Jever

08. april 2019

„Wenn Du das Meer gemacht hättest – hättest Du es zahm gemacht? Und wenn Du den Wind gemacht hättest – hättest Du ihn lau gemacht? Und wenn Du ein Bier gemacht hättest – wie hättest Du das gemacht?“ So lautet der Text des Werbespots für Jever – Bier, nach wie vor auf Sendung, seit 2015. Zu sehen ist die aufgewühlte Nordsee mit einem krängenden Fischerboot, eine kühle Strandatmosphäre mit ordentlich Wind in den Gräsern, einem kleinen Lagerfeuer und dreitagebärtigen Männern mit aufgeschlagenem Kragen. Wie lautet die unterstellte Antwort? Nein, natürlich hätten wir das Meer nicht zahm und den Wind nicht lau und das Bier nicht schal und den Sex nicht langweilig, kurz, das Spiel des Lebens nicht risikolos gemacht. Und ich vermute, diese Antwort erfolgt nicht nur aus der Zielgruppe der Kaltduscher und Januarangriller. Menschen, Männer wie Frauen, verkommen ohne Herausforderungen, die gefährlich sind und in denen sie auch wirklich scheitern können.
Aber noch eine weitere Frage an dieser Stelle: „Wenn Du einem Gott begegnen wolltest – sollte der berechenbar sein?“ Merkwürdig, in Sachen Religion und Glauben ist Wildheit und Hochtemperierung so etwas wie ein NoGo. Moderne Götter haben freundlich, zugänglich, nett, diversitätstolerant und unprätentiös zu sein, andernfalls ziehen sie den Verdacht von religiöser Unerzogenheit auf sich. Ein Blick in die spirituelle Ratgeberliteratur und ihre Leitthemen und das Hineinhören in die üblichen Predigtformate legen diese Feststellung wenigstens nahe.
Wenn die biblischen Texte nicht täuschen, ist das aber eine Fehleinschätzung. Der Gott vom Sinai ist ein anderes Kaliber. Von Anfang an. Mal pedantisch und zahlenversessen, mal zornig und willkürlich, romantisch geradezu und von unbezähmbarer Leidenschaft. Ja, und ungerecht und prinzipienlos auch. Alle begrífflichen Zähmungsversuche seit zweitausend Jahren haben ihn nicht gefügig gemacht. Und sein Sohn, der als Jesus von Nazareth in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist? Besser, moderner, zahmer? Wenn man ehrlich ist und ehrlich liest: Nein. 

Letzte Frage: Wenn Du einem Sohn Gottes begegnen wolltest - sollte der dir zu Willen sein?

Helmut Aßmann

 

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