Müsli-Show

10. dezember 2018

Neulich in der S-Bahn: Morgens, zur klassischen Drängelzeit im Vorortverkehr, komme ich neben eine eher unauffällige junge Frau zu sitzen, die unverwandt aus dem Fenster schaut und nicht, wie sonst üblich, auf ihrem Touchscreen irgendwelche wichtigen Whatsapp- oder Facebooknachrichten durchsieht. Aber dann wird es ernst. Sie nestelt aus ihrem Rucksack eine Tupperdose heraus, nimmt einen respektablen Esslöffel (kein Plastik!) dazu, löst den Deckel von der Dose und beginnt ihr außerordentlich gesundes Frühstück einzunehmen. Ein sensationeller Geruch aus halbvergorenem Obst, intensiver Honigsüße und aufgequollenen Cerealien entströmt der Dose, so dass das halbe Abteil wenigstens geruchsmäßig an dieser ökotrophologischen Sternstunde teilhaben kann und – ja, muss. Leider sind die benachbarten Sitzplätze allesamt belegt, so dass ich wohl oder vor allem übel dieser Session als Schicksalsgenosse beizuwohnen habe. Eine elende Tortur. Nicht nur, dass dieses Gesundheitsmüsli so intensiv vor sich hinstinkt, hinzu kommt diese hingebungsvoll mahlende Kaubewegung meiner Nachbarin und das in der morgendlichen Stille so nervtötende Geklapper des Löffels auf der Plastikschale – alles irgendwie fehl am Platz, aufdringlich und mit unangenehm schwerer Sinnlichkeit behängt. Unwillkürlich dachte ich an die Picknickorgien in Fernzügen, in denen mich der Geruch hartgekochter Eier, kleingeschnittener Tomaten und fett aufgestrichener Leberwurst zum umgehenden Verlassen des Abteils treibt.
Warum um alles in der Welt frühstücken diese Leute nicht zuhause? Oder im Büro? Oder gar nicht? Es ist kein Futterneid, der mir die Feder führt, beileibe nicht. Selbst wenn mir etwas von dieser übelriechenden Pampe angeboten worden wäre, hätte ich lieber eine Woche gehungert als das zu essen. Ist es eine Roadshow für dramaturgisch inszeniertes Gesundheitsbewußtsein? Oder eine kulinarische Authentizitätserklärung unter verschärften Verkehrsbedingungen? Ich weiß es nicht. Ich esse übrigens auch jeden Tag Müsli – nur dass jetzt keiner auf falsche Gedanken kommt. Aber Müsli in der S-Bahn ist wie Gottesdienst im Badeanzug. Geht auch, muß aber wirklich nicht sein.

Helmut Aßmann

 

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