Chillen

20. märz 2017

Das Wort „chillen“ ruft als erstes Aggressionen bei mir hervor. Es ist der Inbegriff systematisch inszenierter Faulheit, die sich mit einem neudeutschen Wort den durchschaubaren Scheinadel von Zeitgemäßheit umhängt. Chillen ist nix: Nichtstun, Daddeln, Rumhängen, den lieben Gott und die aufgeregte Menschheit sich selbst überlassen und die Zeit in einer mir weitgehend unerschwinglichen Form zu genießen. Vorzugsweise mit Handy in der Hand. Lasse ich meiner meist höflich heruntergeregelten Empörung gegenüber „chilligen“ oder „chillenden“ Personen einmal freien Lauf, ernte ich die erwarteten Reaktionen: was ich denn habe, worüber ich denn so erzürnt sei und ich solle erstmal chillen, bevor solche Stoßwellen an charakterlicher Erregung noch die chillige Atmosphäre versaubeuteln. Nach dem Motto: nur keine Anstrengung bitte, keinen Stress, keine überschießende Ambition über den Augenblick hinaus. Ist sowieso alles viel zu anstrengend hier.
Natürlich ist das Generationenschelte, ich weiß. Bekannt seit den alten Ägyptern. Meine Mutter hat sich über meine langen Haare, das im Arm getragene Transistorradio (so alt bin ich schon!) und die notorisch herumliegenden Klamotten schließlich auch bis zu Tränen aufgeregt. Am Ende ist dennoch was draus geworden, so alles in allem – sagt sie, inzwischen 81jährig, auch. Vielleicht ist es tatsächlich auch nur das, Generationenschelte. Mag sein. Vielleicht sollte man es aber auch anders sehen: „chillen“ als programmatischer Verzicht auf gezielte Aktivität könnte ja auch eine Anfrage an den funktional- effektiven Overkill sein, den meine Generation sich angewöhnt hat. Die Inpflichtnahme des ganzen Lebens für einen gesellschaftlichen Prozess, an dessen effektivem Ende alles mögliche steht, aber bestimmt kein glückliches Leben. Sich dagegen zu verwahren, ist kein sinnloses Unterfangen, im Gegenteil. Da hat eine Chill-Performance geradezu eine zivilisatorische Aufgabe. Ob diese Verwahrung aber die Gestalt einer Verweigerung haben muss, ist mir gleichwohl eine Frage. Ich gestehe aber zu, dass gerade diese zur Schau getragene Verweigerung den Stachel bietet, durch den die eigene Leistungsdynamik wirklich weh zu tun beginnt.

Frage in die Runde: hätte Jesus „chillen“ können?

Helmut Aßmann