Oramus

Briefe zum geistlichen leben  //  Psalmen erleben

 


Gott nahe zu sein ist mein Glück

PSALM 73,28

 

Unser Beten ist eingebettet in die „Wolke der Zeugen“. Heute dürfen wir einem besonderen Liedersänger Israels über die Schulter schauen und uns von ihm inspirieren lassen. Asaph (in einigen Übersetzung auch Asaf) lautet der Name dieses geheimnisvollen Menschen, von dem wir fast nichts wissen. Er muss einer der „Stillen im Lande“ gewesen sein, sensibel, lyrisch, kreativ. Zwölf Psalmen kennen wir von ihm (50; 73-83). Die beiden Chronikbücher ehren ihn als Sänger, und einmal auch (2 Chron 29,30) als Seher. Das erklärt seinen Weitblick und seine tiefgründigen Durchblicke mitten in vielfacher Bedrängnis.  
In Psalm 73, vielleicht seinem bekanntesten Lied, begegnen wir einem spannungsvollen Prozess. Seine vorbehaltlose Liebe zu Gott hat er nicht immer erlebt. Sie stellt sich ein am Ende eines inneren Kampfes, ein Trost übrigens für alle, die sich gerade nicht glücklich fühlen in ihrem Leben und Glauben. Asaph ging durch Zweifel. Die Ungerechtigkeit in der Welt hat ihn wahnsinnig gemacht, hat ihn „tierisch“ aufgeregt (V 22). Wozu hatte Gott denjenigen seinen Segen verheißen, die sich an sein Wort hielten (Deut 28-30), wenn Asaph nun die Erfolgsgeschichte der Raffgierigen und Machtsüchtigen mit ansehen musste?
Erst nach einem langen Weg ereignet sich in ihm die überraschende Wende: Dennoch bleibe ich stets an dir! (Vers 23). Er spürt, dass Gottes Nähe einen Glanz hat, der alles überstrahlt. Aber auf diesem Weg muss er erfahren, dass die Nähe Gottes unverfügbar ist. Wir selbst sind es nicht, die Nähe schaffen; manchmal können wir nur gegen den Augenschein auf sie hoffen. Wenn wir Gottes Nähe spüren, ist es Geschenk! In Zeiten des Zweifels oder gar der Verzweiflung, mitten in der Erfahrung der Nichterfahrung Gottes, wird einerseits das Beten schwer, aber andererseits leuchtet die Sehnsucht nach Gottesnähe in brennender Süße. Hier kann uns eine Weisung des Mystikers Meister Eckhart helfen (vgl. Herrnhuter Losung 18. März 2022):

Du Mensch, schau dich in deinem Leben nie so an, als wärst du ferne von Gott.
Und wenn du dich nicht so ansehen kannst, dass du nah seist bei Gott,
so fasse doch den Gedanken, dass Gott nahe bei dir ist.


Gott sagt ja zu unserer Sehnsucht nach Nähe. Warum? Weil er sie selbst hat! Er will uns nahe sein: „Immanuel“! Durch den Mund Jesajas sagte er uns: Ich wohne in der Höhe und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen (Jes 57,15). Gott, Immanuel, will sich mit uns verweben. Darum das weihnachtliche Kind, in dem er auf einzigartige Weise zu uns kommt. Weil Gott uns nahe kommt, darum können wir auch zu ihm kommen.
So können wir unser Psalmwort Gott nahe zu sein ist mein Glück auch aus der anderen Richtung anschauen: Dies ist mein Glück, dass Gott mir nahe ist! Ich nehme Gottes Nähe an mit leeren offenen Händen. Diese Gebetshaltung umfasst beides: Unverfügbarkeit – meine Hände sind leer. Aber auch die Bereitschaft des sehnenden Herzens – meine Hände verschließen sich nicht, sondern sind erwartungsvoll geöffnet.
Diese Offenheit schwingt mit in Luthers freier Übersetzung: Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. In dieser verschwebend offenen Wortwahl erscheint die Gottesnähe nicht als Besitz, sondern als Ziel einer Suche. In hochgemuter Erwartung fügt Asaph hinzu: Wenn ich Gott bei mir habe, dann werden mir Himmel und Erde unwichtig (V 25).
Es gibt Zeiten, in denen ich mich vom Leben überfordert fühle. Dann suche ich Zuflucht im Gebet. Aber ich sage nicht: „Hilf mir, alles zu schaffen“. Vielmehr bete ich: „Herr, schenke mir neu die Gewissheit, dass du mich liebst, dass ich wertgeachtet bin in deinen Augen!“ Nach solchen Momenten des Innehaltens stehe ich nicht mehr neben mir, sondern ruhe in mir. Denn ich ruhe in Gott. Das ist tiefes Glück! Und neue Kräfte sprießen auf.
Solche Momente sind fragil; wir können sie nicht festhalten, wie Simon Petrus es auf dem Berg der Verklärung versuchte (Mk 9,5-6). Aber wir können, wie Asaph, uns für sie offenhalten und uns dankbar an ihnen, so selten sie sein mögen, als Kostbarkeit freuen.


Volker Keding
Juli 2022

 


Gott, du wirst mich nicht dem Tode überlassen.
Vor dir ist Freude die Fülle

PSALM 16,10-11

 

„Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ (EG 518). Diese vielfach besungene Wahrheit hat schon das Gebetsleben der Bibel durchdrungen. Oft begegnet uns hier die flehentliche Bitte zu Gott, uns zu bewahren in Todesgefahr und uns zu befreien von Todesangst. Ebenso vernehmen wir den dankbaren Jubel über die Errettung. So Psalm 116,8: Du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
In dieser Gebetssprache ist „Tod“ nicht nur das Ende des leiblichen Lebens, sondern jegliches Ungemach. Wir alle kennen das. Ein biblisches Beispiel ist Hanna. Nach Samuels Geburt ist ihre Freude verflochten mit der Erinnerung an ihre Unfruchtbarkeit, die ihr so viel bedeutete wie tot sein: ein schattenhaftes Vegetieren, das den Namen „Leben“ nicht verdiente. Nun aber jubelt sie: Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub (1 Sam 2,6-8). „Tod“ wird hier metaphorisch gebraucht. Aber wie oft geht es auch uns so: wir fühlen uns wie abgebrannt, sind sterbensmüde, sehen die Lebensgeister schwinden, fühlen uns wie tot.
Wie gut tut da ein Gebet aus der Kraft der Psalmen! Wohl denen, die da in tastender Hoffnung das Antlitz Gottes suchen mit der bangen Frage: Du wirst mich doch nicht dem Tode überlassen? Und wenn diese Frage zur Bitte wird: Überlass mich nicht dem Tode!, kann unversehens stille Zuversicht Einzug halten: Du wirst mich nicht dem Tode überlassen. Und es mag sein, ich habe es jedenfalls so erfahren, dass nach und nach in dieser Gebetshaltung auch die Freude zurückkehrt, bis ich sagen kann: Vor dir ist Freude die Fülle.
Ich nehme als Analogie ein einfaches alltägliches Beispiel. Wir hatten zum Jahresende 2021 und zu Jahresbeginn 2022 unzählig viele Tage mit Nieselregen. Man weiß, dass Menschen täglich eine Mindestportion „Lux“-Einheiten brauchen. Gemeint ist Sonnenlicht, das erstaunlicherweise auch hinter Wolken wirksam ist. Deshalb soll eine Stunde draußen unter grauem Himmel mehr Licht in die Seele bringen als die selbe Zeit unter einer teuren elektrischen Lichtquelle im Haus. Darum gehe ich auch an solchen Tagen mit Regensachen ins Freie, „heedless of the wind and weather“, wie es in einem frischen englischen Weihnachtsvolkslied am Ende heißt, und gehe trotzig in den Regen. Wenn ich nach Hause komme, bin ich fröhlicher als davor. Womit ich nicht sagen wollte, dass ich nicht noch lieber bei Sonnenschein wandere!
Die Haltung der Psalmen erinnert mich an diesen kreativen Trotz. Der Tod hat auf diese Weise nie das letzte Wort, sondern der lebendige Gott, der Gott, der Leben schafft. Ihm kann David einfach nicht zutrauen, dass er ihn dem Tode überlassen wird. Wörtlich sagt die Hebräische Bibel: Du wirst meine durch deinen Atem belebte Leiblichkeit nicht ans Totenreich verlieren!
Hier stehen wir an der Schwelle der neutestamentlichen Auferstehungshoffnung. Denn der Tod kann zwar metaphorisch, aber auch massiv buchstäblich vor uns stehen. In Davids Gebet schwingt die Ahnung mit, dass sich nach dem leiblichen Tod eine neue Dimension des Lebens eröffnet; dass Gott, der Schöpfer und Neuschöpfer, sich als Sieger über den Tod erweisen wird; dass der Schmerz des Todes überstrahlt wird von der Freude des Lebens. Vor dir ist Freude die Fülle!
Das urchristliche Pfingstereignis ist ganz in das Licht von Psalm 16 getaucht. Die Predigt des Petrus läuft zielstrebig auf das Zeugnis von Ostern zu und ist ein einziger Jubel über die Auferstehung Jesu, den der Tod unmöglich festhalten konnte. Und damit ist an ihm geschehen, was David prophetisch sah (Apg 2, 24-32). In dieser Entdeckung ereignet sich Heiliger Geist. Das ganze Neue Testament ist durchdrungen vom Licht dieser Osterfreude.

Und manchmal schenkt Gott auch uns eine kleine „Auferstehung“. Dann könne wir in österlicher Dankbarkeit beten: Gott, du hast mich nicht dem Tode überlassen. Vor dir ist Freude die Fülle!


Volker Keding
April 2022

 


Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken

PSALM 18,37

 

Schöne Dinge beginnen wir oft erst durch ihre Abwesenheit wertzuschätzen, denn dann sind sie nicht mehr Selbstverständlichkeit, sondern Rarität. So ging es mir zu Beginn dieses Jahres. Auf einem Waldweg mit körnigem Schnee schritt ich vor mich hin und geriet unversehens an eine glattgefrorene Stelle, stürzte und brach mir das Sprunggelenk und den Knöchel des rechten Fußes. Es folgte nach ärztlichem Eingriff ein spannender Lernprozess vorsichtiger und mutiger Gehversuche und neuer Dankbarkeit über 68 Jahre ungezählter Schritte vor der Verletzung und über jeden Schritt, den ich im Heilungsprozess ging. Gesunde Gliedmaßen sind keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Wunder. Darum freut sich Paul Gerhardt im Morgenlied EG 447,3: Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können / und Händ´ und Füße, Zung´ und Lippen regen, / das haben wir zu danken seinem Segen.
Ja, das Psalmwort stimmt auch dann, wenn der Knöchel einmal tüchtig wanken musste! Mitten in der Erfahrung der allmählichen „Aufbelastung“ wuchs die Weite des Weges. Die hier erfahrene Resilienz wurde mir zum Gleichnis. Wir sind fragile Menschen und nicht immer „weitefähig“; dazu braucht es zwei gesunde Füße mit flexiblen elastischen Gelenken und Muskeln. Wenn Gehfähigkeit schon für das leibliche Leben eine wunderbare Erfahrung ist, um wieviel mehr dann, wenn sie das ganze Leben umgreift!
Stellen wir uns die Stimmung vor, aus der heraus David singt! Der 18. Psalm fließt über vor Dankbarkeit für Bewahrung in Gefahr und die Erneuerung seiner Lebenskraft. Immer wieder neu setzt er ein. Im Erzählmodus singt er: Der Herr führte mich hinaus ins Weite! Er riss mich aus Todesgefahr. Er rüstet mich mit Kraft. Ja, ganz verwegen: Mit ihm kann ich über Mauern springen. Und im Modus der betenden Anrede: Herzlich lieb habe ich dich, du Gott meiner Kraft! Du gibst meinen Schritten weiten Raum.
„Weite“, so könnte man sagen, ist einer der Namen Gottes. Nikolaus Cusanus machte um 1438 eine mediterrane Schiffsreise. Auf dem Meer überkam ihn angesichts der unendlichen Weite das Gefühl: In dieser Unendlichkeit ahne ich Gott!. Das hat ihn nicht mehr losgelassen, und er wurde einer der größten Philosophen und Theologen des Spätmittelalters. Gottes Erscheinung vor Mose am brennenden Dornbusch lässt uns ahnen: Immer ist er größer als wir uns vorstellen können. „Ich bin, der ich bin; ich werde sein, der ich sein werde“ (Ex 3,14): Mehr kann niemand von sich sagen. Gott ist nicht festgezurrt an einen Ort oder eine Eigenschaft. In seiner liebenden Aufgeschlossenheit uns gegenüber lässt er sich wohl an bestimmten Orten besonders gut erfahren. Aber festgelegt ist er dadurch nicht.
Zu groß, um eingefangen zu werden! Wie schon Salomo bei der Tempeleinweihung wusste: Der Tempel kann Gott nicht fassen, denn nicht einmal die Himmel können es (1 Kön 8,27)! Jesus kündet der Samariterin am Jakobsbrunnen, dass kein Berg Gott binden kann, weder der Garizim, noch der Zion (Joh 4,20-24). Denn Gott ist Geist, und der Geist weht wo er will!
Du gibst meinen Schritten weiten Raum. Auch in Christus geht Gott mit uns in die Weite. „Ich bin, der ich bin“, sagt auch der Auferstandene; ich bin nicht der Gärtner, ich bin nicht ein Gespenst, am wenigsten bin ich ein Toter, der einbalsamiert werden muss, am allerwenigsten ein „Mythos“, für den einige eindimensional denkende Menschen mich halten! „Ich werde sein, der ich sein werde“. Ich bin nie passé, nie von gestern! Ich gehe mit euch den Weg durchs Leben und durch die Geschichte. Ich komme euch entgegen, wo ihr nicht mehr weiterkommt. Aus einer Dimension, die euch neu ist und die einige von euch überfordert.
Du gibst meinen Schritten weiten Raum. Selbst wenn unsere Füße doch einmal wanken, lohnt sich das Wagnis, diesen Weg zu gehen, denn Gott verlässt uns nicht und erneuert unsere Kraft von Tag zu Tag. Und unsere Schritte gehen einem Ziel von unvorstellbarer Weite und Schönheit entgegen.


