Empörungsdemokratie

24. Juni 2019

Diese Bezeichnung wird seit einiger Zeit gern für den Wandel im politischen Prozess der Gegenwart benutzt. Er bezieht sich auf die technisch neue Möglichkeit, ungefiltert, ungefährdet und unbeobachtet die eigene Meinung „ins Netz“ zu geben und dort Wellen der Zustimmung, Entrüstung oder Befremdung auszulösen. Diese Befindlichkeitswellen schwappen auf den Informationsozeanen von Küste zu Küste und verursachen dort wahlweise gar nichts oder Sturmfluten mit ansehnlichem Zerstörungspotential. Gern heißt es dann, „das Netz“ würde reagieren.
„Das Netz“. Das ist eine Kollektivbezeichnung, die ihre Risiken und Nebenwirkungen mit ähnlichen Titeln wie „Volk“, „Nation“, „Gesellschaft“ oder „Staat“ teilt. Es ist – vielleicht – nur noch ungreif- und missbrauchbarer. Bekanntlich ist das oder sind, genauer gesagt: die, die sich „im Netz“ äußern, ja nicht nur von menschlicher Natur, sondern auch, siehe neuere Enthüllungen über die Internetpolitik der AfD, von technischer Art. Für einen analogen Menschen ist es gar nicht so einfach, mit diesen ungeheuren Zustimmungs-, Empörungs- oder Followerzahlen irgendetwas Substantielles anzufangen. Welche tatsächliche menschliche Qualität dahinter- oder darinsteckt, ist mit handelsüblichen Verständigungsmitteln oft nicht auszumachen.
Was erkennbarerweise vor- oder obenauf liegt, ist zumeist die Empörung. Empörung über AKK, über Greta Thumberg, über die AfD, über Heidi Klum oder die EU. Irgendwas ist immer. Wie aber soll man auf Empörung reagieren? Was soll einer tun, wenn eine ungenießbare Mixtur aus Fakten, Empfindungen, Neurosen und Verschwörungstheorien als Stimmung auf die Bühne kommen und alles, was Differenzierung, Kontextualisierung, Diskurs und Abwägung wie intellektualistischen Firlefanz herunterfegen? Manche sagen, auf einen groben Klotz gehöre dann eben ein grober Keil. Wirklich? Haust Du mir ans Knie, hau ich dir ans Knie?

Mit Empörung lässt sich Politik machen. Das stimmt. Aber mit dem, was der Stadt Bestes sein sollte, hat das (meistens) wenig zu tun


Helmut Aßmann

 

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