Direktsaft

13. april 2026

 

 


Bei den Fruchtsäften muss man bekannterweise genau hinschauen, um wieviel realen Fruchtanteil es da tatsächlich geht. Mal beträgt dieser Anteil 30%, der Rest sind dann Wasser und Zucker und Geschmacksverstärker. Mal ist es das „Konzentrat“, das verdünnt wird. König der Säfte ist natürlich der „Direktsaft“, mit 100% Fruchtanteil, bei Orangensaft auch gerne mit Fruchtfleisch zur Steigerung des Authentizitätsempfindens. Da werden die Früchte eben irgendwie „ganz“ und ohne Zusatz ausgepresst, auf dass nichts von der famosen nutrition-Bilanz der Ursprungsfrucht verloren gehe. Irgendwie hört sich das an wie die Sehnsucht nach „Leben pur“, ohne das ganze störende, unlebendige, kräftezehrende Beiwerk. Einfach die Wirklichkeit auspressen wie eine Orange, um die reine Essenz des Daseins in sich aufnehmen können. Nur, das haut schon beim Direktsaft nicht hin. Der Direktsaft verringert nämlich bei seiner Herstellung das Esserlebnis auf ein Minimum, es zerstört den ästhetischen Vorgang der Zubereitung einer Frucht, es erhöht nebenbei in erheblichem Maß den Zuckerwert und betrügt den Körper um die ganzheitliche Verarbeitung des Obstes im Mund, in der Speiseröhre und auch im Magen. Kauen, Schmecken, Riechen, Anfassen – alles fokussiert aufs Schlucken, und weg. Wollte man aus der immer mal wieder schwer genießbaren Wirklichkeit das „Leben pur“ herausdestillieren oder -pressen, bleiben ebenfalls beträchtliche Anteile auf der Strecke. Genau genommen ist es ein Verlust-, kein Gewinngeschäft, wenn man irgendetwas „rein“ haben möchte. Mit Gottes Gegenwart ist es übrigens nicht anders. Wer ihn „rein“ haben will, muss immer irgendetwas pressen.

Helmut Aßmann
 

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