Sicherheitsdenken

29. November 2017

Umfragen zufolge sollen die meisten Deutschen Angst vor Krankheit, terroristischen Anschlägen und Gewaltdelikten haben – in dieser Reihenfolge. Dagegen sollen helfen: Versicherungen, Sicherheitsmaßnahmen und Sicherheitspolitik – in vermutlich dieser Reihenfolge. Es ist davon auszugehen, dass noch niemals in der Geschichte Deutschlands ein solch hoher Sicherheitsstandard in öffentlichen und privaten Lebenssituationen geherrscht hat – von riskanten Berufsfeldern und besonders gefährdeten Stadtteilen einmal abgesehen. Das Ergebnis ist – bekanntermaßen – nicht das beruhigende Gefühl, es unverdienterweise mit diesem Staat und dieser Gesellschaftsordnung ganz gut getroffen zu haben, sondern eher die unterschwellige Sorge, diese Annehmlichkeiten könnten durch irgendeinen unberechenbaren Vorfall wieder zunichte gemacht werden. Mit dem Glück, das einer hat, wächst die Furcht, es wieder zu verlieren. Dieser Zusammenhang ist nicht linear, er ist sogar exponentiell. Das ausgehende Mittelalter zur Zeit Martin Luthers arbeitete sich in an diesem Sachverhalt mit theologischen und metaphysischen Mitteln ab und investierte in Ablässe zur Sicherung des ewigen Heils – das irdische Heil war ohnehin zu unsicher. Unsere Epoche setzt vollständig auf diesseitige Investments und versucht eine noch absurdere Beziehung zu etablieren: gegen die wirtschaftlich berechnete Existenzbedrohung werden entsprechend hoch abgeschätzte Versicherungssummen gesetzt, und zwar ohne ein Wort über die ganz offenkundige Vergeblichkeit dieser Maßnahme. Ein stillschweigendes Übereinkommen überlässt diesen zentralen Umstand der psychologischen Stabilität des einzelnen. Nur: genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob einer glücklich leben kann oder nicht. Weil gegen Ungewissheit nicht Versicherungsschutz aufkommt, sondern Vertrauen. In das Leben, in den Mitmenschen, in Gottes Führung und in die Liebe als zuverlässige Kraft dieser Welt. Geschäfte stellen kein Vertrauen her, nirgends und niemals. Weder Ablässe noch Versicherungspolicen können das. Vertrauen – das ist, wenn ich es einmal so verquer ausdrücken darf, die eigentliche Währung Gottes.

Helmut Aßmann