Beyond Borders

21. November 2017

Beyond borders – so heißt ein kleiner Film, der unter diesem Titel bequem auf Youtube auffindbar ist. Er zeigt ein denkbar einfach konstruiertes soziales Projekt: setze zwei x-beliebige Menschen, die sich nicht kennen, auf Stühlen in einem ansonsten leeren Raum einander gegenüber und lasse sie sich einfach in die Augen schauen. Möglichst ohne Worte. Nur fünf Minuten. Und warte ab, was geschieht. Das Ergebnis ist ebenso vorhersehbar wie berührend: Menschen, die einander einfach nur gegenüber sitzen und in die Augen schauen, ohne Maske, Waffen oder Entourage, erkennen, dass sie Menschen sind, gleichen Geschlechts, gleicher Bedürfnisse und Sorgen teilhaftig. Diese Erkenntnis ist groß und schön. Die „Gesprächs“paare nehmen wahr, dass trotz unterschiedlicher Herkunft, Rasse, Geschlechter oder Bekleidung ein Verstehen über all diese Grenzen und Unterschiede hinaus entstehen kann und – das ist das Berührende – tatsächlich entsteht. Als würden sie unter- oder oberhalb der üblichen Kommunikations- und Konversationsgepflogenheiten eine Ebene gefunden haben, die sie verbindet als Kinder des einen Schöpfers.
Man kann das idealistisch nennen. Solche fünf Minuten hat man ja in der normalen Alltagswelt nicht parat. Da ist alles zugetaktet, überformt und verzweckt. Die Maßgabe heißt dann: organisiere das Leben effizient und sieh zu, dass dich nichts von deinen Zielen oder Interessen abbringt. Vermeide Energieverluste, dichte die Möglichkeit zur Ablenkung ab. Verstreue dich nicht im Allotria.
Aber: diese innere Verpflichtung ist ein böser Zwang. In Wirklichkeit ist es ganz einfach. Die fünf Minuten sind ganz gewiss über. Auch jeden Tag. Und im Regelfall gibt es um uns herum immer Menschen, mit denen eine kleine Zeit intensiven Gesprächs genommen und gegeben werden kann. Der kritische Punkt ist nicht die zur Verfügung stehende Zeit, sondern eine Entscheidung, die wir fällen oder auch nicht. Sie lautet: Rechnen wir damit, dass eine solchermaßen menschliche Begegnung wirklich stattfinden kann? Unterstellen wir dem Gang der Dinge, dass er Luft für einen tieferen Kontakt der Seelen hat? Vertrauen wir darauf, dass da jemand uns aufrichtig gegenübertreten kann, ohne Interessen und zielperspektivische Zwecke? Vor allem: Stellen wir uns selbst zur Verfügung – „beyond borders“? Wo nicht, kommt es immer nur zu Geschäften, nicht zu Gesprächen. Theologisch gesprochen: das Reich Gottes, das nahe herbeigekommen ist, wird nur sichtbar, wenn wir davon ausgehen, dass es da ist.

Helmut Aßmann


Jagd

13. November 2017

Die Innovationspartei des Bundestages ist nun also die AfD. Drittstärkste Kraft im deutschen Parlament. Schon vor der Konstitution, ja, sogar am Wahltag selbst machte Alexander Gauland darauf aufmerksam, dass man nun die etablierten Parteien „jagen“, „vor sich hertreiben“ wolle. Ein auffälliger und kreativer Sprachgebrauch, der seither in jedem passenden und unpassenden Interview den Protagonisten der AfD vorgehalten wird. Die Macht der Worte lässt sich an dieser Formulierung wunderbar darstellen und in ihrer dramatischen Konsequenz illustrieren. Denn die „Jagd“ ist es nun, die als Politikmodus der AfD angelastet wird, was immer sie auch zu sagen und zu vertreten beabsichtigt. Nicht die politischen Inhalte werden den Leitton angeben, sondern die Absicht, damit auf Jagd zu gehen und – was sollte man auf der Jagd anderes tun? – die Beuteobjekte zu erlegen und zu Strecke zu bringen. Das ganze Verbalinventar der Waidmannskunst wird parteikriegerisch umetikettiert und als neuer Politikstil inszeniert: es wird geschossen, getrieben und aufgebrochen.
Die Gegenreaktion ist – leider – vorhersehbar. Die AfD bekommt mehr Aufmerksamkeit als je zuvor und wird auf allen medialen Linien eindrucksvoll bedient. Schlachten bieten schließlich mehr Erregungspotential als Kompromisse.  Es ist kein Zufall, dass der neugewählte Bundestagspräsident in seiner Eröffnungsrede darauf hinwies, dass man sich im Deutschen Bundestag nicht „schlagen“ müsse – da ist er wieder, der kriegerische Sound. Auch hier spielen die Inhalte wenig bis gar keine Rolle, sondern der Ton liegt auf dem Modus der Auseinandersetzung. Bis hin zu den unfruchtbaren Auseinandersetzungen, an welcher Stelle im Plenarsaal die Blauröcke sitzen sollen und wer das Missvergnügen hat, als räumlicher Nachbar fungieren zu müssen. Der Verlust der Inhalte zugunsten der Sprachinszenierung ist eine der betrüblichen, vielleicht sogar verheerenden Folgen der Wahlnacht aus dem September. Betrüblich, weil der Weg zu einer ordentlichen, sprich: ordnungsgemäßen Bundespolitik auf jeden Fall weiter und beschwerlicher geworden ist als zuvor. Verheerend, wenn die Jagd-Metapher auf der Ebene aufgenommen wird, auf der sie platziert wurde: als Ersatz für Politik. Warten wir’s ab. Währenddessen ist es hilfreich und wegweisend, der Einsicht des alttestamentlichen Predigers zu lauschen: „Sei nicht schnell mit dem Munde, und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden, darum lass deiner Worte wenig sein …“

Helmut Aßmann


Luthers Erbe

05. November 2017

Diese Zeilen entstanden am 31.10.2017, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg. An diesem Tag wurden in Deutschland und in aller Welt Gottesdienste, Jubiläumsfeste und Erinnerungsfeiern begangen, um des welthistorischen Anfangsereignisses der Reformation zu gedenken. Luther war nicht der erste Reformator, nicht der einzige, nicht der klügste und nicht der klarste. Wir haben weder einen Helden noch einen Heiligen vor uns. Viel literarischer Aufwand ist getrieben worden, um ihn einzugliedern in den Gang der Geschichte und des Geistes. Ebenso viel Aufwand aber auch, um herauszustellen, welch eine besondere Gabe und Feinsinnigkeit hier zur rechten Zeit am rechten Ort im 16. Jahrhundert erwuchs, um den weltgeschichtlichen Lauf der Dinge zu ändern.
Am Vorabend des Jubiläumstages wurde der Berliner Bischof Dröge im „heute-Journal“ des ZDF gefragt, was denn nun der Ertrag der 500 Jahre Reformationsgeschichte sei. Natürlich wurde auf die sinkende Mitgliederzahl der Kirchen und die niedrige religiöse Betriebstemperatur der bundesdeutschen Gesellschaft angespielt. Dröge machte zwei zentrale Dinge als Ertrag reformatorischen Glaubens geltend: „Wertschätzung im Grund meiner Existenz“ und das „gesellschaftliche Engagement“. Diese Botschaft würde, so führte er aus, auch von vielen Menschen, die gar nicht kirchlich gesinnt seien, begrüßt und wohlwollend aufgenommen. Es handelt sich im Kern um eine moderne Übertragung der lutherischen Formulierung: „Du bist aller Dinge frei bei Gott durch den Glauben, aber bei den Menschen bist du jedermanns Diener durch die Liebe“. Ist das dasselbe? Nicht ganz. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen dem Zitat aus dem 16. und dem aus dem 21. Jahrhundert besteht nämlich darin, dass Luther die göttlichen Kräfte nennt, um die es geht: Vertrauen und Liebe, Dröge hingegen das Ergebnis bezeichnet, das am Ende herauskommt bzw. herauskommen soll(te): Wertschätzung und Engagement. Womöglich erklärt das, warum und an welcher Stelle wir uns mit dem reformatorischen Erbe so schwer tun: vom Ergebnis her gedacht, enttäuscht die real existierende Kirche notorisch alle Erwartungen. Von den göttlichen Verheißungen her gesehen, hat sie nichts verloren oder abgewirtschaftet. Evangelisch wird ein Glaube immer erst dann, wenn er nicht mehr von den angepeilten oder vermeldeten Resultaten spricht, sondern die Verheißungen predigt, die die Herzen beflügelt und die Gewissen tröstet.

Helmut Aßmann


Ehe für alle?!

09. oktober 2017

Ganz ehrlich: ich weiß nicht genau, was wir gesellschaftlich beschlossen haben, nachdem am 30.6. in einem Hastewaskannste-Akt der Bundestag mit veritabler Mehrheit das Gesetz verabschiedet hat und es am 1.10. mit großer medialer Beachtung in Kraft getreten ist. Das Gesetz „Zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“. Mit sehr vorhersehbaren 393 Ja- und 226 Nein-Stimmen bei 4 Enthaltungen war die Entscheidung in dem Moment gefallen, als die Abstimmung auf die Tagesordnung gesetzt worden war. Klar ist nur so viel: die jahrtausendealte Regel, dass eine Ehe mindestens einen Mann und eine Frau miteinander ins Verhältnis setzte, wurde durch ein anderes Prinzip ersetzt: verbindliche Lebensgemeinschaften mit Fürsorgepflicht und gegenseitig erklärter Zustimmung dürfen von nun an Ehe heißen. Die mit der Ehegesetzgebung im Bürgerlichen Gesetzbuch verbundenen Rechte und Pflichten werden damit auch auf andere Lebensformen übertragen. Natürlich ist damit zunächst einmal die gefühlte „Zweitrangigkeit“ für gleichgeschlechtliche Partnerschaften aufgehoben, ein begrüßenswerter Umstand, was rechtliche Ausstattung und gesellschaftliche Akzeptanz angeht. Was nun aber in Zukunft Ehe ist oder so heißt, wird eher unklar. Da lassen sich viele soziale Arrangements denken. Mir ist die Eilfertigkeit, mit der das Gesetz auch auf kirchlicher Seite begrüßt wurde, nicht erschwinglich. Ich fände es sehr hilfreich, wenn es zu diesem außerordentlich gravierenden Paradigmenwechsel eine ausführlichere Debatte gäbe, sei es in Gemeinden oder Kirchenkreisen oder auf Synoden oder sonstwie. Mir ist die Widerspruchslosigkeit auf evangelischer Seite durchaus ein Rätsel. Es mag daran liegen, dass derzeit jedermann, der sich unterfängt, nicht vorbehaltlos zuzustimmen, sofort in den Verdacht von Homophobie oder Rechtsradikalität gerät. Man kann sich gar nicht vorsichtig genug ausdrücken, wenn man wenigstens um Differenzierungen bemüht sein möchte oder die Bedeutung dieser zivilrechtlich tektonischen Verschiebung in seiner Tragweite zu ermessen sucht, ohne dies in begeisterter Attitüde zu tun. Ganz ehrlich: ich weiß nicht, was wir da alles mitbeschlossen haben. Ich bin nicht so schnell. Vielleicht liegt es am Alter.

Ob Jesus dazu ein Votum hätte? Ich vermute, eher nicht. Denn für das Reich Gottes ist es – zum Glück – nicht wirklich von Belang, welcher standesamtliche Befund den Menschen betitelt, der um Einlass sucht.

Helmut Aßmann


Keynote – Speaker

04. oktober 2017

In einer der überregionalen Tageszeitungen wurde unlängst eine Veranstaltung beworben, auf der ein offenbar bedeutender Mann als professioneller Keynote-Speaker angekündigt wurde. Als keynotes, wenn ich es bislang richtig verstanden habe, bezeichnet man solche Vorträge oder verbalen Einlassungen, in denen gewissermaßen der thematische Ton für eine ganze Veranstaltung gesetzt werden soll. Das macht der angekündigte Mann also professionell. Merkwürdige Berufsbezeichnung, dachte ich. Einer, der anderen den Ton vorgibt, ohne Lehrer, Dirigent oder Pastor, also von potentiell tyrannischer Gesinnung zu sein. Ein Dienstleister für ansonsten offenkundig zu einfallslose oder ungefüge Menschenansammlungen. Zugegeben, eine etwas hässliche Formulierung. Es fallen mir aber rasch vergleichbar seltsame Titel ein. Auch solche Gelegenheitsüberschriften, die sich als Profession tarnen. Ich lese über professionelle Blogger, Gamer, Motivationstrainer, Ermutiger, ja, so hab ich es in einem Blog gefunden, sogar professionelle Sucher und Frager (um jetzt nur einmal im maskulinen Modus zu bleiben). ProSeeker und ProSearcher, sozusagen. Der „keynote-speaker“ ist wohl nicht nur ein feuilletonistischer Ausrutscher, sondern bezeichnet eine Drift in der Welt der Tätigkeiten. Es handelt sich ja augenscheinlich nicht um klassische „Berufe“, zu denen es Ausbildungen gibt oder Lehrpläne. Sondern es sind Beschreibungen dessen, was die Leute tun, um damit ihr Leben zu fristen, Sinn zu stiften, Aufmerksamkeit zu erringen oder auch einfach nur ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Derlei Bezeichnungen würde man vor einer Generation nicht als Professions-Label genutzt haben, sondern bestenfalls als biographische Accessoires, also als etwas, was diese Leute sonst noch so machen, wenn sie nicht gerade ihrem wirklichen Gewerbe nachgehen. Der „Beruf“ ist, so legen es diese Bezeichnungen ganz unironisch nahe, ein gesellschaftliches Auslaufmodell. An seine Stelle tritt zusehends etwas Anderes: eine Beschäftigung. Ihr Sinn vermittelt sich nicht mehr über vorgegebene Tätigkeitsschablonen wie Schlosser oder Informatiker oder Koch, die sozial legitimiert und strukturiert sind, sondern über den, der ihr nachgeht. Oder auch nicht. Die Frage lautet nicht: was bist du von Beruf?, sondern: womit beschäftigst du dich?

Da könnte man sich mittelfristig auch vorstellen, dass jemand angekündigt wird als: Christ.

Helmut Aßmann


Lauter Kreuze

21. september 2017

Das Berliner Stadtschloss geht seiner Vollendung im Jahr 2019 entgegen. Es soll, umgewidmet zum „Humboldt - Forum“, ein „neuer Museumstyp für die gesamte Weltgemeinschaft“ werden, sagt die kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Dabei wird dafür Sorge getragen, so die einvernehmlichen Überlegungen der Initiatoren und Verantwortlichen, dass der Nachbau sich so weit wie möglich an das Original anschließt. Da die barocke Gestalt des Stadtschlosses keine Jahrtausende alt ist, sondern sich in fast fühlbarer zeitlicher Entfernung zur Gegenwart befindet, ist das kein großes architektonisches oder bauliches Problem. Mächtiger Ärger entzündet sich allerdings daran, dass auf der Kuppel ein Kreuz stand und dort auch wieder errichtet werden soll. Das Geld ist da, gespendet von der Familie des Versandhauses Otto.
Grüne und Linke erklären nun, dass das Kreuz eine religiöse Hierarchisierung bedeutet, Touristen verprellt, Muslime verstört und dem Grundgedanken des Humanismus zuwiderläuft. Konsequenz: das darf da nicht hin. Eine ähnliche Debatte, nur anders herum, gab es, als die Oberhäupter von EKD und Bischofskonferenz in Jerusalem im Herbst 2016 um des religiösen Betriebsfriedens willen ihre Kreuze ablegten. Oder, noch einmal anders: als der FC Barcelona aus dem Vereinswappen 2014 das Kreuz entfernte, um eine dreijährigen Kampagne mit der National Bank of Abu Dhabi  unfallfrei lancieren zu können.
Tja, das Kreuz. Unter ihm und in seinem Zeichen und durch seine Botschaft entstand Europa. Das gute wie das schlimme Europa, das des Franz von Assisi und das des Hernan Cortez. Die Geschichte der Welt ist entscheidend durch das Kreuz geprägt. Wenn man es absägt, bleibt die Geschichte dennoch bestehen. Es kommt dann nur eine geschichtliche Vergessenheit hinzu. Was die Kritiker allerdings richtig wittern: die Behauptung, dass das Kreuz von Golgatha eine Wahrheit über den Menschen ausspricht, nicht nur einen Diskussionsbeitrag zur Weltgeschichte darstellt, ist in der Tat eine Zumutung. Die Zumutung, ohne solche Positionen in unserer Welt zurande kommen zu sollen, ist aber das größere Übel.

Helmut Aßmann


Diesel

05. september 2017

„Wir halten es im Grunde genommen für ausgeschlossen, Hardware-Nachrüstungen vorzunehmen“, sagte VW-Chef Matthias Müller auf der Pressekonferenz nach dem Dieselgipfel im Beisein von Dieter Zetsche (Mercedes) und Harald Krüger (BMW), und zwar „einmal des Aufwandes wegen, aber auch, weil die Wirkung fragwürdig ist“. Dann wurde es unversehens theologisch: Man solle sich nicht mit veralteter Technik herumschlagen, sondern sich den neuen Mobilitätsherausforderungen stellen. Will sagen: lass die Vergangenheit ruhen und lieber ins unbeschriebene Feld der Zukunft schauen.
Die Szene hat Format. Da sitzen also die mächtigsten Männer Deutschlands, wissend, dass sie mit Vorsatz betrogen und gelogen haben, und fühlen sich nicht einmal zu einer minimalen Geste der Reue, Entschuldigung oder Bitte um Nachsicht veranlasst. Und wenn nicht sie persönlich, was man fairerweise bei der gegebenen Informationslage in Rechnung stellen sollte, dann doch die Konzerne, für die sie stehen. Empörend finde ich nicht so sehr, dass gelogen und betrogen wurde – das gibt es auf jedem gesellschaftlichen Niveau und in jedem soziologischen Milieu. Da fasse sich jeder an seine eigene Steuererklärung. Erschütternd ist der Umstand, dass es zu diesem ethischen Totalversagen keinen ehrlichen ethischen Kommentar gibt, weder auf Seiten der Autohersteller noch von Seiten der Bundesregierung. Das kostbarste Gut jeder Gemeinschaft, das Vertrauen, wurde hier in Schlips und Kragen vor versammelter Öffentlichkeit als Beiwerk ökonomischer Verpflichtungen verramscht. 1903 hatte Rudolf Diesel ein Buch unter dem Titel: „Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlösung des Menschen“ veröffentlicht. Darin plädiert er für eine genossenschaftliche Beteiligung der Arbeiter an den Produktion, Finanzierung und Verteilung wirtschaftlicher Güter. 114 Jahre später findet gewissermaßen das Gegenteil statt.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die äußeren Sachzwänge die Gesinnung verderben, wenn es keinen innere Orientierung gibt.

Helmut Aßmann


Naked Attraction

02. august 2017

RTL II ist der Free-TV- Sender fürs Grobe. Von daher ist dort weder ein literarisches Quartett noch eine Tier-Doku auf BBC-Niveau zu erwarten. Beim typisch männlichen nächtlichen Herumzappen auf den üblichen Fernsehkanälen bin ich dort unlängst auf eine Sendung gestoßen, die den Namen „Naked attraction“ trägt. Es handelt sich dabei um einen Vorstoß in eine neue Dimension des Fremdschämens. Darüberhinaus lässt sie sich lesen als eine Veranschaulichung dessen, warum Flüchtlinge und Fremde hierzulande so etwas wie den Ausverkauf letzter Anstandsreste und Intimsphären wittern. Es ist eine Art Casting-Show. Ein Kandidat, möglichst schrill und noch nicht zu alt, soll unter Anleitung einer absolut toleranten und vollständig geistlosen Moderatorin aus sechs Personen verschiedenen Geschlechts eine auswählen, mit der es dann zu einem Rendezvous kommt, das selbstverständlich abgefilmt wird. Der Clou an der Sache: diese sechs Personen stehen jeweils splitterfasernackt in einer Art überdimensionalen Reagenzgläsern im Halbkreis und werden im Laufe der Show in drei Phasen begutachtet. Schritt für Schritt werden die Körperpartien vorgestellt, in dem die ursprüngliche Trübung des Reagenzglases aufgehoben wird; erst die Beine, dann die Geschlechtsteile und Brust, dann der Kopf. Da kann man dann zwei Menschen sich über Beinstellung, Penislänge, Brustwölbung und Haar- oder Tätowierungsfläche sachverständig unterhalten hören bzw. sehen.  Selbstverständlich ist das Ganze genderpolitisch maximal tolerant. Blümchensex und Heteros sind in diesem Kontext museale Geschichte. Zum Schluß darf dann der möglichst schrille und nicht zu alte Kandidat ungeklärten Geschlechts auch selbst seine besten Stücke zeigen. Hurra.
So etwas Unkomisches, Unerotisches und Unanständiges hab ich noch nie gesehen. Es heißt öffentlich zugängliche Unterhaltung und ist ein Zeugnis einer eigenartigen, verzweifelten Langeweile. Weil alles aufregend sein soll, müssen Schamgrenzen übersprungen und Tabus geschleift werden. Davon gibt es aber nicht unendlich viele. Und dann wird es langweilig. Nicht aus unterhaltungsprofessionellem Unvermögen, sondern in Ermangelung von Grenzen. Die sind eben nötig, wenn man irgendwie Gestalt annehmen will.

Helmut Aßmann


Wegbier

17. juli 2017

Unlängst war ich zu einer Geburtstagsfeier in Berlin eingeladen. Übernachtung in einem Hotel in Friedrichshain, neuerdings stark angesagtes Quartier in der hippen deutschen Hauptstadt. So jedenfalls die kundige Info aus dem Munde einer Kellnerin, die uns in später Nacht noch mit Bier und Knoblauchbrot in einer randvoll besetzten Kneipe bediente. Als norddeutsches Landei in der Metropole Berlin fällt einem auf, dass Tausende von jungen Leuten, die durch Friedrichshain und andere Stadtteile flanieren, nahezu ausnahmslos Bierflaschen oder –dosen mit sich tragen. Als Mischung zwischen Accessoire und wirklichem Getränk „to go“. Das sei ein „Wegbier“, erläuterte die besagte Kellnerin, also eine Art alkoholisches Pendant zu den ernährungswissenschaftlich beglaubigten Nuckelflaschen, denen man seit einigen Jahren in Hörsälen, Klassenzimmern und Nahverkehrsmitteln begegnet, so etwas ein Abwehrritus gegen die neuerdings allüberall drohende Gefahr der Dehydrierung. Das Wegbier zeichnet sich dadurch aus, dass man es nicht in Gestalt von Six-Packs oder 1.5 – Liter – Plastikeimern herumschleppt, sondern als Einzelflasche genießt und diese dann irgendwo hinstellt, um sich für die nächste Viertelstunde an irgendeinem Kiosk eine weitere zu besorgen. In einer Großstadt geht das ja umstandslos, weniger vorstellebar ist es in Hodenhagen, Groß Heppenstedt oder Loch im Rheinland. Spontan dachte ich, ökologisch getrimmt, wie ich als evangelischer Christ von Haus aus bin: was für eine hirnrissige Vermüllung der ohnehin nicht gerade aseptischen Großstadt. Dann kam aber, erneut die Kellnerin, die Auskunft, dass das schon sein Gutes habe. Von den überall hingestellten Flaschen lebten die Pfandsammler, die mit großen Taschen oder Einkaufswagen durch die Städte laufen, um genau solches Leergut für ihren eigenen Unterhalt einzusacken. Dafür werden sie sicherlich keine Tütensuppe von Maggi kaufen, sondern, so steht zu vermuten, eher Hochprozentigeres, aber sei’s drum: diese lässige Bierlaune hat vielleicht einen diakonischen Charme. Das Wegbier, auch „Späti“ genannt, ist nicht einfach als Index auf die dekadente Versoffenheit spätmoderner Großstädte zu lesen, besonders, wenn sie von US - amerikanischen Jugendlichen überlaufen werden, sondern auch als Solidaritätsadresse an die, die auf diesem Wege ihr karges Leben am Laufen halten. Denn zwischen dem, der sein Bier auf den Telefonverteilerkasten an der Straßenecke stellt, und dem, der es von dort in seine Sammeltüte steckt, liegt manchmal nur eine unglückliche Entscheidung.

