Jordan II

6. mai 2024

 

 

An der östlichen Quelle des Jordan, der Banyas – Quelle am Fuß des Berges Hermon, in der Gegend um Cäsarea Philippi, soll nach der Auskunft der Evangelisten Matthäus und Markus jenes Bekenntnis stattgefunden haben, auf das sich namentlich die römisch-katholische Kirche beruft. Petrus antwortete damals auf die Frage Jesu, für wen „die Leute“ ihn denn hielten, mit dem entscheidenden Satz: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“. Auf diesem Bekenntnis ist die Kirche herangewachsen, und auch nicht nur die römisch-katholische. Diese eher schlichte Szene spielt seltsamerweise außerhalb der neutestamentlichen Kernregionen, 50 Kilometer nach Norden vom See von Tiberias entfernt und natürlich weitab von Jericho und Jerusalem, den judäischen Hauptorten. Die Region taucht namentlich nur an dieser Stelle in den Evangeliumsberichten auf. Ein territorialer Ausreißer sozusagen, just in der Stadt, die Philippus, einer der Söhne des bösen Herodes zu seiner eigenen Ehre und in devoter Geste gegenüber dem römischen Kaiser mit diesem Namen ausgezeichnet hat. Als wollten die Evangelisten den Ort aus den anderen, biblisch vorgeprägten Territorien heraushalten und in eine religiös zweifelhafte Umgebung setzen. Dort, wo der Jordan entspringt, wird also eine der wirkungsmächtigsten Szenen plaziert, die das Christentum kennt. Petrus, der Jüngercode für „die Kirche“, bekommt dort seinen himmlischen Auftrag, den es auf Erden auszurichten gilt. Hier muss keiner mehr über den Jordan gehen, sei es trockenen Fußes oder pitschnass. Auch keine Drama mit Posaunen und Trompeten wird angekündigt, sondern ein Anfang gesetzt, aus dem unentwegt – im übertragenen Sinn – Taufwasser fließt. Bis heute.

Helmut Aßmann

 

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