Lebendig

13. juli 2026

 

 


Ich hatte einen Computerfachmann, der sein Geld mit KI-basierten Verwaltungsprogrammen verdient, um Hilfe bei einem eher lächerlichen Bedienungsproblem im TEAMS-Universum gebeten. Nebenbei bemerkt, in diesem Universum finde ich mich auch nach mehreren Jahren Benutzung nicht zurecht. Der Mann konnte mir umgehend helfen und kommentierte lapidar, ich solle mir bei dem TEAMS-Holprigkeiten keine Gedanken machen, es sei so kompliziert, „dass es sich anfühlt, als wäre es lebendig“. Dieser Vergleich beschreibt vermutlich eine gängige Erfahrung von uns sogenannten Usern. Sie fängt damit an, dass vom Rechner oder PC als von „ihm“ gesprochen wird, einem Gegenüber, dessen rätselhaftes Verhalten im Störfall wahlweise an ein bockiges Kind oder einen mentalen Irrläufer erinnert, gelegentlich auch an einen originellen Familienangehörigen. Es setzt sich fort in der Personalisierung der Chatbots als Gesprächsgegenüber, die so elegant, vielseitig und prompt auf die eigenen Einwürfe reagieren können, dass es sich wiederum „anfühlt, als seien sie lebendig“. Und es mündet in eine digitalen Weltumgebung, in der von menschlicher Seite niemand mehr über eine komplette Übersicht über die digitale Landschaft und die in ihr verlaufenden Kommunikationslinien verfügt. Dann erreicht „er“ eine gottgleiche Lebendigkeit, die der eigenen zwar darin ähnelt, dass sie kompliziert ist, sie aber in vielen Dimensionen übersteigt. Wenn Lebendigkeit bedeutet, dass Leben darin steckt, hat man nicht viel gewonnen als Einsicht. Denn wenn man programmierte Lebendigkeit von echter Lebendigkeit nicht mehr unterscheiden kann, läuft die Definition ins Leere. Bleibt die Frage, was Leben ist, eines der Mysterien unseres Daseins. Ich vermute, es hat mit dem Körper zu tun, mit Eiweißmolekülen, Vergänglich- und Fehlbarkeit. Ohne das fühlt es sich nur an, als wäre „es“ lebendig.

Helmut Aßmann


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