Helmut Aßmann


Helenefischer

07. juli 2017

Die neue Platte von Helene Fischer heißt „Helene Fischer“. Als wäre damit alles schon gesagt. Nicht einmal „Best of“, oder „Betörende Ausblicke“, nein, der Name ist der Inhalt. Das muss man sich erstmal trauen. Aus dem Stand sofort die Nummer eins. Nach Vorbestellungseingängen schon platinveredelt. Sie ist der Martin Schulz der Popmusik, natürlich vor der Wahl im Saarland. Mrs. 100% in Sachen Perfektion, Stilsicherheit, Marketing und Publikumsrecherche. Dass die arme Frau Fischer bei der Halbzeitpause im DFB – Pokalendspiel gnadenlos ausgepfiffen wurde, hatte wohl vor allem etwas mit der unterschätzten Psychodynamik eines Fußballspiels zu tun als mit symbolhafter Ablehnung von Deutschlands größtem lebendem Popstar.
Ich finde die Professionalität und Präzision dieser Helenefischerei wirklich beeindruckend. Auch die Wendigkeit, in der jeder Versuch einer politischen Standortbestimmung ausmanövriert wird. Man kann sich diese Frau auf keiner Demonstration vorstellen, es sei denn auf einer für bessere Unterhaltung, aber selbst da bin ich mir nicht sicher. Auch das würde ja bedeuten, dass es sich auf eine Gegenposition beziehen müsste. Genau das aber scheint in der Öffentlichkeitsperformance von HF ausgeschlossen. 
Manchmal fürchte ich, es könnte so etwas wie eine Helenefischerisierung der Spiritualität geben. Wenn etwa Achtsamkeit, Wertschätzung, Rücksichtnahme und Selbstsorge als Orientierungspunkte neuer Innerlichkeit fixiert werden. Das stimmt einfach immer, dagegen kann man nicht sein. Wenn man aber nicht mehr gegen etwas kämpfen darf, sondern nur noch etwas differenziert anzunehmen hat, stimmt etwas nicht. Wenn der Zorn auf offenkundige Ungerechtigkeit oder Verachtung für irregeleitete Behauptungen ersetzt werden müssen durch verständnisvolles Wertschätzen derer, die als Protagonisten dieser elenden Positionen erscheinen, fehlt etwas in der Welt. Wo keine Kanten oder Grenzen formuliert werden sollen, dokumentiert sich auch keine Kontur. Wenn’s nicht kalt oder heiß gibt, bleibt’s am Ende lau, ob nun gold- oder platinbeschlagen in Sachen Popmusik oder übungsgeadelt in der spirituellen Szene. Die ruppigen Einlassungen Jesu im Neuen Testament verraten jedenfalls soviel, dass bei allzu falscher Sicht der Dinge selbst der Gottessohn  bisweilen den Kaffee auf hatte …

Helmut Aßmann


Hoffnung

26. juni 2017

Boyan Slat heißt der junge Mann, 22 Jahre alt, Niederländer, der sich einem globalen Projekt verschrieben hat – „the great ocean clean up“. Das soll nicht weniger sein als die Säuberung der Ozean von den Millionen Tonnen Plastikmüll, den wir in die Meere einleiten. Das Geld hat er durch Crowdfunding zusammengetrieben, 2018 soll das Projekt starten.
Felix Finkbeiner ist heute 19 Jahre alt. Im Alter von 9 Jahren begann er mit seinem Projekt „Plant für the planet“, mit dem Ziel, eine Billion Bäume zu pflanzen, in allen Ländern der Erde, wo so etwas möglich ist. Er gehört zu den internationalen Trendsettern einer Generation, die mit der Wegwerfgesellschaft der Nachkriegszeit nicht nur verbal, sondern tatsächlich aufhört.
Selbst eine Nobelpreisträgerin gibt es inzwischen, die pakistanische Malala Yousafzai, die 2012 durch die Taliban angegriffen und schwer verletzt wurde, weil sie sich als Schülerin für das Recht auf Bildung in ihrer Heimat einsetzte. Sie ist Jahrgang 1997.
Das sind nur drei Personen, es gibt deren mehr, aber alle haben sie als junge Menschen einen weltweiten Horizont, ein Verständnis für die Menschheit, und sie fühlen eine Verpflichtung, der Ausplünderung und Missachtung natürlicher, menschlicher und geistiger Ressourcen nicht nur steile Worte, sondern Mut, Einsatz und sogar das eigene Leben entgegenzusetzen. Hier meldet sich etwas, ja, jemand anderes zu Wort als die übliche Politshow. Das sind keine offiziellen Mandats-, sondern berufene Visionsträger. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich gewissermaßen gleichzeitig eine solche Zahl von jungen Menschen aus der Masse der konsumdressierten Generationen heraushebt und eine neue Qualität menschlichen Bewusstseins anzeigt. In all diesen Projekten ist Hoffnung spürbar, Entschlossenheit, nicht auf andere zu warten, und der Mut, sich wenigstens nicht sagen lassen zu müssen, man hätte es nicht versucht. 

Der Geist Gottes hat womöglich noch ein anderes Repertoire von Erweckungen parat als unsere traditionelle Frömmigkeit sich das vorstellen kann.

Helmut Aßmann


Wahlalter

06. juni 2017

Die hannoversche Landessynode hat auf ihrer letzen Sitzung beschlossen, das aktive Wahlalter für die Kirchenvorstandwahlen von jetzt 16 auf zukünftig 14 Jahre herabzusetzen. Es hat mich einige Mühe gekostet, diesen Schritt zu verstehen. Aber die Mühe war leider vergeblich – ich habe es nicht verstanden. Ganz ähnlich wie bei den Bestrebungen, auch im politischen Zusammenhang das aktive Wahlalter, wo immer möglich, herunterzusetzen, um … ja, was? Andere Wählerschichten zu gewinnen, frühes politisches Verständnis zu wecken, mehr Jugendknowhow in den gesellschaftlichen Prozess zu bringen? Ich weiß es nicht.  Landauf, landab wird beschrieben, dass die Geschlechtsreife und die geistige Adoleszenz immer weiter auseinander driften, bei Jungen noch mehr als bei Mädchen. Von Psychologen, Soziologen, Biologen. Verantwortung zu übernehmen, Risiken abzuschätzen und ein Ethos zu entwickeln – das vollzieht sich entwicklungspsychologisch also immer später, zu den 20er Jahren hin. Nun wird als Maßnahme dazu, dagegen, dabei oder wie auch immer also das aktive Wahlalter aber nach unten geschoben, weiter in die Kindheitsphase, sozusagen, der Geschlechtsreife hinterher. Mir ist diese Logik unerschwinglich. Die Demokratie braucht bewusste, verantwortungsbereite und umsichtige Menschen, aktiv wie passiv. Gewiss. Sie braucht sie in unruhigen Zeiten wie dieser sogar besonders dringlich. Das ist eine Bildungs- ebenso wie eine Orientierungsfrage. Langfristige Angelegenheiten. Die Entscheidungen zum Wahlalter aber sind entweder ausdrücklich, vorsätzlich oder unbekümmert gegen besseres Wissen vollzogen, oder ich habe ein entscheidendes Argument übersehen. Aufhilfe nehme ich gern entgegen. Und sollte im Hintergrund die Hoffnung stehen, auf diesem Wege ein tendenziöses politisches Bewusstsein zu erzeugen oder in einem bestimmten Bevölkerungsklientel höhere Zustimmungsquoten zu gewinnen, sagen meines Wissens auch alle üblichen Umfragen, dass das eine Fehlannahme ist.
Warum tut man so etwas? 

Helmut Aßmann


Kommata

29. mai 2017

Von Berufs wegen habe ich viel mit schriftlichem Material zu tun. Bücher, Zeitschriften, Briefverkehr in allen Darreichungsformen, wissenschaftliche Arbeiten, ein Büroarbeitsplatz halt. Pro gelesener Zeile etwa zwei bis drei Satzzeichen, also Doppelpunkt, Komma, Punkt und Semikolon. Das war früher mal eine Gliederungshilfe, um lange Sätze zu ordnen, große Zusammenhänge sichtbar zu machen und inhaltliche Akzente zu setzen. Inzwischen handelt es sich eher um den graphischen Beifang eines ebenso ungeregelten wie ungezügelten Mitteilungswillens. Unter Twittergesichtspunkten kann man das auch verstehen: jedes Komma macht eines von den möglichen 140 Zeichen zunichte. Deswegen wird man in Sachen Gliederung eher sparsam. Materialer Inhalt frisst formale Ordnung. Deswegen gebe ich meinen Prüflingen im zweiten theologischen Examen inzwischen auch den Rat, sie mögen auf der letzten Seite ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit lediglich eine ungefähre Anzahl von Punkten und Kommata (nicht Kommas) notieren, die ich dann selber über die Arbeit verteile – dann kann ich mir wenigstens einen eigenen Reim auf das orthographische Gewürge machen.

Ich weiß, schon wieder so ein kulturpessimistischer Anfall. Erst können die Leute nicht mehr rechnen, dann nicht mehr schreiben und dann nicht mehr lesen, ja, und dann geht das Abendland unter, oder der Herr Jesus kommt wieder. Fehlt nur noch der Hinweis, dass unsereiner FAZ oder NZZ liest. Zugestanden. Ich bleibe aber bei der Forderung, dass die geregelte Unterbrechung des Wortstroms gegen Textüberflutungen schützt. Außerdem hilft sie dabei, den Lauf des Sinns besser zu verfolgen. Ganz abgesehen davon, dass Worte gute Umgebungen brauchen, um wirksam werden zu können.
In diesem Zusammenhang hat die Nachricht, dass die jüngere Generation nach und nach vom Telefonieren ab- und stärker auf das Abfassen von Texten zurückkommt, sogar etwas Verheißungsvolles an sich. Und mit 140 Zeichen ist der Interpunktionsaufwand ja vergleichsweise überschaubar.

…. ,,,, ;;;; ::::

Helmut Aßmann


Rote Krawatte

22. mai 2017

Bemerkenswerterweise trägt Mr. President Donald Trump nicht immer, aber meistens prominent eine rote Krawatte. Im Wahlkampf war es geradezu ein Konflitkasscessoir. Und dann eher in der Länge einer Wäscheleine statt der einer Brustschürze. Nun tragen Personen mit diesem VIP – Ranking ja nicht zufällig ihre Hauswäsche oder Ausgehanzüge spazieren. Da reicht auch nicht der korrigierende Zugriff der häuslichen Mitbewohner. Selbst die in kleidsamer Bescheidenheit nicht zu überbietende Frau Bundeskanzlerin ist durch die harte Presse von Visagisten und Stylisten gegangen; ihre inzwischen notwendige Brille setzt sie, glaube ich, nur bei Fußballspielen auf (bei denen sie zuschaut, natürlich). Die rote Krawatte am Hals des mächtigsten Mannes der Welt wird sicherlich vieles bedeuten: „Sie steht neben Leidenschaft und Liebe auch für Macht, Stärke und Dominanz. Daher wird sie sehr gerne von extrovertierteren Herren getragen. Die rote Krawatte hat immer einen Bonus in der Wahrnehmung“, steht in einer der zahlreichen Internet-Kommentierungen zur Sache. Man wär nicht drauf gekommen… Trumps Vorgänger Barack Obama war eher auf Blautöne spezialisiert.
Die inszenatorische Geste der roten Farbe hat interessanterweise nur bei Primaten rechten Sinn. Die meisten Säugetiere können gar kein Rot sehen. Denen hülfe auch ein grellroter Kaftan nichts, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das rote Tuch beim Stierkampf ist deswegen auch eher für die Zuschauer geacht, weniger für den Stier. Der interessiert sich mehr für das Gefuchtel des kleinen Mannes vor ihm. Von den Menschenaffen an aufwärts indes wird Rot immer stärker zum Alarm- und Erregungssignal, nicht nur beim kolossalen Hintern der Pavianmännchen. Deswegen die roten Linien, roten Knöpfe und roten Ampeln. 

In den Evangelien wird von Kleiderfarben übrigens fast nie berichtet. Es wäre reizvoll zu wissen, in welche Farbe Jesus gewandet war oder seine Jünger. Geld für große Variationen hatten sie ja nicht. Aber immerhin, ein durchgewebtes Gewand findet Erwähnung, das bei der Kleiderverlosung nicht zerschnitten wird. Es wird naturfarben gewesen sein, nicht rot, nicht blau. Die Bedeutung lag nicht in der Farbe.

Helmut Aßmann


Spannend

08. mai 2017

Wenn es spannend wird in einem Film oder Buch, erhöht sich der Pulsschlag, konzentriert sich die Aufmerksamkeit und verringert sich das Interesse an allem Randständigen. Dann steht ein Kraftfeld im Raum, das vom Ereignis bestimmt und gefüllt wird. Da liegt etwas von Aufregung in der Luft.

Das ist anders bei der Kirchsprechvariante von „spannend“. Dort geht es um eine eher allgemeine Bezeichnung für eine Sachverhalt, dessen Wahrnehmungs- oder Operationsstatus nicht ganz geklärt ist. Spannend sind vorzugsweise „Herausforderungen“, die man als solche identifiziert hat. Dabei ist auch der Term „Herausforderung“ eine Art Containerbezeichnung für alles, was weder Aufgabe noch Routine ist. Wie sich der kirchliche Mitgliederschwund auf die finanziellen Kräfte der Institution auswirkt, das beispielsweise ist eine „spannende“ Frage. Oder wie man den Islam als Religion akzeptiert, aber nicht zugleich als christliche Schwesterpartei hofiert, stellt sich als „spannende“ Aufgabe dar. Ob der Glaube durch die neurowissenschaftlichem Erkenntnisse nicht doch nur ein Erregungsmuster der Großhirnrinde darstellt, kommt natürlich als „spannendes“ Wissenschaftssujet zum Tragen. Spannend ist alles, was nicht selbstverständlich ist. Wenn man nicht sagen mag, dass ein Sachverhalt eklig oder unsinnig ist, nennt man ihn kurzerhand spannend – das klingt wie ein Kompliment, meint aber das Gegenteil. Findet man etwas doof, missverständlich oder einfach jenseits aller Bewältigungsmöglichkeiten, darf man es ebenfalls getrost „spannend“ nennen – es wird bei aller nichtssagenden Inhaltlichkeit immerhin so etwas wie Interesse und Wahrnehmungsbestätigung signalisiert. Dann hat man sich geäußert, ohne preiszugeben, mit welcher Haltung man sich zu positionieren gedenkt. Das Spannende an diesem merkwürdigen Hype um „spannende“ Dinge ist der damit deutlich vorgetragene Verzicht auf eine Wertung. Ich finde Trumps Politik nicht spannend, sondern beängstigend. Die Erosion kirchlicher Kräfte in der Gesellschaft finde ich besorgniserregend, und die digitale Ausspionierung zivilgesellschaftlicher Lebensverhältnisse finde ich widerlich. Spannend finde ich die Frage, ob die Wissenschaft wirklich die Leitkultur der globalen Welt wird oder ob am Ende die Religion die Nase vorn hat. Denn das ist nicht ausgemacht.

Helmut Aßmann


Nach Ostern

02. mai 2017

Man wird damit einfach nicht fertig. Auferstehung von den Toten. Nach drei Tagen, so berichtet das Neue Testament in verschiedenen Varianten und Erzählungen, ist Jesus von den Toten auferstanden. Was aber nicht bedeutete, dass es danach einfach genauso gewesen wäre wie früher, vor der Passion, damals am See, in den goldenen Zeiten.
Wieder da, aber anders wieder da.
Nicht erkennbar, und dennoch derselbe.
Kein Gespenst. Das auf alle Fälle wollen die Evangelisten absichern. Deswegen solche drastischen Episoden wie das Essen von Honig und Fisch. Auch keine wiederbelebte Leiche, das wäre nachgerade gruselig. Und es würde ja auch gar nichts bedeuten. Dann reihte sich der Erlöser nur irgendwo zwischen Herkules und Voldemort ein, all diesen Typen, die kein rechtes Verhältnis zum Tod haben. Da sind dann eben die Wunden, die Erinnerungen, die Geschichte mit dem sogenannten ungläubigen Thomas.
Kein Phantasma oder zu Imaginationen verdichtete Hoffnung, gegen all das sperren sich die Texte. Auf jeden Fall verschwunden, in den Himmel gefahren, wie es in der weltanschaulichen Sprache der Antike heißt, und jedem Zugriff irdischer Kraft, Macht und Erkenntnis entzogen.

Jesus hinterlässt mit seiner Auferstehung einen merkwürdigen Riss in der Weltgeschichte. An dieser Stelle geht nichts mehr einfach auf. Man kommt mit dem Hinweis auf mythische Geschichte nicht wirklich weiter: es handele sich um einen Erlösungsmythos, in dem der Tod oder die Schuld oder das Unheil oder irgendein anderer universalmenschlicher Schade bearbeitet wird. Das ist sicher auch richtig, aber es erklärt nicht das jahrtausendelange Bekenntnis einer physischen, empirischen, leiblichen Qualität, einem rationalen Anrennen gegen die rationale Bestreitung. Und, sicher, historisch ist da nichts mehr zu machen, alles längst nicht mehr aufweisbar. Es ist einfach die Möglichkeit, dass der hermetische Horizont geschichtlicher Möglichkeiten ein Loch hat, eine Lücke, eine Verwerfung, durch die die Engel Gottes und allerlei andere jenseitige Wesen kommen und uns besuchen … können. Warum sie das nicht häufiger tun, das ist derzeit meine vordringliche nachösterliche Frage.

Helmut Aßmann


Prozesse

18. april 2017

Die moderne Welt wird in Prozessen gedacht. In Bewegungen, die nacheinander mehr oder weniger geplant bestimmte Tatbestände hervorbringen, die dann wiederum selber Ursache von weiteren Prozessen werden. Die Produktionsprozesse in der Wirtschaft, gesellschaftliche und politische Meinungsbildungsprozesse, am Ende, ganz universal gedacht, der kosmische Evolutionsprozess, dessen Anfänge uns nicht restlos und dessen Ende uns völlig unbekannt sind, wenngleich sogenannte besser informierte Kreise uns das gerne anders darstellen. Auch wir selbst befinden uns – als Individuen – in einem fortwährenden (wenn es gut geht) Bewusstwerdungs- und (wenn es normal läuft) Alterungsprozess, in dem es keine festen Positionspunkte, sondern nur Etappen, Abschnitte und Verdichtungen gibt. Z.B. wenn jemand einen „Nuller“-Geburtstag feiert, ein Kind bekommt oder den Beruf wechselt. Wir sind nicht, wir werden dauernd. Das gilt für Staaten, Kulturen und die ganze Welt. Man kann (und soll!) auf diese Weise nicht verstehen wollen, wie die Dinge sind, sondern wird bestenfalls erkennen können, woher etwas kommt und worauf es in der nächsterkennbaren Zukunft hinauszulaufen scheint. Prozesse gliedern die Welt nicht statisch, sondern beschreiben Dynamiken und versuchen, im undurchsichtigen Weltgeschiebe einige tragende Bewegungen zu identifizieren, damit man sich halbwegs zurecht findet. Ob es diese Prozesse in einem dinglichen Sinne tatsächlich „gibt“, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Es handelt sich ja nicht um feststehende Dinge, substantiell gedacht oder im Resultat beständig. Man kann sie weder anfassen noch in der Zeit einhegen. Sie bleiben dem Feststellungswillen unseres Alltagsverstandes gegenüber ausgesprochen unwillig und kontaktscheu.

Von Christian Lehnert, dem derzeitigen Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts in Leipzig, habe ich den Hinweis, dass der Prozessbegriff im Wesentlichen eine theologische Wurzel hat. In seinen Betrachtungen über die katholische Messe mutmaßt er, dass der Ursprung dieser modernen Betrachtungsform in der trinitarischen Gottesvorstellung des Christentums liegen könnte. Denn deren schönste Vision besteht in den sogenannten „processiones“, den gegenseitigen Hervorbringungen des Vaters, des Sohnes und des Geistes: der Vater zeugt den Sohn, der Sohn bezeugt den Vater, beide bringen den Geist hervor, der wiederum beide bekennt. Die Gottheit als dynamische Einheit in sich und der Welt gegenüber: vielleicht ist hier der Grund für den sagenhaften Veränderungswillen der westlichen Kultur zu greifen.

Helmut Aßmann


100 Prozent

03. april 2017

Inzwischen ist im Saarland gewählt worden. Zum Glück. Die Betrunkenheit, mit der Martin Schulz als politischer Heilsbringer durch die gesellschaftliche Öffentlichkeit getrieben worden ist, war auch nicht mehr auszuhalten. Den Gipfel bot die Wahl zum SPD-Vorsitzenden mit dem sensationellen Resultat von 100% der abgegebenen Stimmen. Das ist kein Ergebnis, sondern eine Verirrung. Den einschlägigen Kommentierungen in den verschiedenen Medien ist diesbezüglich nichts hinzuzufügen.
100% der Stimmen. Da ging es also nicht um Sachverhalte, sondern um ein Gefühl, das alle umfangen oder betäubt hatte. Das macht einen nachdenklich. Sollte nicht politische Vernunft walten, auch innerhalb einer über 100jährigen Ideengemeinschaft? Und macht nicht schon der einfache Menschenverstand deutlich, dass „everybody’s darling“ am Ende in der Regel „everybody’s asshole“ ist? Im Vorfeld der Passionszeit erinnert man sich aus gutem Grund, dass das selbst dem Sohn Gottes so gegangen ist: je höher die Erwartungen, um so tiefer der Fall. Der Fall Jesus lag allerdings anders: der hatte sich nicht zur Wahl gestellt, und die Jubler waren keine Gesinnungsgenossen.
Aber es war eben auf dem Parteitag nicht Sachverstand im Spiel, sondern Hoffnung, Hingabe und Erlösungserwartung führten das Zepter. In solchen Fällen verwandelt sich das Argument in emotionale Kraft, die politische Rede erscheint als charismatisches Ereignis, und die schiere Präsenz transformiert eine parteiinterne Zusammenkunft in eine sakralisierte Glaubensgemeinschaft. Mit Zuschauern, die sich die Augen reiben, welcher Geist denn hier bitteschön gerade die Regie übernommen hat.

Wo die Dinge restlos werden, bekommen sie letzte Verbindlichkeiten und Aussageziele. Da werden die Abweichler zu Null gebracht und anderslautende Meinungen niedergehofft. Da wird es religiös an einer ungehörigen Stelle. Wie schön, dass die Ministerpräsidentin mit dem unaussprechlichen Namen und dem Kürzel AKK das gute alte Wirklichkeitsprinzip in Geltung setzen konnte: 100% gehören in die Abteilung Metaphysik oder sind einfach banal – wenn der Zeiger über die 12 kommt, dann ist der Tag 100%ig vorbei.

Vielleicht wähle ich auf dem Hintergrund dieser Überlegungen aus Barmherzigkeit in diesem Jahr SPD.

Helmut Aßmann


Chillen

20. märz 2017

Das Wort „chillen“ ruft als erstes Aggressionen bei mir hervor. Es ist der Inbegriff systematisch inszenierter Faulheit, die sich mit einem neudeutschen Wort den durchschaubaren Scheinadel von Zeitgemäßheit umhängt. Chillen ist nix: Nichtstun, Daddeln, Rumhängen, den lieben Gott und die aufgeregte Menschheit sich selbst überlassen und die Zeit in einer mir weitgehend unerschwinglichen Form zu genießen. Vorzugsweise mit Handy in der Hand. Lasse ich meiner meist höflich heruntergeregelten Empörung gegenüber „chilligen“ oder „chillenden“ Personen einmal freien Lauf, ernte ich die erwarteten Reaktionen: was ich denn habe, worüber ich denn so erzürnt sei und ich solle erstmal chillen, bevor solche Stoßwellen an charakterlicher Erregung noch die chillige Atmosphäre versaubeuteln. Nach dem Motto: nur keine Anstrengung bitte, keinen Stress, keine überschießende Ambition über den Augenblick hinaus. Ist sowieso alles viel zu anstrengend hier.
Natürlich ist das Generationenschelte, ich weiß. Bekannt seit den alten Ägyptern. Meine Mutter hat sich über meine langen Haare, das im Arm getragene Transistorradio (so alt bin ich schon!) und die notorisch herumliegenden Klamotten schließlich auch bis zu Tränen aufgeregt. Am Ende ist dennoch was draus geworden, so alles in allem – sagt sie, inzwischen 81jährig, auch. Vielleicht ist es tatsächlich auch nur das, Generationenschelte. Mag sein. Vielleicht sollte man es aber auch anders sehen: „chillen“ als programmatischer Verzicht auf gezielte Aktivität könnte ja auch eine Anfrage an den funktional- effektiven Overkill sein, den meine Generation sich angewöhnt hat. Die Inpflichtnahme des ganzen Lebens für einen gesellschaftlichen Prozess, an dessen effektivem Ende alles mögliche steht, aber bestimmt kein glückliches Leben. Sich dagegen zu verwahren, ist kein sinnloses Unterfangen, im Gegenteil. Da hat eine Chill-Performance geradezu eine zivilisatorische Aufgabe. Ob diese Verwahrung aber die Gestalt einer Verweigerung haben muss, ist mir gleichwohl eine Frage. Ich gestehe aber zu, dass gerade diese zur Schau getragene Verweigerung den Stachel bietet, durch den die eigene Leistungsdynamik wirklich weh zu tun beginnt.