Volker Keding
Dezember 2021

 


Ich breite meine Hände aus zu dir

PSALM 143,6

 

So lange schon müssen wir mit virusbedingten Abstandsregeln fertig werden. Da wird uns lieb und teuer, was vor der Pandemie selbstverständlich erschien: Die Umarmung. Zur Begrüßung, zum Abschied, bei Anteilnahme – spontan umarmen wir uns und symbolisieren leiblich Nähe und Zusammengehörigkeit. Nach vielen Monaten Entbehrung sehnen sich Kinder nach der Umarmung der Großmutter. Aber auch als Erwachsene spüren wir das Kind in uns und strecken unsere Hände aus nach Berührung.
Als Kinder hatten wir ein Spiel mit unserer Mutter. Sie hockte sich einige Meter vor uns auf Augenhöhe, öffnete ihre Arme und rief uns: „Komm in meine Arme!“ Wenn ich dran war, rannte ich glucksend mit ausgebreiteten Händen auf sie zu und wusste: Ich würde nicht ins Leere laufen. Ihre Hände würden mich auffangen und herzlich drücken.

So mag es uns manches Mal beim Beten gehen. Wie der Psalmist strecken wir unsere Hände aus nach Gott. Das Händeausstrecken ist noch nicht Berührung, aber es ist die leibliche Geste der Hoffnung darauf. So betet auch der Psalm voller Erwartung: Ich breite meine Hände aus zu dir! Denn ich sehne mich nach deiner Nähe. Und es mag ab und an Augenblicke geben, wo wir uns tief innerlich berührt fühlen und uns– bildlich gesprochen – in Gottes Arme kuscheln.  Berühmte Mystiker und Mystikerinnen haben es angedeutet. Aber auch die Kleinste im Himmelreich, der Ärmste im Geist sind von dieser Möglichkeit nicht ausgeschlossen!

Dürfen wir aber Berührung erhoffen vom ewigen, heiligen Gott? Vielleicht schaudern wir vor so kindlichen Wünschen zurück. Wo bleibt da die Transzendenz Gottes? Jesus erzählt ein berühmtes Gleichnis, das mir Mut macht. Es schildert den Kummer der Trennung und die Freude neuer Nähe. Ein Kind hat sich von daheim entfernt und spürt bald innere und äußere Dürre. Heimweh treibt den „verlorenen Sohn“ nach Hause. Schuldbewusst nähert er sich. Kaum wagt er zu hoffen, dass er herzlich aufgenommen wird. Aber in den verborgensten Winkeln seines Herzens glimmt die Hoffnung. Und tapfer geht er weiter. Soviel Kraft ist ihm noch geblieben, der glimmende Docht ist noch nicht verloschen (Jesaja 42,3). Die Hände seines Herzens strecken sich aus nach seinem Ursprung.
Inzwischen hat auch der Vater viel erlebt. Er wartet so intensiv, so ausdauernd, dass sein Blick in die Ferne gerichtet ist und den Horizont absucht. In seiner aktiven Hoffnung sieht er den heimkehrenden Sohn bereits, als er gerade am Horizont auftaucht. Das Gleichnis umtanzt eine weite Gefühlslandschaft. Kummer. Hoffnung. Freude. Vergebung. Erleichterung. Erbarmen. Und wieder Freude. Der Vater ist innerlich bewegt. Und der edle Gutsherr tut etwas, was nach seinen kulturellen Werten eigentlich nicht vorgesehen ist: Er rennt. Mit ausgebreiteten Händen läuft er dem Sohn entgegen.
Dieser stammelt eine Entschuldigung. Der Vater lässt ihn kaum ausreden und umarmt ihn. Die Sehnsucht des Sohnes und die des Vaters kommen zur Deckung. Beide breiten ihre Hände aus zueinander. Doch, Gott will berühren und berührt werden! Rembrandt hat das wunderbar dargestellt.

Das Neue Testament kennt viele Szenen von Berührung. Jesus berührt und lässt sich berühren. Als weihnachtliches Kind wird er von seiner Mutter gewickelt und vom weisen Simeon auf die Arme genommen. Johannes staunt über die Begegnung mit dem, den er nicht nur gesehen und gehört hat, sondern den auch seine Hände betastet haben (1 Johannes 1,1). Jesus berührt und wird berührt. Er greift die verzweifelt ausgestreckte Hand Simons und rettet ihn aus dem drohenden Wasser. Eine kranke Frau hofft auf Heilung und berührt – immerhin! – sein Gewand. Sie bleibt im magischen Vorfeld des Glaubens, aber Jesus lässt sie in seiner Großmut gewähren. Eine Frau salbt liebevoll seine Füße mit kostbarem Öl. Und Jesus dankt es ihr.
In ihm begegnen wir dem Gott, der berühren und berührt werden will. Zu ihm unsere Hände erwartungsvoll auszubreiten, ist der tiefste Sinn des Gebets!


Volker Keding
August 2021

 


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

PSALM 22

 

Es gibt Zeiten tiefster Dunkelheit. Ich habe so etwas mehr als einmal erlebt und war froh über die Klagegebete in der Bibel. Hier, bei Mose, David, Asaph, Jeremia, Hiob und Hanna, der Mutter Samuels, fühlte ich mich verstanden. Die Beter und Beterinnen von Klageliedern sind mir zu wichtigen Wegweisern im Glauben geworden. Sie schlucken den Schmerz nicht in sich hinein, sondern geben ihm Sprache. Andererseits verrennen sie sich nicht ins „Murren“ wie die Israeliten in der Wüste. Die maulten über Gott, ohne mit ihm zu reden, und das wird von den biblischen Narrativen heftig getadelt. Das Klagelied dagegen spricht zu Gott. Seine Worte können noch so derb und unhöflich sein, immer bleiben sie im Beziehungsgeschehen.

Nicht das muss unsere Sorge sein, dass unsere Klage zu dreist werden könnte. Nein. Nur das würde uns lähmen, wenn wir distanziert über einen Gott resümierten, der uns unverdientes Leiden zumutet. So geht es vielen Menschen; so ging es auch dem Schriftsteller Georg Büchner, als er sagte: Menschliches Leiden sei der „Fels des Atheismus“, denn für einen Gott, der so viel Leid geschehen lasse, sei die beste Entschuldigung die, dass es ihn gar nicht gebe!
Hier treibt das Leid einen Keil zwischen uns und Gott. Aber in der Klage bringen wir unseren Schmerz vor Gott, und mit unserem Schmerz bringen wir uns selbst hin zu ihm.

Darum sind die Psalmen so wertvoll. Sie sind der Leitfaden für Leidtragende.

Das habe ich vor allem durch Psalm 22 gelernt. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? schreit David Gott ins Gesicht. Seine Frage ist unerbittlich: „Warum schweigst du zu meiner Klage?“ Das ist harte ungeschminkte Sprache. Das Erschütternde und zugleich Faszinierende an diesem Gebet ist die trotzige Hoffnung, dass derselbe Gott, von dem er sich gerade verlassen fühlt, diese Klage hört. Mitten in der Erfahrung der Nichterfahrung Gottes leuchten hier die Symbole der Beziehung:

„Mein“!
„Du“!

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Hier geschieht das Unerhörte: Der Inhalt der Klage kann noch so bitter sein, immer bleibt der betende Mensch in der Beziehung. Und unversehens singt die Hoffnung verstohlen ihr leises Morgenlied: Mein Gott, du kannst mich doch nicht verlassen, du hörst doch mein Schreien? Du wirst dich doch wieder entbergen?!
Psalm 22 hebt an in tiefster Dunkelheit. David fühlt sich in Vers 3 nicht gehört. „Ich rufe, aber du antwortest nicht!“ Und beharrlich schüttet er Gott sein Herz aus, in wilden Metaphern, bis mit Vers 20 eine Wende einsetzt. Aus der Klage wird vertrauensvolle Bitte: „Du aber, Herr, wende dich nicht länger von mir ab! Du bist doch meine Kraft, komm mir zu Hilfe!“
Immer größer wird die Zuversicht, immer freudiger die Hoffnung, immer umfassender der Kreis derer, dem der Beter sein Lied singen möchte von der erneuernden Macht Gottes. Aus der Klage wird Lob, aus der Trauer Freude, wie David an anderer Stelle singt: Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen und mich mit Freude gegürtet (Psalm 30,12).

Als Jesus am Kreuz schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? - scheint sich das Leid der Welt auf ihn zu konzentrieren. Alle Gottverlassenheit versammelt sich in ihm. Für uns ist das Ausmaß dieses Schmerzes nicht vorstellbar. Aber wir dürfen ahnen, dass dieser Schrei Jesu ihn uns nahebringt, wo auch wir leiden. Und wir dürfen glauben, dass auch Jesus, wie vor ihm David, in dem Ruf „Mein Gott“, aramäisch Eloi (Markus 15,34) gegen den Augenschein der Gottesferne hoffte, dass dieser abwesend scheinende Vater im Himmel seinen Schrei hören würde.

Wenn ein Jude zur Zeit Jesu einen Psalm intonierte, war mit dem ersten Vers der ganze Psalm mit gemeint. So wird auch Jesus mit seiner letzten Kraft in der Zuflucht zu Davids Klage das Lob Gottes am Ende desselben Psalms mitgebetet haben.

Und Gott hat dieses Gebet österlich erhört.


Volker Keding
März 2021

 


Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele wohl

PSALM 139

 

Psalm 139 ist bekannt für seine Gewissheit, dass Gott allgegenwärtig ist und das Herz des Menschen kennt. Das ist mit verschiedenen emotionalen Stimmungen verbunden. Zunächst wird es als beglückend und bergend empfunden: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir (V. 5). Oft kommt genau dieses warme Gefühl in mir auf, wenn ich (was ich gern und häufig tue) durch einen Mischwald gehe, in dem die ausladenden Äste der Buchen von beiden Seiten sich über den Weg erstrecken, als wollten Gottes Hände mich segnen. Gottes bergende Hand ist beseligend. 

Derselbe Psalm kennt aber auch das Gefühl für das Bedrängende an Gottes Allgegenwart, verbunden mit seinem durch alle Oberflächen hindurchdringen klaren Blick für das Wahre. Nicht ohne Humor erzählt das Buch Jona von dem Propheten, der seinem Auftrag davonlief und dabei ein ebenso lächerliches wie sinnloses Versteckspiel vor Gott inszenierte. Bis er merkte, es hat keinen Zweck. Denn auch auf dem Schiff, auch im Sturm und im Tosen der Wellen ist Gott da. Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Rechte mich halten. Aber müssen wir uns denn wirklich verstecken? David beginnt und endet sein Gebet im Vertrauen auf seinen Gott: Du darfst mich durchleuchten, dir vertraue ich, ich will keinen Selbstbetrug. Sollte die Lüge auf mich lauern, will ich ihr nicht verfallen. Gott, prüfe mich, bring Licht in meine Motive, dass ich mir nichts vormache! 

In dieser Bereitschaft zur Selbstkritik schwingt eine Menge Vertrauen mit. So wie wenn ich zum Arzt gehe und ihm eine hässliche Entzündung an meinem Körper zeigen muss, in der Hoffnung, dass er Heilung möglich macht und die ursprüngliche Schönheit der Glieder wiederkehrt. Ja, Schönheit! Kein besseres Wort fällt mir ein, wenn ich zum Herzstück des Psalms komme, zu dem überaus zarten Wort in Vers 14, das mir als Höhepunkt des Psalms erscheint: 

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele wohl.

