Prozesse

18. april 2017

Die moderne Welt wird in Prozessen gedacht. In Bewegungen, die nacheinander mehr oder weniger geplant bestimmte Tatbestände hervorbringen, die dann wiederum selber Ursache von weiteren Prozessen werden. Die Produktionsprozesse in der Wirtschaft, gesellschaftliche und politische Meinungsbildungsprozesse, am Ende, ganz universal gedacht, der kosmische Evolutionsprozess, dessen Anfänge uns nicht restlos und dessen Ende uns völlig unbekannt sind, wenngleich sogenannte besser informierte Kreise uns das gerne anders darstellen. Auch wir selbst befinden uns – als Individuen – in einem fortwährenden (wenn es gut geht) Bewusstwerdungs- und (wenn es normal läuft) Alterungsprozess, in dem es keine festen Positionspunkte, sondern nur Etappen, Abschnitte und Verdichtungen gibt. Z.B. wenn jemand einen „Nuller“-Geburtstag feiert, ein Kind bekommt oder den Beruf wechselt. Wir sind nicht, wir werden dauernd. Das gilt für Staaten, Kulturen und die ganze Welt. Man kann (und soll!) auf diese Weise nicht verstehen wollen, wie die Dinge sind, sondern wird bestenfalls erkennen können, woher etwas kommt und worauf es in der nächsterkennbaren Zukunft hinauszulaufen scheint. Prozesse gliedern die Welt nicht statisch, sondern beschreiben Dynamiken und versuchen, im undurchsichtigen Weltgeschiebe einige tragende Bewegungen zu identifizieren, damit man sich halbwegs zurecht findet. Ob es diese Prozesse in einem dinglichen Sinne tatsächlich „gibt“, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Es handelt sich ja nicht um feststehende Dinge, substantiell gedacht oder im Resultat beständig. Man kann sie weder anfassen noch in der Zeit einhegen. Sie bleiben dem Feststellungswillen unseres Alltagsverstandes gegenüber ausgesprochen unwillig und kontaktscheu.

Von Christian Lehnert, dem derzeitigen Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts in Leipzig, habe ich den Hinweis, dass der Prozessbegriff im Wesentlichen eine theologische Wurzel hat. In seinen Betrachtungen über die katholische Messe mutmaßt er, dass der Ursprung dieser modernen Betrachtungsform in der trinitarischen Gottesvorstellung des Christentums liegen könnte. Denn deren schönste Vision besteht in den sogenannten „processiones“, den gegenseitigen Hervorbringungen des Vaters, des Sohnes und des Geistes: der Vater zeugt den Sohn, der Sohn bezeugt den Vater, beide bringen den Geist hervor, der wiederum beide bekennt. Die Gottheit als dynamische Einheit in sich und der Welt gegenüber: vielleicht ist hier der Grund für den sagenhaften Veränderungswillen der westlichen Kultur zu greifen.

Helmut Aßmann