Briefmarkenkonferenz

06. juli 2020

 

Die Pandemie hat ein neues Verb hervorgebracht: Zoomen. Wenn einer zoomt, dann ist er gerade Teil einer ViKo, also einer Videokonferenz. Zoomen steht für digitales Konferenzwesen, ähnlich wie Google für Suchmaschinen, wie immer sie auch tatsächlich heißen mögen. Nun kann man also miteinander sprechen und sich anschauen, ohne einander tatsächlich gegenüber sitzen zu müssen. Das ist gelegentlich eine echte Entlastung, in durchaus vielfacher Bedeutung des Wortes. Bei einer Teilnehmerzahl oberhalb von acht Personen hat die wimmelnde Bildergalerie konzentrierter, immer nicht ganz genau in die Kamera schauender Gestalten die Anmutung einer Briefmarkenkonferenz. Lauter kleine Gesichterchen, die in unorchestrierten Bewegungen den Bildschirm füllen. Die Hintergrundmotive, vor denen die Gesichterchen erscheinen, sind, je nach Milieu und Geschmack, einschlägig, überraschend, verstörend oder sorgsam aus der Bildergalerie der eigenen digitalen Fotoserien ausgesucht. Ein bisschen wie die Bildergalerie in Hogwarts, wo bekanntlich die abgebildeten Personen höchstpersönlich aktiv werden konnten, aber schlussendlich an ihren Rahmen gebunden blieben. Dieser Hinweis hat Tiefe. Die Einzwängung in einen Rahmen gehört zu den interessanten Strukturbedingungen der Zoomerei. Einer hat den Hut auf, der Moderator. Man erkennt ihn (oder sie) nur am kleinen Sternchen in der Ecke der betreffenden Briefmarke. Aber das ist die Machtbefugnis, den ganzen Briefmarkenladen auf Knopfdruck abzuwürgen, in Gang zu setzen, in Teilnehmergruppen auseinanderzusprengen oder wieder aufmarschieren zu lassen. Natürlich kann man auch in einer „Viko“ eindösen, in dem man einfach die Kamera ausschaltet – dann sieht einen ja keiner. Aber das ist dann noch auffälliger als bei Hogwarts – dann weiß jeder, dass man sich gerade verdrückt. Also: Immer schön im Rahmen bleiben. Wie digital die Welt sich auch gebärdet – diese Zwangsjacke bleibt.

Helmut Aßmann

 

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