Eine schöne Variante dieses Verses bietet die Neue Genfer Übersetzung: „Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!“
Schon oft habe ich den Rat gehört: Stell dich vor den Spiegel und sprich diesen Vers: Ich bin wunderbar gemacht! Ich bin schön. Und dafür danke ich dir, Gott. Du hast mich gemacht, nicht nur als schöne Seele, sondern auch als schönen Leib. Ganz und gar, von oben bis unten, innen und außen: Wunderbares Kind des wundervollen Schöpfers! Dürfen wir das auch mit der Sexualität in Verbindung bringen? Mit ihrer Kraft und Sehnsucht, ihrer Schönheit und zarten Zerbrechlichkeit? Ja, dürfen wir, sollen wir und wollen wir! Nur so sind wir im Einklang mit Psalm 139,14.
Ein leidiges Kapitel der Christentumsgeschichte ist die Verdächtigung der aufblühenden Sexualität. Zu schnell wird sie als gefährlich abgetan, bevor sie überhaupt wahrgenommen wird als von Gott geschenkte Vitalität, als das schöne Werk der noch schöneren Hände Gottes. Die gefühlte Freude an der geschlechtlichen Energie des jungen Menschen kann ja auch schlichtweg Dank an den Schöpfer bedeuten, der uns wunderbar gemacht hat! Psalm 139 hilft uns zur Befreiung von einer Frömmigkeitsgeschichte, die die Geschlechtskraft mit der Hermeneutik des Verdachts beargwöhnte und unterdrückte. 

Wir dürfen unsere Sexualität mitsamt dem ganzen Leben als das schöne Werk Gottes mit Dank annehmen und mit Freude feiern, eingebettet in gegenseitige Wertschätzung, Hochachtung und Verantwortung. Denn auch unsere Liebeskraft ist nach Leib und Seele wunderbar gemacht und schön. Gott unserem guten Schöpfer sei Dank!


Volker Keding
Dezember 2020

 


Du lässt den Menschen herrschen über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gelegt.

PSALM 8

 

Kein Psalm hat eine so hohe Meinung vom Menschen wie dieser. Mir wird manchmal schwindelig, wenn ich ihn betrachte. Nur noch die erste Schöpfungserzählung hat eine vergleichbare Botschaft: Zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie als Mann und Frau. 
Ich genieße die wärmende Sonne dieses schönen Lichtes, das uns die Hebräische Bibel schenkt. Gottes Hochachtung des Menschen – oder sollen wir sagen: des Psalmisten Staunen über dieselbe? – beginnt schon in der zweiten Hälfte des Vorverses. Luther übersetzt: Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Was hier mit Ehre wiedergegeben wird, heißt auf Hebräisch „Kabod“, und in diesem schönen Wort berühren sich Glanz, Herrlichkeit, Ehre, Fülle, Schwere, Würde und Bedeutsamkeit. Es ist der Glanz Gottes, von dem es Jesaja 6 heißt, dass die ganze Welt davon erfüllt sei. Daran schenkt der Schöpfer uns Menschen Anteil.
Und dieser Glanz der Ebenbildlichkeit wird nicht einer Elite zugesprochen, sondern dem Menschen schlechthin. In Südafrika lag hier für mich der Schlüssel zur Sprengung jeder Diskriminierung. Eine höhere Würde kann uns nicht zugesprochen werden. Der Psalm spricht uns zu, Anteil zu haben an Gottes Herrlichkeit. Gibt es einen wohltuenderen Zuspruch?
Und erst dann folgt die Betrachtung der praktischen Folgen dieser Krönung: Du lässt ihn herrschen über die Werke deiner Hände. Gott hat uns das schöne Werk seiner schönen Hände anvertraut! Das Herrschen ist offenbar ein Aspekt unserer Ebenbildlichkeit, als wollte der Psalm sagen: Sei wie Gott, herrsche über seine Schöpfung!
Spätestens jetzt regt sich Widerspruch: Ist das nicht ein gefährlicher Auftrag? Das hebräische Verbum für Herrschen (maschal) kann einen positiven Klang haben. Joseph herrschte über Ägypten zum Wohl des Volkes (Genesis 45,8). Kain sollte über die auf ihn lauernde Sünde herrschen (hätte er es doch nur getan; uns wäre viel erspart geblieben!). Negativ klingt es z.B. in den Sprüchen Salomos (29,2): Wenn ein Böser herrscht, seufzt das Volk; und in Jesaja 49,7 stöhnt das exilierte Volk Israel, weil es verachtet wird von seinen tyrannischen Beherrschern. Herrschen ist ambivalent, es kann edel und garstig sein, dem Guten dienen oder aber dem Bösen. Es kann fürsorglich aufbauen, oder aber tyrannisch unterdrücken und zerstören.
Wie sollen wir aber als mit Gottes Glanz Gekrönte herrschen, ohne überheblich zu werden wie ein Pharao? Mir gingen die Augen auf, als ich am 14. Juni dieses Jahres Losung und Lehrtext las. Da begegnete ich einer faszinierenden Dialektik. Psalm 8,7 war der Losungstext. Der Lehrtext aber kam als Überraschung: So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat (Epheser 5,1-2). In dieser Zusammenstellung wird die Liebe zum Interpretament des Herrschens. Nicht nur das Herr-Sein über die Schöpfung, das im 8. Psalm dem Menschen zugesprochen wird, sondern auch das Liebe-Sein ist göttlich (1 Johannes 4,16). Gott herrscht nicht als verantwortungsloser cholerischer Despot, sondern als liebender Vater.
Darum, wenn wir unsere Gottebenbildlichkeit leben wollen, können wir das nur tun als liebende Väter und Mütter. Nach Epheser 5 steht Psalm 8 in einem nichtambivalenten Licht. So ahmt nun Gott nach und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat! Als herrlich Gekrönte sollen wir Gott nachahmen, dessen Liebe in Christus Gestalt geworden ist.
So wollen wir beten: Herr, lass uns dir immer ähnlicher werden und unsere Welt aus deiner Hand als Leihgabe nehmen und in zärtlichem Respekt mit ihr umgehen! Lass den göttlichen Glanz, an dem du uns Anteil gibst, warm und fruchtbringend von uns ausgehen und die Welt zu einem schöneren Ort werden lassen! Lass uns als weise Königinnen und Könige „herrschen“ und haushalten, dir zum Lob!


Volker Keding
September 2019

 


Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist

PSALM 24,1

 

„Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Überzeugung, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst“. Mich inspiriert dieser Aphorismus von James Neil Hollingworth. Der Klimawandel und die Corona-Pandemie sind furchterregend, wir brauchen etwas, das wichtiger ist!
Ich schalte die Nachrichten aus und schlage das Buch der Psalmen auf. Da leuchtet mir Psalm 24 entgegen: Die Erde ist des Herrn. Die Betrachtung dieses Psalmworts tut unendlich gut. Wem gehört die Erde eigentlich? Doch nicht etwa uns? Die hebräische Bibel sagt: Die Erde und alles, was darauf lebt, gehört dem Herrn (Neue Genfer Übersetzung). Das ist Klartext. Die Erde, ja die ganze Schöpfung, gehört immer noch Gott! Sie ist und wird sein das schöne Werk seiner schönen Hände, das behütete Werk seiner von Ewigkeit zu Ewigkeit schaffenden, bewahrenden und wieder schaffenden Hände.
Vor fünf Jahren, als in Europa noch kein Mensch den Namen Greta Thunberg kannte, schrieb Papst Franziskus seine Enzyklika Laudato si´ und hält darin die Spannung zwischen tiefem Gottvertrauen und ernster Sorge für das „gemeinsame Haus“, die Erde. Ihn treibt nicht Angst, sondern Liebe zu unserer Mutter, Schwester Erde, wie sein Namenspatron Franz von Assisi es in seinem Sonnengesang sagt: Laudato si’, mi’ signore, per sora nostra matre terra! – Gelobt seist Du, Herr, durch unsere Schwester, die Mutter Erde! Gelobt seist Du, höchster Herr, mit allen Wesen, die Du geschaffen hast. Dieser franziskanische Geist strömt Freude aus. In diesem Geist werden Ausbeutung und Unterdrückung unserer Erde philosophisch und ethisch unmöglich, ebenso aber auch kopflose Panik.
Die Klimadebatte nehme ich ernst, aber manchmal möchte ich frei nach Psalm 8 dreinfahren und rufen: Wenn ich die Grandesse von Himmel und Erde sehe, was ist der Mensch, dass er sich einbildet, sie zerstören zu können? Wir haben gar nicht das Format! Die Schöpfung gehört noch immer Gott! Er hat Noah zugesagt, sie zu bewahren (Genesis 8,21-22). Mit seinem schöpferischen Geist erneuert er Tag für Tag, und einst vollkommen, das Antlitz der Erde (Psalm 104,30). Er gibt sie nicht auf, sondern liebt sie nachhaltig. Das ist wichtig!
Diese befreiende Einsicht ist aber kein Freibrief dafür, das Seufzen der Kreatur (Römer 8,19-22) zu überhören und die Sorge um unser gemeinsames Haus zu vernachlässigen. Denn wenn wir auch zu klein sind, um Gottes Werk zerstören zu können, eins können wir leider doch: Unser menschliches Habitat demolieren. Die Macht haben wir, und es ist geboten, dieser Zerstörung Einhalt zu gebieten. Da gebe ich Greta Thunberg ohne jeden Vorbehalt Recht.

Für den Glauben gehört beides zusammen: Verantwortung für unser kostbares Habitat und tiefes Vertrauen in den Gott, dem die Erde gehört.

Und wie sollen wir ihm vertrauen in Corona-Zeiten? Wer kennt nicht die bohrende Frage: Ist Corona eine Strafe Gottes? Ein grässlicher Gedanke. Hat also Corona nichts mit Gott zu tun? Ein theologisch unmöglicher Gedanke! Denn dann gäbe es Bereiche des Seins, aus denen Gott ausgesperrt wäre. Auch die Schmerzen der Erde sind des Herrn. Wo genau Gott hier ist und wirkt, weiß kein Mensch. Aber tastend fragen dürfen wir: Ist Corona vielleicht ein Fingerzeig Gottes? Dass nämlich alles auch ganz anders gehen kann? Dass Phänomene wie Verzicht und Entschleunigung doch möglich sind? Und könnte es sein, dass Gott seiner geschundenen Erde gerade einen erholsamen Sabbat schenkt?   
Echter Mut braucht etwas, das größer ist als die Angst. Mir bedeutet der Osterglaube sehr viel. Mit der Auferweckung Christi hat Gott gezeigt, wie er dem Nichts ruft, dass es sei (Römer 4,17) und wie er auf dem Weg ist, die ganze Schöpfungsgemeinschaft nicht nur zu bewahren, sondern auch zu erneuern. 

Davon gibt uns die Präfation der Osternacht eine Ahnung: »In seiner Auferstehung schenkst du uns wieder das Leben. Darum jubelt heute der ganze Erdkreis in österlicher Freude«. 


Volker Keding
Juni 2020

 


HERR, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss!

PSALM 39

 

„Endlichkeit“ nennen es die Philosophen. Unser Leben geht irreversibel von einem Anfang zu einem Ende. Vielen Menschen, jedenfalls in unserem nordatlantischen Kulturkreis, macht diese Ahnung großen Kummer. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ wird darum gnadenlos ausgesogen, und doch wird es davon weder verlängert noch verschönert. 

Der Psalm lädt ein zu einem ganz anderen Blick: Gott, du Schöpfer meines Lebens, lass mich mutig mein Ziel und Ende im Blick haben; lass mich meine Grenze kennen, nach vorne gehen und wissen: Die Zeitspanne liegt nicht in meiner, sondern in deiner Hand! 

Das kann ich allerdings nur für mich beten. Es gibt Menschenleben, die vor ihrer Zeit ausgelöscht werden, und wer das erlebt, bekommt Fragen über Fragen, auch an Gott. Und kein Mensch kann sich anmaßen, sie zu beantworten. Da sind vorschnelle und glatte Antworten wie eine Ohrfeige. Schließlich betet der Psalm bescheiden: lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss; nicht: lehre das meine Schwester und meinen Bruder! 

So kann ich für mich selbst Psalm 39 mitbeten, er bringt etwas in mir zum Klingen und Schwingen, was mit guttut. Je länger ich lebe, glaube und liebe, desto gelassener blicke ich auf mein Ende. Es ist ganz paradox: Die Einsicht in die Vergänglichkeit und ihre Akzeptanz hat für mich nichts Lähmendes, sie ist keineswegs „morbide“, sondern erfrischend! Das geistige Antizipieren des Todes macht mich nicht trübsinnig, sondern intensiviert den Geschmack für die Qualität des Lebens im Hier und Jetzt.