Frage in die Runde: hätte Jesus „chillen“ können?

Helmut Aßmann


eBike

14. märz 2017

Fahrradfahren ist im Trend. Seit etlichen Jahren. Aus der Wahl zwischen einem tuntigen Damen- und einem vierschrötigen Herrenrad ist ein ganzer Kosmos von Fortbewegungsmitteln entstanden, die nur eines vereint: die Aufwendung eigener Körperkraft, um auf dem Weg (im strengeren Sinn des Wortes) voranzukommen. Jeder Kilometer ist den eigenen Schenkeln und Waden abgerungen, jede Talfahrt durch einen Anstieg erkämpft. Eine einfache, ehrliche Sache, sozusagen. Kommst Du nicht hoch, geht’s auch nicht herunter. Machst Du schlapp, geht’s nicht weiter.
Nun gibt es seit einiger Zeit eine produktive Störung in diesem Themenfeld: Fahrräder mit Elektroantrieb. Aufladbare Fahrgeräte, die einen auch dann voranbringen, wenn man eigentlich aufgesteckt hat. Die einen über Steigungen tragen, die man vorher nicht einmal in Erwägung gezogen hat. Die Geschwindigkeiten möglich machen, zu denen die alten Knochen weder kurzzeitig noch dauerhaft in der Lage gewesen wären. Ein Hybrid zwischen Laufrad und Motorrad, getarnt als ordentliches Verkehrsmittel. Je nach Antriebsstärke handelt es sich dabei um eine Tretunterstützung oder eine Art heruntergeregelten Raketenantrieb.
Aber auch diese Mobilitätsinnovation teilt leider die Ambivalenz all ihrer Vorgänger: sie verringert die Mühe des persönlichen Transportes, es erhöht sogar den Gesundheitswert der Fortbewegung, das hat indes auch seinen Preis. Die guten, alten Signale der körperlichen Leistungsgrenzen können sprichwörtlich überfahren werden, und dann fährt man mit dem elektrobefeuerten Pedelec schnurstracks in den nächsten Straßengraben oder die Oma mit Rollator über den Haufen. Zum Glück meistens mit Helm, immerhin. Wer sich Technik an den Körper hängt, muss auch technische Instinkte ausbilden, sonst verschlimmbessert sich die Situation. Es wird gewiss noch eine Weile dauern, bis die enthusiastischen Biker mit Akku im Rahmen ihre Geräte beherrschen oder einen altersgerechten Führerschein machen. Bis dahin heißt es: Augen auf im elektrischen Straßenverkehr!

Übrigens: Unlängst ist in Hannover ein ganzes Parkhaus abgebrannt wegen eines explodierten Fahrradakkus. Wenn das mal kein Zeichen ist ….

Helmut Aßmann


Was vor Augen ist

06. märz 2017

Vor einiger Zeit entdeckte ich an einem Kollegen ganz unbekannte Seiten. Ein eher unauffälliger, dezenter, geradezu scheuer Mensch, bei dem man den Eindruck hatte, er wäre vor allem dankbar, wenn er ins eine eigenen vier Wände zurückkehren und en lieben Gott einen guten Mann sein lassen könnte. Gepflegte Erscheinung, distinktes Auftreten, höfliche Umgangsformen, aber eben nichts zum Pferde stehlen, einen Zug durch die Gemeinde machen oder einfach mal die Sau rauslassen.
Nun erfuhr ich, dass dieser Mensch alle Segelflugscheine dieser Welt besitzt, soweit sie in deutscher Sprache ausgefertigt werden können. Jahrzehntelang auf den Pisten der Segelflieger unterwegs, hin und wieder auch mal auf großer Tour, aber immer so, dass kaum einer etwas davon weiß. Er hat darüber nie ein Wort verloren. Ich hätte mir eine gigantische Briefmarkensammlung vorstellen können oder eine Expertise in Sachen Essigherstellung, vielleicht auch, wenn es hoch kommt, eine gründliche Kenntnis der Schweizer Gebirgswanderwege um das Engadin herum, aber Segelfliegen: nein, das war eine echte Überraschung. Irgendwie sogar ein Schock, denn auf der Stelle musste ich all meine diesbezüglichen Phantasien eines betulichen, leicht angestaubten und untertourigen Freizeitasketen umwerfen und gründlich überarbeiten. Es entstand einer neuer Mensch vor mir, der zwar genau so aussah wie der bereits bekannte, aber sich „von innen“ deutlich anders anfühlte. Da gab es offenkundig eine gut verborgene Dynamik, die meiner Vorstellung des ersten Augenblicks, aber auch der jahrelangen Bekanntschaft entweder entgangen war oder von ihr nicht wahrgenommen werden wollte.

Es ist offenkundig ratsam, auch bei den Menschen, die man lange kennt, einen Vorbehalt mitzuführen: es gibt immer noch einmal andere Seiten. Wir erkennen nur, was vor Augen ist, den ganzen Rest sehen wir nicht, und das Ganze sehen wir nie. Das ist ein Privileg Gottes, das ihm kein menschliches Urteil streitig machen kann. Unser Privileg ist es hingegen, die Komplexität menschlichen Daseins ein ganzes Leben lang sich entwickeln zu sehen.

Helmut Aßmann


Unpresidented

14. februar 2017

Am 17.12. des vergangenen Jahres ist die englisch-amerikanische Wortkreation „unpresidented“ in die Welt gesetzt worden. Ihr Urheber: Donald Trump, damals noch president-elect der USA. Anlass: die Kaperung einer US-Wasserdrohne durch chinesisches Militär. Diesen Vorgang nannte Trump einen „unpresidential act“ – und landete damit einen rhetorischen Rohrkrepierer besonderer Güte. Gemeint war – wahrscheinlich – ein „unprecedential act“, also einen Präzedenzfall, ohne Beispiel in der Vorgeschichte. Aber ob es wirklich nur ein Versprecher bzw. – es handelte sich ja wie immer um einen Trump-Tweet – Verschreiber war, ist so sicher nun auch wieder nicht. Das Selbstverständnis, aus dem heraus seit dem 20.1.2017 im Weißen Haus Politik betrieben wird, würde zu solch einer verquasten Wendung durchaus passen: die Vereinnahmung militärischen Geräts im chinesischen Meer ist in dieser Gesinnung ein Vorgang, der als persönliche Beleidigung des Präsidenten aufgefasst werden muss. Jedenfalls ist das Wort umgehend als „word of the year“ vom „Guardian“ nominiert worden.
Symbolische Handlungen, seien es eklatante Fehlleistungen wie diese oder epochale Szenen wie der Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau, entstehen aus dem Augenblick und verraten blitzlichtartig eine ganze Welt, die darin unvermittelt zum Vorschein kommt. Es geht nur um eine kurze Sequenz im Laufe eines Tagesverlaufs, eine Winzigkeit an Geschichte, aber sie verdichtet eine ganzes Leben, eine ganze Haltung, eine ganze Epoche. Dabei ist es nicht so, dass sich der jeweilige Protagonist der Handlung lange überlegt hätte, was er tun, lassen, sagen oder anstellen sollte. Das mag es je und dann auch geben. Zumeist aber folgt sie  einem Drehbuch, das ein anderer Geist geschrieben hat, der einen besser kennt und genauer versteht als die handelnde Person selbst. Wes Geistes Kind einer ist, sagen weniger die programmatischen Einlassungen, die er öffentlichkeitswirksam in die Welt setzt, als vielmehr die symbolischen Gesten, die einem von der Zunge oder der Hand gehen. Über die mus man nicht eigens reden. Sie sagen dennoch deutlich und meistens unmissverständlich, was gesagt zu werden hat. Und wer Ohren hat zu hören, der hört es auch.
Deswegen also auch: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“.

Helmut Aßmann


Predigtverbot

06. februar 2017

In Lettland haben sie im vergangenen Jahr die Frauenordination verboten, d.h. konkret: Sie wurde nach rund vier Jahrzehnten wieder abgeschafft. Nicht bei den Katholiken, nein, bei denen geht es selbstverständlich nach wie vor ohnehin nicht. Es war vielmehr eine evangelisch-lutherische Kirche, die diesen erstaunlichen Schritt getan hat. Die bereits im Amt befindlichen Pastorinnen werden allerdings nicht suspendiert, dürfen also weitermachen. Man reibt sich als Angehöriger einer evangelisch-lutherischen Kirche erstaunt die Augen. Eigentlich, so lautet das liberale Credo des gesellschaftlichen wie kirchlichen Fortschritts, entwickelt sich eine nicht unterdrückte und aufgeklärte Gesellschaft ja immer in eine Richtung: Abbau von Tabus, Verflachung von Hierarchietürmen und Auflösung von kommunikationshindernden Grenzen. Und was in der Gesellschaft geschieht, vollzieht sich mehr oder weniger irgendwann auch in der evangelischen Kirche, wenn die üblichen theologischen  Diskussionen sich abgekühlt haben. Siehe Umgang mit Beziehungsfragen, Kleidungsgewohnheiten und Musikgeschmack. Und nun das: die lettische lutherische Kirche macht einen religionspolitischen Salto rückwärts und landet in der liturgischen Vorkriegszeit. Zwischen Empörung und Ratlosigkeit schwanken die Reaktionen der anderen protestantischen Kirchen Europas. Wo es doch selbst in Tansania anders geht …
Da erhebt vor aller Augen eine alte Versuchung ihr unschönes Haupt: die Rettung der Kirche durch Restauration und Beschwörung von vermeintlich gottgegebenen Privilegien. Sie wird als Gegenwelt ausgerufen, in der man nicht nur nicht mehr alles mitmacht, was die böse Welt an wachsender Verdorbenheit präsentiert, sondern anderen Prinzipien folgt, die aus der Schrift abgelesen sein sollen. Nun, Schriftzitate sind immer schnell bei der Hand, für so ziemlich jede Ideologie. Skeptisch sollte man immer dann sein, wenn die angestrebte Rettung der Kirche allzu offensichtlich zu Lasten einiger weniger geht. Vor allem, wenn es sich (mal wieder) um Frauen handelt. Das ist dann offenkundig weniger Gottes Wille als Programm der machtbeflissenen Patriarchen. Vorsicht, wenn die Angst das Zepter führt!
Aber machen wir uns nichts vor: In unsicheren Zeiten werden kirchengeschichtliche Ladenhüter ausgesprochen attraktiv …

Helmut Aßmann


500 Jahre Reformation

30. januar 2017

Nun ist es also im Lauf, das Reformationsgedenkjahr Nr. 500. Der Reformationstruck braust durch die europäischen Lande und besucht Orte von reformatorischer Geschichtsbedeutung. Das Pop-Luther-Oratorium tourt durch Deutschland. Ein gewaltiger Kirchentag steht in Vorbereitung, und Städte wie Erfurt, Eisenach und Augsburg haben sich auf reformatorischen Hochglanz poliert. Luther dringt auf allen Medienkanälen in die Öffentlichkeit, gerade so wie vor 500 Jahren, als für einige Jahre fast ein Drittel aller gedruckten Schriften deutscher Sprache aus seiner Feder kam und er zur alles beherrschenden Persönlichkeit im Reich wurde. Zentrum der Biographie Luthers allerdings ist Wittenberg. Es wird in den Sommermonaten so mit Kirche und Geschichte und Jubiläum vollgesogen sein, dass man es kaum wiedererkennen dürfte. Das verschlafene Nest in Sachsen-Anhalt wird von jetzt auf gleich in die Weltöffentlichkeit katapultiert, und man wird gespannt sein dürfen, was von all dem Religions- und Wallfahrtshype am Ende übrigbleibt. Merkwürdig berührt mich immer wieder, dass die Region um Wittenberg vermutlich der atheistischste Fleckchen Erde auf dem ganzen Globus ist, mit weniger als 10% Kirchenzugehörigkeit für beide Konfessionen. Ausgerechnet. Wittenberg, die Stadt, die zu Luthers Zeiten schier auseinanderbarst vor Studenten und Gelehrten, Neugierigen und sensationslüsternem Volk. Alles dahin. Als würde von der reformatorischen Glut des 16. Jahrhunderts nach den Wechselfällen der Geschichte nur noch ein Häufchen Asche übrig geblieben sein, das an den großen Brand Europas erinnert. Oder: als würde von der großen Erfahrung der Rechtfertigung allein aus Glauben aus guten Gründen möglichst wenig zum Berühren und Schauen verblieben sein, damit niemand wieder mit Wallfahrten, Reliquien, opulenten Kathedralen und derlei Hinterlassenschaften anfangen möge. Damit der Glaube sich an nichts als das Wort des Herrn Christus binden kann, soll sich auch keine Energie an Stein, Holz oder Stoff verlieren. In Wittenberg nicht, und auch in der ganzen übrigen Welt nicht. Das macht den evangelischen Glauben ebenso leicht wie flüchtig. 

Helmut Aßmann


Unbedeutend

23. januar 2017

Das Bundesverfassungsgericht hat ein erstaunliches Urteil in Sachen NPD gefällt. Es handelt sich bei ihr nach höchstrichterlicher Einschätzung um eine eindeutig verfassungswidrig eingestellte Partei, ideell ausgestattet mit allerlei weltanschaulichen Ungeheuerlichkeiten und repräsentiert durch eine Reihe von nachweislich strafrechtlich auffälligen Mitgliedern. Die Karlsruher Konsequenz dieser eindrücklichen Bestandsaufnahme ist aber nun – erstaunlicherweise – kein Verbot. Stattdessen wird in der Begründung hinzugefügt, die Rechtsaußentruppe sei so unbedeutend, dass sich das Verbot sozusagen verwaltungsenergiepolitisch nicht lohnt. Will vermutlich sagen: dann müsste man jeden einschlägig geprägten Gesinnungsverein ebenfalls verbieten. Das käme am Ende einer Meinungsschnüffelei  gleich, die nicht zu betreiben eben Ausweis eines Rechtsstaates sei.
Zunächst: Wegen evidenter Unbedeutendheit nicht verboten werden zu müssen, ist vermutlich noch niederschmetternder als wegen gegebener Straftatbestände verurteilt zu werden. Dieses Nichtverbot ist eine in juristische Sprache gefasste Ehrabschneidung. Damit muss die NPD klarkommen. Das wird ihr sicherlich gelingen. Kleine Zahlen haben Überzeugungstäter noch nie abgeschreckt. Dass das Gericht aber die mögliche Wirksamkeit einer Gruppe über die festgestellte Rechtswidrigkeit stellt, wenn es um deren juristische Würdigung geht, hat nahezu theologischen Rang. Die Wirkung zählt, nicht die Ursache. Ob es etwas Böses tut, ist von Belang, nicht, ob es etwas Böses ist. Der Verzicht auf die Sanktionierung der Verfassungswidrigkeit dokumentiert eine erstaunliche Verschiebung der politischen Optik: Wir reagieren nicht auf Gesinnungen, sondern vor allem auf nachweisbare Handlungen, die der Partei als solcher zugeschrieben werden können.  Ob das dem Gemeinwesen dient, wird sich weisen. 

Der Umstand allerdings, dass immerhin über eine Million Euro in die Wahlkampfkampagnen einer Partei fließen, die genau dieses politische System abzuschaffen bemüht ist, macht deutlich, wie heikel das Unternehmen ist: Ja und Nein sollte man nach Möglichkeit nicht zugleich sagen.

Helmut Aßmann


Sicherheit

16. januar 2017

Alle politischen Parteien punkten derzeit mit dem Thema „Sicherheit“, namentlich als „innere Sicherheit“ präzisiert. Das Sicherheitsbedürfnis entspringt den Beunruhigungen, die durch eine verwirrende Zahl unüberseh- und undurchschaubarer Bedrohungslagen ausgelöst werden. Ich erinnere kaum einen Jahreswechsel, in dem öffentlich wie privat so verhalten, sorgenvoll und bedenkenreich erwogen, diskutiert und in Aussicht genommen wurde, was das neue Jahr wohl bringen wird. Es ist ja auch beeindruckend, wieviele Säulen öffentlicher Ordnung ins Wanken geraten. Nicht nur dass die Flüchtlingsfrage ganz Europa durcheinanderbringt oder Russland unverhohlen den Weltcowboy spielt – nun kommen Sachen wie fake news, Infragestellungen der NATO oder gar Abgesänge auf die Demokratie als tragende Staatsform hinzu. Was soll man da glauben, wem trauen, wo mitmachen und wie begreifen?
Diese lauthals propagierte Sicherheit ist allerdings ein Sehnsuchtswort. Als Kampfbegriff ist sie schwach, auch argumentativ. So sicher, wie heute die Straßen und öffentlichen Räume sind, waren sie in den 70er Jahren nicht. Man mag es kaum glauben, aber die erhobenen Zahlen sagen das. Verkehrstote, Umweltverschmutzun, Gewaltdelikte: alles zurückgegangen seither. Nur das Gefühl der Verunsicherung nicht. Als ginge es bei der Sicherheitsdebatte selbst auch nur um eine postfaktische Angelegenheit. Will sagen: nicht nur den sogenannten Fakten ist nicht zu trauen, sondern auch den eigenen Gefühlen nicht. Das vergrößert den Sicherheitsbedarf sogar noch. Und signalisiert einen tiefergehenden Bedarf.
Die reformatorische Theologie hat deswegen von Vornherein auf die Unterscheidung von „Sicherheit“ und Gewissheit gesetzt. Sicher ist man einer Sache nie. Zuviel fake Potential in den Fakten. Gewissheit hingegen kommt aus einer anderen geistigen Welt. Sie insistiert nicht auf der Belastbarkeit unserer Erkenntnis oder Argumente, sondern beheimatet sich in einer Zusage, einer Bejahung. Das macht die Welt nicht sicherer, aber die Seele ruhiger.

Helmut Aßmann


Genau

21. dezember 2016

Früher sagte unsereiner, wenn ihm gerade nichts einfiel oder gewisse Wortfindungsstörungen zu überwinden waren, solche sinnlosen Kürzel wie „ehm“ oder „äh“ oder, so ein inzwischen verstorbener Kirchenfürst der hannoverschen Landeskirche, „erne“, ein echtes Kuriosum unter den Verlegenheitsgesten. Bedeutete nichts, außer dass man gerade kurzfristig nicht auf Sendung war, aber in Bälde wieder sein würde. Seit geraumer Zeit ist „äh“ out. Genau. Stattdessen werden einigermaßen ordentlich formulierte Sätze an beliebigen Stellen durch eben dieses Kürzel, also „genau“, unterbrochen, ohne dass man recht feststellen könnte, zu welchem Zweck. Bei unordentlichen Sätzen geht es natürlich auch. Meistens sogar noch besser. „Genau“ passt nämlich immer. Braucht keinen Anschluss nach hinten oder nach vorn. Zwar hat „genau“ ja einen ursprünglich eigenen Sinn, so etwas wie „genau“,  was man bei „äh“ und „ehm“ eher nicht behaupten kann. Genau. Aber das bedeutet nicht, dass dadurch der Satz genauer, die Aussprache besser oder die Verständlichkeit erschwinglicher werden würde. Mit „genau“ kann man lediglich so tun, als wäre es so. Ein echtes Sprachfake. Das ist wahrscheinlich seine sehr genau verborgene Bedeutung. In einer hoffnungslos überkommunizierten und -informierten Gesellschaft bedarf es gelegentlicher Verstärkungsmittel, um selbst ernst zu nehmen, was man da sagt. Genau. Und wenn die anderen es einem nicht sagen, muss man es eben – genau – selber sagen. In der Kirche sagt man ja auch an jeder halbwegs passenden Stelle „Amen“, ohne dass sich damit schon erschließen würde, was damit genau gesagt sein sollte. Auch hier also eine Mischung aus: „klar, hab verstanden“ und „ist in Ordnung“. Nur, dass es sich um ein hebräisches, kein deutsches Wort handelt. Da kann man – Amen – eigentlich noch unbekümmerter sein. Es sei denn, dass Worte überhaupt etwas bedeuten sollen, genau. Wäre ja auch mal eine Alternative. Echt jetzt.

Helmut Aßmann


Weihnachtsmarkt

12. dezember 2016

Dieses Jahr war ich wieder einmal auf dem Weihnachtsmarkt, nach längerer Abstinenz. Ich gehöre nicht zu den Intensivtätern in dieser Sache. Es war ziemlich warm, Freitagabend, Wochenendatmosphäre mit Kaufanfällen in den verschiedensten Branchen. Was es auf dem Markt gab: Nun, das übliche, Schmalzgebäck, Wurststände, Weihnachtsschmuck, Krimskrams, den man auch auf den Wochenmärkten finden kann, nur nicht so stimmungsvoll drapiert. Sagenhaft viele Menschen, die sich über die üblichen Themen des Alltags und des Lebens unterhalten, übergossen mit Lichtfluten, die aus allen möglichen Quellen herausströmen. Weihnachtsmarkt als kreativer Lampenladen. Als stumme und steife Teilnehmer dieser kollektiven Wohlfühlperformance stehen, liegen und sitzen allenthalben die üblichen Weihnachts- und Adventsvertreter herum: der Weihnachtsmann in Coca Cola – Version, Rentiere und allerlei anderes Polargetier, Engel in allen Varianten. Die Originalmannschaft des Weihnachtsabends ist hierzulande eher auf Urlaub: die Heilige Familie, die Weisen aus dem Morgenland und Ochs samt Esel tauchen auf den Weihnachtsmärkten nicht mehr auf. Die haben sich in der Regel in die Weihnachtskrippen zurückgezogen, die in den Kirchen aufgestellt werden. Wenn der Weihnachtsmarkt um die Kirche in der Dorf- oder Stadtmitte herumgestellt ist, hat das sogar einen gewissen Charme. An diese großen Gebäude kann man sich anlehnen, mit allem, was der Tag so vorbeischiebt. Und selbst wenn man nicht mehr weiß, warum es überhaupt so etwas wie Weihnachten gibt, trägt die Kirche in sich das Kraftzentrum eines erfüllten Lebens für den, der sich erinnern möchte, einfach weiter. Jahr für Jahr, Weihnachtsmarkt für Weihnachtsmarkt.

Helmut Aßmann


O bot o bot

30. november 2016

An Anrufbeantworter und Callcenter haben wir uns inzwischen gewöhnt. Wer hinreichend Zeit hat, kann den Anweisungen der Kommunikationsmaschinen folgen und irgendwann – nach dem Drücken der Tasten zwei, sieben, fünf und einer persönlichen Kennziffer - einmal auf einen lebendigen Menschen treffen. Idealerweise kann man – am Telefon – noch sicherheitshalber fragen: „Sind Sie ein Mensch oder ein Programm?“ Die dann erfolgende Antwort lässt einen zumeist über den Status des Gegenübers gewiss sein.
Anders ist es bei den social bots, diesen kleinen Sozialprogrammen, die sich im Netz gebärden wie richtige Menschen und aus selbstprogrammiertem Antrieb heraus ganze Scheinwelten an Meinungsbildung und Informationsausstoß in Gang setzen können. Gerne genommen, um politische Interessen zu positionieren, Unternehmensphilosophien zu verschleiern oder einfach nur auf den Rankings der Suchmaschinen nach oben zu gelangen. Die antworten wie richtige Menschen, lernen mit jeder Kommunikationsaktivität dazu und können, wie einschlägige Experten sagen, kaum noch von realen Usern im Netz unterschieden werden. Ebenso beeindruckend wie bedrückend: Gespräche mit einem digitalen Niemand, unterhaltsam, kenntnisreich und stilgerecht.

Will man sichergehen, ob das kommunikative Gegenüber wirklich ein Mensch ist, muss man schon hingehen und ihn anfassen. ePost reicht nicht, Fotos reichen nicht, auch Stimmen am Telefon reichen nicht – die sind mittlerweile ebenfalls bestens nachgebaut und programmiert. Hilft alles nichts: ob das, mit dem man da umgeht, ein Mensch ist, muss mit den eigenen Sinnen festgestellt werden. Menschsein verschwindet in einer Wolke von ambivalenten Kommunikationsspuren, wenn da nicht Fleisch und Blut Widerstand leisteten. Menschwerdung – dieser Glaube entfaltet unter den Bedingungen einer durchdigitalisierten Welt eine erstaunliche Modernität. Jesus ist ein Mensch und kein spiritueller social bot.

