Waldbaden

21. oktober 2019

Erst dachte ich, das sei ein Dorf in der Nähe von Waldshut: Waldbaden. Hätte ja sein können. War aber falsch. Waldbaden ist eine aus Japan kommende (so jedenfalls sagen es die einschlägigen Internet – Werbeseiten) Mischung aus Naturmeditation, Spaziergang und braver Esoterik. Es ist nicht ganz das, was das Wort vermuten lässt. Kein Freibadgenuss im Wald oder Schwimmen im Waldsee, sondern Baden im Wald wie wenn man im Wasser wäre. Man lässt sich einhüllen, einfangen, einspinnen in den Lebens- und Erlebnisraum Wald. Allerdings: Deutscher oder europäischer, jedenfalls zivilisierter Wald – im Tropenurwald funktioniert das nicht so gut, zu gefährlich. Der Unterschied zum landläufigen Waldspaziergang besteht offenbar, soweit ich es verstanden habe, in intensiverer Zuwendung zu den Bäumen, einer „achtsameren“ Gesamthaltung und einer irgendwie spiritualitätsschwangeren Terminologie. Inzwischen gibt es sogar eine Deutsche Waldbaden-Akademie. Darin wird neben den in der Branche üblichen Grund- und Aufbaukursen unter anderem eine Waldbaden – Hospizarbeit angeboten, oder mystisches Waldbaden oder auch Therapeutisches Waldbaden. Stets unter Anleitung durch zertifizierte Waldbademeisterinnen.
Ich weiß nun nicht recht, wie ich damit umgehen soll. Vorweg: Das Anliegen teile ich voll und ganz. Ein Tag im Wald entspannt, ein Tag in München macht einen fertig. Da braucht's keine akademische Gymnastik. Spaziergänge, Naturmeditationen, Wandern an frischer Luft: Das ist eines der einfachsten, günstigsten und wirksamsten Therapieprogamme wo gibt. Dafür plädiere ich auch immer. Aber wenn ich diese gestelzten und verschwurbelten Beschreibungen von Heilungs-, Erlösungs- Vervollkommnungs- und universalen Verstehensprozessen lese, die einen im Wald dann überkommen sollen, kann ich mich eines fremdelnden Lächelns einfach nicht enthalten. Lächeln, weil es sich schon ein wenig komisch anhört, all diese Achtsamkeits- und Sensibilisierungsbegriffe ohne Ecken und Kanten, alles rund geschliffen wie Colani – Exponate. Fremdelnd, weil man offenkundig meint, mir nun auch noch den Wald erklären zu müssen und wie man mit Bäumen, Farnen und Moos umgeht. Leider kein Wort von Wölfen, Borkenkäfern und Fallholz. Nein, ich möchte den Wald nicht so gerne und auch gerne nicht so erklärt haben. Am Ende ist er womöglich doch ganz anders, der Wald … Und das möchte ich dann selbst erleben.


Helmut Aßmann

 

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