Das erlebte ich ganz überwältigend im März 1981. Da war mir für einige Sekunden, als würde ich in mein eigenes offenes Grab schauen und war überzeugt: Dies ist mein Ende. Als ich aus dem Koma erwachte, ging es mir vielleicht wie Dostojewski. Von ihm erzählt Stefan Zweig in seinen Sternstunden der Menschheit, dass er das neu geschenkte Leben in seiner Süße spüren konnte, als er einer Exekution am 22. Dezember 1849 knapp entrann. Wer den Tod hinter sich hat, geht auf das Leben zu, intensiver, glühender, froher als zuvor.

Selbst wenn nur die wenigsten so massiv mit dem möglichen Tod konfrontiert werden, das nüchterne Einbeziehen des eigenen Endes ist realitätsgerecht und darum sehr lebensnah. Die Alten hatten dafür den feierlichen lateinischen Ausdruck memento mori und leiteten daraus die ars moriendi - die Kunst des Sterbens ab, die letztlich zur ars vivendi befähigt: Gedenke des Todes, und du wirst zu echter Lebenskunst befreit! Wir nennen es heute „abschiedlich leben“.

Diese Einsicht macht nicht nur gelassen, sie gibt vor allem große Lebensfreude; sie setzt die Entdeckung frei: Jeder Tag ist ein Geschenk, nichts ist selbstverständlich. Es ist meine Erfahrung seit Jahrzehnten, dass das Wahrnehmen meiner Endlichkeit nicht nur nicht morbide ist, sondern eine unbändige Lebensfreude freisetzt.
Denn für den Glauben ist das Ende der Anfang. Bach beendet seine Kantate Ich habe genug (BWV 82) mit der schwungvollen Arie: „Ich freue mich auf meinen Tod“. Eigentlich schwer nachvollziehbar – außer wenn der Tod das Tor zu größeren Welten wäre!
Ziel und Ende des menschlichen Lebens zu erkennen, ist die Bitte des Psalms. Dem steht in beglückendem Kontrast die Einsicht gegenüber, dass bei Gott weder Ziel noch Ende zu finden sind. Gerne singe ich darum mit Paul Gerhardt (EG 325,10):

Weil denn weder Ziel noch Ende
sich in Gottes Liebe findt,
ei so heb ich meine Hände
zu dir, Vater, als dein Kind;
bitte, wollst mir Gnade geben,
dich aus aller meiner Macht
zu umfangen Tag und Nacht
hier in meinem ganzen Leben,
bis ich dich nach dieser Zeit
lob und lieb in Ewigkeit!


Volker Keding
März 2020

 


Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott

PSALM 40,4

 

Zu diesem Vers fühle ich mich stark hingezogen. Was ist das für ein Lied, das David hier singt? Zwei Merkmale fallen sofort auf: Es ist eine Gabe, und es ist neu. Das neue Lied ist ein geschenktes Lied. Hier möchte ich innehalten und sein Geheimnis auf mich wirken lassen. Das neue Lied als Gabe ist etwas ganz Besonderes, hören wir doch sonst eher den Aufforderungssatz: Singet dem HERRN ein neues Lied! (wie am Sonntag Kantate). Aber hier spüren wir einen etwas anderen Akzent, nur eine Nuance entfernt von den vielen anderen Ermunterungen und Aufforderungen zum Lob. 

David staunt über eine Gotteserfahrung, die ihm vielleicht neu ist: Ihm wird ein Lied in den Mund gelegt. Er ist ganz und gar der Empfangende. Davids Seele ist rezeptiv wie der Schoß der Maria. „Siehe, ich bin des Herrn Magd, mir geschehe wie du sagst“ (Lukas 1,38); ähnlich mag David empfinden: ich bin offen dafür, von dir gefüllt zu werden mit Leben, Klang und Inspiration! 

So kommt David zu dem Jubel: Er hat mir ein neues Lied gegeben. Wer? Gleich am Anfang des Psalms erfahren wir es: Der HERR neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. JHWH, ›Ich‐bin‐da‹ (Martin Buber), Ursprung aller Verwandlung und alles Singens, ist Komponist dieses Liedes. Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben. Welche Erleichterung! Gott beschenkt uns mit einem Lied, legt es uns in den Mund, wir singen es unangestrengt, müssen es nicht selbst erfinden. Und das ist gut so.

Denn wenn die Lieder von uns selbst erfunden werden, kann zu viel Eigenes darin mitschwingen; und unser Singen kann zur eitlen Selbstdarstellung verkommen. Es kann das Elend unserer Welt übertönen, bis irgendwann Gott eingreift und uns durch Prophetenmund kündet: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder! (Amos 5,23). Gott loben wir nur dann wirklich, wenn das Lied von ihm zu uns erklingt und wir seine dankbare Resonanz werden.

Und Gott loben wir nur dann, wenn wir unsere Melodie als erneuerte Wesen empfangen. Gerade darum heißt es neues Lied. Ob in Gestalt kirchenmusikalischer Innovation oder traditioneller Vertrautheit, wirklich neu ist Gottes Lied im Mund der neuen Kreatur, die dem dankt, aus dem die Kraft der Erneuerung fließt.

Das Wörtchen „neu“, hebräisch chadasch, ist ein roter Faden der Bibel. Ich-bin-da verheißt dem exilierten Israel, ein Neues zu schaffen (Jesaja 43,19). Das neue Lied, das Schir chadasch, besingt Gottes Kraft zu schaffen und neu zu schaffen. Es jubelt über den, „der dem Nichts ruft, dass es sei“ (Römer 4,17), der Tote zum Leben erweckt und Hoffnung auf Erneuerung schenkt. Das neue Lied freut sich über den, der seine Welt auch dann noch trägt, wenn wir sie (vielleicht arglos? vielleicht egoistisch?!) ausmergeln. Er schenkt uns die Vision einer Neuschöpfung (Jesaja 65,17) und erfüllt uns mit zärtlicher Liebe zum schönen Werk seiner noch schöneren Hände – schon hier und jetzt.

In unserer noch alten Weltzeit gibt es viel zu beklagen, so ist uns nicht immer nach Singen und Jubeln zumute. Auch David beginnt den Tag, an dem der diesen Psalm singt, nicht mit Loben, sondern mit Schreien aus einer grausigen Grube (V 2-3). 

Gott ist ein musikalischer, ein hörender Gott. Er neigt sein Ohr zu uns. Und zugleich legt er ein neues Lied, ein Schir chadasch in unser Herz, eine Melodie in unseren Mund, die uns Kraft gibt, immer wieder neu anzufangen. Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott.

Hier berührt mich eine letzte Überraschung. Der Psalm geht vom Singular zum Plural, vom Einzelnen zur Gemeinschaft. David lobt nicht einfach nur seinen Gott, sondern unseren Gott. Sein Lied lobt den Schöpfer und Erlöser der Welt, unserer großen Schöpfungsgemeinschaft. 


Volker Keding
Dezember 2019

 


Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.

PSALM 116

 

Abgeklärt wirkt dies stille Wort. Ähnlich wie in Psalm 103 ist der Beter mit seiner Seele im Gespräch, als wolle er sagen: „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“. Darum: Sei nun wieder zufrieden, meine Seele!

Abgeklärt und still! Kann ich das mitbeten, wenn in mir gerade jetzt etwas unstimmig ist? Vielleicht muss ich einen kleinen Schritt zurückgehen! Im Wörtchen „wieder“ liegt eine Verwandlung, eine bewegte Zeit in unmittelbarer Vergangenheit. Das hebräische Original spricht von einer Rückkehr. Kehre wieder zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe! Das „wieder“ setzt voraus, dass es eine Zeit gab ohne diese Ruhe.
Da muss etwas Aufwühlendes geschehen sein. Lesen wir Vers 3-4, vernehmen wir ein zitterndes Nachklingen eines Überlebenskampfes mit Todesangst: „Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen“, und daraus ertönt großes Angstgeschrei: „Ach, HERR, errette mich“!
Das sind dürre Worte. Knapp wie die Lebensgeschichte des Gelähmten am Teich Betesda in Johannes 5,7: „Herr, ich habe keinen Menschen“. Er wird das nicht in 10 Sekunden auserzählt haben, sondern episch umkreisend seine Lebensnot vor Jesus ausgeschüttet haben. So auch dieser Psalmbeter: „Ach, HERR, errette mich“!
Die innere Ruhe wird kommen, das künden uns die Psalmen. Aber oft genug braucht es bis dahin das ehrliche Ringen. Und in diesem Ringen kennt Gott keine Zensur, alles hört er sich an. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Kein Weinen zu laut, keine Anklage zu ungestüm. Sein Weites Herz schafft meinen Zweifeln Raum.
Wenn wir den Schutt unseres ganz normalen täglichen Wahnsinns von Gott fernhalten wollten, wo sollten wir ihn dann entsorgen? Wenn die Runzeln und Narben unseres zerbrechlichen Lebens ihm nicht gefallen sollten, wem dann? Sollte es bei Gott eine Enttäuschung geben, dann nicht die, dass wir zu dreist beten, sondern dass wir das Wichtigste zurückhalten. Wenn dies nun aber Wut, Verzweiflung und Ratlosigkeit wäre? Dann heraus damit in Gottes weites Herz!
Und genau das muss der Beter von Psalm 116 getan haben. Eine tiefe stille Gewissheit tritt ein: Mein Leben ist gut! Es ist wertgeachtet vor seinem Schöpfer! Er sieht mich an, er hört mich. Darum komm wieder zur Ruhe, meine Seele, denn Ich-Bin-Da ist dir gut! 

Und ich kann gleichsam ein Sonnenbad nehmen in dieser Güte, alle Verzagtheit aufatmend abschütteln und den Frieden des Neuanfangs auf mich wirken lassen.
„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der HERR tut dir Guts“ lässt Bach gegen Ende der Kantate Ich hatte viel Bekümmernis (BWV 21) singen. Solistinnen, Solisten und Chor singen einander diesen Satz zu, kontrapunktiert durch Worte aus dem Choral Wer nur den lieben Gott lässt walten (EG 369). Besonders eindrücklich: „Denk nicht in deiner Drangsalshitze, dass du von Gott verlassen seist“. Ein inneres Ringen kommt hier zum Klingen, das wir alle kennen. Einige Sätze früher klagt ein Tenor-Rezitativ über das Gefühl der Verlassenheit, eine Sprache, die ungewöhnlich stark ist bei Bach: 

Wie hast du dich, mein Gott / In meiner Not / Denn ganz von mir gewandt?
Ach! Kennst du nicht dein Kind? / Ach! Hörst du nicht das Klagen? 

Du warest meine Lust / Und bist mir grausam worden….!

So wird das einige Sätze später erklingende Erneuerungswort „wieder“ aussagekräftig: Sei nun wieder zufrieden, meine Seele! 

Die spannende Frage ist, ob wir es wagen, unsere Abgründe vor Gott zu bringen. Unzensiert. Tun wir es, geben wir einer österlichen Verwandlung Raum, die unser Leben hell macht. Und wir können mitsingen: Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes. Und es mag geschehen, dass wir diesen Frieden spüren, seine Wärme und tiefe Freude!


Volker Keding
September 2019

 


Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk

PSALM 19

 

Das klingt wie Schöpfungsjubel. Viele Komponisten ließen sich davon inspirieren. Wer kennt nicht Beethovens Vertonung op. 48: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre! Oder den Chor Die Himmel erzählen die Ehre Gottes aus Haydns „Schöpfung“! Die jüngste mir bekannte Vertonung finde ich in freiTöne Nr. 90. Jan Janssen verknüpft kreativ das Motiv der Schöpfung und der Neuschöpfung, wenn er schreibt: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Erde verändert ihr altes Gesicht. Die schwungvolle, freudetrunkene Melodie von Fritz Baltruweit trägt das ihre zur Aussagekraft des Liedes bei.

Was begegnet uns in diesem schönen Psalm? Der hymnische Jubel beginnt beim Blick auf die Schöpfung. Der Kosmos, das Himmelsgewölbe und besonders die Sonne werden in ihrer Grandesse bewundert. Skrupulöse protestantische Theologen rümpfen hier die Nase und sprechen von „natürlicher Theologie“ – in einschlägigen Kreisen ein Schimpfwort, das verbunden ist mit der Befürchtung, Gottes Ehre werde durch die Freude an seiner Schöpfung geschmälert. Aber nein! Psalm 19 tut das Gegenteil! Alle diese beeindruckenden Phänomene der großen Natur reden nicht von sich selbst, sondern weisen über sich hinaus. Sie alle sagen, freilich ohne menschliche Stimme, ohne Sprache und ohne Worte (Vers 4): Wir sind seiner Hände Werk, SEINER Hände Werk! Ja und noch deutlicher: Sie erzählen und rühmen die Ehre Gottes. Gerade weil sie so majestätisch und schön sind, werden sie zum beredten Zeugnis von Gottes Glanz.