Helmut Aßmann


Postfaktisch?

21. november 2016

Spätestens seit der Wahl des neuen US- Präsidenten Donald Trump macht das Wort von der „postfaktischen“ Ära die Runde. Statt verlässlicher Fakten werden vielmehr unberechenbare Stimmungen als Begründung für politisches Handeln herangezogen. Die seriösen Blätter der Republik beklagen das einhellig als einen Rückfall in vormoderne Betroffenheitspolitik oder sehen die politische Stabilität unserer Gesellschaften in Gefahr. Wenn beispielsweise die eindeutigen Messdaten zum Klimawandel kurzerhand als Panikmache abgetan werden – wie soll man dann eigentlich begründbare Klimapolitik machen? Die politischen Verschiebungen auf dem Klimagipfel in Marrakesch zeigen auf, welche Dynamik mit solchen Entscheidungen ausgelöst werden kann.
Nur, so einfach ist die Sache nicht. Die Daten sind das eine. Ihr Umgang damit ist ein anderes. Was die Daten sagen und als politisches Signal auslösen sollen, ist schon immer eine umstrittene Angelegenheit gewesen. Das politische Gezänk um die Auswertung von Statistiken geht einem Nichtfachmann immerhin seit Jahrzehnten auf die Nerven. Alle Interessenverbände berufen sich auf wissenschaftliche Daten, und am Ende kommt kurioserweise regelmäßig das heraus, was vorher schon vermutet worden war. Es ist nicht wirklich ein Wunder, dass auf die Länge der Zeit die Daten selbst in Frage gestellt werden und dafür ein gewissermaßen datenunabhängiges Weltbild an ihre Stelle tritt. So etwas ist einfacher zu vertreten und zu vermarkten, und es kann sich der eigenen Empfindungen rückhaltlos bedienen, von keiner Messung und Experimenterfahrung behindert.
Um es noch komplizierter zu machen: Überzeugung ist eine mindestens doppelte Sache. Der Verstand beugt sich gemeinhin den Daten, das Herz tut es nicht. Schwung gewinnt eine Sache, wenn sie eine visionäre Perspektive hat. Jeder Glaube ist ein Beleg dafür. Wissenschaftlich hätte das Christentum nie eine Chance gehabt.

Was mich beunruhigt an diesem „postfaktischen“ Hype, ist weniger die Geringschätzung der Fakten, es ist vielmehr der Hochmut, Recht haben zu wollen.

Helmut Aßmann


Volkstrauertag

14. november 2016

Wie feiert man so was? In den 60er Jahren wurde weithin noch unbekümmert von „Heldengedenktag“ gesprochen, als einer Erinnerungsgelegenheit für die Gefallenen der Weltkriege, die ihr Leben für ihr Vaterland eingesetzt haben. Geht heute kaum noch, ohne dass allein Begriffe wie „Helden“ oder „Gefallene“ unter Verdacht gestellt werden. Zu Recht. Die nationalen Betrunkenheiten der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte haben in der Tat ausgedient. Als „Volkstrauertag“ ist der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres nurmehr ein Zeichen der Klage über die offenbar unausrottbare Neigung der Menschen, die Anwendung von Gewalt als ultimative Problemlösung zu akzeptieren. Alle Bemühungen nach dem zweiten Weltkrieg eine Kultur der Kriegsvermeidung auf dem Planeten zu errichten, sind krachend gescheitert. Es wird gebombt und geschossen, zerstört und massakriert, als hätte es die großen Kriege des 20. Jahrhunderts nicht gegeben. An vielen Stellen der Erde brennt es lichterloh. Alle pädagogische Aufwendungen um friedensethische Positionen und Formate umsonst? Das Herz des Menschen böse von Jugend auf, ist es das?
Ja, sicher. Das ist es auch. Aber das ist nichts Neues. Überraschend ist es vielmehr, dass es so etwas wie die Weißhelme in Syrien gibt. Leute, die unter Lebensgefahr dem Menschsein unter unmenschlichen Bedingungen ein Gesicht geben. Oder die Leute von I.S.A.R e.V. – Rettungsspezialisten, die sich freiwillig als weltweit operierende Katastrophenhelfer zur Verfügung stellen. Oder die Hildesheimer Jugendlichen, die sich aufmachen, um in den Flüchtlingslagern auszuhelfen, einfach, weil sie sich angesprochen wissen. Dass es all diese Leute gibt, macht das Elend in der Summe kaum kleiner. Aber es signalisiert, dass neben der Klage des Volkstrauertages eine Hoffnung noch größer ist: dass Gottes Erbarmen keine Ende hat, nirgends.

Helmut Aßmann


99 Prozent

18. oktober 2016

Es ging durch die Presse, dass niemand Geringeres als der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg plant, in den kommenden Jahren 99% seiner Firmenanteile für einen guten Zweck zu stiften. Das sind immerhin rund 46 Milliarden Dollar. Das ist die Größenordnung. Da stockt einem schon der Atem. Diese Summe übersteigt die Höhe des Bruttoinlandproduktes vieler Staaten auf der Erde. Wahrscheinlich lässt sich von dem verbliebenen Anteil von 1%  immer noch ganz gut leben. Das sei Herrn Zuckerberg und seiner liebreizenden Ehefrau Priscilla bei einem solchen Wohlfahrtsanfall auch herzlich gegönnt. Es wird berichtet, sie habe bei der Abkündigung dieser hochherzigen Ambition Tränen vergossen.
Nachdenklicher muss man werden – finde ich jedenfalls –, wenn man sich den Zweck dieser großkalibrigen Spende anschaut. Es soll um nicht weniger gehen als die Beseitigung aller Krankheiten. Die Beseitigung aller Krankheiten …Jedenfalls schreiben das einige durchaus seriöse Zeitungen. Zuckerberg habe zu Protokoll gegeben, ebenfalls seriöse Wissenschaftler hätten ihm gesagt, dass ein solches Vorhaben sogar langfristig Erfolg haben könnte. Unwillkürlich fragt man sich, wer solch einen kapitalen Quatsch aus seinem Gehirn lassen kann. Denn wenn nur zu einem Prozent richtig ist, dass die meisten Krankheiten stets auch endogene Ursachen haben, also mit dem Lebenswandel der Menschen verbunden sind, müsste folgerichtig die Beseitigung aller Krankheiten mit der gezielten Ausrottung der Menschheit einhergehen. Außerdem kommt einem die unangenehme Frage in den Sinn, ob damit auch all die sozialen, psychischen und körperlichen Krankheiten, die durch Unternehmen wie Facebook allererst verursacht werden, unter die Rubrik der zu eliminierenden Gesundheitsbeeinträchtigungen fällen. Das würde eine Selbstabschaffung der Sauerbruch-Firma bedeuten. Ich sehe einmal ganz davon ab, dass viele Krankheiten als Warnungen und Korrekturzeichen für den betroffenen Menschen daherkommen und eher als gesundheitsförderlich einzustufen sein dürften.

Macht nichts – alle Krankheiten weg. Zuckerberg steckt Jesus, Paracelsus und Ferdinand Sauerbruch strategisch in die medizinische Tasche. Das ist so etwas wie die Zweidrittelerlösung der Menschheit. Es bleiben dann ja nur noch Bosheit und Dummheit, die zu beseitigen wären. Das übernehmen dann vermutlich Jack Bezos und Tim Cook. Das ist dann das kalifornische Paradies.

Mein Gott, wie danke ich Dir für eine solide Theologie! 

Helmut Aßmann


Korallenriff

10. oktober 2016

Die Katastrophe stand bis vor kurzem fest: binnen einer Generation wird das Great Barrier Reef vor Australien verschwunden sein. Bunte Fische, zauberhafte Unterwasserwelten, Myriaden von Lebewesen – alles grau in grau, von Seetang überwuchert, aus mit UNESCO – Naturerbe. Wer noch was davon haben will, sollte alsbald seinen Urlaub dort verbringen. 
Nun lese ich in der Zeitung, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Die andere Hälfte lautet: es gibt Riffe, die gehen tatsächlich kaputt, und es gibt solche, die passen sich an. Da geht die Korallenwelt nicht unter. Einen Augenblick innegehalten, fallen einem gleich ein paar mehr Fakten ähnlichen Inhalts dazu ein. Das Ozonloch ist weitgehend verschwunden – die umweltpolitischen Maßnahmen haben gegriffen, so scheint es. Okay, dafür reißt nun die Eisdecke im Sommer fast bis zum Nordpol auf. Aber das Waldsterben hat irgendwie auch aufgehört. Die Wälder sind in Europa sogar auf dem Vormarsch, zusammen mit Wölfen, Bibern und Luchsen. Der Kanarettist Dieter Nuhr weist in seinem aktuellen Programm darauf hin, dass man seit Jahren in Rhein, Elbe, Ruhr und Emscher wieder Fische angeln kann, wenn man sich nicht gerade erwischen lässt – das, nachdem in dessen Jugendzeit jedes Chemielabor gesundheitsverträglicher gewesen ist als einer dieser Flüsse. Okay, dafür ist nun der Ozean voller Plastik. Aber wir sterben nicht mehr an Mutterkorn, Pest, Lepra und Rur. Ist behandelbar und aus dem Rennen der tödlichen Krankheiten. Bei AIDS, Krebs oder MS sieht es noch finster aus, Unfälle gibt es auch noch, aber die durchschnittliche Lebenserwartung ist in astronomische Höhen gestiegen. Okay, dafür gibt es neuerdings Allergien in unübersehbarer Vielfalt, da kann sich sozusagen jeder eine individuelle aussuchen. Psychische Krankheiten kommen dazu und Nackenversteifungen wegen des tagelangen Auf-das-Handy-Guckens.
Aber irgendwie will die Welt nicht wirklich untergehen. Der Schöpfung fällt immer wieder was ein, um sich an die neuen Lebensbedingungen anzupassen. Und den Menschen fällt auch immer wieder etwas ein, um den Missbrauch der Dinge nicht endgültig ins Kraut schießen zu lassen. Ich weiß, man kann das als Naivität und völlig unangemessenen Hurra-Optimismus brandmarken. Aber vielleicht ist es nur eine Bestätigung des ersten Berichts von der Schöpfung: Siehe, es war sehr gut! Stimmt einfach, bis heute.

 

Helmut Aßmann


Dokumentation

27. september 2016

Unter einer Dokumentation verstand man früher eine Art Tatsachenbericht, entweder in gedruckter oder gesendeter Form. Über die Oderflut von 2002 etwa oder die Entstehung der RAF oder das Gewese von Kleingartenvereinen. Dann sammelte ein investigativer Journalist oder Medienexperte allerhand Materialien und Erkenntnisse zusammen, bis er mit seiner Dokumentation ein leidlich erkenn- und verstehbares Bild der von ihm untersuchten Sache wiedergeben konnte. Selige Zeiten. Wir hingegen sind Zeugen eines gesellschaftsweiten Dokumentationszwangs, dessen tiefster Sinn nicht die Wiedergabe von Realitäten ist, sondern deren Rechtfertigung. In der Sache fühlt sich das alles ganz gleich an. Man schreibt auf oder hält fest, was geschehen ist, wieviel Zeit, Kraft und Material für die eine oder andere Tätigkeit verbraucht worden sind, und macht daraus dann einen Bericht, der irgendjemand Verantwortlichem übergeben wird. Solange der wirklich Interesse an der Sache hat, ist es gut. Dann hilft es, die Dinge zu verbessern und zu entwickeln. Sobald es darum geht, wirtschaftliche Fragen damit zu klären, wird aus der Dokumentation eine Überlebensstrategie. 
Weil das ökonomische Paradigma aber als Leitidee inzwischen alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt, wird ums Leben dokumentiert; Die Beratung des Arbeitslosen, das Gespräch mit dem Suchtkranken, der Besuch bei der bettlägerigen Seniorin und die Arbeitslisten in der Steuerverwaltung. Der apokalyptische Fall der Dokumentation ist die Evaluation. Sie macht aus den Daten ein Urteil. Mit ihr verliert die Begleitung eines Arbeitsprozesses seine Unschuld. Kommen dann noch die furchtbaren Reiter der dokumentativen Endzeit hinzu: das Qualitätsmanagement, die work-life-balance, der break-even-point of investment und das Alleinstellungsmerkmal, dann ist das Ende aller Freude nahe herbeigekommen. Dann wird nicht mehr gearbeitet, sondern dokumentiert, nicht mehr entschieden, sondern evaluiert, nicht mehr gelebt, sondern selbstoptimiert.

Hätte jemand versucht, das Leben Jesu zu dokumentieren, wäre ihm wahrscheinlich wegen der katastrophalen Ineffizienz der Stift verglüht. 

 

Helmut Aßmann


Erfolgreich scheitern

12. september 2016

Ratgeber zu diesem eigenartigen Thema gibt es zuhauf. Die Klicklisten bei den einschlägigen Anbietern geben sattsam Auskunft darüber. Dabei weiß man nicht so recht, was genau gemeint ist. Soll man sich darauf freuen, dass die eigenen Pläne in die Binsen gehen, weil man erst dann so richtig loslegen kann? Nach dem gängigen Sprichwort: „Aus Schaden wird man klug“? Erfolgreich scheitern hört sich unter diesem Gesichtspunkt fast so an, als würde das Scheitern selbst schon der Teil des somit gesicherten Erfolges sein. Als würde es lediglich darauf ankommen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, und schon hätte man sein Schäfchen im Trockenen.
Selbst die Bibel spielt mit diesem Gedanken. Möglichst viel sündigen, damit sich Gottes vergebende Gnade um so mächtiger erweist: Dem Sinne nach hat der Apostel Paulus solche Erwägungen durchaus vorgetragen. Diese gedankliche Figur wäre zudem eine prima Anleitung für heranwachsende Menschen, die die elterliche Fassungskraft austesten wollen: Den Alten möglichst intensiv auf die Nerven gehen, weil dann die schlussendliche Versöhnung um so herzzerreißender ausfallen kann.
Spätestens an dieser Stelle wird es einem – wegen der unmittelbaren Anschauung – blümerant. Gelingendes familiäres Leben funktioniert so auf alle Fälle nicht. Und Paulus beendet seine Gnadenspekulation schließlich auch mit dem entschiedenen Satz: Bloß das nicht! Denn Scheitern ist nun einmal in erster Linie nichts Schönes, sondern eben eine richtige, schmerzhafte, gelegentlich nachhaltig wirksame Niederlage. Fühlt sich nicht gut an, tut weh und macht einen schlechten Eindruck. Sie ist kein Beitrag zur Karriereleiter, sondern ihr Gegenteil. Es handelt sich nicht um das Kernelement einer Optimierungsstrategie. Weder religiös noch wirtschaftlich wird man das ernsthaft behaupten können.

Wer von einem „erfolgreichen Scheitern“ spricht, tut nämlich so, als könnte er in die Zukunft sehen und schon erkennen, wie man aus den Scherben der Vergangenheit das Porzellan für die Zukunft zusammenklebt. Erstens ist das Unfug. Und zweitens: Als ginge das ohne Ansehen des Gescheiterten einfach auf dem Wege einer Handlungsanweisung in zehn Schritten. Irrsinnigerweise heißen diese Ratgeber gelegentlich auch noch so: in x Schritten zum Erfolg. Denn es ist ja die Person gescheitert samt dem Projekt. Das eine bekommt man möglicherweise wieder hin, aber das andere ist eine unvorhersehbare Unwägbarkeit: der Mensch als sein eigenes Geheimnis. Die zentrale Frage, vielleicht besser: das zentrale Bedürfnis nach dem Scheitern liegt vermutlich nicht darin, das vor Augen stehende Desaster zur Grundlage einer bahnbrechenden Neuorientierung umzuetikettieren, als vielmehr darin, dass einem geholfen wird. Da geht es um Trost, nicht um Trotz. So schlicht etwa. Ob der Erfolg, irgendein Erfolg noch hinterherkommt, sei dann dahingestellt.

Helmut Aßmann


Missverständnisse

02. september 2016

Missverstanden zu werden, ist in der Regel etwas, das man vermeiden möchte. Sprache ist ja gemeinhin dazu da, dass man über kurz oder lang darin übereinkommt, dasselbe verstanden zu haben. Angesichts der Doppeldeutigkeit von Worten, Wendungen und Weltsichten ist das keineswegs ein trivialer Akt, der sich nebenbei und von selbst ergibt. Vielmehr gehört es – finde ich – zu den menschlichen Grundpflichten, nach bestem Wissen und Gewissen sicherzustellen, dass die eigenen Worte und Überlegungen verstanden werden können. Missverständnisse entstehen von allein schnell genug. Ob nun Schwerhörigkeit dahintersteckt, unzureichende Ausdrucksmittel dafür verantwortlich zeichnen oder einfach komplizierte Sachverhalte in Rede stehen, ist für das Resultat einerlei.
Man kann aber auch aus eigenem Antrieb künstliche Verstehenshürden errichten. Wer das tut, hat Gründe, und meistens keine guten. In der diplomatischen Kunst mag diese Methode zu den durchaus üblichen Verhandlungsinstrumenten gehören, aber sie indiziert Misstrauen und Doppeldeutigkeit in der Kommunikation. Insofern mag sie auf der politischen Bühne ihren Platz haben. In den Raum persönlicher Verständigung gehört sie von Haus aus eher nicht.
Aber dann gibt es noch eine besondere Variante des Missverständnisses, eine perfide sozusagen. Das ist das gezielt und bewusst herbeigeführte Missverständnis. Man kann ja tatsächlich missverstehen wollen und jedes Wort in der Vielfalt seiner Anwendungsmöglichkeiten und geschichtlichen Anwendungen als Waffe umfunktionieren. Spricht jemand von „Führung“ oder gar einem „Führer“, ist er, da kann er sagen, was er will, ein Nazi. Gut, möchte man hinzufügen, bei solchen verbalen Eseleien hat es der Redner in Deutschland auch nicht anders verdient. Aber wenn beispielsweise eine „israelkritische“ mit einer „antisemitischen“ Bemerkung in eins gesetzt wird, um daraus terminale Vorwürfe zu entwickeln und Gewissensdruck zu erzeugen, wird der Diskurs vergiftet. Und sollte die Kirche einmal vergessen haben, sich als erstes für alles Mögliche zu entschuldigen, ist das ein neuer verquaster Grund, sie als abgängig zu brandmarken – auch so eine maliziöse Masche, sich um ein ehrliches Verstehen herumzudrücken.

Missverständnisse solcherart sind rhetorische Kriegshandlungen. Eine hochwirksame und deswegen höchst unwillkommene Form von intelligenter Bosheit, die wir in den sozialen Netzwerken als neue Form gesellschaftlicher Selbstbeschäftigung zu gewärtigen haben.

Helmut Aßmann


Gottesproduktion

06. august 2016

„Wer braucht Gott?“ – so titelte kürzlich die ZEIT. Die Ausgabe kam sinnigerweise in just dieser Woche wegen des Fronleichnamsfestes einen Tag früher als sonst. Aber das nur nebenbei. Der Artikel selbst wandte sich vor allem an die großen Kirchen, sie sollten sich bitteschön nicht dauernd im Jammern über die sinkenden Mitgliedszahlen üben, sondern gefälligst anstrengen, um ihr metaphysisches Produkt markt- und mundgerechter zu platzieren. Wenn die Leute nicht mehr an Gott glauben, stimmt ja offenkundig etwas im kirchlichen Vertriebssystem nicht. Entweder sind die Predigten schlecht oder die Kirchen sind kalt oder die Sekretärinnen sind unfreundlich oder der Bischof ist zu blass. Irgendwas ist immer, was sich verbessern lässt. Damit hat jedes Unternehmen zu kämpfen, also auch des Himmels irdische Filialen. Ist ja logisch.
Leider ist Gott an keiner Stelle des Lebens wirklich unverzichtbar. Man kommt, genau genommen, ein ganzes langes Leben ohne ihn aus. Da können die Geistlichen predigen, was sie wollen: anders als bei den Wasserwerken oder der Stromversorgung, anders als im medizinischen Sektor oder beim Finanzamt gibt es keine gesellschaftliche Aufgabe, an der ein nicht vorhandener Gottesglaube unmittelbar und nachweislich zu einer politischen oder humanitären Katastrophe führen würde. Wir haben immerhin Religionsfreiheit in unserem Land. Das propagieren mit Nachdruck ja auch die Kirchen. Das ist doch als solches schon der Nachweis, dass Gott nur eine Option, keine Obligation ist. Das aber bedeutet für das Produktplacement der Kirche eine schwierige Aufgabe: etwas zu verkaufen, dass man nicht notwendigerweise braucht, und das Ganze auch noch in einer überzeugenden Geste so darzustellen, dass es sich so anfühlt, als müsste man es brauchen. Als eine Art Beitrag zur Ästhetik des geistigen Lebens oder so.

Kurzum: auf die Frage: „wer braucht Gott?“ kann man keine sinnvolle Antwort geben. Das ist so ähnlich, als ob jemand sich danach erkundigte, ob wir den Tod benötigen oder die Liebe oder den Geist. Es geht immer auch alles ohne, jedenfalls für eine ganze Weile. Und beider Frage „wer braucht mich?“ wird es dann ganz heikel.  Jedenfalls ist soviel deutlich: wer fragt, ob einer Gott braucht, der braucht ihn nicht, jedenfalls nicht im Augenblick. Und ob der Gott, den man brauchen kann, zu gebrauchen ist, ist noch einmal eine andere Frage.

Helmut Aßmann


Tempo

28. juli 2016

Im Nationalpark Jarmund auf Rügen ist mir das Erlebnis der Geschwindigkeit geradezu gebieterisch nahegerückt. Es gibt dort eines der letzten Buchen-Urwaldgebiete Europas. Naturbelassene Wälder, die kein Mensch je gepflegt und geformt hat. Wir fuhren mit dem Rad auf einem der zahlreichen Wanderwege mitten durch diese kathedralenhaften Waldgebiete, langsam, immer wieder nach links und rechts schauend, aber auch vorsichtig wegen der schlechten Wegqualität. Schlecht? Zum Glück war sie schlecht. Denn die Stille des Waldes und die lichte Qualität dieses Bewuchses zwangen einen geradezu, jetzt nicht weiter zu fahren, auch keine Geräusche zu machen, sondern am besten stehen zu bleiben und für einen langen Augenblick die unermessliche Lebensdichte, die sich zwischen den Stämmen und unter dem Laubdach ausbreitet, nur zu beobachten und, ja, irgendwie ein Teil von ihr zu werden.
Das hört sich alles halbesoterisch und romantisch-verblasen an. So wie eben Klein- oder Großstädter sich Natur vorstellen und in Erhabenheit versinken, wenn sie einmal zur Kenntnis nehmen können, dass es ein Leben außerhalb vom Bäcker um die Ecke, einigen Singvögeln in den Hecken und nachbarschaftlichem Smalltalk wirklich möglich ist. Alles zugestanden. Nichtsdestoweniger war die Strenge dieses Anrufs zur Langsamkeit und Stille überraschend, für mich jedenfalls. Damit verbunden die Ahnung, dass alles das, was wir nur zur Kenntnis oder wahrnehmen, aber nicht mit uns verbinden können, über den Status eines Verbrauchsobjektes nicht wirklich hinauskommt. Wir verdichten Erfahrungen zu Erzählungen, Erlebnisse zu Erinnerungen, ordnen sie in Fotoalben, und Bilderstrecken ein, verstauen sie in einer Art Bedarfsgepäck, das wir bei entsprechender Gemüts- und Geselligkeitslage auskramen und in einer Mischung von Unterhaltung und Betroffenheit den jeweils Interessierten präsentieren.

Teil von etwas zu werden und, umgekehrt, etwas Teil an sich selbst werden zu lassen, ohne daraus eine Geschichte zu machen, ist schwer. Langsam. Auch immer umlagert von der Skepsis, ob das eigentlich zu irgendetwas gut ist. Weil es nicht um einen Gedanken geht, nicht einmal ein Gefühl oder eine Stimmung, sondern um etwas, das wir selber sind, sinnlich, geistig, spirituell. 

Deswegen gibt es keinen Glauben „light“, keine Gottesbegegnung auf die Schnelle, keine Selbsterkenntnis nebenbei. Das ist immer langsam, schwerfällig und streng. Wie die Buchen im Jarmund – Nationalpark.

