Unkraut

15. oktober 2018

„80% der Gartenarbeit besteht im Unkrautzupfen“ – so sagen erfahrene Gärtner und Hobbyzüchter. Das ist kein Versuch der Geringschätzung von kreativem und gestalterischem Engagement in Sachen Botanik und grüner Hauspflege, schon gar nicht von einem, der weder einen grünen Daumen noch ernstzunehmende gärtnerische Erfahrung vorzuweisen hat. Es ist auch keine resignative Formel angesichts eventuell allzu üppig wuchernden Flora zu allen nichtwinterlichen Jahreszeiten, nach dem Motto: „Was am schnellsten nachwächst, ist Unkraut“. Eher im Gegenteil. Was mit dieser knappen Anzeige vermittelt wird, ist in erster Linie ein Loblied auf die Selbsttätigkeit der Pflanzen, gewissermaßen den internen Gestaltungswillen der freigelassenen Natur. Formulieren wir es ein wenig anders: Es kommt nicht so sehr darauf an, den Pflanzen vorzuschreiben, was sie zu tun und darzustellen haben, sondern vielmehr darauf, ihnen die Räume zu eröffnen, in denen sie selber tätig werden können bzw. ihnen die Plagegeister vom Hals zu halten, die sie daran hindern wollen. Der Rest geht dann in einem erstaunlichen Umfang schon von selbst. Will sagen, die Masse der gestalterischen Energie des Menschen im gärtnerischen Handeln geht in Unterstützungsleistungen, nicht in Formatierungszwänge.
Verläßt man den Bezirk von Garten und Fauna, wird daraus unversehens ein Lebensgesetz. Wo immer man sich abmüht, die Menschen, die Welt, die Gesellschaft oder die Kirche in eine Form zu bringen, die man für die richtige erst erkannt und dann auch noch erklärt hat, kommt es zu unausweichlichen Kollisionen – der vertrackte Eigenwille der Dinge steht quer zu den Konstruktionen unserer Pläne. Statt dessen auf behutsame und verständige Weise den Dingen im sprichwörtlichen Sinne ihren Lauf lassen, wäre in einer solchen Überlegung das Gebot der Stunde. Sich darauf zu konzentrieren, zerstörerische und widrige Kräfte in Schach zu halten, ist von größerer Effektivität als die Gräser aus dem Boden zu ziehen. Das gilt ganz offensichtlich nicht nur für Staudenbeete und Obstgehölze, sondern ebenso für unsere Kinder, Familien Dorfgemeinschaften.

 
Helmut Aßmann

 

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