Elysium

03. august 2021

 

Nun ist es also soweit: Weltraumtourismus on start. Richard Branson und Jeff Bezos sind mit Privatraketen und Weltraumgleitern in die Stratosphäre geflogen und haben sich die Erde göttergleich einmal von außen angesehen. Nicht so eingezwängt wie Weiland Walter Schirra (echt, in Apollo 8) oder Tom Hanks (Apollo 13, im Film), sondern eher gemütlich in einem flugzeugähnlichen Vehikel. Sie haben die Location da oben schon mal unter Vermarktungsgesichtspunkten gescannt. Für eher bescheidene 250.000 $ kann man als Normalsterblicher bei Bransons Firma auch mal mitfliegen. Elon Musk, der nächste private Astronautenaspirant, rechnet mit immerhin unter einer Million Dollar. Spätere Milliardärsgenerationen werden sich dann vermutlich in 36.000 km Höhe (da wo Fliehkraft der Erdrotation und die Gravitationskraft sich auf einer geostationären Umlaufbahn die Waage halten) eine Art Weltraumhotel bauen. Finanziell ist das bei den zur Verfügung stehenden Summen durchaus möglich, und der begehrte Weltraumtourismus der Superreichen wird dann die nötigen Infrastrukturkosten einspielen. Geplant sind zunächst Besuche auf der ISS (solange die noch geradeaus fliegen kann), Mondumrundungen oder auch suborbitale Flüge mit kleinen Schwerelosigkeitsattacken für die Merzsche Obere Mittelklasse.
In dem Film „Elysium“ (USA, 2013, Regie: Neill Blomkamp) ist das schon einmal durchgespielt worden. Am Himmel kreisen die Auserwählten des Geldes und Vermögens, auf der verwüsteten Erde schlagen sich die verbliebenen Verlierer des Wettlaufs um die größten Kuchen die Köpfe ein. Ihr begehrtester Job besteht in der Bedienung der Bedürfnisse der orbitalen Bewohner. Eine Sklavengesellschaft des 22. Jahrhunderts. Die Orbiter müssen auch gar nicht mehr zurückkommen – die Sklaven werden zu ihnen emporgeflogen und nach vollbrachter Arbeit wieder entsorgt. Sie sind – und bleiben – am Himmel.
Richard Branson, Jeff Bezos, Elon Musk und die ganze Truppe von Himmelsstürmern machen sich mit ihren symbolischen Flügen daran, einen ebenso irrwitzigen wie verhängnisvollen Traum zu realisieren: Sich der Lebensschwere zu entledigen. Wie wäre es, sich den Zugriffen der sich immer wilder gebärdenden Erde wie eine Gottheit hoch über den Bedingungen menschlichen Daseins zu entwinden! Es scheint, als bräuchte es dazu nur ein paar Maschinen und viel Geld. Nennen wir es beim Namen: Das ist eine dramatisch missverstandene Selbsterhebung.
Der alte Christengott hatte es anders herum probiert. Der wollte nicht weg. Der wollte allen Ernstes Richtung Erde. Bei allem, was man nun noch – nach zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte – dazu sagen könnte: heilsamer war dieser Versuch auf jeden Fall.


Helmut Aßmann

 

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