Helmut Aßmann


Bahnhofsgeruch

11. juli 2016

Seit gut einem halben Jahr gehöre ich ja nun in die Abteilung „Pendler“. Täglich mit der Nahverkehrsbahn Hildesheim-Hannover und zurück. Es gibt einen Moment am Morgen, auf den ich mich fast immer freue, ausgenommen nur die wenigen Tage, in denen schon der Auftakt gründlich missraten ist: der Moment, an dem ich vom Bahnsteig die Treppen hinuntersteige und mir der unverkennbare und vertraute Duft aus Kaffeedampf, Backwerk und etwas Odeur von Gebratenem entgegenkommt. So, dass einem zwar nicht das Wasser im Mund zusammenläuft, aber dennoch die Eingebung kommt, dass jetzt ein Kaffee oder ein kleines Kuchenstück genau das richtige wäre. Eine Art Mega-Frühstücksgefühl wabert als Atmosphäre durch die zergliederte Zugangslandschaft zu den Gleisen. Eine Riech-, Ess- und Schmeckgemeinschaft, die alle Unterschiede in Herkunft und Zukunft ohne knallige Geräusche oder schrille Beleuchtung überwindet. Am Tresen bei „Ditsche“ bist du unter deinesgleichen, wer immer du auch sonst bist, was immer du auch sonst willst oder kannst. Du bist einer der Tausenden von Morgenmigranten, die eine Komm- und Geh-Community bilden, punktweise versammelt um die Auslagen, Schanktresen und Stehplätze zwischen de Gleisen 1 bis 14. 
Man lernt einander nicht kennen bei dieser bunten Rush-hour-Gemeinde, schaut kaum je in die Gesichter, die einem entgegenkommen, ist schon halb besetzt von den Herausforderungen des Tages, die einen bereits von ferne erwarten. Und dennoch bildet sich eine wohlig unbestimmte und unaufdringlicheVertrautheit aus, die einem Ordnung gibt: der „Asphalt“-Verkäufer, der stets am Eingang der Rolltreppe zur Straßenbahn steht, die rothaarige junge Frau mit der markanten Zahnlücke, die meinen Weg von Gleis 3 zum Hauptausgang regelmäßig kreuzt, oder auch der stets gut aufgelegte Brezelverkäufer, den ich von seiner Landsmannschaft als Pakistani vermuten würde. Auch die uniformierten Anzugträger der Sorte “ich-bin-wichtig-und-muss-immer-telefonieren“ gehören dazu. Sie säumen den Auftakt zu einem großen oder kleinen, gelungenen oder missglückten, normalen oder exzeptionellen Tag und atmen mit mir diese vielgeschmackliche Bahnhofsluft.

Es gibt Tage, da bin ich einfach dankbar, dazuzugehören.
 

Helmut Aßmann


Gebote und Infarkte

04. juli 2016

Die Zehn Gebote vom Sinai sind im wesentlichen Verbote. Ein paar sind als erkennbar positive Imperative zu erkennen: Heiligung des Feiertages, Achtung der Eltern, Anerkennung des einen Gottes. Aber das war es auch. Dann beginnt das, was man beim besten Willen nicht umdeuten kann zu positiven Lebensregeln. Darauf wird zwar immer wieder gern unter Hinweis auf die evangelische Lesart der Heiligen Schrift hingewiesen. Aber, nein, siebzig Prozent der Gebote Gottes sind Verbote.

Um es mit dem nichtssagendsten aller Kommentierungen zu unterstreichen: das ist gut so. Denn es ist allemal klüger, einfacher und zielführender, einem Menschen etwas zu verbieten, als ihn lediglich dazu anzuhalten, sich selbst seinen Raum zu suchen, zu füllen und etwas aus sich zu machen. Ein Verbot setzt eine äußere Struktur, an der man sich abarbeiten, gegen die man opponieren oder der man Gehorsam leisten kann. Ein Selbstverwirklichungsappell hingegen öffnet nichts eine grenzenlose Fülle an Möglichkeiten ohne jede Kontur, die dann auch noch mit Bordmitteln begründet, ausgemessen und repräsentiert werden soll. Die meisten Menschen, mich eingeschlossen, überfordert das.

Der Einwand, das sei „schwarze Pädagogik“, ist rasch bei der Hand. Verbote erzeugen Neurosen, Angst und Drückebergertum. Klar, das kann passieren, wenn man die Sache überzieht. Wie bei allen menschlichen Maßnahmen. Aber so entstehen Positionen und Orientierungen, die für alle Entscheidungen so unerhört wichtig sind.

Die Rücknahme der Gebote und die Aussetzung des Menschen im Universum der Möglichkeiten hingegen erzeugt etwas viel Schlimmeres als Neurose und Angst: einen Infarkt. Angefangen von der Wahl des Brotes über die Bestimmung des Berufes bis hin zur Entscheidung für das Geschlecht, die Religion oder die Ernährungsweise: solchermaßen als unbeschriebenes Blatt sich selbst zu beschreiben und als „Mensch ohne Eigenschaften“ sich selbst zu erfinden, kann nur schiefgehen.

Genau das passiert allenthalben um uns herum: überforderte Individuen, wohin das Auge reicht. Herzinfarkte, Burnout-Diagnosen und Depressionsformate in vielerlei Gestalt dokumentieren eindrücklich, dass es leichter ist, seine Grenzen zu kennen als sie zu setzen. Dass ist lebensdienlicher ist, Vorgaben zu bekommen als Vorhaben aus der hohlen Hand zu lancieren. Dass es menschlicher ist, eine überschaubare Anzahl von Wegen abzuschreiten als eine unendliche Vielzahl von Welten zu erschaffen.

Man kann den neutestamentlichen Mahnworten nur zustimmen: seine, also Gottes, Gebote sind nicht schwer. Selbstverwirklichung hingegen schon.

 

Helmut Aßmann


Kompetenzirrtum

28. juni 2016

Nichts braucht ein Mensch auf seiner Lebensreise so sehr wie Kompetenzen. Das sind keine Nahrungsmittel, sondern Werkzeuge im strengen Sinn. Hilfsmittel also, die einem das ermöglichen, was man mit bloßen Händen, reinen Gedanken und sehnsuchtsvollen Hoffnungen nicht erreichen könnte. In der handwerklichen Tradition ist das eigentlich ganz vertraut: zum Erwerb der innungseigenen Fertigkeiten gibt es eine Lehre, an deren Ende der Gesellenbrief steht. Und der bescheinigt einem in der Freisprechung die Kompetenz, die einschlägigen handwerklichen Herausforderungen zielstrebig und unfallfrei bewältigen zu können. 

Aber die „Kompetenz“ ist inzwischen in das soziale Universum ausgewildert worden. Bei Ausschreibungen für Lehrer, Managerinnen, Sozialarbeiter oder Verwaltungsangestellte werden in wachsender Anzahl Kompetenzen erwartet, die alle sinnliche Qualität verloren haben. Konfliktkompetenz zum Beispiel. Das meint, das nur zur Klarstellung, nicht das Vermögen, möglichst rasch einen Streit vom Zaun brechen zu können, sondern das Geschick, einen solchen Streit entweder gut durchzustehen oder zielorientiert zum Ende zu bringen. Oder, immer unvermeidlich, Kommunikationskompetenz. Dieses Wortmonstrum beschreibt eine ebenso unmittelbar einleuchtende wie in der Praxis unbewertbare Qualität, das einer sich irgendwie verständlich machen und andere rasch verstehen können soll. Man kann so fortfahren: Entscheidungskompetenz, Empathiekompetenz, Steuerungskompetenz. Fast jedes zusammengesetzte Was-Wort der deutschen Sprache lässt sich mit dem Affix „-kompetenz“ in den sozialwissenschaftlichen Adelsstand heben.

Dazu gibt es dann die passenden Institute und Fortbildungseinrichtungen, in denen einem diese Kompetenzen schockweise und ergebnisgarantiert verabreicht werden. Am Ende mit einem Zertifikat, das die von nun gewährleistete Leistungssteigerung halbamtlich verbrieft. Je dicker die Zertifikatsmappe in der Bewerbung, um so kompetenter die dahintersteckende Person. Im Idealfall ist die hinter den Kompetenzen eingeschlossene Person als solche auch nicht mehr interessant, da ja die Leistungsnachweise in den Zertifikaten für alles gut stehen, was in der Stellenanforderung zu lesen war. Die Funktion, die es auszufüllen gilt, braucht in erster Linie Kompetenzen, keine Gesichter.

Das ist eben der Irrtum.

 

Helmut Aßmann


IS-Sympathisant

20. juni 2016

Ein IS-Sympathisant hat das Blutbad in Orlando angerichtet. Ein anderer IS-Sympathisant hat zwei französische Polizisten ermordet. Batterien von IS-Sympathisanten hocken in Europa und anderswo und warten auf irgendeine Eingebung, die Ihnen den Auftrag gibt, Menschen vom Leben zum Tode zu bringen, sich selbst dabei in eine Märtyrerpose zu begeben und eine immer stumpfere Gesellschaft zu einer Angst- und Betroffenheitsreaktion zu treiben. Ob die Jungs etwas mit dem IS zu tun haben, ob sie wenigstens von den handwerklich gut gemachten Propagandakampagnen des IS berührt sind oder ob sie einfach nur psychisch dysfunktional sind – wer weiß das?

Beunruhigend an dieser Sympathisantenszene finde ich zweierlei. Zum einen die Begeisterung, mit der diese Formulierung medienseitig aufgenommen wird. Diese raunende und unheilsschwangere Verdachtslust leistet einer Großmachtsphantasie Vorschub, die von der Realität der IS-Handlungen nicht von ferne eingeholt wird. Schaut man sich die realen Machtverhältnisse im Nahen Osten an, so lebt das Terrornetzwerk maßgeblich davon, dass zwischen den verfeindeten Realmächten des Nahen Ostens hinreichend Raum und Wirrnis geschaffen wird, um den IS wachsen und werden zu lassen. Man sollte die IS-Leute nicht an jeder Bushaltestelle wittern. Es gibt schon genug durchgeknallte Typen. Mit denen allein ist es schon schwer genug.

Die andere Beunruhigung ist die offenkundige Verführbarkeit erstaunlich vieler Menschen, Männer wie Frauen, für solche hirnrissigen Mordphantasien, wie sie in den IS-Medien verbreitet werden. Allen globalen, nationalen und smarten Bildungsbemühungen zum Trotz. Die Nazis haben ja vorgemacht, wie man ein ganzes Volk politisch betrunken macht. Modern waren die damals, modern ist der IS heute auch. Aber das steinzeitliche Weltbild, das die beiden politischen Vorstellungswelten verbindet, ist offenkundig religionsunabhängig, weil es menschliche Instinkte aufruft, die tiefer reichen als alle Erfahrung. Angst vor Uneinheitlichkeit, grausamer Kampf gegen Abtrünnige. Am Ende die Apokalypse.

Das ist die Gefährdung des Menschen: die Angst, nicht mehr zu wissen, wer er ist und was er soll. Eigentlich gute Zeiten für den guten Glauben.

Helmut Aßmann


Gesenkter Blick

09. juni 2016

Dass der Handygebrauch allerlei geistige Verödungs- und Ablenkungseffekte nach sich zieht, ist allenthalben bekannt und beklagt. Die Leute können sich nicht mehr selbst orientieren, sondern laufen nur noch mit Handynavigation zur Pizzeria um die Ecke. Kopfrechnen ist ein inzwischen weithin ausgestorbenes Kulturgut. Der internetgestützte Bildungseifer versagt umgehend, wenn sich der Akku verabschiedet oder der Netzempfang zusammenbricht.

Ein physisch bislang weithin unbeachteter Effekt ist das Senken des Blickes, das sich unweigerlich einstellt, wenn man sich mit der kleinen Flimmerkiste beschäftigt. Ein unvoreingenommener und, vor allem, smartphoneunabhängiger Blick in das öffentliche Alltagstreiben zeigt unmissverständlich, dass auch der gerade Blick in die Augen oder in die Umgebung ein von Aussterben bedrohtes sinnliches Gut ist. Was die Gleitsichtgläser der Bestager an Kopfhebungen verursachen, das drückt das Smartphone mit sanfter Gewalt wieder herunter. So schauen ganze Straßenbahnladungen von Menschen vor sich her und hin und nehmen tatsächlich vor allem das wahr, was ihnen die Oberfläche ihres elektronischen Tausendsassas auf die Netzhaut treibt.

Die damit freiwillig in Kauf genommene Reduzierung des natürlichen Horizontes ist es, die einen nachdenklich macht. Als wolle man den Rest der Welt nur noch in kleinen Ausschnitten zur Kenntnis nehmen, weil die nichtvisuellen Sinnesorgane sowieso nicht wirklich wichtig sind und die Augen nur ein kleines Kernfeld zu besorgen haben. Und der Blick in die Augen des anderen ist nach wie vor die eigentliche Urbegegnung menschlichen Daseins. Kein noch so hochauflösendes Pixelbild ersetzt diesen Vorgang. Das Alte Testament hatte nicht ohne Grund das „Angesicht Gottes“ als lebensspendendes Gegenüber menschlichen Lebens bestimmt und das menschliche Angesicht dem gleichgebildet. Das vollendetste Handy wird daran nichts ändern, es sei denn, wir schauen zuviel darauf.

Helmut Aßmann


Mut, Dopen, Pimpen, Tunen

30. Mai 2016

Nun ist es also höchst wahrscheinlich, dass Russland nicht nur gelegentlich durch die aufsichtigen Finger sieht, wenn es an die Dopingkontrollen bei den großen Sportereignissen geht. Sondern dass in großem Stil, auf politische Veranlassung hin und mit wissenschaftlichem Ehrgeiz die Sportwelt vorsätzlich hintergangen wird. Doping als sportpolitische Staatsräson.
Vergrößern wie die Brennweite unserer Optik. Doping ist im Turniersport strafbar, im Fitnesscenter um die Ecke nicht. Da ist es nur gesundheitsschädlich. Aber die Aussicht, mehr zu können, als man kann, und mehr zu schaffen, als möglich ist, beseelt eine ganze Zivilisation. Eine ganze Industrie hält diese Aussicht hoch und verkauft sie als einen halbwegs mach- und beschreitbaren Weg zum persönlichen Glück. 

Geht es um Sachgegenstände, nennt man diesen Vorgang „tunen“, im Kern auch eine Leistungsverstärkung, die durch Zuhilfenahme von entsprechenden Teilen, Geräten oder Verfahren erzielt werden kann. Wenn es nicht um Leistung geht, sondern um Schönheit, Ansehnlichkeit, Angesagtheit oder andere eher im weichen Kompetenzbereich des Lebens angesiedelte Parameter, findet sich das neudeutsche Wort „pimpen“. Nicht zu verwechseln mit dem unanständigen Nachbarn „pimpern“, auch wenn die Wurzel beider Worte in eine anrüchige Richtung weisen. „Pimp my irgendwas“ heißt so viel: motz es auf, mach es krass, lass es etwas herzeigen.

Dopen, pimpen, tunen – Dasein und Sosein reichen nicht. Auch Üben und Trainieren reichen nicht. Es müssen andere als nur Bordmittel her, um das erträumte oder vermeintlich notwendige Ergebnis der Lebensperformance zu erreichen. Die eingegangenen Risiken, sie seien technischer oder gesundheitlicher Natur, gehören zum Steigerungsgeschäft, sind sozusagen das Kleingedruckte im ungeschriebenen Optimierungsvertrag.
Kein moralischer Einspruch an dieser Stelle. Die Übergange zwischen Training und Doping sind allemal fließend. Aber sich ein einigermaßen verlässliches Empfinden dafür zu bewahren, dass die geschaffenen Dinge auch schon als solche eine gute Qualität haben können, gehört zu den geistlichen Grundübungen modernen Glaubens.

Apropos: es gibt auch so etwas wie spirituelles Doping. Wenn man Erfahrungen erzeugen möchte, die einem nicht geschenkt werden.

Helmut Aßmann


Pfingsten

17. Mai 2016

Das vorletzte Christusfest des Jahres ist Pfingsten. Danach kommt nur noch Trinitatis, und dann wird die lange Sommerpause der Zählsonntage eröffnet. Mit allerlei kuriosen Sonntagswidmungen, vom Männersonntag bis zum Volkstrauertag. Das klingt ein wenig herablassend, aber Vorsicht: Pfingsten ist im Grunde auch nur ein Zählbegriff. Durch wenigstens zwei Lautverschiebungen ist aus dem griechischen „Pentecoste“ das deutsche „Pfingsten“ geworden, also schlicht und ergreifend der 50. Tag. Das deutsche Adjektiv „pfingstlich“ ist deswegen so gut wie nicht übersetzbar, denn was soll man mit einem „fünfziglich“ schon anfangen? Diese eher einfallslose Bezeichnung für ein christliches Hochfest in der Würde zweier gesetzlicher Festtage stammt schon aus dem jüdischen Zusammenhang: Schawuot, das „Wochenfest“, heißt eigentlich auch nur „Sieben“, nämlich sieben Wochen nach dem Pessach – Fest. Inhaltlich ist es ein Gedenken an die zweite Überreichung der Tora an das Volk Israels (die erste Überreichung hatte durch die Sache mit dem Goldenen Stierbild und die Zornesaufwallungen des Mose ja bekanntlich eine unerfreuliche Wendung genommen). Begangen wurde bzw. wird es wesentlich als ein Erntefest. 

Interessant, dass sowohl das jüdische Wochenfest als auch das christliche Pfingsten von Empfangsereignissen handeln, aber keinerlei Spur davon in der Bezeichnung mit sich führen. Dabei sind die Tora ebenso wie der Heilige Geist die zentralen Inspirationsgrößen für die jüdische und die christliche Tradition, also kein theologischer Beifang. Aber eine markige Nomenklatur haben sie nicht abbekommen. Stattdessen: simple Zahlen. Fünfzig bzw. sieben. Keine gestalterische Mühe im Begriff zu erkennen.

Es wird damit zu tun haben, dass es sich nur um abgeleitete Feste handelt. Hüben wie drüben. Tatsächlich ist es so, denn die eigentlichen Ursprungsereignisse des jüdischen wie des christlichen Glaubens liegen eben an Ostern bzw. Pessach: der Exodus aus Ägypten und die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Damit beginnt alles. Und das bedeutet im Grunde auch alles. Pfingsten und Schawuot kommen erst danach, sind sozusagen liturgisch-festliche Kollateraleffekte. Sie leben denn auch nicht aus sich, sondern von ihren Ursprüngen her. Das macht sie nicht zweitrangig, aber gibt ihnen einen Sinn, den man nicht von irgendwoher nehmen muß.

Helmut Aßmann


Satire

12. april 2016

Für viele Beteiligte ist Jan Böhmermanns Schmähkritik – Nummer wahrscheinlich ein willkommener Ausritt in ein Land ohne unmittelbare Kriegsgefahr, ohne Parteiengezänk. Das hat auf verdrehte Weise irgendwie etwas mit Geist zu tun, mit interessanten und verzwickten Fragestellungen, die von den üblichen lautstarken Gepolter von Machtgesten und Kampfansagen deutlich abstechen. Gewiss, der Text dieses Gedichts ist geschmacklos, widerlich, ehrabschneidend und indiskutabel – und in dieser Qualität hat ihn der türkische Präsident ja auch vollkommen zu Recht und punktgenau verstanden. Aber immerhin: der Hinweis, dass das, was jetzt kommt, in Deutschland verboten ist, hält alle eilfertige Bewertung gleich am Anfang auf. Das ist wie der berühmte Satz in einem ansonsten leeren Buch auf Seite 27: der Satz auf Seite 27 ist falsch. Was aber damit anfangen? Solche hermeneutischen Tanzfiguren haben trotz ihrer Finessen auch etwas Lächerliches angesichts von Millionen Flüchtlingen, um die es im Hintergrund immer wieder geht.

Mich beeindruckt die Kaltschnäuzigkeit, mit der ein Satiriker (oder wie immer man die angemessene Berufsbezeichnung wählt) mitten in einer hochexplosiven politischen Situation Feuer an eine ungesicherte Lunte legt. Ist das ein geistesgegenwärtiges Verdichten einer ethisch fragwürdigen Situation, in der sich die EU von einem außerordentlich zwielichtigen Partner an der Nase herumführen läßt? Handelt es sich um ein politpsychologisches Experiment, um die Unterströmungen eines aufgeregten Gemeinwesens ansichtig zu machen? Ist es womöglich nur eine eitle Maßnahme, um auf dem Altar der eigenen Gescheitheit ein immerhin kontinentalpolitisches Großprojekt zu opfern?

Gesetzt den Fall, die Türkei verbindet ihren EU – Deal mit der Forderung nach strafrechtlichen Konsequenzen: wer ist dann der Verantwortliche für die ins Haus stehende Verwerfung? Überhaupt: spielt Verantwortung eine Rolle in diesem merkwürdigen Keifspektakel? Die alten Schriften raten nicht umsonst: „Laß deiner Worte wenig sein“. Nicht weil es so schwer wäre, welche zu finden, sondern weil die Wirkung der Worte auf den zurückfällt, der sie in die Welt gesetzt hat.

Helmut Aßmann


Karwoche

23. märz 2016

Wann immer ein neuer Bombenanschlag vermeldet wird, gerate ich zusehends in eine Verlegenheit. Auf der einen Seite die Trauer, das Erschrecken, das Mitleid mit den Opfern. Immer wieder. Aber irgendwie auch immer routinierter. Auf der anderen Seite ein sich verdichtender Argwohn gegenüber Menschen, die aus Ländern kommen oder zu kommen scheinen, in denen der islamistische Terror seinen Ausgang genommen hat. Obwohl ich das nicht will. Und dann gibt es noch ein Moment, das mich überrascht: Langeweile. Die Bomberei in der Welt hat etwas Langweiliges, Schablonenhaftes, Reflexartiges bekommen, ebenso wie die Beteuerungen der politischen Klasse, dass man sich dadurch natürlich nicht beeindrucken lasse. Immer dieselben Pressekonferenzen, immer dieselben Worte, nur die Köpfe sind austauschbar. Es ist so simpel und einfallslos, immer nur zu zerstören. Zerstörungsphantasien zu zügeln, ist üblicherweise eigentlich ein Ergebnis gelungener Sozialisation. Und es ist hinwiederum auch ganz falsch zu behaupten, dass man davon unbeeindruckt wäre. Das Gegenteil ist ja der Fall. Bei einem vollen Bahnhof schaue ich durchaus genauer hin seit einigen Jahren. Mit wachsender Intensität. Die destruktive Wirkung der schlimmen Verbrechen ist doch allüberall zu beobachten, und in der Haut der Polizisten und Ordnungskräfte möchte gewiss kein Mensch gerne stecken. Ja, die schöne neue globalisierte Welt zeigt ihr hässliches Schattengesicht; und es wird deutlich, dass wir damit werden leben müssen.

Was mich trotz allen widerlichen Terrors dennoch beglückt: das Kaputtmachen ist am Ende ermüdend, einfallslos und abstoßend – bei aller spontanen Euphorie, die das bringen mag. Am Ende gibt es immer nur Trümmer und Tote. Aber etwas zu bauen und aus dem Nichts ins Sein zu bringen, ist die bessere und menschlichere, weil göttliche Form des Lebens. Deswegen wird die Karwoche auch mit Ostern beendet. Das ist ein ewiger Vorgang.

Helmut Aßmann


Callcenter

14. märz 2016

Ein Callcenter ist, wenn einem wo nicht weitergeholfen wird, obwohl genau das nach der Geschäftsankündigung eigentlich passieren sollte. Anruf, Warteschleife, der Hinweis, dass zu Auswertungszwecken das Gespräch möglicherweise aufgezeichnet werden könnte, dämliche Musik und dann: Warten. Wenn es schlimm kommt, immer mal wieder unterbrochen durch den Hinweis, dass man jetzt gleich dran wäre, einen Augenblick noch… Die armen Würstchen am anderen Ende, also im Callcenter, wo immer sich das physisch befindet, müssen den Stau gesammelter Verzweiflung, Frustration und Zorneswallungen in Empfang nehmen, falls es unerwartet doch zu einem Realkontakt kommen sollte. Die Armen. Ich frage in der Regel zuerst, wenn sich tatsächlich jemand meldet: „Sind Sie ein Mensch oder eine Maschine?“ Die Antworten fallen verständlicherweise ziemlich unterschiedlich aus. Erst spät habe ich begriffen, dass diese Einrichtungen ja nicht umsonst „Callcenter“ heißen und nicht „Auskunftei“ oder „Helpdesk“. Sie sind sprichwörtlich Zentren, in denen Anrufe auflaufen. Die Erwartung, dass im Ergebnis auch eine Antwort erfolgt, ist zwar naheliegend, aber nicht zwingend. Bei Callcentern soll man anrufen. Was dann passiert, ist Sache der Callcenterbetreiber, nicht der Nutzer. Seitdem ich das verstanden habe, wird mir zwar noch immer nicht geholfen, aber ich kann mit den Mitarbeitern barmherziger umgehen. Sie haben Ventilfunktion für alles das, was man mit den Vertriebsstellen vor Ort nicht klären kann oder was – vermutlich nach uneingestandenem Interesse der Unternehmen – gar nicht klären soll. Eine Neuanschaffung wäre ohnehin viel praktischer und besser für die Konjunktur. Callcenter sind Kommunikationsverweigerungsmaschinen in der Gestalt von 24/7 – formatierten Kommunikationsangeboten. Das nenne ich eine gelungene Täuschung.

