Augen geradeaus!

26. Juni 2022

 

 

Wer bei den Streitkräften „gedient“ hat, kennt das noch: Dieses besondere Kommando bei der ordentlichen Aufstellung einer militärischen Gruppe. Formalausbildung nannte man das. Nachdem ein „Richt‘ euch!“ dafür gesorgt hat, dass man durch die Drehung des Kopfes nach rechts und eine Orientierung am Nachbarn wirklich in eine Linie zu stehen kommt, werden die Augen wieder abrupt nach vorn ausgerichtet. Alle schauen in dieselbe Richtung. Als Exerzierkommando hat das etwas Ruppiges, Übergriffiges an sich. Als Ordnungselement ist es überaus effizient. Wenn alle dasselbe sehen, weil sie auf dieselbe Szenerie schauen, ist die Wahrnehmung, jedenfalls äußerlich, harmonisiert. Natürlich lässt sich die Menge an Perspektiven, die schon ein kleines Rudel Menschen aufbringt, von keiner ordnenden Macht dieser Welt einfangen. Harmonisierung ist nicht Egalisierung. Aber, das wussten schon die Stadtplaner der Antike, in den Mittelpunkt von Gemeinwesen gehören Orientierungsbauten, -plätze, -einrichtungen und -rituale, damit es eine Mitte gibt, auf die sich alle beziehen können. Unmarkierte Orientierungen sind keine. Der Irrtum der unbekümmerten Individualismusbefeierung übersieht, dass wir nicht nur nebeneinander, sondern mit- und voneinander leben. Damit das geschehen kann, bedarfs es eines Mindestmaßes an gemeinsamer Orientierung. In 4. Buch Mose, Kap.11 findet sich eine feine Veranschaulichung dazu: Die Siebzig Verantwortlichen für das wandernde Gottesvolk stellen sich im Kreis rund um das Heiligtum auf, die sogenannte Stiftshütte, um für ihre Aufgaben geistig ausgerüstet zu werden. Jeder bleibt, der er ist, aber es gibt einen gemeinsamen Bezug. Man muss zum Glück keine Formalausbildung machen, damit so etwas geschieht. Der gute alte Kirchturm in der Mitte der Städte und Dörfer reicht gelegentlich schon.

Helmut Aßmann

 

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