Kabod, das hebräische Wort für Ehre, hat viele Bedeutungsnuancen: Herrlichkeit. Glanz. Gewicht. Bedeutsamkeit. Daher auch die vielen Übersetzungsvarianten zu Psalm 19. Alle diese Übersetzungen richten unsere Aufmerksamkeit auf Gott selbst, den Schöpfer. Die Sonne hat Glanz. Aber dieser weist auf den Glanz Gottes. Erhaben ist der Sternenhimmel. Aber dieser verweist auf die Erhabenheit seines Schöpfers. Die Himmel erzählen von der Herrlichkeit Gottes. Die Alten sprachen vom „Buch der Natur“, das parallel zum „Buch der Offenbarung“ Gottes Glanz und Ehre bezeugt. Und wir dürfen einstimmen in den Jubel, den Dank an Gott für seine wunderbaren Werke. 

Wenn ich so Gott über seiner Hände Werk lobe, pflege ich auch die kleineren Dinge einzubeziehen, die Vögel, die Gräser, die Bäume und die Menschen. Und ich füge gern eins hinzu, was in Psalm 19 nicht ausdrücklich zur Sprache kommt: Sie sind das schöne Werk seiner Hände. Und weil ich vom Werk auf den Meister schließe, fahre ich fort: Sie sind das schöne Werk seiner schönen Hände. Und weil zwischen Schöpfer und Geschöpf zwar Ähnlichkeit besteht, diese aber überboten wird durch noch größere Unähnlichkeit; weil mithin das Göttliche unendlich viel größer ist als das Kreatürliche, erlaube ich meinem Staunen eine weitere Steigerung freue mich am schönen Werk seiner noch schöneren Hände.

So kann es geschehen, dass ich betend durch den Wald gehe und andächtig das Buch der Natur studiere. Ohne Sprache und ohne Worte, unhörbar ist seine Stimme. Sein Schall geht aus in alle Lande und sein Reden bis an die Enden der Welt (V 4-5). Aber in dankerfülltem Herzen spüre ich die Herrlichkeit Gottes in, mit und unter seinen Geschöpfen, die ihn preisen. Mit Franziskus nenne ich sie heimlich Brüder und Schwestern und lobe zusammen mit ihnen unseren gemeinsamen Schöpfer. 

Dankbare Naturliebe hat Raum im Dialog mit Gott; sie raubt ihm nicht unser Herz, sondern verbindet es neu mit ihm, denn das Werk seiner noch schöneren Händen lässt ahnen, dass es erdacht ist in seinem überaus schönen Herzen. Darum sage ich im Geist des genannten Liedes: Wenn wir lauschen, wie die Himmel die Ehre Gottes erzählen, verändert die Erde ihr altes Gesicht.


Volker Keding
Juni 2019

 


Dienet dem HERRN mit Freuden!

PSALM 100

 

Der erste Eindruck befremdet: Hier begegnet uns ein Imperativ in Verbindung mit Freude. Kann man sich auf Befehl freuen? Ich habe manchmal Mühe zu Festen zu gehen, zu Hochzeiten, runden Geburtstagen usw., weil man dort von mir erwartet, dass ich fröhlich bin; und wenn ich es nicht bin? Wenn ich dann versuche bei lustigen Gesellschaftsspielen mitzulachen, stehe ich neben mir und frage mich, was ich da tue. Nein, ich lasse mir Freude nicht befehlen. Sie muss sich schon leise von innen heranpirschen und meine Seele sanft berühren, dann kann sie mich überwältigen. 

Schwer verdaulich auch die Kombination von Freude und Dienen. Geht das denn? Beim Dienen Freude erleben? Ist nicht Dienen ein Hindernis zur Selbstverwirklichung, führt es nicht zur Fremdbestimmung?

Diese Anfragen sind nicht schnell vom Tisch gewischt. Dienet dem HERRN mit Freuden – das kann in schweren Situationen zynisch klingen. Wir müssen schon einen anderen Blickwinkel finden.

Im Hebräischen hat das Verb `abad und seine Derivate eine große Bandbreite, die im Deutschen eine Vielfalt von Ausdrücken braucht etwa: Sklavenarbeit tun, arbeiten, dienen, Gottesdienst halten. Da stehen negative und positive Konnotationen hart nebeneinander. Der Kontext entscheidet über den Sinn. 

In Psalm 100 geht es vor allem um den Gottesdienst. Man kann sich gut eine Prozession vorstellen, wie die Gemeinde in den Tempel einzieht und sich auf das Lob ihres Schöpfers freut. Und sie tut es stellvertretend für die ganze Welt: Jauchzet dem Herren, alle Welt, alles Erdreich, kol haarez! Da schwingt die Einheit der ganzen Schöpfungsgemeinschaft mit: Da brause auch das Meer mit seinen Fischen, das Feld soll fröhlich sein mit seinen Früchten, da sollen die Bäume im Walde jauchzen und in die Hände klatschen, die Berge sollen fröhlich sein. Die Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel, kurz, alles was Odem hat, soll dabei sein, wenn wir den Herrn loben (Ps 96; 98; 148; 150; Jes 55). 

Alle diese Aufforderungen sind nicht als herrschende Imperative gedacht, sondern als überschäumende einladende Festfreude, von der niemand ausgeschlossen sein soll. Es sind gleichsam Aufforderungen zum Tanz.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt, kol haarez! Dienet dem HERRN mit Freuden! Es muss einen Grund zu dieser Freude geben. Den finden wir bei Gott selbst. Was wir sind, ist nicht aus uns, das wäre armselig. Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst! Nichts stammt von uns, sondern alles von ihm, der unendlich viel größer ist als wir und unsere Fantasie. Ihm sein Leben zu widmen, lohnt sich. Ihm zu gehören ist würdevoll.

Und da sind wir bei einem wichtigen Kontrast. Auch in Ägypten mussten sie dem Pharao dienen. Erbarmungslos mussten sie über ihre Kräfte als würdelose Sklaven arbeiten (Ex 1,11-14). Und das taten sie keineswegs „mit Freuden“, sondern mit Seufzen und Schreien, bis Gott ihnen zuruft: Ich habe das Elend meines Volks gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; Schluss damit, ich greife ein und befreie sie von ihren Unterdrückern! (Ex 3,7-8).

Gott will uns nicht unterdrücken, wie es die Tyrannen tun, sondern uns den Raum geben, unser Leben zu entfalten nach seinem Bild, das er in uns hineingelegt hat. Sollten wir ihm nicht gern dienen und unser Leben schenken? 

In diesem Geist legte Wilhelm Löhe seinen Diakonissen in Neuendettelsau die folgende freiwillige Selbstverpflichtung vor: 

„Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“

Das ist ein Dienen, das aus freudiger Dankbarkeit fließt und zur Freude führt.
Darum wohlan: Dienet dem Herrn mit Freuden!


Volker Keding
März 2019

 


Lass ab vom Bösen und tu Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!

PSALM 34

 

„Puh, klingt das moralisch!“ war mein erster Impuls beim Lesen dieser Ermahnung. Um die Jahreslosung 2019 zu verstehen, las ich Psalm 34,15 ganz. Hände weg vom Bösen! Von diesem Imperativ hatte ich als Kind eine Überdosis; alles, was Spaß machte, schien Sünde zu sein. Diese Seite des Christentums, an der auch der Pastorensohn Nietzsche gescheitert ist, bringt in mir nichts zum Schwingen. 

Nun ging es bei dem Moralismus aus meinen Kindertagen um Puppensünden, um Naschwerk und harmlose Lebensfreuden. Der Psalm hat Gewichtigeres im Blick. Es gibt Bosheit, die das Leben um uns herum zerstört: Die Geldgier der Industriekonzerne, die Regenwälder vernichten; machthungrige Bürgerkriege, Korruption und Kindsmissbrauch. Da braucht es das prophetische Nein des Psalms unbedingt: Lass ab vom Bösen! 

Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Wer will denn im Ernst böse handeln und Leben verletzen? 

Es muss eine tiefere Schicht geben bei unserem Psalmwort. Das hebräische Ra` ist wie das „Böse“, oder „Übel“ vielschichtig, keinesfalls nur moralisch. Das Böse gehört in ein weites philosophisches Feld. Die alten Griechen bieten eine gute Verstehenshilfe mit ihrem Gegensatzpaar Sein – Nichtsein. Dabei hat das Nichtsein eine schmerzliche Spitze, wenn es Mēon genannt wird. Hier ist Nichtsein nicht einfach nur nichts, sondern das Fehlende, das nicht fehlen dürfte; der abgründige gefräßige Mangel. Es ist die philosophische Abstraktion für alles, was weh tut: Scheitern, Verzweiflung, Angst, Krankheit, Tod. Schon klanglich assoziiere ich mit Mēon (offenes e, wie ä zu sprechen) einen aufgesperrten Rachen, der alles verschlingen will. Und wenn dieses Mēon seinen Rachen aufreißt, geht es uns wie Hiob, der den Rachen der Angst kannte (Hiob 36,16).

Und hier wird es spannend. Es gibt unzählige Fratzen des Nichtseins. Die Nachrichten überschütten uns täglich damit. Diese vielen Formen des Nichtseins können uns lähmen wie das Kaninchen vor der Schlange. Es gibt Momente, in denen die Angst vor dem Übel schlimmer ist als das Übel selbst! Ich nenne diese Fixierung auf das gähnende bedrohliche Mēon eine „mēontische“ Haltung. Es ist die Betonung des Defizitären auf Kosten des Lebens. 

Übersetzen wir Psalm 34,15 neu: Lass dich nicht vom Nichtsein verschlingen, sondern wende dich mit aller Konzentration dem Sein zu! Dann wirst du Schalom erleben!

Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel hat darüber einmal so resümiert (Gott als Geheimnis der Welt, 40f.): Wir sind ausgespannt zwischen Sein und Nichtsein. Das kann zu Angst und Verzweiflung – oder zu Dankbarkeit und Freude führen. Angst: dass das Nichtsein irgendwann das Sein verschlingen könnte. Dank: Dass ich dennoch bin; das Wunder, dass sich das Sein gegen das Nichtsein durchsetzt. 

Das also ist mitgesagt in Psalm 34,15: Lass ab von der Lähmung durch das Nichtsein, höre auf, „mēontisch“ fixiert zu sein, wende dich dem Sieg des Seins über das Nichtsein zu, danke dem Schöpfer des Lebens für den Sieg über den Tod, den er schon deutlich gezeigt hat, als er Jesus von den Toten auferweckte. Bitte um den Frieden, den Gott in seiner Neuschöpfung vollenden wird! Schalom ist Ganzheit, Vollendung, Seinsfülle, Lebensstrom, ewige Freude.

Auf diesem weiten Horizont blüht die Jahreslosung auf als Hoffnungswort: Suche den Frieden und jage ihm nach! Höre nie auf, gegen den Augenschein zu glauben und zu hoffen, dass das von Gott verheißene Friedensreich kommt, in dem seine Schöpferkraft Seinsfülle schenkt, wo der tödliche Egoismus für immer verschlungen ist und wo Gerechtigkeit wohnt. 

Und wo immer es dir möglich ist, sei nicht Teil des Problems, sondern der Lösung; suche Frieden und jage ihm nach! 

Schalom!


Volker Keding
Dezember 2018

 


HERR, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

PSALM 73,25

 

Schon früh hat mich dieses Gebet angezogen. Es ist schwindelerregend in seiner steilen Sehnsucht nach der höchsten Erhebung der menschlichen Seele. Kein „Wort zum Sonntag“ könnte so tönen! Letzte Radikalität kommt hier zum Klingen. Aber darf denn menschlicher Mund so reden, ohne sich zu überheben? Alle Güter des Himmels und der Erde sollen mich gleichgültig lassen, weil ich Gemeinschaft habe mit Gott? Ist das nicht zu dünne Luft, zu weltfern für ein Erdenwesen? Wer immer Asaph war, er spricht ein kühnes Wort! 

Allerdings – er hat nicht immer so empfunden, im Gegenteil. Zuerst ist da seine „tierische Wut“ (Vers 22) über die Ungerechtigkeit in der Welt angesichts der empörenden Erfolgsgeschichte der Raffgierigen. Erst nach einem langen steinigen Weg (Vers 2-22) ereignet sich in ihm die überraschende Wende: Dennoch bleibe ich stets an dir! (Vers 23). Er spürt, dass Gottes Nähe einen Glanz hat, der alles überstrahlt. So klären sich ihm die Proportionen: das Große wird groß und das Kleine klein. 