Helmut Aßmann


Löcher

08. märz 2016

Inzwischen gehören sie zum Alltagsbild: Hosen mit Löchern und Rissen, die nicht wegen Armut oder Kleidungsmangel getragen werden, sondern als ordentliche Kleidungsstücke gelten. Die Löcher vorzugsweise auf den Knien, aber gern auch an anderen, gelegentlich sogar indezenten Stellen. Gerne auch groß. Man muss das auch gar nicht mehr selber hineinschneiden wie unsereiner in Jugendzeiten; man kann die Dinger schon so misshandelt kaufen. Und neben den Löchern in den Hosen noch die in den Nasen, Ohren, Lippen und Augenbrauen, die sich einen festen Platz im Accessoirbestand aktueller Selbstinszenierung gesichert haben. Ich gebe zu, dass mir diese so massiv vorgetragene Löcherigkeit an Leib und Gewand immer wieder einmal Beschwer macht, gelegentlich schon beim Anschauen. Manches muß ja auch weh tun. Aber das ist gewiss das übliche Generationenfremdeln. Meine Mutter regte sich auch über meine ausgefransten Hosenbeine auf. 

Ungleich wohlwollender betrachte ich den so löcherig gesetzten Widerspruch zu den Hochglanzoberflächen und gewienerten Körperteilen, die uns in der alltagsgängigen Selbstoptimierungsindustrie vorgezaubert wird. All diese perfekten Körper, diese ans Limit gebrachten Ausstattungen von Autos, Computern, Kaffeemaschinen und 5-Klingen-Rasierern haben ja etwas Surreales bis Abstoßendes an sich. Da möchte man gelegentlich gern einmal den Lack zerkratzen, Salzwasser auf die Tastatur gießen oder die Wimperntusche verschmieren, nur um anzuzeigen, dass Perfektion das Gegenteil von Realität ist. Da kommen dann diese ramponierten Modeformate gerade recht, um einem verzweifelten Vollendungsdrang in aller Schnoddrigkeit und Ruhe vorzuführen, dass es auch mit Löchern, Rissen, Fetzen und Fransen ein richtig menschliches Leben gibt. Über Geschmack lässt sich streiten, über diesen Sachverhalt zum Glück nicht.

Helmut Aßmann


Genderei

23. februar 2016

Noch mal was zu den Geschlechtern. Das ist ja ein Dauerthema seit etlichen Jahren, von dem man nie weiß, ab wann es hinreichend bearbeitet worden ist. Früher dachte ich, das wäre der Fall, wenn die Gleichberechtigung in Gehalt, Recht und beruflicher Anerkennung erreicht ist. Inzwischen geht es um mehr: um die Abschaffung der Geschlechter überhaupt. Auf dem Hintergrund der durchaus problematischen These, dass das Geschlecht nur eine soziale Konstruktion, eine Zuschreibung der Umwelt sei. Aber selbst das wird nicht das Ende sein. Denn nach der Abschaffung der Geschlechter steht zwangsläufig die Abgrenzung zum Tier auf der Agenda: ist schon unbestimmt, was für eine Sorte Mensch wir sind, dann allein wegen des Genmaterials noch viel mehr, ob wir überhaupt eine eigene Gattung Lebewesen darstellen. In der Folge wird dann die Frage sein, ob es gerechtfertigt ist, einen Unterschied zwischen Lebewesen und nichtlebendigen Daseinsformaten zu machen. Bei Viren etwa ist man sich da ja bekanntlich schon heute nicht sicher. 

Die Einziehung von Unterschieden ist aber immer eine problematische Sache. Zum einen wird durch eine Begriffsumwandlung nichts in der Sache verändert. Zum anderen werden die Spannungen, die an den Unterschieden entstehen, verdeckt statt gelöst. Und schließlich sind unterschiedslose Systeme langweilig, was ihren Erlebnisreichtum angeht: das trifft auch Hochdruckgebiete genauso zu wie auf Planktonkolonien, Fichtenschonungen oder Nordkorea. In Mitteleuropa gibt es etwa sechzig verschiedene Birkenarten. Die auseinanderzuhalten und sich mit dem Reichtum ihrer Eigenarten zu beschäftigen, ist eine befriedigende Aufgabe. Warum sollten wir uns damit begnügen, dass es am Ende nur den Containerbegriff Baum gibt, und zwar für alles, was einem bis über das Knie reicht? Aber ich bin eben ein Mann, sofern es das noch gibt…

Helmut Aßmann


Prediger

15. februar 2016

Die „heute – show“ gehört zu den Freitagabendterminen, die ich auf jeden Fall wahrzunehmen versuche. Vor allem wegen der Aussicht auf ein paar gelungene Lacher zur Ablenkung von den notorisch schlechten Nachrichtenkolonnen der restlichen Woche. Gelegentlich sind es Oberschenkelklatscher von psychotherapeutischer Wirkung. Was mich allerdings zusehends verwundert, sind die Predigteinlagen in den Comedy-Einlagen. Nicht das ich etwas gegen Predigten hätte, Gott bewahre! Aber ich erwarte sie dann doch an anderen Orten, von anderen Leuten und in anderen Formaten. Ein bisschen kenne ich mich da ja aus. Da wird also dem auf Nonsense oder gehobene Veralberung eingestellten Fernsehzuschauer immer mal wieder ein bierernster Ausflug in die moralische Landschaft der Gegenwart zugemutet; ohne Ankündigung! Wie man das etwa mit den Flüchtlingen zu sehen hätte. Wo da die Bösen, die Guten und die Doofen zu finden seien. Oder worauf es bei der Sicherheitspolitik so wirklich ankommt. Oder wie die Geldausschüttung im sozialpolitischen Bereich stattzufinden habe. Solche Sachen. Gern auch mit inquisitorischen Einlagen durch Reporterszenen. Echt unkomisch. Oliver Welkes Hirtenbrief zur laufenden Woche. Sozialpädagogik als Aufklärungscomic verkleidet. Anleitung zur Meinungsbildung für die, die den Kopf bislang nur als regendichten Halsabschluss genutzt haben. Find ich gut, solange erkennbar bleibt, dass das auch nur ein Teil der Comedy ist. Sonst wird’s churchy, selbst wenn kein Weihrauch oder Altar in der Nähe ist. Andererseits zeigt es an: ohne Pfaffen kommt offenbar selbst die Mediengesellschaft nicht aus. Einer fühlt sich immer berufen zu sagen, wo es langgeht. Eine gescheite Predigt ist schließlich gut fürs Volk. Aber dann bitte nicht als Comedy verstecken und so tun, als wär man‘s nicht gewesen.

Helmut Aßmann


Best practice

09. februar 2016

Gelegentlich bin ich über unaufgeforderte Ratschläge auf den „yellow press“ – Seiten des Internet ganz dankbar. Wie man eine ausgeflockte Sauce Hollandaise retten kann oder ausgenudelte Schraubenköpfe wieder gangbar macht, sowas. Das finde ich hilfreich. Man bekommt einen Rat, und gut ist. Zusehends Kopfzerbrechen dagegen machen mir die sogenannten „best practice“ – Verfahren, zu denen man beruflicherseits eingeladen wird, mit und ohne Internet. Zu irgendeinem Thema finden sich da Vorschlagskolonnen, wie das, was einer macht, noch besser werden kann. Natürlich aus der grundpositiven Überzeugung, dass auf diesem Wege ein Maximum an Knowhow aufgetürmt und allen Interessierten uneigennützig zur Verfügung gestellt wird. Ich kann mir nicht helfen: das Studium von best practice – Listen deprimiert mich. Aus gleich mehreren Gründen. Einerseits bedeutet die schiere Zahl derer, die mit meinem Problem besser klar zu kommen scheinen als ich, einen schweren Verlust an Selbstwertgefühl. Vielleicht ein Männerding, ich weiß es nicht. Zudem sind alle präsentierten Vorschläge am Ende doch nicht ganz genau passend. Irgendein blödes Detail sperrt sich, und viel Zeit geht dabei drauf, es herauszufinden. Drittens sind die Protagonisten dieser Lösungsvorschläge auch meistens andere Typen als ich. Die arbeiten anders; aber ich wollte ja nicht mich ändern, sondern nur ein Problem lösen. Viertens gibt es derweil so viele best practice Listen, dass ich den Eindruck habe, ich sollte am besten gar nichts mehr allein machen. Irgendwer ist ja immer besser. Als ich unlängst in einer einschlägig geplagten Runde vorsichtig diesem meinem Eindruck Ausdruck gab, setzte es stürmischen Beifall, nicht nur von Männern, Gott sei Dank. Ich plädiere hiermit also für die Inanspruchnahme eines guten Rates und klicke alle best practice Seiten von nun an kurzerhand weg. 

Helmut Aßmann


Körper

14. dezember 2015

In einem seiner hinreißenden „Körper“ – Gedichte stellt Robert Gernhardt die ebenso blödsinnige wie brisante Frage: „Wie weiß mein Körper, was ich tu?“ Weiß er es? Weiß ich es? Nur auf den ersten oberflächlichen Blick ist das eine lyrische Einlassung für poetische Gemüter mit meditativer Veranlagung oder Reimbedarf. Unser Körper schaut uns zu. Er spricht mit uns. Er teilt uns mit, wenn ihm etwas nicht gefällt. Durch Lust. Durch Schmerz. Durch Ekel. Ein paar Jahrhunderte lang haben wir gedacht, man könnte sich über diese körperlichen Meinungen und Ansagen hinwegsetzen. Ja, man müsste es geradezu. Schließlich sind wir die Träger des Bewusstseins, des Willens und der Ideen und nicht unser Körper. Da geht es um – identitätsphilosophisch  gesehen – nicht weniger als grundsätzliche, hoheitliche Angelegenheiten. Wir haben zudem herausgefunden, dass man ihn mit ein paar Substanzen und jeder Menge Technik sehr präzise hintergehen, außer Kraft setzen oder ins Belieben stellen kann, um uns von seinen Einreden und Gefühlsregungen zu befreien. Nach und nach finden wir aber auch heraus, dass er das übel nimmt. Genau genommen, nimmt er es nicht eigentlich übel, sondern lässt sich von unserer Willens-, Meinungs- und Bewusstseinsbildung einfach nicht beeindrucken. Er macht vielmehr mit unserem Leben unverdrossen seine eigenen Rechnungen auf. Etwa nach der alten Volksweisheit: wer nicht hören will, muss fühlen. So wird dann gelegentlich schmerzhaft deutlich, dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern auch ein Körper sind. Mehr noch, dass unser Bewusstsein, Willen und Gedanke selbst auch von körperlicher Verfassung sind. Wer ist aber der Körper? Nun, wir selbst natürlich. Aber offenkundig nicht ausschließlich. Irgendwie sind wir nicht allein mit uns, wenn wir allein sind. Ich finde das tröstlich.

Helmut Aßmann


Drohnen

30. november 2015

Sonntagnachmittag, Michaeliskirche: ein hornissenähnliches Gebrumm füllt die Luft. Ein erster Blick an den Himmel macht die Ursache offenkundig: zwei grüne Punkte, vier kleine Propeller, ein quadratisches Flugobjekt und ein Flugoffizier am Boden, der mit halboffenem Mund und Blick nach oben vor einigen Zuschauern seine Steuerkünste zeigt. Immer an der Kirche entlang, hoch und runter, hin und her. Eine Drohne und ihre Leitstelle. Männerfunkspielzeuge eben. Beim Elektrogroßmarkt schon für vierzig Euro zu haben, mit Kamerabeschickung entsprechend mehr. In diesem Augenblick wünschte ich mir eine Zwille und das Können, auf größere Entfernung gut treffen zu können. Damit man mich im Erfolgsfalle nicht erwischt. Zugegeben, eine unziemliche Anmutung. Aber ich stelle mir eben vor, dass solch ein Drahtquadrat irgendwo herumfliegt, Fotos macht, Leute stört, Grenzen missachtet, und das alles ohne Erlaubnis derer, die da umbrummt, überflogen und abgefilmt werden. Da ich keine Gardinen mag, ist das ein echter Vorbehalt.

Drohnen sind ja, dem Namen nach, relativ unglückliche männliche Hautflügler, die nicht nur nicht ordentlich arbeiten können, sondern nach der Begattung der Königin auch noch umgehdn ihres Lebens verlustig gehen. Oder aber, falls sie gar nicht zum Akt gekommen sind, von den Bienen erbarmungslos beseitigt werden. Dann krabbeln sie noch ein bisschen unbeholfen herum und verenden schließlich. Also, das mit der Zwille gehört sich natürlich nicht. Aber ich wünsche all diesen Spaßdrohnen, die den ohnehin überbevölkerten Luftraum mit ihrem Gelärm auch noch akustisch verunstalten, ehrlich gesagt, ein Schicksal, das ihren Namensgebern angemessene Reverenz erweist. Und ihre todbringenden großen Brüder, die sich ja großer militärischer Beliebtheit erfreuen, können meinethalben gleich mit auf dem Boden der ungedeihlichen Zivilisationserzeugnisse ihr Ende finden.

Helmut Aßmann


Voyeur

23. november 2015

Das Blaulicht sehe ich von weitem, den Autostau dahinter ahne ich eher. Zum Glück auf der Gegenfahrbahn. Aber auch auf der eigenen Spur muss ich die Geschwindigkeit drosseln. Der Zuschauer wegen, die beim Vorbeifahren wenigstens grob mitbekommen wollen, was sich auf der anderen Seite an Schlimmem ereignet hat. Ein kurzer Beobachtungsstau, dann geht die Fahrt weiter, mit einem bemerkenswerten Gefühls- und Erinnerungspotpourri, das zwar rasch abklingt, aber einen betrachtenden Blick wert ist.
Dankbarkeit ist darin, dass es nicht einen selbst erwischt hat, aber auch, trivialerweise, dass der Stau auf der anderen Seite war. Ein leichter Schauder, wie schlimm es einem ergehen kann, wenn auf der Autobahn mir nichts dir nichts ein tragischer Augenblick das Leben auseinanderreißt. Ein gewisses Maß kaum eingestandener Sensationslust, die sowohl die Dankbarkeit, aber auch den Schauder verstärkt, und die die Geschichten befeuert, die man nach der Ankunft über die Fahrterlebnisse aufmerksamkeitsheischend erzählt. Gelegentlich eine gewisse Nachdenklichkeit darüber, wie zufällig das Leben einem mitspielt, und wie wenig Anrecht wir darauf haben, mit Leib und Leben gesund davonzukommen. Auch Scham stellt sich ein: ich fahre vorbei, lasse andere die mitunter schreckliche Aufräum- und Rettungsarbeit machen und denke manchmal nicht einmal mitleidig über die betroffenen Personen nach. Irgendwer wird schon zuständig sein – ich bin es gerade nicht. Das stimmt objektiv, ist aber trotzdem nicht einfach recht.
Am Ende, ganz am Ende verunfallt jeder. Dann ist die Szenerie so ähnlich, ob mit oder ohne Blaulicht. Einige machen sich dann an uns zu schaffen und tragen Sorge, dass es uns den Umständen entsprechend gut geht. Die anderen warten, bis es alles erledigt ist und fahren dann wieder ihrer Wege, die Ferneren stoppen kurz und erzählen vielleicht noch eine kleine Geschichte.

Helmut Aßmann


Lawine

18. november 2015

Finanzminister Schäuble hat das Wort von der schneeigen Naturkatastrophe als Metapher benutzt. Als Metapher für den Strom von Flüchtlingen, der seit Monaten, inzwischen offenbar in Millionenzahl, die Grenze nach Deutschland passiert. Für die Verwendung dieses Wortes wird der Minister arg gescholten. Es sei eine Herabwürdigung der Menschen, um die es dabei in der Sache ginge. Schneebretter und  Menschenschicksale gehören nicht zusammengedacht, geschweige zusammengesagt.  Ich kann mir kaum vorstellen, dass es verächtlich gemeint war, aber man kann es so lesen.
Lassen wir den konkreten Anlass beiseite. Deutlich ist: Worte werden empfindlich in diesen besonderen Tagen. Und sie machen empfindlich. Ein Umstand, der in einer schnatternden und unaufhörlich vollgequasselten Welt aufmerken lässt. Dass Worte ein „Gewissen“ hätten, hat der Schriftsteller Elias Canetti einmal formuliert. Sie können schuldig werden oder unschuldig bleiben und tragen diese moralische Fracht dann immer mit sich herum. Wer sie verwendet, der muss darauf Rücksicht nehmen, wenn er so verstanden werden will, wie er zu sprechen beabsichtigt. Es ist nicht einerlei, welche Worte im Gespräch über Flüchtlinge, Migranten, Rechtsradikale oder ängstliche Menschen wir verwenden. Was wir sagen, wirkt nicht nur auf andere, sondern auch auf uns selbst. Es wirkt nicht nur, wenn die Hörer da sind, sondern auch dann, wenn wir sie abwesend meinen. Die Worte geben etwas von unserem Wesen an die Umwelt ab. Gut, wenn das kein Unwesen ist. Wenn aber Worte empfindlich sind und empfindlich machen, ist Vorsicht das Gebot der Stunde, um nicht ohne Not Schaden anzurichten. Das kann auch darin bestehen, andere vor unbedachten Äußerungen zu bewahren. Um der Worte, um der anderen und um unseretwillen. Wegen akuter Lawinengefahr.

Helmut Aßmann


Nahrungsmittel

10. november 2015

Ich bin kein Fachmann in dieser Sache. Nur Verbraucher. Aber ich finde es immer wieder bemerkenswert, dass beispielsweise die schlichte Zufuhr von Traubenzucker in Erschöpfungssituationen die Stimmung hebt, einen irgendwie beruhigt, ja, tatkräftiger macht, im umfänglichen Sinne des Wortes. Also keine Witzchen oder die Lektüre von Motivationstexten helfen weiter, sondern einfach der Stoff, Glukose. Und schon geht es einem besser, wenigstens ein wenig. Ein Schluck Kaffee befördert die Aufmerksamkeit. Die Aufnahme von Alkohol verursacht, sagen wir, einigermaßen komplexe geistige Reaktionen. Kurzum: Die Stoffe, die wir da zu uns nehmen, verändern unseren Seelenzustand, unsere Gemütslage, unsere geistige Verfassung. Was doch wohl bedeutet: so ein ganz normaler Mensch ist ein höchst merkwürdiges biochemisches Aggregat, das aus Materie Bewusstsein macht, aus Chemie so etwas wie Geist hervorbringt und die Nährstoffe in Seelenformate umprägt. Man trinkt Wasser und erzeugt Gedanken, isst Brot und schafft Lebensmut, verspeist einen Apfel und bekommt Einsichten. Kein Wunder also, dass alle Kulturen darauf gekommen sind, dass Ernährung etwas mit der mentalen Form des Lebewesens Mensch zu tun hat, und zwar in einem sehr grundsätzlichen Sinn. Es geht nicht nur um ein paar Nährstoffe, damit die Maschine läuft, die wir unseren Körper nennen. Diesen Irrtum sind wir gerade zum Glück dabei, zivilisatorisch abzustreifen. Man kann das merkwürdige Urteil der WHO auch einmal in dieser Hinsicht durchaus wertschätzen. Es ist vielmehr so: Wir essen und trinken mit unseren Nahrungsmitteln stets auch die Rohstoffe unserres Bewusstseins. Diese Rohstoffe können hochwertig sein, und es kann sich um Plunder handeln. Es ist eben nicht nur eine Frage des Geschmacks oder des Preises, sondern des Selbstbewusstseins, was wir uns einverleiben.

Helmut Aßmann


Gebet

02. november 2015

Navid Kermani, diesjähriger Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, hat seine Festrede in der Frankfurter Paulskirche mit einer erstaunlichen Geste beendet: er rief alle Anwesenden dazu auf, zu beten, für Pater Jacques Mourad, Paolo dall’Olgio und die verschleppten Christen oder, falls einer nicht beten mochte, den Frieden in Syrien und den Irak zu wünschen. Dass er in seiner Rede mehr oder minder unverschleiert die militärische Option zur Beendigung der Terrorszenarien im Nahen Osten befürwortet hat, war schon bemerkenswert genug. Aber als zum Ende sich alle Anwesenden, Christen, Muslime und Nichtmusikalische in Sachen Religion auf seine Bitte hin erhoben, war das doch mehr als ein feierliches Accessoire in dieser erlauchten Umgebung. Hätte sich irgendein bekennender Christenmensch als Preisträger, sagen wir Heiner Geißler oder Norbert Lammert, zu dieser Anwandlung verstiegen, was wäre dann geschehen? Er hätte sich den Vorwurf eingehandelt, die Trennung von Politik und Religion als Ergebnis einer jahrhundertelangen europäischen Kraftanstrengung auf dem Altar einer billigen Schlagzeile geopfert zu haben. Erstaunlicherweise nicht bei Kermani. Immerhin, die Süddeutsche Zeitung hat energisch gegen diesen Akt protestiert. Ansonsten allenthalben große Betroffenheit. Natürlich, Kermani hat die Anwesenden mit Bedacht und Vorsatz überrumpelt. Dafür mag man ihn schelten. Politisch korrekt war das nicht. Aber er hat dafür etwas viel Eindrücklicheres fertiggebracht: er hat einen weithin als politisch rubrizierten Konflikt in seiner religiösen Tiefe dadurch kenntlich gemacht. Beim IS geht es nicht nur um Öl oder Macht. Und deswegen fordert der Konflikt nicht nur Diplomatie, sondern auch ein Bekenntnis. Das öffentlich zu inszenieren, ist groß. Und bedeutsam: Am Ende jedes ernsthaften Konfliktes gilt es sich zu bekennen – oder zu gehen. 

Helmut Aßmann


Wunder

06. oktober 2015

Ich finde es überaus bemerkenswert: auf der einen Seite finden Parteien, Feuerwehren und Sportvereine seit Jahren keinen Nachwuchs in den ehrenamtlichen Funktionen, auf der anderen Seite läuft seit vielen Monaten in diesem Land ein unfassbares Engagement in der Flüchtlingsarbeit auf. Dass auch das irgendwann auch seine Grenzen hat, ist klar. Alles hat Grenzen, mit Ausnahme der Liebe, der Sünde und der natürlichen Zahlen. Aber dieser Gesellschaft wurde ja in immer neuen Statistiken attestiert, wie sehr sie kälter, rücksichtsloser, egoistischer und überhaupt irgendwie unmenschlicher geworden ist. Ich habe das immer ein bisschen geglaubt, und in der Zeitung stehen ja auch allenthalben entsprechend missliche Dinge. Und nun – man reibt sich die Augen – brummt das ganze Land vor hingebungsvoller Zuwendung zu den ankommenden Menschen aus aller Herren Länder. Das hätte kaum einer uns Deutschen zugetraut, und wir uns selbst vermutlich am allerwenigsten. 

Was geht da vor? Vielleicht wird hier eine Möglichkeit gesehen, sich wirklich nützlich zu machen, als Mensch, und nicht nur in vorsortierten Handlungsoptionen seinen Dienst zu schieben. Es kann auch sein, dass der Zusammenhang zwischen menschlich sein und glücklich sein konkret entdeckt wird. Vielleicht handelt es sich gar um einen Ausbruch von humanitärer Leidenschaft, weil sonst immer nur professionalitätsgesteuerte Wohlfahrtskonzerne in Sachen Nächstenliebe das Sagen haben und die nur nach unserem Geld, aber nicht nach unseren Herzen fragen. Von Angesicht zu Angesicht einem anderen Menschen zu Diensten zu sein, ist ein Bedürfnis, das ebenso in uns steckt, wie die Versuchung, alles auf sich zu beziehen. Das ist, neben der nach wie vor betrüblichen Ebbe in den anderen ehrenamtlichen Tätigkeitsfeldern, ein kleines Wunderzeichen gegen den Untergang des Abendlandes.

