Klebstoff

23. Januar 2023

 

 

Sie werden journalistisch wie juristisch derzeit hoch gehandelt, die jungen Frauen und Männer, die sich zur „Last Generation“ zählen. Die Gruppe um Carla Hinrichs und Aimée van Baalen markiert mit spektakulären öffentlichen Aktionen und bemerkenswerter aktionistischer Phantasie die Entgleisungen der modernen gesellschaftlichen Entwicklung: Verschwendung von Ressourcen, Klimazerstörung, globale Ungerechtigkeit: Die ganze offenkundig tödliche Verschiebung der Prioritäten. Eindrücklich sind die „Klebe-Aktionen“, in denen infrastrukturell sensible Flächen, Straßen und Gegenstände durch Selbstverklebung der Aktivisten blockiert werden, in der berechtigten Hoffnung, dass in dieser Gesellschaft sie weder jemand überfahren noch ihre Hände ohne medizinische Rücksicht auf Verluste von den Flächen reißen wird. Neben den komplizierten gesellschaftstheoretischen Erwägungen und den rechtlichen Klärungen ist der Vorgang selbst bemerkenswert: Sich selbst an etwas festkleben, das man bekämpft. Also eine Verbindung mit dem suchen, das einem zuwider ist, um es damit zu überwinden, zu entkräften oder außer Betrieb zu stellen. Als religiöses und politisches Modell hat das nicht selten großartige Erfolge gezeitigt. Bei Wind und Wetter, im Angesicht schimpfender, potentiell gewalttätiger, jedenfalls im höchsten Maße angefressener Zeitgenossen… Das hat erst einmal – ganz menschlich gesprochen – Format. Aber noch ein Zweites: Das Stillstellen als Zielperspektive hat nur dann motivierende Wirkung, wenn es danach eine neue Bewegung gibt. Wie die aussehen soll, ist bei all dem Zorn nicht recht sichtbar. Und der Klebstoff ist kein – auch kein ethisch guter – Treibstoff. 

Helmut Aßmann

 

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