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Warum ich dieses Gebet liebe? Mich fasziniert seine mystische Heiterkeit und die darin liegende Freiheit. Die vielen Ansprüche des Alltags verlieren ihre Unbedingtheit und werden zum Vorletzten! Das hat nichts mit Weltverachtung zu tun. Franziskus liebte Christus über alles und konnte gerade deshalb die Geschöpfe lieben. Ich selbst singe immer wieder gern mit Philipp Spitta (EG 510): 

Freuet euch der schönen Erde,
denn sie ist wohl wert der Freud;
o was hat für Herrlichkeiten
unser Gott da ausgestreut!

Keinen Moment meines Lebens hat mich diese Freude am Geschaffensein und am Geschaffenen verlassen. Wie sehr beglückt mich jedes Jahr das erste Schneeglöckchen, die Krokusse, die Osterglocken, das zarte Grün der Baumkronen und der Klang der Singvögel, der im ausgelassenen Jubel der Mönchsgrasmücke zur Vollendung kommt! Nein, wenn Gott meine tiefste Freude ist, hat das nichts mit griesgrämigem Asketismus zu tun. Es ist nicht Verneinung, sondern – Überbietung: Die Schöpfung ist schön, aber ihr Schöpfer ist noch schöner! Sie ist das schöne Werk seiner noch schöneren Hände! 

Gleichwohl gibt es bei dieser klaren Priorisierung auch Verneinungen. Petrus widersprach mutig den Autoritäten, die ihm das Christuszeugnis verbieten wollen. Tiefe Gottesliebe befreit von Menschenfurcht.

Und sie befreit von hemmungslosem Konsum! Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde! Himmel und Erde, unsichtbare und sichtbare Güter, ich muss sie nicht besitzen, kann sie aber in heiterer Gelassenheit gebrauchen. Sich an der schönen Erde zu freuen ist etwas ganz anderes als sie gierig zu begehren. Gier führt zur Ausbeutung, Freude dagegen zu zärtlicher Fürsorge, die aus Gottes Herzen fließt und voller Heilkraft ist.

So gibt uns dieser Psalm ein feines Augenmaß für eine goldene Mitte: Wir müssen weder Gottes gute Schöpfung ängstlich fliehen noch sie gierig plündern. Von beidem sind wir frei, wenn Gott uns alles bedeutet. Und so können wir Spittas Lied beherzt zu Ende singen (EG 510, Vers 5): 

Wenn am Schemel seiner Füße
und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen
erst für Glanz und Wonne sein.


Volker Keding
September 2018

 


Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen.

PSALM 146,9

 

Ein bemerkenswerter Psalm! Er kriegt zusammen, was bei uns leicht auseinanderfällt: Anbetung Gottes und den Blick für das Soziale; Kontemplation und Aktion. Er gehört in die Reihe der erhebenden Schlusschöre des Psalters, die auf den ausgelassenen Jubel von Psalm 150 hindrängen: Alles, was Odem hat, lobe den HERRN. Halleluja! Kurz vor diesem klingenden und schwingenden Schlusswort, das alle Lebewesen in das Lob ihres Schöpfers vereint, hören wir den 146. Psalm. Was für eine atmende Weite seiner Botschaft. Da wird zunächst der freudige Blick hochgerissen zu dem Gott alles Lebens: Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin. Ihm zu vertrauen lohnt sich, und so erklingt nach einer gedanklichen Unterbrechung die Seligpreisung derer, die ihre Hoffnung setzen auf den Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich. Alles Erhabene und Weite des Glaubens in Israel ist hier zusammengefasst.
Welchen Sinn aber hat die gerade erwähnte „Unterbrechung“? Sie kennzeichnet den Kontrast zwischen Gott und seinen Kreaturen, darunter besonders denen, die groß und mächtig scheinen: Fürsten sind nur Menschen, die können nicht helfen. Ihnen darf unsere Hoffnung nicht gelten, sie sind in jeder Hinsicht „endlich“: Die Lebensspanne ist ebenso begrenzt wie ihre ethische Integrität. Im Kontrast zu ihnen steht Gottes souveräne Zuverlässigkeit: Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja! So mündet der Psalm nach der Warnung vor endlichen Machthabern der Erde, auf deren Lebenslügen kein Verlass ist, in ein erleichtertes und jubelndes Gotteslob mit einem kräftigen Ausrufezeichen.
Und damit kommen wir zu einer anderen atmenden Dialektik dieses wunderbaren Psalms. Gott ist zwar der weltumspannende Schöpfer, der alle seine Geschöpfe liebt. Aber zugleich wird er dafür gepriesen, dass er einen Blick für die Kleinen hat, für Rechtlose und Schwache, die sich nicht helfen können. Gerade darin besteht seine wahrhaftige Zuverlässigkeit: dass er, der Allerhöchste, sich um das Allerniedrigste kümmert, er, der Himmel und Erde gemacht hat; der Treue hält ewiglich, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speist. Und damit nicht genug: Er befreit die Gefangenen, öffnet den Blinden die Augen, richtet die Gebeugten auf, behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen. 
Damit stehen wir vor einer faszinierenden Widersprüchlichkeit. Wir glauben, dass Gott „ohne Ansehen der Person“ – modern gesagt: vorurteilsfrei – alle Menschen liebt, denn wir alle sind sein Ebenbild und nach Psalm 8 mit seinem Glanz gekrönt. Dagegen steht nun die geradezu freche Behauptung dieses Psalms: Wo Gewalt und Unrecht herrschen, ergreift Gott leidenschaftlich Partei für die Geschwächten! Christen in Lateinamerika nannten das in Puebla 1979 „Gottes vorrangige Option für die Armen“. Was für ein mutiger Glaube gegen den sozialen Augenschein! Gottes besondere Liebe soll den Entrechteten und Heimatlosen gehören? Genau das glaubt der Beter von Psalm 146 und singt Gott dafür ein Freudenlied. Ich freue mich an diesem trotzigen Glauben. Wer hier mitsingen kann, wird sich Gottes liebendem Geist nicht entziehen. Die Freude an diesem Gott macht uns skeptisch gegen Paläste, Stars und Berühmtheiten, aber offen für Bedürftige und Schutzsuchende. Denn wenn wir uns ihnen zuwenden, handelt letztlich Gott selbst: Der HERR behütet die Fremdlinge. Er selbst! Möglicherweise (und das wäre schön!) auch durch uns. Da wird der Glaube durch die Liebe tätig. Es ist, wie Karl Rahner einmal sagte, ein Glaube, der die Erde liebt. 


Volker Keding
Juni 2018

 


Sendest du deinen Geist aus, so werden sie erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.

PSALM 104,30

 

In meines Vater Amtszimmer hing eine Tafel mit kalligraphischen Zeichen, deren Inhalt für mich als Kind ebenso dunkel wie anziehend war. Da stand unter anderem: Veni Creator Spiritus, emitte Spiritum Tuum, et creabuntur, et renovabis faciem terrae – Komm Schöpfer Geist, sende deinen Geist aus, so werden sie erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde. Viel später erst entdeckte ich darin Psalm 104. 

Der Geist Gottes gehört zu den faszinierendsten und flüchtigsten Themen des biblischen Glaubens, man könnte ihn mit Karl Rahner das unumgreifbare Geheimnis nennen. Und wie vielfältig sind seine Tätigkeiten und Kraftfelder! In der Kirche ordiniert er Pastoren, schenkt besondere Gaben zur Mitarbeit in der Gemeinde und hilft uns die Bibel verstehen; im persönlichen Glaubensleben können wir seine Spur in kleinen Lenkungen und erfrischenden Gesinnungsänderungen ahnen. Der Kleine Katechismus macht ihn verantwortlich für die Heiligung. Wenn ich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gelassener, geduldiger und, was besonders wertvoll ist: weniger kränkbar geworden bin, ist das Heiligung – schon eine gute Portion Erneuerung! 

Aber darüber hinaus gibt es noch eine Erwartung von echter Grandesse, die wir an den Geist Gottes knüpfen dürfen: Er ist schöpferisch und macht lebendig. Mittelalterliche Hymnen beten oft zum Schöpfer Geist, und unser nizänisches Glaubensbekenntnis preist ihn als Geist, der lebendig macht: Spiritus vivificans. Paulus ist hingerissen von seiner Schöpferkraft, die er in der Auferweckung Jesu entdeckt, an dessen Realität auch wir teilhaben sollen: Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt (Römer 8,11). Die Verwandlung unseres Leibes in einen geistlichen Leib dürfen wir erhoffen, so ist es uns verheißen. Das ist eine noch größere Dimension der Erneuerung. 

Aber auch dies ist noch nicht das Äußerste, worum wir bitten dürfen! Psalm 104 zeigt uns einen noch größeren Horizont. Hier wird deutlich: Alle Kreaturen leben vom Atem Gottes und sind auf ihn angewiesen. Mit kaum spürbarem Zittern betet der Psalmist Vers 29: Nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub! Aber umgekehrt ist dieser selbe Geist und Atem Gottes die schöpferische Kraft, die alles durchdringt, belebt und erneuert. Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis (Weisheit 1,7), und wenn er ihn erfüllt, belebt er ihn zugleich.

In einer Zeit tiefer Krise und Hoffnungslosigkeit in Israel widerfährt dem Propheten Hesekiel eine atembetäubende Vision: Er sieht ein Totenfeld voller verdorrter Knochen. Aber er soll den Geist Gottes rufen, damit er Leben in dies Totenfeld bringt. Und dann geht die Post ab! Die Knochen fügen sich zusammen, die Leiber werden heil und ein großes Heer steht auf. Eine schaurig schöne Szene voller Kraft und Leben. Wir sehen hier dem Geist des Lebens bei der Arbeit zu. Das Aufstehen der zum Leben Erweckten ist ein Aufstand des Geistes Gottes gegen die Hoffnungslosigkeit.

Und das weitet sich noch einmal in Psalm 104. Nicht nur Israel wird belebt, sondern die ganze Erde. Der Geist des Herrn, der den Erdkreis erfüllt und belebt, ist unterwegs zur Neuschöpfung.

Wenn wir schmerzlich wahrnehmen, wie geschunden die Erde ist, kann uns jede Hoffnung entweichen. Aber was bei Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich. Darum beten wir als bescheidener Teil der Schöpfungsgemeinschaft zusammen mit der ganzen Kreatur: Veni Creator Spiritus! Komm Schöpfer, komm, Neuschöpfer, Heiliger Geist, erneuere das Antlitz der Erde!


Volker Keding
März 2018

 


Lobet ihn, alle leuchtenden Sterne!

PSALM 148

 

„Zukunft braucht Herkunft“ (Odo Marquard). Das zweite Jahr dieser neuen Oramusbriefe rundet sich; ich halte inne und blicke zurück auf eine Meditation zum Wort „Oramus“ von Wolfgang Bartholomae, dem Begründer dieser Reihe (G. Gremels, Wolfgang Bartholomae – Erinnerungen, S. 128-130). Dem Plural gibt er dabei großes Gewicht und verweist auf die Psalmen:

Und die Psalmen wissen, dass die ganze Schöpfung singt. Darum fordert der hier auf Erden Betende die Engel auf mit einzustimmen. „Lobet im Himmel den Herrn, lobet ihn in der Höhe! Lobet ihn, alle seine Engel, lobet ihn, all sein Heer“ (Psalm 148,1-2)... Ein uns zeitlich näher Stehender ist der Heilige Franziskus mit seinem Sonnengesang: „Gelobet seist du mit allen deinen Geschöpfen, vornehmlich mit der edlen Herrin, Schwester Sonne...“. Und dann kommt der ganze Reigen der Elemente – Mond, Sterne, Wind, Luft, Wasser, Feuer, Erde. Sie wurden schon in Psalm 148 mit einbezogen in das kosmische Lob. – So ist ORAMUS ein Programm und ein Symbol, ja eine Vision. Eine Vision vom Menschen, der von Gott ergriffen und zu Gott hin unterwegs ist, und dies nicht allein, sondern zusammen mit anderen, auf Erden und im Himmel.

Ja, so ist es: Wir beten nicht allein, sondern mit allen seinen Werken. Gestirne, Berge, Bäume und Tiere; wir gehören zu ihnen, Frauen und Männer, Alte und Junge. „Die sollen loben den Namen des HERRN; denn seine Herrlichkeit reicht, so weit Himmel und Erde ist“ (Psalm 148,7-13). 

