit sehr vorhersehbaren 393 Ja- und 226 Nein-Stimmen bei 4 Enthaltungen war die Entscheidung in dem Moment gefallen, als die Abstimmung auf die Tagesordnung gesetzt worden war. Klar ist nur so viel: die jahrtausendealte Regel, dass eine Ehe mindestens einen Mann und eine Frau miteinander ins Verhältnis setzte, wurde durch ein anderes Prinzip ersetzt: verbindliche Lebensgemeinschaften mit Fürsorgepflicht und gegenseitig erklärter Zustimmung dürfen von nun an Ehe heißen. Die mit der Ehegesetzgebung im Bürgerlichen Gesetzbuch verbundenen Rechte und Pflichten werden damit auch auf andere Lebensformen übertragen. Natürlich ist damit zunächst einmal die gefühlte „Zweitrangigkeit“ für gleichgeschlechtliche Partnerschaften aufgehoben, ein begrüßenswerter Umstand, was rechtliche Ausstattung und gesellschaftliche Akzeptanz angeht. Was nun aber in Zukunft Ehe ist oder so heißt, wird eher unklar. Da lassen sich viele soziale Arrangements denken. Mir ist die Eilfertigkeit, mit der das Gesetz auch auf kirchlicher Seite begrüßt wurde, nicht erschwinglich. Ich fände es sehr hilfreich, wenn es zu diesem außerordentlich gravierenden Paradigmenwechsel eine ausführlichere Debatte gäbe, sei es in Gemeinden oder Kirchenkreisen oder auf Synoden oder sonstwie. Mir ist die Widerspruchslosigkeit auf evangelischer Seite durchaus ein Rätsel. Es mag daran liegen, dass derzeit jedermann, der sich unterfängt, nicht vorbehaltlos zuzustimmen, sofort in den Verdacht von Homophobie oder Rechtsradikalität gerät. Man kann sich gar nicht vorsichtig genug ausdrücken, wenn man wenigstens um Differenzierungen bemüht sein möchte oder die Bedeutung dieser zivilrechtlich tektonischen Verschiebung in seiner Tragweite zu ermessen sucht, ohne dies in begeisterter Attitüde zu tun. Ganz ehrlich: ich weiß nicht, was wir da alles mitbeschlossen haben. Ich bin nicht so schnell. Vielleicht liegt es am Alter.

Ob Jesus dazu ein Votum hätte? Ich vermute, eher nicht. Denn für das Reich Gottes ist es – zum Glück – nicht wirklich von Belang, welcher standesamtliche Befund den Menschen betitelt, der um Einlass sucht.

Helmut Aßmann