Limitierung

14. februar 2019

Dass er oder sie sterben muss, ist jedem klar. Schon in der Kindheit wächst das Bewusstsein für die Endlichkeit des eigenen Lebens. Es dauert eine ganze Weile, bis dieses Wissen in eine fühlbare Qualität umschlägt und zu einer operativen Größe wird. Manchmal geschieht es früh, etwa wenn Menschen in einer bewussten oder unbewussten Ahnung ihres frühen Todes eine nach außen unverständliche Lebensgeschwindigkeit an den Tag legen, als gelte es das Morgen zu überholen. In aller Regel braucht es schon die Überwindung der Lebensmitte, um so etwas wie ein Gespür für die Endlichkeit des Daseins zu entwickeln und zu fassen, dass es sich dabei weder um einen Irrtum noch eine Fehlplanung handelt, sondern um banale Realität. Die hektischen Versuche, der verrinnenden Zeit mit mehr oder weniger Gewalt noch ihre vitalen Höhepunkte und sinnlichen Sensationen abzupressen, haben gelegentlich etwas Verzweifeltes an sich, denn es ist etwas anderes, mit 65 Jahren auf den Kilimandscharo zu steigen als mit 25 vor Biarritz atlantische Wellen abzusurfen. Aber es steht gegeneinander: Unser Lebenshunger ist unendlich, unsere Lebenszeit ist es nicht. Die Kunst besteht nun darin, den Lebenshunger nicht in quantitativen Dimensionen abzuhandeln und sich mit Ereignissen existentiell zu überfressen, sondern die Unendlichkeitsqualität als Vertiefung des Augenblicks zu entdecken. Das ist leichter gesagt als getan. Alle großen Religionsstifter haben darauf hingewiesen, und alle Religionen haben verflachte Minderausgaben dieser Einsicht entwickelt. 

Wenn der christliche Glaube von der Menschwerdung Gottes spricht, ist das, auf diese Überlegung gewendet, so etwas wie das Vertrauen, dass man diesen unendlichen Lebenshunger tatsächlich stillen kann.

Helmut Aßmann

 

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