Was für ein gigantisches Konzert! Weitere Psalmen führen den Reigen von Psalm 148 fort, besonders Psalm 96 und 98. Da wird gejauchzt, frohlockt und sich gefreut; da dürfen auch die Früchte des Feldes fröhlich in die Hände klatschen. Bei Jesaja (55,12) tun es die Bäume. Je konkreter ich mir diese purzelbaumschlagenden Bilder vorstelle, desto mehr muss ich schmunzeln. Jauchzende Berge, jubelnde Felder, klatschende Bäume: Was für „Hyperbeln“! Da bekommt das Beten eine anmutige, beschwingte, wohltuende Heiterkeit. 

Wir loben Gott gemeinsam mit den Werken Seiner Hände, ja, mit den schönen Werken seiner noch schöneren Hände. Uns wird ein Platz in einem Kosmos zugeordnet, dessen Größe jede Vorstellungskraft übersteigt. Wir reden viel von Ökologie: Hier ist ihre tiefste Wurzel! Wir sind Teil eines großen Haushalts, der „Schöpfungsgemeinschaft“, und das findet seine schönste Gestalt im gemeinsamen Lob.

Wir wissen nicht, wie belebt die Kreaturen sind, wie sie mit ihrem Schöpfer kommunizieren. Nur weil sie es nicht so tun wie wir, bedeutet das nicht, dass sie es nicht können. Steine können schreien, Gott kann einer Eselin den Mund auftun! Bäume scheinen ein geheimes Leben zu haben (P. Wohlleben). Wer Haustiere liebt, kennt ihre Körpersprache und emotionale Intelligenz! Nein, wir Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen mit Sprache, auch nicht die Krone der Schöpfung (das wäre der Sabbat); wir sind ein bescheidener Teil. Dieses Wissen, in der Bibel feierlich Demut genannt, tut uns beim Beten gut.

Beten ist eine der ursprünglichsten Äußerungen des Menschseins und Loben eine der wichtigsten Dimensionen des Betens. Loben eint uns mit dem ganzen geschaffenen Kosmos in der gemeinsamen Freude an unser aller Schöpfer. Ihn dürfen wir preisen zusammen mit allen leuchtenden Sternen. Darum bringt uns der Geist des Lobgesangs zum Leuchten. 

Die Analyse des Mangels ist notwendig, bringt aber kein Licht ins Leben. Lob Gottes dagegen schafft das Licht gleichsam neu, das Gott im Anfang schuf! Wenn wir uns ins kosmische Lob einreihen, wissen wir zum Schluss nicht mehr, wer da leuchtet: die großen Sterne – oder Gottes fragiles, aber herzzerreißend schön-sensibles Ebenbild, der Mensch?

Volker Keding
Dezember 2017

 


Der HERR neigte sich zu mir und hörte mein Schreien.

PSALM 40

 

Gott muss musikalisch sein! 

Nicht nur, weil er die Psalmen liebt, nicht nur, weil er über den Lobgesängen Israels thront (Psalm 22,4). Gott ist musikalisch vor allem deshalb, weil er gute Ohren hat. 

Der darin mitschwingende „Anthropomorphismus“ (Menschenförmigkeit) ist hebräische Poesie und schließt Salomos kluges Gebet nicht aus, sondern ein: „Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dies Haus tun?“ (1. Könige 8,27). Bilder sind erlaubt, auch das vom Ohr. Die hebräische Weisheit macht uns dazu Mut: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören?“ (Psalm 94,9). Wenn Gott Ohren hat, dann sehr präzis hörende, eben musikalische! Ein gutes Ohr hört jede Verstimmung. 

Der HERR hörte mein Schreien. Wir schreien nur dann, wenn etwas mit uns nicht stimmt! Wir haben einen Gott, der hinhört, der jede Unstimmigkeit vernimmt. Sonst wäre jedes Gebet sinnlos! Wir können beten, weil Gott hörfähig ist. Schon Israels Ursprungserlebnis, die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, begann mit Gottes Hören: „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft, und ihr Schreien kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und sprach: Ich habe das Elend meines Volks gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört“ (Exodus 2,23-24; 3,7). Bevor das feierliche „Sch’ma Jisrael“ – Höre Israel! erklingt (Deuteronomium 6,4), hat Gott schon selbst gehört. Vor dem Sch’ma’ (höre!) kommt das Wajjishma’ (und er hörte!). 

Die Kirche des Wortes packt oft viele Worte in ihre Gottesdienste, bis zur Geschwätzigkeit. Kirche des Wortes? Wie wäre es mal zur Abwechslung mit: Kirche des Hörens?!
Es gibt Menschen die nicht zuhören können. Wie viele Frauen seufzen: „Er hört mir nie zu“. Mir geht es nicht um das Klischee der Geschlechterrollen: Er kommt vom Mars und kann nur Autos einparken. Den hörunfähigen Menschentyp gibt es auch unabhängig vom Gender, der eloquent ist und viel kann, nur eins nicht: wirklich Hören. Eine der härtesten Kritiken über Menschen lautet: „Der hört nie zu!“. „Die kann nicht wirklich hinhören!“ Wie anders ist Gott!

Der HERR neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. 

Zuhören ist ein Ausdruck von Souveränität. Sich jemandem zuzuneigen, setzt tiefe Verwurzelung voraus und Angstfreiheit, sich dabei zu verlieren. Narzisstische Menschen haben diese Größe nicht; aus einer inneren Leere heraus reden sie auf andere ein und kommen nicht zum Hören. Ihre Wertschätzung anderer Menschen reicht nicht aus, um ihnen zuhören zu wollen. Das ist der große Unterschied, das totaliter aliter Gottes: In ihm ist Lebensfülle; er verliert sich nicht, wenn er sich zu uns neigt, und er gibt sich nicht auf, wenn er uns ernsthaft zuhört. Er hat die überfließende Größe, hören zu können. Wir meinen uns zu verlieren, wenn wir uns in andere ernsthaft hinhörend hineinversetzen. Gott hat diese Angst und diesen Mangel nicht. Er ist die Fülle. Darum verschenkt er sich.
David freut sich unbändig über diese Zuwendung. Obwohl er König ist, weiß er genau: Vor meinem Schöpfer bin ich nichts. Aber er hört mein Schreien! Er nimmt mich wahr. Er nimmt mich ernst! Darum gibt der Psalmist uns Anteil an seiner Freude: Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott (Vers 4). 

Da sind wir wieder bei der Musik. Das beste Streichquartett ist nicht das, wo jede Stimme ihre Virtuosität beweist und wo die erste Geige alle anderen an Brillanz übertrumpft. Gutes Zusammenspiel vollendet sich im aufeinander hörenden Musizieren. Nur wer hörend singt oder geigt, trägt zu dem vollendeten Wohlklang bei!

Wir glauben einem Gott, der hört und der uns zu einem neuen Lied inspiriert, das hörend gesungen wird. Darum: Mach´s wie Gott, höre zu!


Volker Keding
September 2016

 


Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.«

PSALM 14

 

Psalm 14 klingt zunächst nicht gerade erbaulich; er hebt an mit einem Poltern: Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.« Entrüstet sich dieser Psalm über Atheisten? Nein, die sind hier wohl kaum im Blick; echte Atheisten sind keine Toren, sondern ehrliche, hochreflektierte Menschen. Der Psalm hat etwas anderes vor Augen.

Jene Wirklichkeitsverfehler, die so leben als sei kein Gott, sind schlichtweg Halunken. Sie leben für ihren eigenen Bauch auf Kosten anderer; gierig „fressen“ sie das Volk (Vers 4). Sie sind nicht am Gelingen des Zusammenlebens interessiert, suchen nicht „der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7); sondern ihr eigenes Bestes – auf Kosten der anderen. Ihre Gottlosigkeit gebärdet sich als selbstsüchtige Menschenverachtung, und genau darin offenbart sich tiefe Gottesverachtung, ähnlich wie es Psalm 10 beklagt: Der Gottlose mordet die Unschuldigen und lauert auf die Armen und Elenden, um sie zu schädigen. Und er meint in seinem Stolz, Gott frage nicht danach. »Es ist kein Gott« sind alle seine Gedanken. 

Mit dieser „Gottlosigkeit“ wird nicht abstrakt Gottes „Existenz“ geleugnet, vielmehr der Gott, der Israel aus Sklaverei befreite, der die Zuflucht der Armen ist (Vers 6), oder, wie andere Psalmen singen: Vater der Vaterlosen, Helfer der Witwen, Anwalt der Fremdlinge und Rechtlosen (z.B. Psalm 68,6; 146,9); Maria charakterisiert ihn im Magnificat markant als den, der die Gewaltigen von Thron stürzt und die Niedrigen erhebt (Lukas 1,52). Von diesem Gott wollen die Halsabschneider in Psalm 14 nichts wissen. Darum verdienen sie, gottlos genannt zu werden. 

„Gottlos“ – dies alte Wort heißt auch wurzellos, entfremdet. Die Unterdrücker und Ausbeuter sind entfremdet nicht nur von ihren Opfern, sondern im tiefsten auch von einer ontologischen Urstruktur gelingenden Lebens: Dass wir nur in Gemeinschaft uns selbst finden können. Denn „der Mensch wird am Du zum Ich“ (Martin Buber). In Afrika heißt dies Lebensgeheimnis „Ubuntu“: Umuntu ngumuntu ngabantu (ein Mensch wird Mensch durch andere Menschen). An diesem Geheimnis haben die Toren aus Psalm 14 keinen Anteil. Denn wer sein Glück auf Kosten anderer sucht, statt es mit anderen zu teilen, verfehlt das Leben. Die Torheit der Gottlosen ist Seinsverfehlung; sie ergeben sich dem Nichtsein. Sie verfallen kalter Einsamkeit; ihr Leben bleibt ohne „Resonanzverhältnis“ mit der Welt (Hartmut Rosa). 

Da seufzt es in mir: Herr, erbarme dich! Gibt es denn gar keinen Weg heraus aus dieser Selbstverkrümmung, der uns befreit zu einem neuen Sein? Bis zu seinem letzen Vers lese ich den Psalm und atme am Ende auf. Ach daß der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob fröhlich sein und Israel sich freuen (Vers 7). Psalm 14 lässt hoffen, dass Gott selbst uns befreien will. Würde der Psalmist so beten können, wenn er keine Hoffnung auf Verwandlung hätte? Dies Gebet traut Gott viel zu: dass er unsere selbstsüchtige Kälte verwandeln will in neues Leben und darin neue Freude schaffen wird. Am Ende seines Weges der Erneuerung werden wir staunen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Er selbst, Gott mit uns, wird unser Gott sein (Offenbarung 21).

Die Urteilskraft des 14. Psalms, dass die Habgierigen Gott negieren, setzt eine tiefe positive Gotteserfahrung voraus: Gott ist – mit Luther gesprochen – „ein glühender Backofen voll Liebe“. Und wer in dieser Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. So singt es Taizé: Ubi caritas, Deus ibi est.

Darum nennt Jesus sein Gebot, dass wir uns untereinander lieben, ein neues Gebot (Johannes 13,34): Dies Leben im Füreinander und Miteinander ist der zeichenhafte Vorgriff auf Gottes neue Welt, die er verheißen hat. 


Volker Keding
Juni 2017

 


Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen von welchen mir Hilfe kommt.

PSALM 121

 

Die Magaliesberge in Südafrika sind begehbar im Kgaswane Mountain Reserve unweit von Rustenburg, wo ich die letzten drei Jahre lebte. Sie gelten in geologischen Fachkreisen als eine der ältesten Gesteinsformationen der Erde und sind in ihrer Grandesse märchenhaft schön. Diese Berge haben mir den Blick für Psalm 121 neu geöffnet. Darum schreibe ich nun eine sehr persönliche Betrachtung.

Der Aufstieg ist kein Spaziergang, sondern leibliche Herausforderung für den Wanderer in den Sechzigern, der jahrzehntelang nur sanfte Bodenwellen in der Heide, wie Citronenberg oder Wilseder Berg gewohnt war. Nicht ohne Herzklopfen und Verschnaufpausen stapfe ich tapfer himmelan. Aber oben angekommen, welche Freude! Keine Seilbahnstation, kein Restaurant. Nur von Gott geschaffene Natur, dem blauen Himmel nah. Stille. Nur Stille.

Am Eingang muss man sich ausweisen. So war ich bekannt als „Moruti“ (Pastor), und bald sagte eine Torhüterin: „Oh, you are a Moruti”? Then the mountains are just the right place for you to connect with God!“ Volltreffer! Ja, das ist es, was da oben mit mir geschieht, es ist das sursum corda; die Seele schwingt sich empor und kann ungestört sein, wozu sie bestimmt ist: Zum Ebenbild und zur Freundin Gottes.

