Salgado

02. dezember 2019

In diesem Jahr ist der Friedenspreis des deutschen Buchhandels erstmalig nicht an einen Literaten gegangen, sondern an einen Fotografen: Sebastião Salgado, berühmt durch seine ungeheuer intensiven Schwarz-weiß-Bilder  aus den Katastrophengebieten dieser Erde. Er stammt aus Brasilien, Jahrgang 1944, aufgewachsen auf einer Farm im Bundesstaat Minas Gerais, verheiratet mit der Pianistin Lelia Deluiz Wanick. Salgado hat in den Jahrzehnten alles ins Bild gesetzt, was einem Zweifel über den Sinn und Bedeutung des menschlichen Daseins in die Seele treiben kann. Die Massaker in Ruanda, ethnische Säuberungen auf dem Balkan, die brennenden Ölquellen von Kuwait, den Hunger in der Sahelzone. Diese Wucht an Leid und Zerstörung hat ihn nach eigenen Worten dazu gebracht, die Hoffnung auf ein gutes Ende mit der Menschheit für ein ganz aussichtsloses, unbegründetes Gefühl zu halten. Gezeichnet von dem Unglück, dessen er ansichtig geworden war, beschloss er auf Anraten seiner Frau, sich der Natur zuzuwenden und auf der Farm seiner Eltern mit einem Wiederaufforstungsproramm zu beginnen. Gewissermaßen als nach außen gekehrte Revitalisierungsmaßnahme für die eigene verwüstete Seele. Denn auch die Farm hatte durch Erosion und ruinöse Landwirtschaftspolitik die Gestalt einer unfruchtbaren Brache angenommen. Was daraus unglaublicherweise geworden ist, lässt sich fast wie eine Neuschöpfung begreifen: Der Wald ist zurück, die Vögel sind wieder da, der Jaguar hat sich eingefunden, die zerstörte Welt hat sich erholt. Wim Wenders hat über dieses Lebensprojekt einen anrührenden und sensiblen Film gedreht: „Salz der Erde“. An dessen Ende kommt eine ebenso erstaunliche wie versöhnende Bilanz über das, was der Mensch kann, ist und sein soll, und eine Hoffnungsperspektive, die einem kurz den Atem stocken lässt: „die Zerstörung der Welt ist umkehrbar“. In Gen.8,22 hat Gott ähnliches gesagt. Ein gutes Statement gegen die Untergangsalarme, die uns umgeben wie psychische Stickoxide.

Helmut Aßmann

 

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