Positiv

23. November 2020

 

Nun also: Meine Frau ist positiv getestet. Auf Corona natürlich, dieses elende Virus, das derzeit Weltgeschichte schreibt. Symptome: Wie bei einer Erkältung, ärgerlich und mühselig, zuzüglich Geruchs- und Geschmacksverlust, aber das ist es dann auch zum Glück. Sie ist keine Risikopatientin, raucht nicht, ernährt sich gesund, macht altersgemäßen Sport. Als Folge hockt nun der ganze Hausstand in Quarantäne für etwa 10 Tage oder so. Ganz genau weiß ich das nicht, weil es von meinem eigenen Testergebnis abhängt. Das bekomme ich heute Abend per Corona – Alarm – App. Wir arrangieren uns im Haus, gehen auf Distanz miteinander um, schlafen nicht im selben Bett und essen nicht gemeinsam. Stundenlang Bildschirmkonferenzen, Zoom, lesen, umeinander herumtigern, telefonieren. Immerhin, wir haben einen Garten – das ist schon eine Menge Auslauf für einen, der bei Androhung von satten Bußgeldern nicht aus der Tür darf. Kaum ist die Nachricht an den Arbeitgeber weitergegeben, laufen die Beileidsbekundungen ein – noch nicht zum Ableben, aber doch zur alsbaldigen Genesung und aktueller Bestandsgarantie. Um einen herum breitet sich ein Taburaum aus, in den man nur mit Lebensgefahr oder als Schicksalsgemeinschaft eintreten darf. Ich habe keine Symptome. Gott sei Dank nicht. Aber ich fühle sie kommen, wenn ich genau in mich hineinhöre und –fühle. Die Stimme ist irgendwie ein wenig angekratzt, denke ich, und irgendwie habe ich einen komischen Geschmack im Mund (oder gar keinen?), ein wenig Druck auf der Lunge ist ebenfalls spürbar, und leichter Kopfschmerz gesellt sich auch hinzu. Ich denke an Thomas Manns „Zauberberg“ und Hans Castorp, der ist am Ende vor lauter Krankheitsvermutungen gestorben, obwohl er kerngesund ins Sanatorium lediglich zu einem Besuch vorbei kam. Das ist Literatur, aber hier ist das Leben. Oder war es anders herum? Man weiß es manchmal nicht so genau. 

Corona ist wahrscheinlich in erster Linie gar kein Virus, sondern vor allem ein Geist, der sich in die Häuser schleicht und die Leute wuschig macht. Wenn man empfindlich genug ist, dann kann man es bei der Arbeit wahrnehmen – es macht die Leute immer ängstlicher. Das ist leichter als sie zu töten.

Helmut Aßmann

 

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