Moral reloaded

09. Februar 2026

 

 


Nahezu zeitgleich erschienen zwei Bücher namhafter Autoren, die sich mit einer seltsamen Frage beschäftigen. Wie steht es um die Moral in einer liberalen Demokratie mit Religions-, Meinungs- und Gewissensfreiheit? Und zwar nicht nur wegen konservativer Gesinnung, dass die Alten immer das Gefühl haben, die junge Generation wisse nicht mehr, wo rechts oder links und richtig oder falsch liege. Die beiden Herren sind kaum bzw. mitten in ihren Vierzigern. Die Rede ist von Markus Gabriel, dem philosophischen Shootingstar aus Bonn, geb.1980 in Remagen, der ein Buch über „Moralische Tatsachen. Warum es sie gibt und wie man sie erkennen kann“ vorgelegt hat, und von Rudger Bregman, niederländischer Historiker und Publizist, geb. 1988 in Renesse, dessen neues Werk den Titel „Moralische Ambition. Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“ trägt. Beide Publikationen haben angesichts des grassierenden Pessimismus in theoretischer und angewandter Form den Charakter eines Gegengifts. Der eine insistiert mit Eifer und großer gedanklicher Klarheit darauf, dass das Gute, dem die mittelalterliche Philosophie die Kategorie „universale“ beigelegt und damit als von göttlichem Rang erklärt hatte, objektiv zu benennen und zu beschreiben sei. Der andere schlägt konkrete Verfahren vor, wie man an die Verwirklichung des Guten Hand anlegen kann, beginnend bei sich selbst und nicht, wie dauernd gefordert wird, bei den anderen. Moral also diesmal und endlich nicht mehr als amorphes Kulturgut, dass beliebig hin- und herdefiniert werden kann, je nachdem, aus welchem Kulturkreis oder Milieu man stammt. Sondern als wissenschaftlich erkennbar und allgemein menschheitlich vorhanden gefasst. Tatsachen eben. Allein der Umstand, dass diese Überlegungen in diesen dunklen Tagen erscheinen, in denen offenkundige Bosheit und Rücksichtslosigkeit in den Rang von Staatsräson aufgestiegen sind, hat etwas Beflügelndes an sich. Nicht, dass man nun unbedingt die Bücher lesen und alle Einlassungen teilen müsste, aber dass sie als Zeichen gelesen werden können, macht sie kostbar.

Helmut Aßmann
 

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