Helmut Aßmann


Leben als Option

25. september 2015

Die Amerikanerin Brittany Maynard hat sich im Alter von 29 Jahren angesichts eines aggressiven Hirntumors, der sie über kurz oder lang umbringen würde, im Kreise ihrer Familie – so berichten es die Medien – das Leben genommen. „Der Wert des Lebens besteht darin, dafür zu sorgen, nichts zu verpassen. Nutze den Tag! Was ist dir wichtig? Folge dem – und vergiss den Rest“ – so ihre programmatischen Worte zum „People Magazine“. Ich kann das nachvollziehen. Dem Leben seine guten Seiten abgewinnen, es dankbar in Empfang nehmen und ihm dann, wenn alles aussichts- und sinnlos wird, in Würde Lebewohl sagen. Als Akt einer letzten Selbstbestimmung. Die Anteilnahme vieler Menschen an ihrem Geschick zeigt, wie sehr auch sie an dieser Frage arbeiten. Das längere Leben, das uns durch Medizin und Wohlstand vergönnt ist, bringt diese Frage auch als sozialpolitisches Problem mit unerhörter Dringlichkeit nach vorn.
Andererseits: wer weiß schon, was das Leben ist? Und wer bestimmt, ab wann und für wen ein Leben lebenswert und sinnvoll ist? Wir bekommen unser Leben geschenkt, wir erarbeiten es uns ja nicht. Und was ist mit den anderen; wir leben ja nicht allein? Vor allem: ist das, was ich als perspektivisch sinnvoll und als menschlich erfüllend ansehe, wirklich schon identisch mit dem, was das Leben für mich als Botschaft und Lebenserfahrung bereithält? Dazu kennen wir es eben zu wenig. Ich weiß, ich habe derzeit gut reden – derzeit keine schwerwiegenden Diagnosen. Außer der einen, die wir alle haben.
Mein Unbehagen ist dies: ich glaube nicht, dass wir das Leben „nutzen“ sollten wie irgendeine Dienstleistung. Also: viel erlebt, gut gelebt. Der Philosoph Arthur Schopenhauer meinte dazu trocken, es ginge vor allem darum, das Leben zu bestehen. Ehrlich gesagt, das halte ich für lebensnäher. 

Helmut Aßmann


200 Moscheen

14. september 2015

Der Focus und andere Quellen haben berichtet, dass Saudi-Arabien bereit sei, für die Flüchtlinge in Deutschland zweihundert neue Moscheen zu finanzieren. Das ist eine interessante Meldung, selbst wenn sie nicht stimmt. Denn dass die arabischen Ölstaaten in der ganzen Welt massenhaft Gotteshäuser und Infrastruktur bauen lassen, um den dort ansässigen muslimischen Gemeinden unter die Arme zu greifen, ist seit langem gängige Praxis. Insofern würde es sich nur um eine bislang in dieser Größenordnung in Deutschland nicht bekannte Investition handeln. Die Meldung rief aber prompt die politischen Schatzmeister auf den Plan. Mit dem moralischen Allwetterargument, dass man dieses Geld doch auch direkt und viel sachgemäßer als Unterstützung für die Arbeit an den Flüchtlingen in Europa verwenden könnte. So ähnlich hatte schon Judas argumentiert, als eine Frau die Füße des Gottessohnes zwar voller Hingabe, aber unziemlicherweise mit kostbarem Parfum übergoss: man könnte das Geld für den Duft doch den Armen geben. Also auch hier der Verschwendungsvorwurf. Das ist aber ein dummer Einwand, damals wie heute. Denn wenn einem etwas wertvoll ist, macht einen das – Gott sei Dank! – freigebig und großzügig, aber nicht vernünftig. Den Ölstaaten ist eben die Religion wichtig, deswegen bieten sie Moscheen an, keine Kinderspielzeuge oder Winterdecken. Damit servieren sie dem säkularisierten und glaubensfremdelnden Westen eine Sicht der Dinge, die dieser unangebrachterweise für unangebracht hält: Religion ist kein beliebiges Freizeithobby, sondern der zentrale Ort der Selbstvergewisserung. Das sollte man ernst nehmen. Sowohl für die Verständigung als auch für die Auseinandersetzung. Übrigens ist auch die sagenhafte Hilfsbereitschaft in Deutschland religiösen Ursprungs: man findet ihren Grund im dritten Buch Mose, in der jüdischen Bibel. Es wird wichtig werden, auf diese Zusammenhänge wieder aufmerksam zu achten.

Helmut Aßmann


Pack

08. september 2015

Das markige Wort aus dem Mund des Vizekanzlers zu den Vorkommnissen in Heidenau (und inzwischen betrüblicherweise auch in unserer unmittelbaren Umgebung) ist nur allzu nachvollziehbar. Und manchmal gehört ja auch auf einen groben Klotz ein grober Keil. Aber die Sache ist hinterhältig. Flugs haben sich die Gescholtenen nämlich ihren eigenen Reim daraus gemacht: „Wir sind das Pack!“ – so lautet nun die umgehende Replik. Eine höchst denkwürdige Verbindung zwischen der leuchtendsten politischen Zeit des geteilten Deutschland und den finstersten Weltanschauungsverirrungen unserer nationalen Vergangenheit. Was da als ethische Ohrfeige lanciert war, wird nun unversehens als Auszeichnung verwertet. Das entmachtet nicht nur den moralischen Impuls, der in kumpelhafter Sprache verabreicht werden sollte, sondern interpretiert ihn als politische Auszeichnung. Das ist zwar geschmacklos, aber intelligent. Auch Pack hat Stolz.
Eine markig servierte Moral ist eben keine gute Waffe, wenn sie als persönliche Attacke eingesetzt wird, weil sie statt der Meinungen oder Handlungen die Menschen herabsetzt, die hinter ihnen stehen. Gegen Meinungen zu Felde zu ziehen, ist das eine, Menschen als Idioten abzuqualifizieren, ist etwas anderes. Das mag bei Stammtischdiskussionen noch angehen, in öffentlichen Auftritten ist das gefährlich. Das feine Gespür, das uns Streit in der Sache von Beleidigungen der Person zu unterscheiden lehrt, ist beim Pack genauso reaktionsfreudig wie bei den anderen. Niemand lässt es sich ohne Widerstand bieten, herabgewürdigt zu werden. Die Mühe, die Logik in den verquasten Parolen zu begreifen, die gegen Flüchtlinge, Asylsuchende und die vielen Helfer im Land aufgebracht werden, bleibt einem nicht erspart. Diese Logik aber zu entmachten ist hilfreicher als ihre Vertreter zu beschimpfen.

Helmut Aßmann


Gipfelgarantie

10. august 2015

Eine Bergführerin, die rund um die Welt in den Hochgebirgen mit anderen Leuten unterwegs ist, berichtete mir unlängst von einem besonders ambitionierten Adventure-Reiseanbieter. Der gab für seine Kunden bei einer Kilimandscharo-Besteigung eine sogenannte „Gipfelgarantie“. Mit anderen Worten: bei mir kommt jeder hinauf, egal wie. Sollte es unvorhergesehenerweise aber, wider alle Erwartungen und Bemühungen, doch nicht klappen, gibt es eben das Geld zurück. Voraussetzung für das Erreichen des Gipfels ist weder die gesundheitliche oder psychische Verfassung noch sind es die Witterungsbedingungen oder regionalpolitische Unwägbarkeiten, sondern allein die Entrichtung der Gebühren für die gipfelgarantierte Erstürmung des höchsten Berges in Afrika. Alle Risiken und Nebenwirkungen gehen auf das Konto des Reiseanbieters. Vorleistungen von Seiten des Kunden sind nicht zu erbringen.
Der Dienstleistungsgedanke erreicht hier seinerseits einen Gipfelpunkt. Einem Nichts an Eigenleistung steht ein Maximum an Verpflichtung gegenüber. Genauer formuliert: die Eigenleistung besteht allein in der Begleichung einer Rechnung. Der Deal lautet: ich gebe dir Geld, und du vermittelst mir die Erfahrung, die ich haben möchte. Erfüllungsgarantie eingeschlossen. Dieses Geschäft funktioniert gut, wie die vollen Auftragsbücher der Reiseagenturen zeigen. Dass allerdings damit ein Lebensmodell im weiteren Sinn des Wortes vorliegen könnte, ist ein grandioser Irrtum. Lebenserfüllung ist gebunden an den persönlichen Einsatz. Ohne Anstrengung kein Gewinn. Und sie bleibt ein riskantes Unternehmen. Es kann auch schiefgehen. Der offene Ausgang ist merkwürdigerweise die Bedingung des Glücks. Anders formuliert: die Gipfelgarantie ist immer nur ein Geschäftsmodell und das Gegenteil eines Glücksversprechens.

Helmut Aßmann


Grenzen

05. august 2015

Das Dumme an den wichtigen Grenzen ist, dass man ihren genauen Verlauf erst dann bestimmen kann, wenn man sie überschritten hat. Das gilt für territoriale Grenzen genauso wie für Lebensgrenzen in Sachen Gesundheit, Nerven und Körperkraft. Hinzu kommt, dass Grenzverläufe keineswegs ein für allemal festgeschrieben sind. Sie ändern sich, je nach Training, Mode und Machtverhältnissen. Sie müssen dann jeweils neu justiert werden, und wieder geschieht das dadurch, dass man sich dem Risiko aussetzt, bei der Justierung grenzüberschreitend tätig zu werden. Das muss keine pathologischen Folgen haben, kann es aber. Zwischen Herzinfarkten und Schießbefehlen sind die Formen der Grenzbewehrung ausgesprochen vielfältig. Der neunmalschlaue Hinweis, man solle so leben, dass man seine eigenen Grenzen nicht überschreitet, ist wohlfeil. Er gehört in die Reihe der gutgemeinten, aber lebensfremden Weisheiten, die jede Generation an ihre Nachfolgerin in der Hoffnung weitergibt, dass das ein guter Ratschlag sein möchte, aber in der Ahnung, dass man besser den Mund gehalten hätte. Denn wie soll ein Mensch herausfinden, wo seine Möglichkeiten aufhören, wenn er sich nicht in solche Situationen begibt, in denen das spürbar der Fall ist? Und wie soll er den Horizont seines Vermögens hinausschieben und erweitern, wenn er nicht je und dann ergebnisoffen austestet, ob er die nächstmögliche Herausforderung tatsächlich zu meistern imstande ist? Man spricht neudeutsch an dieser Stelle gern von einer „challenge“, der man sich zu stellen habe. Das klingt nach irgendetwas Unterhaltsamem zwischen cool und modern. Aber Vorsicht: seine Grenzen findet man nur, wenn man riskiert, für diese Erkenntnis bitter zu bezahlen. Sicher, es geht auch ohne. Aber dann weiß man eben nicht, was drin gewesen wäre.

Helmut Aßmann


Sympathieverteilung

22. juli 2015

Nahverkehrsmittel sind Soziallabore. Wie Menschen sind, kann man am einfachsten im morgendlichen Berufsverkehr bei vollen Bussen und Zügen studieren. Die Jagd nach einem freien Platz etwa: zwischen feinem Florett und Augenkontakt auf der einen und grober Gewalt mit körperlicher Präsenz auf der anderen Seite ist alles anzutreffen. Oder die erzwungene Nähe: das Knie desjenigen, der mir gegenüber sitzt, wird dann für ein paar lange Minuten lang wirklich ein ernsthaftes Problem. Oder gerade nicht. Das hängt immer von denjenigen ab, die der Zufall da morgens zusammenschiebt. Ich frage mich immer, wer oder was in mir eigentlich bestimmt, ob und wie lange ich die Nähe eines unbekannten Körpers ertrage. Es geht jetzt nicht um die breitbeinigen Lümmel oder ungewaschenen Nachtschwärmer, deren schierer Anblick einen verdrießlich macht. Da kenne ich meine Gründe selbst. Aber dies Gefühl, sich in die Nähe des einen begeben zu wollen, aber in die Nähe der anderen nicht, ist bemerkenswert präzise und ebenso bemerkenswert undurchschaubar. Als wüsste jemand in mir, was gut für mich ist oder zu mir passt oder auch nur angenehm für den Augenblick ist. Aureatische Beziehungen nennen das die Esoteriker. Meinethalben aureatisch. Beziehung stimmt aber in jedem Fall. Manche Leute mag ich, und ich weiß nicht warum. Andere mag ich nicht aber ich weiß auch nicht warum. Die Gründe, die dich für diese Sympathieverteilung angebe, falls mich jemand dazu fragt, sind, wenn ich ehrlich bin, nachgeschoben. Das bedeutet wohl, dass irgendetwas eine Kontaktaufnahme vornimmt, bevor ich selber davon Wind, Geruch oder Bewusstsein bekomme. Und nicht nur das – eine Bewertung kommt auch noch dazu. Ob wir uns gegen diesen Sachverhalt wehren oder mit ihm zusammenarbeiten, entscheidet, glaube ich, in nicht geringem Maß über Glück und Unglück.

Helmut Aßmann


Alles geben!

16. juli 2015

„Gib alles!“, so lautet die vehemente und unterstützende Aufforderung, wenn das Spiel auf Messers Schneide steht, die Puste auf den letzten Metern knapp wird oder die Kraft für den letzten Wurf noch einmal zusammengekämpft werden muss. Alles geben, um das Ziel zu erreichen, den Sieg zu erringen oder wenigstens der drohenden Niederlage zu entgehen. Die Restlosigkeit der Anstrengung und die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst sind von heroischer Qualität. Das ist der Stoff, aus dem die ganz Großen gemacht sind. Wer in solchen Situationen Abstriche macht, halbherzig daherkommt oder mit Ablenkungen kokettiert, hat bereits verloren. Und seine Geschichte wird nach aller Wahrscheinlichkeit keine Siegergeschichte, sondern eine Allerweltsstory. „Gib alles!“ - dieser aus dem sportlichen Umfeld herausgelesene Imperativ hat eine bemerkenswerte gesellschaftliche Gesamtkarriere gemacht. Wer alles gibt, lässt sich nicht mehr irritieren durch Nebenbetätigungen oder schweifende Gedanken, sondern ist zielorientiert und raodmap-fixiert bis zum Schluss. Radikalität nennt man das, um eine etwas vertracktere Vokabel zu verwenden. Spricht man sie langsam aus, erscheinen sofort all die hässlichen Produkte ausgelebter Radikalität vor Augen, die politischen, moralischen oder militärischen. All diese „alles oder nichts“ , „jetzt oder nie“ oder „einmal und nie wieder“ Parolen von nah und fern. Wer alles gibt, hat selbst nichts mehr übrig. Weder für sich noch für andere. Das kann nicht richtig sein, so pathetisch sich das auch anfühlen mag. Vermutlich gilt das sogar im Sport.

Nein, alles zu geben, ist selten gut. Rest- oder Rücksichtslosigkeiten werfen üble menschliche Schatten. Es reicht ja meistens, wenn man das Richtige gibt. Oder das Passende. Oder nur das, was einer gerade braucht. 

Helmut Aßmann


Fahrtrichtung links!

30. juni 2015

In den Nahverkehrsmitteln in Stadt und Land hört man seit etlichen Jahren den pädagogischen Hinweis, auf welcher Seite man aussteigen soll, oder, bei nicht fahrplanmäßigem Halt, dass man eben gar nicht das Gefährt zu verlassen habe. Da in der Regel die jeweils anderen Türoptionen sowieso verriegelt sind, bleibt einem ja auch nichts anderes übrig, als gehorsam das zu tun, was die Computerstimme einem sagt. Es sei denn, um des antiautoritäten Völlegefühls willen fährt man weiter als geplant oder stürzt sich gewaltsam auf das Gegengleis. Soll es ja auch geben.
Hinter dieser belehrenden Grundgeste bei Bus, Bahn, Flugzeug (Schiff auch?) kann mehreres stecken. Vielleicht ein Überbleibsel sozialistischer Gesinnung, das man allen überall auch proaktiv zu ihrem Glück verhelfen müssen. Vielleicht auch die pessimistische Unterstellung, dass die meisten Menschen zu dämlich für einen sachgemäßen Ausstiegsvorgang sein könnten. Oder der Versuch einer – allerdings eher unbeholfenen – Kontaktaufnahme im Sinne wertschätzender Wahrnehmung der Fahrgäste seitens der Verkehrsträger. Am naheliegendsten ist freilich der versicherungspolitische Aspekt: es muss in einer sicherheitsbesoffenen Welt gewährleistet werden, dass jedweder anzunehmende Unfall ausschließlich auf die Unzulänglichkeiten der Passagiere zurückzuführen ist. Wie auch immer: dieser gutgemeinte oder auch hinterhältige Antrieb, den Menschen das Verkehrsleben leichter zu machen, einschließlich der kabarettreifen englischen Spracheinlagen in der Bahn, hat jedenfalls eine höchst unschönen Nebeneffekt: man muss keinen mehr fragen. Im autistischen Tunnel  der Transportmittel braucht man keinen Sozialkontakt. Die Steuerung erfolgt via Computerdirektion, Internetnavigation und Leuchtdiodenarchitektur. Es ist zum an der falschen Seite aus der Bahn springen …

Helmut Aßmann


Widersprüche

23. juni 2015

Quantentheorie und Relativitätstheorie: zwei physikalische Modelle, die Anfang des letzten Jahrhunderts die gesamte damalige Weltvorstellung über den Haufen warfen und ein neues Bild des Universums hervorbrachten. Beide Theorien, obwohl für den Laien kaum in zwei, drei Sätzen verständlich zu machen, sind immer wieder eindrucksvoll experimentell bestätigt worden. Sei es der Blick in die unendlichen Weiten des Himmels oder der in die Röhren und Targets der Teilchenbeschleuniger: Einstein und Heisenberg hatten Recht.
Merkwürdigerweise ist es aber nie gelungen, die beiden Theorien, die ja die Welt im ganz Großen und im ganz Kleinen beschrieben, zu einer einzigen zusammenzufassen. Selbst der legendäre Stephen Hawking hat das nicht möglich machen können. Die Widersprüche sind nicht aufzulösen. Nun mag einer sagen: noch nicht - irgendwann wird das schon gelingen. Vielleicht. Ich will darauf nicht spekulieren. Aber der Umstand, dass die makroskopische und die mikroskopische Sicht auf die Welt kein harmonisches, stimmiges Bild ergeben, ist nach meinem Dafürhalten mehr als nur ein wissenschaftliches Defizit. Es bildet sich darin möglicherweise eine Grundfigur des Daseins ab: die Dinge sind in ihrem Wesen widersprüchlich und nicht nur deshalb, weil wir sie nicht richtig verstanden haben. Widersprüche versuchen wir aufzulösen, wo immer sie sich zeigen. Mal mit Logik und Argumenten, mal mit Gewalt oder gelegentlich mit Ignoranz und Desinteresse. Wir tun das, weil es so schwer auszuhalten ist, wenn es nicht eine letzte, eigentliche, unwidersprüchliche Sicht der Dinge gibt. Es gibt Leute, die führen deswegen Krieg. Wenn das aber nun so ist? Nicht nur wegen unserer mangelnden Erkenntniskraft, sondern weil es sich einfach so verhält? Wenn das zutrifft, bestünde Weisheit darin, Widersprüche auszuhalten, nicht: sie aufzulösen.

Helmut Aßmann


Wahrheit und Wirklichkeit

17. juni 2015

Das christliche Mittelalter war davon überzeugt, dass die Wahrheit eine Realität ist. Mehr noch: Sie, die Wahrheit, ist die wirklichste aller Wirklichkeiten. Es liegt nahe, unter den heutigen Lebens- und Denkbedingungen die Sache mit der Wissenschaft genauso zu verstehen: Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind so etwas wie die Wahrheit der Wirklichkeit. Nicht umsonst werden Leute mit wissenschaftlichem Hintergrund und Knowhow immer dann voller Eifer und mit Aplomb aufgeboten, wenn es bei komplizierten Fragestellungen besonders glaubwürdig, gediegen und gesichert daherkommen soll. Aber die Sache ist leider verwickelter. Um es an Galileo Galilei, dem Erzvater der Wissenschaft zu versinnbildlichen: Galilei, der die Fallgesetze gefunden hat, hat sie selber nie gemessen. Er konnte gar kein Vakuum herstellen, in dem sie messtechnisch nachweisbar gewesen wären. Galilei hat sie sozusagen – genialerweise – erschlossen. Seine wissenschaftliche Wahrheit stimmte mit der normalen Wirklichkeit also nicht überein. Wenn man sich das einmal langsam durch den Kopf gehen lässt, wird es einem blümerant. Weil: Das ist immer so. Die wissenschaftlichen Gesetze sind Ideale, keine Wirklichkeit. Die Statistiken bieten uns Querschnitte dar, keine tatsächliche Realität. Die alten mittelalterlichen Theologen hatten das wahrscheinlich schon geahnt, denn für sie war ausgemacht, dass in einem strengen Sinn nur Gott Wahrheit und Wirklichkeit zugleich sein konnte. Auf Erden und unter menschlichen Bedingungen hingegen klafft zwischen Wahrheit und Wirklichkeit eine nie zu schließende Lücke. Was das mit dem normalen Leben zu tun haben soll, wird mancher fragen. Nun ja, man kann nicht realistisch und wahrhaftig zugleich sein. Das ist eine durchaus verstörende Nachricht, finde ich. In gutem Sinne.

Helmut Aßmann


Sympathieverteilung

12. juni 2015

Nahverkehrsmittel sind Soziallabore. Wie Menschen sind, kann man am einfachsten im morgendlichen Berufsverkehr bei vollen Bussen und Zügen studieren. Die Jagd nach einem freien Platz etwa: zwischen feinem Florett und Augenkontakt auf der einen und grober Gewalt mit körperlicher Präsenz auf der anderen Seite ist alles anzutreffen. Oder die erzwungene Nähe: das Knie desjenigen, der mir gegenüber sitzt, wird dann für ein paar lange Minuten lang wirklich ein ernsthaftes Problem. Oder gerade nicht. Das hängt immer von denjenigen ab, die der Zufall da morgens zusammenschiebt. Ich frage mich immer, wer oder was in mir eigentlich bestimmt, ob und wie lange ich die Nähe eines unbekannten Körpers ertrage. Es geht jetzt nicht um die breitbeinigen Lümmel oder ungewaschenen Nachtschwärmer, deren schierer Anblick einen verdrießlich macht. Da kenne ich meine Gründe selbst. Aber dies Gefühl, sich in die Nähe des einen begeben zu wollen, aber in die Nähe der anderen nicht, ist bemerkenswert präzise und ebenso bemerkenswert undurchschaubar. Als wüsste jemand in mir, was gut für mich ist oder zu mir passt oder auch nur angenehm für den Augenblick ist. Aureatische Beziehungen nennen das die Esoteriker. Meinethalben aureatisch. Beziehung stimmt aber in jedem Fall. Manche Leute mag ich, und ich weiß nicht warum. Andere mag ich nicht aber ich weiß auch nicht warum. Die Gründe, die dich für diese Sympathieverteilung angebe, falls mich jemand dazu fragt, sind, wenn ich ehrlich bin, nachgeschoben. Das bedeutet wohl, dass irgendetwas eine Kontaktaufnahme vornimmt, bevor ich selber davon Wind, Geruch oder Bewusstsein bekomme. Und nicht nur das – eine Bewertung kommt auch noch dazu. Ob wir uns gegen diesen Sachverhalt wehren oder mit ihm zusammenarbeiten, entscheidet, glaube ich, in nicht geringem Maß über Glück und Unglück.

Helmut Aßmann


Feste feiern

19. Mai 2015

Vergangenen Donnerstag, 40 Tage nach Ostern, fanden zwei Festtage statt: Christi Himmelfahrt für die einen, Vatertag für die anderen. Eine kleine Schnittmenge wird sogar beide Festtage unter einen Hut zu bringen wissen. Interessanterweise sind Mutter- wie Vatertag um dieselbe Zeit entstanden, so um die vorletzte Jahrhundertwende herum, der eine in den USA, der andere im Großraum Berlin – so sagen es die einschlägigen Kulturnachrichten. Dass der Vatertag auf den Himmelfahrtstag fällt, ist eher Zufall, weniger Programm. Die dem Vatertag volkstümlich zugeschriebene Funktion, eine Einführung in die höheren Weihen der Männlichkeit zu sein, hat jedenfalls mit der leiblichen Aufnahme Christi in den Himmel nichts Naheliegendes zu tun.
Was beide dennoch einträchtig zusammenhält, ist die relative Schwierigkeit der Feiernden, was die materiale Ausgestaltung dieses Festes angeht. Zwischen feste feiern und Feste feiern dehnt ja sich ein ganzes Universum von Möglichkeiten, die zur Verfügung gestellte freie Zeit zu gestalten. Gut, die Christen feiern Gottesdienst, vorzugsweise im Grünen, aber das hat mehr mit dem Status der Vegetation, weniger mit der Himmelfahrt oder dem Osterbezug zu tun. Aber immerhin. Die Vatertagsversammlungen konzentrieren sich meist auf die mehr oder weniger ästhetischen Rahmungen eines ansonsten inhaltlich eher anspruchslosen Brüllsaufens. Ausnahmen bestätigen die Regel. Als Mann bin ich verständlicherweise etwas zurückhaltend, dabei von den höheren Weihen der Männlichkeit zu sprechen.

