Suchtverhalten

20. januar 2020

Ein e-Zigarettenhersteller wirbt derzeit mit großem Aufwand und Plakatierungsdichte mit diesem Slogan um Kunden: „Aufhören, ohne aufzuhören“. Brillant. Früher fasste man das Problem in andere, gegenteilige Formeln. Etwa „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Oder in eher abstrakter Logiksprache: a ist nicht nicht-a. Geht eben nicht. Nun also: Aufhören, ohne Aufzuhören. Geht offensichtlich doch. Es dreht sich – sachlich – um den Umstieg von der Verbrennungszigarette zur Verdampfungsrohr. Weg vom Nikotin hin zum wasserdampfgetriebenen Aroma, mit weniger Nikotin und Teer, dafür aber mit Akkubetrieb, komplizierterer Technik und – natürlich – Sondermüllanfall. Eine schöne Rechnung, parallel zu der Parole: Weg vom CO2 hin zu mehr Lithium, Kobalt und anderen seltenen Metallen. Oder: Weg von der Kohle, hinein in den Atomstrom. Selbstbetrug als Geschäftsidee. Das gab es zwar schon immer, ob nun als Hütchenspieltrick, als Spielcasino oder esoterisch aufgemachten Hokuspokus. Es sieht derzeit aber so aus, als zeichne sich hier eine Art Grunddilemma des modernen Menschen ab, nicht nur eine Gelegenheitsfehlleistung: Diagnose Suchtverhalten. Wohl wissend, dass die derzeitige Lebensform nicht so weitergehen kann, kann man damit aus wirtschaftlichen, finanziellen und ideologischen Gründen nicht aufhören. Bzw., in angemessener Sprache: Man muss aufhören, ohne aufzuhören. So tun als ob … Solange es eben geht. Alkoholkranke Menschen haben diese Haltung perfektioniert. Alle Süchtigen können das. Und, wie bei allen, Suchterscheinungen: Es ist so wahnsinnig schwer auszusteigen. Zuerst braucht es ein neues Lebensziel. Woher aber bekommt man so etwas?

Helmut Aßmann

 

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