Karius

18. juni 2018

Was für ein Elend mit dem jungen Mann aus Mainz am geradezu geschichtsträchtigen 26.5.2018 in Kiew! FC Liverpool gegen Real Madrid. Gleich zwei kapitale Missgriffe an einem Abend, in dem es um alles ging. Da hält der Benzema einfach nur sein dickes, langes Bein in die Luft, und schon liegt Kloppos rasende Truppe im Hintertreffen. Und dann diese Flutschnummer auf den Schuss von Gareth Bale… Man konnte mitheulen mit dem flachsblonden Hünen, der da auf ein Zwergenniveau zu schrumpfen begann, als ihm die zweite Pflaume ins Tor kollerte. Zwei Tage zuvor sinnierte die „Süddeutsche Zeitung“ noch über einen kommenden Manuel Neuer …. Solche sportlichen Fettflecke gehen aus dem Trikot nicht mehr heraus. Loris (wie kommt man auf solch einen Namen?) Karius ist nun also in den kommenden Jahren der, der beim Spiel gegen Real Madrid gleich zwei exzeptionelle Blackouts hingelegt hat – auch eine Art Weltrekord. Mit so etwas zu leben ist schwer. Nicht nur weil die anderen einem das hinterhertragen, sondern weil es einem selbst in den Kleidern hängt.  Da hat einer einen zentralen, ultimativen Auftritt auf der Bühne gesucht, bekommen und – vermasselt. So ist das mit zentralen, ultimativen Auftritten. Immer 50/50.
Zu erkennen indes, dass es sich bei diesem für ihn zentralen, ultimativen Auftritt für 99.999% aller anderen Menschen um einen x-beliebigen Moment gehandelt hat und dass er nach ein paar Tagen dem Geraune der anderen Nachrichten zum Opfer gefallen ist, braucht seine Zeit. Es geht ja nicht um eine Beschwichtigung der Bedeutung, als wäre es um nichts gegangen. Doch, das ist es. Aber eben nur in einem sehr kleinen und sich stetig weiter verkleinernden Relevanzfeld. Sich selbst – darüberhinaus – zuzugestehen, dass die beiden Böller aus Kiew nur in den Kleidern hängen, die einem die anderen überziehen, aber keine lebenslange Verpflichtung sind, braucht meist noch ein bisschen länger. Zumal sich aus einer solch tragischen Begebenheit leider auch unschwer eine neurotische Form von Identität konstruieren lässt: Es ist mein Geschick, dass ich damals usw., und deswegen werde ich für immer damit verbunden werden. Das wird aber nicht der Fall sein. Zu erkennen schließlich, dass eine geistliche Perspektive auf solche Vorgänge ohnehin darauf pocht, sich nicht an Lebensleistungen zu weiden, sondern sich an Verheißungen zu freuen, ist geradezu ein Geschenk des Himmels. 

 
Helmut Aßmann