Kurzum: Ein Fest zu feiern ist nicht so leicht. Essen und Trinken ist ja nur das eine. Die Restaufgabe, die Sache mit dem Gegenstand des Feierns, dem Sinn des freien Tages und der Form, seine freie Zeit zu verbringen, ohne zu arbeiten oder sich zu betäuben, ist eine hohe Kunst. Eine wichtige Kunst. Eine menschliche Kunst. 

Helmut Aßmann


Selbstoptimierung

11. Mai 2015

Soll ich bleiben, wie ich bin? Oder muss ich werden, was ich sein könnte? Zwischen diesen beiden Fragen und ihrer Beantwortung liegt das Elend des modernen Menschen auf seiner ewigen Suche nach sich selbst. Die Treue zum eigenen Wesen wird unter dem etwas ungefügen, aber imposanten Begriff „Authentizität“ geadelt. Zugleich wird aber verlangt, dass man alles das aus sich heraushole, was an Potential – wieder so ein Klotz von Vokabel – in einem vorhanden ist. Dummerweise kennt niemand sein eigenes Wesen genau oder kann das Maß seines Potentials angeben. Der moderne Mensch als eine Melange aus wesentlicher Stabilität und existentieller Dynamik – da finde sich nun einer zurecht … 

Es gibt drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Zwei verzweifelte und eine hemdsärmelige. Aber keine richtige. Die erste verzweifelte Möglichkeiten lautet: arbeite an dir, solange und so intensiv du kannst und versuche, dich maximal zu entwickeln. Da kommt man an kein vernünftiges Ende, fürchte ich, es ist niemals genug mit der Selbstoptimierung. Die zweite verzweifelte Möglichkeit geht so: lass dich von nichts und niemandem beeindrucken, sondern bleibe unter allen Umständen ganz bei und in dir selbst. Das ist aber auch kein vernünftiges Ziel, denn die Welt ist ja doch einen Tuck größer als die eigene Lebensspanne und –tiefe.  Bleibt die dritte, eher saloppe Möglichkeit: mach beides, so gut du kannst und soweit es geht, und gräme dich nicht, wenn das Ergebnis – auch langfristig – nur mittelhochtief ist. Da bist du immerhin in einer ausgesprochen großen Gesellschaft. Der Charme der dritten Möglichkeit besteht darin, dass man in Ruhe auch mal abhängen kann vom ambitionierten Selbstvollzug, ohne das wieder als Kreativpause zu verkasematuckeln. Am Anfang der biblischen Schöpfungsgeschichte steht immerhin, dass eigentlich alles ganz gut war, auch ohne Optimierungshype.

Helmut Aßmann


Löwenweisheit

27. april 2015

„Einem Löwen gibt man keine Befehle“ sagt ein altes ägyptisches Sprichwort. Hat man einmal einem echten Löwen gegenübergestanden, also einem mit Mähne und Afrika und so, ist das unmittelbar einleuchtend. So ein aufgerissenes Löwenmaul ist als solches ein beeindruckendes Argument. Da stellt man keine großen Fragen mehr. Nicht dass man das  nicht trotzdem machen könnte, also Befehle erteilen. Das geht schon. Das Dumme ist nur, dass die Befolgung der Befehle nicht von dem abhängt, der sie erteilt hat, sondern von dem Löwen. Der macht das so, wie er es macht, weil er es so macht, wie er es macht. Er ist eben der Platzhirsch, wenn ich diesen zoologischen Bruch einmal in Kauf nehmen darf, und es gibt niemanden, der Format und Macht hätte, ihm das streitig zu machen. Soweit zur Plausibilität der ägyptischen Weisheit.Nun wissen wir: Löwen lassen sich natürlich zähmen. Das beweist einem schließlich jeder Zirkus aufs Neue. Was kann man mit den Herren der Savanne nicht alles machen! Hat aber zwei kleine delikate Vorbehalte. Der erste: so ein gezähmter Löwe ist irgendwie nur so etwas wie eine aufgeblasene Hauskatze, die lediglich mehr Eindruck schindet als die Mieze von nebenan. Der zweite: die gelegentlich dann doch an- oder aufgefressenen Dompteure sind ein Warnhinweis dafür, dass Löwenzähmungen meistens nicht ohne ein Restrisiko zu haben sind. So ein – zahlenmäßig sehr seltener – löwenzähmungstechnischer Betriebsunfall ist die kleine Erinnerung daran, dass das real existierende Löwentum auch dann nicht erledigt ist, wenn bei Tausenden von Zirkusvorstellungen der Kopf des Dompteurs im Rachen des Löwen auf dem Hals geblieben ist.Die Dressur der uns umgebenden Welt erinnert mich immer wieder einmal an das ägyptische Sprichwort. Was können wir mit mir nicht alles machen! Die Welt tut, was wir Menschen wollen. Bis auf, wie beschrieben, die beiden Vorbehalte.

Helmut Aßmann


Beratungsbedarf

22. april 2015

Der moderne Mensch zeichnete sich über Generationen dadurch aus, dass er in der Lage war, selbständig, eigenverantwortlich und bewusst schwierige und folgenreiche Entscheidungen zu treffen. Das galt für die Leitung von Unternehmen ebenso wie für die Führung eines Sportvereins oder die Arbeit in einer Kirchengemeinde. Dieses Selbständigkeitsprinzip musste sich in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach einer besseren Einsicht fügen: der Notwendigkeit, bei allen Entscheidungen, die über die Komplexität der Frühstücksalternative Tee oder Kaffee hinausgehen, einen Berater hinzuzuziehen. Einen von außen, der nicht aus dem System stammt und die eigene Betriebsblindheit nicht teilt. Einen, der außer der verkehrsüblichen Gewinnspanne keine weiteren Interessen ins Feld führt. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass man seinen eigenen Lieblingsideen oder selbstgebauten Erfahrungswerten nicht auf den Leim geht. Stattdessen darf man sich dann sicher sein, den jeweils aktuellen Stand der einschlägigen Handlungsqualitäten einzukaufen. Wichtig ist für den Berater wie den Beratenen natürlich, dass die eigentlich in Rede stehende Entscheidung vom Kunden getroffen wird, damit der auch seinem Verantwortungsanspruch gerecht wird. Auf diese Weise bleibt das Gefühl der Freiheit als Elementarbedingung modernen Lebens wenigstens ansatzweise erhalten.
Nun weiß ich nicht genau, wie sinnvoll Stil- und Formberatung, Hochzeits- und Scheidungsberatung, Image- und PR – Beratung im Einzelfall sind. Manchmal habe ich den Eindruck, der eine oder andere gute Freund täte es vielleicht auch. Aber das ist wahrscheinlich eine Frage des Geldes. Warum ich aber meiner eigenen Intuition nicht mindestens ebensoviel zutrauen soll wie den Leuten „außerhalb“ des Systems, bleibt mir, ehrlich gesagt, nach wie vor ein Rätsel.

Helmut Aßmann


Karfreitagstanz

13. april 2015

Vor Ostern gab es wieder das Karfreitagstanzritual. Eine ziemlich lustige Sache, wenn sie für einen kurzen Spot in den Nachrichten gezeigt wird. In wechselnden Besetzungen versammelt sich vor Rathäusern oder auf vergleichbaren öffentlichen Plätzen eine Reihe von Menschen, um gegen das grund- und feiertagsgesetzlich festgeschriebene Tanzverbot zu demonstrieren. Unhörbare Musik dringt in die Ohren der Demonstranten, und sie bewegen sich mehr oder minder kontrolliert und konzertiert zu Rhythmus und Melodie ihrer Einflüsterungen. Sieht originell aus. Dass man an Karfreitagen, Volkstrauertagen und anderen, von Bundesland zu Bundesland verschieden bestimmten Tagen sich seinen Vergnügungsbedürfnissen nicht unbegrenzt hingeben dürfen kann, ist offenbar das Ärgernis. Verletzung der Freiheitsrechte, lautet der Vorwurf dann in geschwollenem Pathos. Oder verfassungsrechtlich bewehrt: keine Trennung von Staat und Kirche! Warum dieser Veitstanz allerdings nie zur Freigabe beispielsweise des Totensonntags für öffentliche Vergnügungen aufgeführt wird, sondern nur den Karfreitag betrifft, ist natürlich unschwer zu erraten. Der religiöse Ursprung und die dunkle Färbung des Tages stehen einfach quer zum Bespaßungsgebot der Zeitläufte. Leid und Schmerz und Tod sind uncool. Dafür haben wir schließlich eigene Betreuungsanstalten und Einrichtungen. 

Wenn es aber im Kern darum geht, die altbackenen Restbestände des christlichen Abendlandes zu liquidieren, dann könnte man doch bei den zweiten Feiertagen der Hochfeste anfangen. Schaffen wir die ab, dann haben wir wieder ein wenig mehr Säkularität. Wär doch mal eine Alternative zu dem eher komischen Herumgehopse auf öffentlichen Plätzen bei meistens schlechter vorösterlicher Witterung. Auf diese einfache Idee kommen die Julis, Piraten oder andere Freigeister einfach nicht. Würde ja echt was kosten …

Helmut Aßmann


Lebensphysik II

09. april 2015

Einer der erstaunlichsten Sätze der Physik beschäftigt sich mit der Art und Weise der Energieverwertung. Auch hier, wie schon beim sogenannten Energieerhaltungssatz, bedarf es keiner großen philosophischen Kunst, um die unmittelbare Alltagstauglichkeit aufzuweisen. Abstrakt formuliert: wenn einem geschlossenen System keine weitere Energie zugeführt wird, steigt die durchschnittliche Unordnung in diesem System nach und nach an. Schlicht gesagt: alles, was man sich selber überlässt, verkommt mit der Zeit. Das betrifft das bewohnte Haus ebenso wie die Beziehung zwischen Menschen oder die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens. Was von selbst geht, hat immer die Tendenz, nachlässiger, schleifender, unaufmerksamer zu werden. Um irgendein System auch nur aufrecht zu erhalten, braucht es Energie, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Pflege. Und will man es sogar noch weiter entwickeln, wird der Zuwendungs- und Pflegebedarf entsprechend größer. Das erklärt im Übrigen die beschwerliche Erfahrung, dass man sich zu den wichtigen und perspektivischen Dingen immer erst aufraffen, sich anstrengen muss. Sie fallen einem nicht zu. Es ist etwas Unbequemes, Kraftraubendes und Widerständiges darin, etwas zu Stand und Wesen zu bringen. Einerlei, ob es sich um den Garten, die Schulaufgaben oder die Ausrichtung des Weihnachtfestes ist. Das ist nicht die Folge einer falschen Methode oder gar der Niedertracht übelwollender Menschen, sondern in der Natur der Dinge selbst begründet. Wer etwas entfalten will, muss das gegen ein Gefälle tun, das in die Lauf aller Dinge eingeschrieben ist. Das Schlaraffenland, in dem dieses Gefälle aufgehoben ist, ist bekanntlich eine zwar mühelose, aber keine reale Welt. Die Rückseite der Anstrengung ist vermutlich das, was wir Sinn zu nennen pflegen.

Helmut Aßmann


Lebensphysik I

28. März 2015

Physik ist für viele Leute eine heikle Sache. Unzugängliche Formeln, abstrakte Vorstellungen, komplizierte Mathematik dahinter – so oder ähnlich sehen die Erinnerungen an die Schulzeit aus. Und wer einmal einen Teilchenbeschleuniger von innen gesehen hat, wird nicht gerade eines Besseren belehrt. Trotzdem sind viele physikalische Gesetzmäßigkeiten erstaunlich lebensnah, philosophisch geradezu. 

Nehmen wir einfach mal den sogenannten Energieerhaltungssatz, auf wissenschaftlich „der erste Hauptsatz der Thermodynamik“. Der besagt im wesentlichen: wenn man ein geschlossenes System betrachtet, geht darin keine Energie verloren. Sie wird nur umgewandelt, umgeschaufelt, anders verteilt oder derlei. Wenn nicht von außen etwas Neues hinzukommt, bleibt die Summe aller Energien gleich. Das ist ja nicht nur eine physikalische Angelegenheit. Das stimmt irgendwie immer. Theologisch, soziologisch, psychologisch. Wenn man Zorn oder Wut unterdrückt, kommt das woanders wieder heraus – die aggressive Energie geht nicht verloren. Wenn einer meint, er könne irgendeine Tat verheimlichen, stellt sich fast immer heraus, dass das nicht aufgeht. Man kann Ereignisse und ihre Auswirkungen nicht zurück auf Null stellen. Ihre Energie bleibt im System. Selbst unsere Gedanken, die wir über andere Menschen haben, behalten ihre Wirkungen, auch wenn wir gar nichts darüber sagen – und sie verändern unsere Beziehungen. Es geht nichts verloren, es wird nur umgewandelt. Wenn einer seine Lebenskonflikte übersteuert, verschwinden sie nicht – ihre Präsenz und Wirkungskraft bleiben erhalten. Verdrängen, außer Acht lassen, beiseiteschieben – das funktioniert immer nur um den Preis einer anderen Störung. Ein alter Freund pflegte mir in dem Zusammenhang zu sagen: denk dran, das Leben rechnet genauer als preußische Oberrechnungshof, da geht nichts verloren. Gott paßt auf seine Schöpfung auf. Und auf uns.

Helmut Aßmann


Transparenz

19. März 2015

Gut ist, wenn alle Bescheid wissen. Wichtige Dinge brauchen Beteiligungstiefe und –breite. Das ist Demokratie von ihrer besten Seite. Gerade angesichts der schlimmen Umtriebe von Spähprogrammen und Geheimdiensten in den öffentlichen und persönlichen Netzwerken ist Transparenz das Gebot der Stunde. „Brutalstmögliche Aufklärung“ (Formulierung des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Koch im Zuge des CDU – Parteispendenskandals) wird nötig, wo jemand im Stillen sein Süppchen kochen will. Anständig dagegen geht es zu, wenn die da oben mit denen hier unten offen sprechen. Wer sich bei der Forderung nach Transparenz nicht anstellig zeigt, zieht schon den Verdacht auf sich, etwas im Schilde zu führen. Kurzum: in einer komplexen Gesellschaft wie der unseren gehört Transparenz zum eisernen Bestand verantwortlichen Handelns. Lenin hat es zu seiner Zeit zwar programmatisch, aber etwas unschön formuliert: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.  

Die Sache hat allerdings einen zeitlos spürbaren Haken. Kontrolle muss jemand durchführen. Sie geschieht nicht von allein. Außerdem: sie muss ihrerseits bestimmten Kriterien folgen. Und es muss dafür gesorgt werden, dass Kontrolleure und Kontrollierte einander nicht zu nahe kommen. Schließlich muss mit den Ergebnissen der Kontrolle auch kontrolliert umgegangen werden. Wer soll das in einer komplexen Gesellschaft wie dieser durchführen? Wer schafft die wiederum dafür notwendigen Transparenzen zweiter Ordnung? Hier wird ein Dilemma deutlich, dass B. Hornberger so beschrieben hat: „Der dunkle Schatten der Transparenz ist die Bürokratie“. Anders formuliert: die Forderung nach Transparenz verwandelt die gesellschaftlichen Vertrauensvorräte in politische Kontrollinstrumente. Vertrauen ist günstig, aber riskant, Misstrauen ist sicherer, kostet aber viel Geld. 

Helmut Aßmann


Verarbeiten

09. März 2015

Erlebnisse muss man verarbeiten. Gute und schlechte gleichermaßen. So werden wir gelehrt. Aber: wann hat ein Mensch ein Erlebnis verarbeitet? Wenn er nicht mehr daran denkt? Wenn er einen soliden Erkenntnisertrag formulieren kann? Wenn er daran in bemerkbarer Form gereift und gewachsen ist? Gibt es ein Ende des Arbeitsprozesses? Und: wer koordiniert und steuert ihn? Fragen über Fragen. Die gängige Vorstellung von einer wie auch immer angesetzten Verarbeitungsprozedur geht so: am Ende sollen die Erlebnisse, Traumata oder Schicksalsschläge konstruktiv ins Leben eingebaut sein, möglichst ohne auffällige Naht- und Bruchstellen. Das klingt gut, ist aber unerfüllbar. Es ist nämlich nicht nur meistens nicht klar, was genau der Verarbeitungsgegenstand ist. Der Tod eines Freundes, der Schmerz darüber, das Ende der Beziehungen, alles zusammen? Es ist auch nicht sicher, ob die existentiellen Kräfte für den Verarbeitungsprozess ausreichen. Es bleibt zudem unbestimmt, welches Ziel eine gelungene Verarbeitung haben soll. Woher also unsere Kühnheit, Erlebnisverarbeitung als Erfolgsnachweis zu fordern? Ich vermute Unheimliches: die steile Forderung, die Hoch- und Tiefpunkte des Lebens aktiv zu verarbeiten, ist verbunden mit der Unfähigkeit, diesen Hoch- und Tiefpunkten einen eigenen Sinn zuschreiben zu  können. Das Vertrauen, „es“ werde eben „gut“gehen, ohne unser Zutun, ist dahin. „Verarbeitung“ bedeutet deswegen so etwas wie Inbesitznahme, Beherrschung des Lebensverlaufs, möglichst nach eigenem Plan. Tatsächlich ist der reale Verlauf aber umgekehrt: nicht wir verarbeiten die Ereignisse, sondern diese verarbeiten uns. Am Ende haben wir uns geändert, aber was das Ende ist, wissen wir nicht, wenn ein solcher Prozess beginnt. Und bisweilen kommt eine solche Verarbeitung nie an ein Ende. Was, erstaunlicherweise, meistens menschlicher macht als eine erfolgreiche Verarbeitung.

Helmut Aßmann


Spott

24. Februar 2015

Auf den ersten Augenblick scheint es so, als wäre der Spott so etwas wie der giftige kleine Bruder des Witzes. Es geht ja hüben wie drüben ums Lachen. Und sanfter Spott hört sich zunächst an wie feiner Witz. Das täuscht. Die Herkunft der beiden Worte deutet eine andere Verhältnislage an. Der Spott leitet sich vom Spucken ab, einer eindeutig verächtlichen Geste gegenüber dem Verspotteten. Der Witz hingegen stammt aus dem Umfeld des geistreichen Redens. „Witzeln“ war früher einmal gleichbedeutend mit „geistreich reden“. Die sprachlichen Hintergründe von Spott und Witz klingen aber immer noch durch, vor allem in der Reaktion derjenigen, die es anzuhören und sich damit zu arrangieren haben. Witze sind allenthalben gern gesehene Beiträge zu gelungenen Abendveranstaltungen, Spott kommt immer mit einer fühlbaren Fracht von Aggression und Angriffslust daher. 

Das rührt von dem Gefälle her, das den Spott erzeugt. Da gibt es immer eine obere Position und eine untere. Spötter und Verspotteter stehen sich nicht gegenüber, sondern befinden sich in einer klaren Rangordnung. Wie sie dahingekommen sind und warum sie sich an dieser Stelle aufhalten, ist fast einerlei. Denn mit dem Gefälle verbindet sich unmittelbar eine Wertung. Die ist der eigentliche Wirkstoff. Selbst der feinste Spott nimmt seine Wirkung aus der Überzeugung, dass der Spötter der Überlegene ist. Diese Wertung ist es, auf die der Verspottete reagiert. Weil sie nicht anders denn als ehrabschneidende Botschaft verstanden werden kann, wird auf das Florett des Spottes in der Regel die Keule der Vergeltung aus dem Gürtel geholt. Je präziser die spöttische Herabsetzung, um so unverhohlener die Rachegelüste. Sich aus dem Gefühl der fortwährenden Überlegenheit heraus dann auch noch an der plumpen Ohnmacht des Verspotteten zu weiden, ist dann der Gipfel der destruktiven Kunst.

Helmut Aßmann


Dünnes Eis

14. Februar 2015

Aktuelle Nachrichten aus der Ostukraine haben etwas Verstörendes an sich. Die Bilder sehen ungefähr so aus wie die aus den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges. Die Flüchtlingsströme sind zwar nicht ganz so groß wie 1945, aber in die Millionen scheint es auch zu gehen, schon nach weniger als einem Jahr Krieg. Sehenden Auges schlittern die beteiligten politischen Großkaliber in eine Auseinandersetzung, die sich bemerkenswerterweise wiederum der Rhetorik bedient, die 1938 unter dem Titel „appeasement“ zweifelhaften Ruhm einfuhr. Und keiner hat eine wirkliche Perspektive parat.
Unter dem Titel „Sicherheit in Europa“ waren wir doch eigentlich schon weiter. Wir hatten wenigstens mittelfristig schon die bewaffneten Truppen der Bundesrepublik in die Asservatenkammer der Geschichte geschoben. So fühlen sie sich, wenn die Berichte über flugunfähige Luftfahrzeuge, fahruntüchtige Kampfgeräte, unzureichende Führungmittel und derlei zutreffen, auch an. Trotz des 11.9.2001. Aber nun, doch wieder: Frieden schaffen mit leistungsfähigen Waffen? Auch bei uns?
Eine friedliche Gesellschaftsordnung ist, so scheint es, vor allem ein Leben auf dünnem Eis. Das Meer der Gewalt ist weder ein Flachgewässer noch durchgefroren. Es ist dunkel da unten, und ob das Eist trägt, weiß niemand wirklich zuverlässig. Die Dämonen der Gewalt sind noch hungrig, und wir haben in Deutschland wahrscheinlich nur das Glück, das sie andernorts viel zu fressen haben. Wer sich in dem Glauben wähnte, der Dialog sei das Allheilmittel zur Befriedung der Menschheit, sieht sich dieser Tage auf eine schmerzhafte Probe gestellt. Diese Probe geht im Kern nicht dahin, ob der Dialog am Ende auch wirklich gelingt – es sieht ja derzeit nicht danach aus. Sondern sie zielt darauf, ob wir den Preis des Misslingens zu zahlen bereit sind.

Helmut Aßmann


Fragen und Antworten

12. JANUAR 2015

„Wer viel fragt, bekommt viel Antwort“ – so belehrt uns die Volksweisheit. Will sagen, bevor jemand mit irgendeiner Frage aus dem Gebüsch kommt, sollte er sicherstellen, dass er mit den möglichen Antworten auch zurande kommt. Andererseits gilt der Satz: „Wer nicht fragt, bleibt dumm“, so die pädagogische Kommentierung aus der Sesamstraße. Beides stimmt ja irgendwie. Die alltägliche Probe aufs Exempel ist die Situation, wenn man in einer fremden Stadt die Adresse nicht findet. Meine Frau geht in solchen Fällen meistens jemanden fragen; ich hingegen frage mich, ob ich mit der wahrscheinlichen Antwort auch etwas werde anfangen können. Mal gewinnt dann meine Frau, mal ich.

Eins aber ist sicher, und damit bekommt die Sache Gewicht. Die Auswahl der Frage bestimmt die Kontur der möglichen Antworten. Die Frage ist der Antwort immer um den entscheidenden, nämlich themengebenden und orientierenden Schritt voraus. Keine Antwort holt den Impuls der Frage ein. Nebenher bemerkt, verrät jede Frage etwas über den Frager, nicht nur über das, was er gerade wissen will. Genaugenommen ist das eigentliche Heikle nie die Antwort, die man bekommt, sondern die Frage, die man stellt. Gute Fragen helfen einem weiter. Weiter sogar als gute Antworten. Und es gibt durchaus dumme Fragen. Wichtig für uns sind diejenigen Menschen, die uns gute Fragen finden und stellen helfen, nicht die, die auf alle unsere Fragen eine gute Antwort wissen. Das Elend des www – Terrors besteht darin, dass einem millionenfach und in nicht endenwollender Monotonie Antworten präsentiert werden, aber kaum eine gute Frage vorgelegt wird. Es sei denn, man hält die Frage nach der neuesten App für Steuererklärungen für eine geistreiche Angelegenheit. Am wichtigsten sind die Fragen, die wir nie beantworten können – an denen wachsen wir.

Helmut Aßmann