Alleinstellungsmerkmal

14. mai 2018

Es gibt viele Anbieter von Zahnbürsten. Ja, und es gibt ziemlich verschiedene Sorten von Gebissen. Einzelheiten lasse ich mal beiseite. Zähneputzen funktioniert gleichwohl im Prinzip immer gleich, sofern es sich um selbstgetragene Bio-Zähne handelt und nicht um Porzellan- oder Plastikprothesen. Wenn man also – sagen wir – 10 verschiedene Anbieter von Zahnbürsten vor sich hat, jeder mit einem Sortiment von jeweils wieder 10 verschiedenen Zahnbürsten, macht 100 verschiedene Exemplare: Wie bekommt man vor einem Regal bei Rossmann, Müller oder dm heraus, womit man sich seine Zähne putzt? Es gibt ja nur ein paar nachvollziehbare Kriterien, denke ich. Entweder man nimmt die, die schon der Vater oder die große Schwester bevorzugt hat. Oder man entscheidet sich für die günstigste Gebissputze. Oder man hört auf die weisen Einflüsterungen des Zahnarztes (hoffend, dass der nicht gerade einen Kontrakt mit einer Zahnbürstenfirma geschlossen hat). Am Ende der Entscheidungskette, wenn alles Vorstehende nicht zutrifft, steht dann vermutlich die Werbung. Irgendeine Traumgebissinszenierung erscheint vor dem inneren Auge, die einem den Neid in die Kiefer treibt und die Hand an das Produkt führt. Und dann vermutlich aufgrund eines Alleinstellungsmerkmals, das per Foto oder Filmchen grell vorgestellt worden ist: die Bürstenform, die Farbe, die Handlichkeit, die Biegsamkeit, die Materialität der Borsten – was weiß ich. Die Details können gar nicht detailliert oder blödsinnig genug sein. Irgendwie muss dieses Hygienegerät eben etwas Einzigartiges haben, sonst gehört es nicht in ein modernes Discounterregal. Wenn alle das Gleiche verkaufen oder wenigstens an den Mann bzw. den Menschen wollen, dann werden Accessoires zu Kraftmomenten, an denen sich der Bestand des Angebotes entscheidet. Das Alleinstellungsmerkmal der Bürste macht den Unterschied – nicht das Zähneputzen.

Wenn die Kirchen auf dem spirituellen Zahnputzmarkt Zahnbürsten mit geistlichem Alleinstellungsmerkmal ins Regal legen: ist das dann modern oder Unfug? Ist es gesellschaftliche Teilhabe unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts oder die Resterampe einstmals ernstgemeinter Religion? Wenn man es nur genau wüsste!
Hauptsache ist ja erstmal, dass die Leute ihre Zähne sauber bekommen wollen. Spirituell, meine ich. Das ist schon ungewöhnlich genug.

 
Helmut Aßmann