Kochen

13. august 2019

Wenn mich nicht alles täuscht, steht der Fernsehhimmel derzeit auf vier großen Säulen: Mord und Totschlag, Sport, Casting-Shows und: Kochen. Die beiden letzten Säulen sind neu dazugekommen, nachdem die Chat- und Talkrunden sich inhaltlich zu Katastrophenkommentierungssalons verwandelt haben und meistens eher dazu Anlass geben, nach den persönlichen Beziehungen der immergleichen Talkpersonen untereinander zu fragen. Aber das nebenbei. Der Koch-Hype, der vor einigen Jahren begonnen hat, ist inzwischen in viele verschiedene Formate auseinandergefaltet: Von wütenden Kampfspielen (Hell’s Kitchen) über erbarmungswürdige Homestories bei völlig abgesackten Dorfkneipen (Rosin’s Restaurant) bis hin zu Reportagen über den Küchenkosmos in einem 5-Sterne-Hotel oder auf einem Atlantikflieger. Auch hier: Kochsendungen gab es schon immer, einstmals geadelt als Kommunikationsplattform durch den legendären Alfred Biolek. Aber der Hype auf alles Gekochte, Gegarte und Gebackene macht einen doch nachdenklich. Welches Interesse wird da bedient? Oder erzeugt? Variante eins: Der elenden Industriefresskultur wird der Kampf angesagt, und Deutschland will seine rote Laterne als liederlichste kulinarische Kulturnation Europas endlich abgeben. Variante zwei: Dem grassierenden Verlust an Küchenkompetenz quer durch alle Schichten soll durch diese pädagogischen Impulse auf öffentlich-rechtlichen wie auf Trash-Sendern abgeholfen werden. Variante drei: Weil so ziemlich alle zeitgenössischen Themen von Belang von kaum zu bewältigender Komplexität sind, reduziert sich die Problemlage beim Kochen auf einen überschaubaren und deswegen attraktiven Horizont. Essen ist ein basaler Vorgang, da kann jeder mit. Und da sich über Geschmack bekanntlich streiten lässt, bleibt auch die Individualposition jedes Hobbykochs letztlich unangetastet. Kochen – da braucht es kein Abitur, keinen hervorstechenden Body-Mass-Index, keine Gisele Bündchen – Schönheit und keinen Sixpack-Bauch. Da braucht es nur Appetit (der kommt von selbst), eine Kochgelegenheit (die wird es immer irgendwie geben) und einen Fernseher (damit man weiß, wie es funktioniert) – fertig ist der Anteil an einem gelingenden Leben. Und dann wird gegessen, was auf dem Tisch steht, weil man es selbst gemacht hat…


Helmut Aßmann

 

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