Kampfradler

14. september 2020

 

Seit vielen Jahren fahre ich mehr oder weniger lange Touren mit meinem Trekking-Rad, wie das heute heißt. Also weder ein Downhill-Mountainbike, kein City-Rad, kein Rennrad, auch kein Randonneur, Fatbike oder Gravelbike. Einfach nur so ein Ding mit zwei Rädern, Pedalen und einem Lenker, mit dem man die Richtung bestimmt. Durch die Corona-Misshelligkeiten in Urlaubsfragen ist das Fahrrad als Saison-Shooter mit Verve in die Agenda kommunalpolitischer Hauptsachen geraten. Aber wie das immer bei uns Menschen ist. Zu bejubeln ist die klimaschützerische Geste, zu feiern ist die Einsicht der Bürger, zu begrüßen ist die neue Aufmerksamkeit, die der gute alte Drahtesel von ganz unerwarteten Seiten bekommt. Aber es gibt auch Anlass zur Sorge, um nicht zu sagen: zur Furcht. Denn mit dem Hype der Pedalisten stellt sich auch seine Zerrform ein: der Kampfradler. Er zeichnet sich aus durch ein vorzugsweise mattschwarzlackiertes Modell aus der Mountainbike-Abteilung, d. h. mit breitem Lenker, breiten Reifen und irgendwie auch breitem Image. Am besten angetrieben von einem sportiven Motor, der dem anstürmenden Radler den Ausdruck eines Gladiators im Angriffmodus verleiht. Bei höheren Geschwindigkeiten ist mit solchen Maschinen nicht gut Kirschen essen – im Konfliktfall ist einfach mehr Momentum drauf als bei einem Langweilerbike wie meinem. Diese hergerichteten Kampfräder sind der Opel Manta unter den Bike-Sortimenten, fehlt nur noch der Fuchsschwanz an der Satteltasche.
Es ist offenbar eine Art menschheitlicher Zwang, von jedem Hype auch ein Gewaltmodul herzustellen, eine Offensivvariante, die weniger praktischen als imponierenden Sinn hat. Selbst die Werbung für Männerrasuren hat gelegentlich den Anstrich von Kampfhandlungen, je teurer das Produkt, um so martialischer der Schwung, mit dem Haare aus dem Gesicht geschnitten werden. Kampfradler sind ein weiterer Beleg dafür, dass nicht die Dinge kompliziert sind, sondern wir.

Helmut Aßmann

 

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