Rückkehr
04. mai 2026
Reinhard Mey besang in seinem Klassiker „Über den Wolken“ bereits vor einem halben Jahrhundert (1974) die wohltuende Wirkung des Abstands von der Erdoberfläche. Von oben sehen die Dinge eben ganz anders aus, auch wenn es dieselben bekannten und beschwerlichen Dinge sind. Unzählige Male ist der Song gecovert worden, ähnlich wie Udo Jürgens’ Ballade von der Freiheit aus dem Jahr 1982, „Ich war noch niemals in New York“. Beide besingen das Entfliehen aus den Zwängen der Realität, den Ausstieg aus dem Muff der Routine, den Gewinn einer Freiheit jenseits der Demarkationslinien des Alltags. Und bei beiden bleibt es eine Sehnsucht. Der eine schaut den startenden Flugzeugen hinterher und bleibt bei einer Erwägung, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, der andere kehrt zurück in „Bohnerwachs und Spießigkeit“, zu Frau und Kind und lässt New York New York sein. Um so lauter und hingebungsvoller singen die Auditorien bei diesen Liedern als Evergreens mit, bevor sie wieder heim- und zurückkehren in ihre Gewohnheiten und Verstrickungen der Normalität. Selbst den Astronauten der Artemis II-Mission erging es so. Weit draußen im All, so weit, wie nie zuvor ein Mensch gekommen ist, wie immer wieder betont wird, waren sie weit weg vom Krieg, der Öko-Apokalypse und den Auseinandersetzungen um die Krankenversicherung, war das alles „nichtig und klein“. Aber sie kehren zurück, müssen und wollen zurückkehren – da draußen ist die Welt fremd und leer und kalt. Der blaue Planet ist, auf Abstand, immer noch der Ort, zu dem wir gehören, nicht der, von dem wir zu fliehen haben. Sich dazu vorstellen zu können, dass in „Bohnerwachs und Spießigkeit“ das Leben nicht erstickt werden muss, sondern göttlichen Glanz erhalten könnte, ist einer der wunderbaren Aussichten, die Ostern uns geschenkt hat.
Helmut Aßmann
----------
Weitere Kolumnen