Was ist so faszinierend an den Bergen? Die Religionsgeschichte ist voller bedeutungsträchtiger Berge, Geistesgiganten wie Mircea Eliade wissen davon zu erzählen. So auch die Schreiber der Bibel. Mose empfängt Gottes Glanz und Weisung auf dem Berge; Jesus wird auf einem Berg verklärt und zieht sich oft auf Berge zurück zum Gebet. Warum hebt der Psalmbeter die Augen zu ihnen hinauf und erhofft sich Hilfe von dort? 

Immer wieder berührt mich Psalm 121, wenn ich meine Bergwelt besteige. Plötzlich stehe ich vor gigantischen Felsbrocken und muss meinen Kopf in den Nacken werfen, um bis nach oben sehen zu können. Wie klein bin ich Menschlein da! Und dann schaue ich ins Weite und ins Tal. Wie klein ist doch die Welt, und wie souverän fühle ich mich da mit meinem Adlerblick!

Nun wäre es weit gefehlt zu glauben, Gott brauche den Berg. Er, der nicht nur in der Höhe wohnt, sondern auch in der Tiefe bei den zerbrochenen Gemütern (Jesaja 57,15), ist absolut frei von jeder räumlichen Anknüpfung, ihn können wir nur im Geist und in der Wahrheit anbeten, unabhängig von jedem Berg (Johannes 4,21-24). Nein, objektiv bin ich auf den Bergen Gott nicht näher. Selbst wenn er „oben“ wäre, die wenigen Hundertmeter machen einen infinitesimal winzigen Unterschied. Wenn Gott omnipräsent ist, wozu dann der Berg? 

Nicht Gott braucht es, dass ich aufsteige; ich brauche es, dass ich alles Flache verlasse und ihm den Rücken kehre. Von den Bergen kommt mir deshalb Hilfe, weil die Magnetkraft des Tales an Kraft verliert. In den Niederungen wird oft das Kleine groß empfunden, und das Große erscheint klein. Auf dem Berg dagegen findet alles seine Proportion. Im Tal zerfressen mich Sorgen, Vergleiche und Abmessungen; die Berge machen es mir leichter, mich der Weite Gottes zu öffnen. 

Hier geschah es mir einmal, dass ich vor Terminfülle nicht wusste, ob ich alles bewältigen würde. Während ich mir den Kopf zerbreche, steigt der Weg an, und oben weiß ich: Das ist alles nicht wichtig. Es genügt, dass Gott ja sagt zu mir. Ich darf mich in seine Liebe kuscheln und bin erfrischt und neu gestärkt. Das ist die Hilfe, die mir von den Bergen entgegenkommt. Das Kleine wird wieder klein, und das Große findet wieder seinen gebührenden Platz. 

Darum hebe ich meine Augen so gern auf zu den Bergen, von denen ich diese Hilfe erwarte. Und manchmal ist mir so, als würde Gott zu dieser Bedürftigeit großmütig lächeln.


Volker Keding
März 2017

 


HERR, wie lange willst du dich so verbergen?

PSALM 89

 

Mitten in der Erfahrung der Nichterfahrung Gottes wird Beten schwer. In Psalm 89 begegnen wir einer nicht alltäglichen Gebetssprache. Nur noch Psalm 44 und einige Worte von Jeremia und Hiob sind von vergleichbarer Kühnheit; in jüngerer Zeit Eli Wiesels Erzählungen aus dem KZ. 

„Ach Herr, wie lange?“ – dieses Klagegebet mutet oft an wie ein stilles Weinen, so in Psalm 13: „HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ Aber in Psalm 89 klingt es wie der empörte Schlusspunkt einer Klage, die sich zur Anklage ausgewachsen hat: „Herr, du hast den Bund mit David zerbrochen!“ Du hast ...! Vers 39-46, acht bittere Verse lang geht das so. Jeder moderne Konfliktberater würde sich die Haare raufen bei so vielen „Du-Botschaften“. 

Was ist geschehen? Israels Beter und Beterinnen fühlen sich im Exil von Gott verlassen. Er, der dem Hause Davids bleibenden Glanz verheißen und gesagt hatte: ich halte diesen Bund und lüge nicht (Vers 36-37), hat sein Versprechen gebrochen, denn er hat Israel den Feinden zur Zerstörung überlassen. – Doch halt! Diese Worte sprechen grammatisch in der dritten Person. Damit bilden sie einen erhellenden Kontrast zur Psalmsprache: Sie reden über Gott statt mit ihm!

Gestatten wir uns einen Blickwechsel und vergessen das Verdikt der Beratungsliteratur über die beschuldigenden Du-Botschaften. Im Du liegt noch eine ganz andere Dimension: Das Kraftfeld der Beziehung! Wir können über den, der uns geärgert hat, reden, gleichsam hinter seinem Rücken; so auch über Gott: „Wo ist Gott, wenn furchtbare Dinge passieren? Ein Gott der so etwas zulässt, hat nur eine Entschuldigung: dass es ihn gar nicht gibt! Ergo: Gott ist tot!“ Das ist eine Aussage in der dritten Person. Kalt, distanzierend, abrechnend.

Dagegen bleibt der verzweifelte oder gar wütende Aufschrei: Du hast...! Warum? Wie lange? – so respektlos er scheinen mag – im Kraftfeld der Beziehung. Und innerhalb dieses Feldes darf alles raus, was das Herz belastet, ohne Zensur, ohne Tabu. Ein Konfliktgespräch setzt Beziehung voraus und kämpft um ihre Zukunft. Das Totschweigen und Übertünchen der aus Enttäuschung folgenden Bitterkeit dagegen ist der sichere Tod einer Beziehung. Es gibt Zeiten, in denen das Negative ausgesprochen werden muss, damit es seine vergiftende Wirkkraft verliert. Darum die Klage in Psalm 89: „Ach Herr, wie lange willst du dich von uns zurückziehen und uns dem Dunkel überlassen?“ Darum der Schrei Davids und Jesu: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im „Mein“ und im „Du“ lebt die Beziehung! 

Wie anders wäre das Leben eines Friedrich Nietzsche verlaufen, dieses sensiblen, aber wütenden Philosophen, wenn er um die Möglichkeit dieser Klagegebete gewusst und sie ausprobiert hätte? Wieviel Wut hätte er Gott ins Angesicht schleudern und dabei vielleicht spüren können: Ein Gott der so mit sich reden lässt, ist nicht tot! 

Ich selbst habe in einer tiefen Krise meines Lebens so mit Gott gestritten: In derben Du-Botschaften; aber dieses „Du“ hielt die Glaubensbeziehung lebendig. Aus Klage und Anklage keimten Lob und neue Freude. Seither kenne ich erneut Gottes leuchtendes Antlitz und kann mit der schönen deutschen Übertragung eines brasilianischen Liedes singen: „Du Freundin des Lebens, dir sing ich mein Lied!“

Das ist das Geheimnis des Klagegebets: Wut gehört nicht unterdrückt, sondern in Gottes offenes Ohr und weites Herz. Viel ist über das Sein und Wesen Gottes gesagt worden; nichts davon hat Bestand. Psalm 89 provoziert mich zu einer weiteren Gedankenblüte, in spielerischem Anklang an Anselm von Canterbury: „Gott ist, über den und die hinaus nichts Weitherzigeres gedacht werden kann“. 


Volker Keding
Dezember 2016

 


Strahlen vor Freude!

PSALM 34

 

Den 34. Psalm liebe ich, weil er freudig gestimmt ist, ohne das Elend zu verschweigen. Und umgekehrt: Er kennt das Elend und bleibt dennoch in der Freude: Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, daß es die Elenden hören und sich freuen! 

Diese Gestimmtheit zum Lob strömt aus der Dankbarkeit für die Erfahrung, dass Gott hört. Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. – Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten. Elend und Furcht schwingen mit im Lobgesang. Sie werden nicht wie schmutzige Schuhe vor dem Gebetsraum abgestellt; sie gehören mitten hinein ins Gespräch mit Gott.

Am nachhaltigsten begeistert mich Vers 6: Die auf Ihn sehen, werden strahlen vor Freude. Ein strahlendes Antlitz gehört zum Schönsten, was ich kenne. In der weltweiten Kirche lerne ich viele Menschen kennen, und nicht selten frage ich mich nach der Erstbegegnung: Kennt er ungebrochene Freude? Kann sie gelöst strahlen? Aber auch das Gegenteil begegnet: Jemand kommt strahlend auf mich zu, und ich bin überwältigt von diesem hellen Antlitz.

Was meinen wir, wenn wir sagen, ein Angesicht strahlt? Strahlen vor Freude, wie Luther frei aber treffend übersetzt, was ist das, wenn nicht selbstvergessene Hingabe an die Freude? Strahlen geschieht nie mit Absicht. Das laute Lächeln auf Titelseiten von Modemagazinen ist nicht selbstvergessen, sondern absichtsvoll und darum kein Strahlen. Echtes Strahlen kommt ungebeten über uns, wie wenn die Sonne durch aufreißende Gewitterwolken blitzt. Wir strahlen vor Freude, wenn die Quelle des Lebens in uns strömt. Ein Strahlenwollen wäre ein Widerspruch in sich. Der Glanz Gottes, in dem wir erstrahlen dürfen, kommt zu uns nur als freies Geschenk.

Freilich: Der Blick auf das Negative, den wir schon aus Psalm 1 kennen, darf auch in Psalm 34 nicht fehlen, daran müssen wir uns beim Psalmlesen gewöhnen. Die Bösewichter werden Vers 17 und 22 mit gnadenlosen Vernichtungswünschen bedacht: Mögen sie ausgerottet werden; den Gottlosen wird das Unglück töten. Hmm. Wie kann ich als Jünger Jesu solche Psalmworte ertragen? Drüberweglesen!?! Irgendwann öffnete mir die paulinische Metaphorik der „geistlichen Waffenrüstung“ in Epheser 6 den Weg nach vorn: Wir kämpfen nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit unsichtbaren negativen Prinzipien. Die dürfen wir ohne schlechtes soziales Gewissen bekämpfen. Hier ist die sogenannte allegorische Bibelhermeneutik einmal wirklich sinnvoll. Wir verneinen die Vernichtung leiblichen Lebens; nicht zum bluttriefenden „heiligen“ Krieg, sondern zu geistlichem Widerstand sind wir berufen, und dabei beten wir mit Jesus: Erlöse uns von dem Übel! 

Der Seitenblick auf die Manifestationen des Nichts stellt den Glanz des Gebetes in ein neues Licht. Die auf Ihn sehen (nur sie!) werden strahlen vor Freude. Als Glaubensanfänger hatte ich ein Gespräch mit einer weisen Christin. Ich fragte sie: „Wie kann ich angesichts der vielen Probleme in der Welt Christ bleiben?“ Sie nahm mein Adverb „angesichts“ sehr ernst und erwiderte strahlend: „Angesichts der Gegenwart Gottes wirst du im Glauben bleiben!“ Das saß und hat nachhaltig in mir gewirkt. 

Wir leben angesichts Gottes! Es kommt darauf an, worauf wir unseren Blick konzentrieren. Die Not der Welt ist da; und wohl uns, wenn wir einmal heilend eingreifen können. Aber das tun wir nicht „angesichts“ der Todesschatten, sondern „angesichts“ des Todesüberwinders. Oculi nostri ad Dominum Deum. Blicken wir auf Ihn, dann werden wir strahlen vor Freude.

Und es ist durchaus möglich, dass dieses Strahlen die Welt zu einem besseren Ort machen kann.  


Volker Keding
September 2016

 


Der ist wie ein Baum

PSALM 1

 

Mir wird feierlich zumute, wenn ich das Eingangswort des ersten Psalms im Originalton lese: Ashrē. Glückselig. Menschen, die unaufhörlich nach Gott fragen und mit ihm im Gespräch sind, werden selig gepriesen und mit einem Baum verglichen:

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

Ashrē, glückselig, wer so ist wie dieser Baum! - Halten wir etwas inne! 

Ein Baum ist etwas ganz besonderes in seiner ruhigen Schönheit. Die Äste erstrecken sich asymmetrisch in die Breite; und dennoch kommt der Baum nicht aus dem Gleichgewicht. Die Krone strebt nach oben zum Licht. Die Wurzeln gehen ins Erdreich, und wenn möglich, zum Wasser. Beide Bewegungsrichtungen gehören unauflöslich zusammen, und je höher es hinausgehen soll, wie bei Buchen und Tannen im Harz, desto tiefer muss die Wurzel gehen. 

Was mich am Baum besonders begeistert, ist sein Verzicht auf Gleichmacherei und Perfektionismus. Kein Ast gleicht dem anderen. Stamm, Äste und Zweige dürfen etwas verknorkelt sein; Wetterschäden und Bruchstellen machen einen Baum charaktervoll und eigentümlich schön. Manch ein Baum wurde durch Unwetter so beschädigt, dass einer Seite ein großer Ast fehlt, dennoch steht er da in asymmmetrischem Gleichgewicht, als wolle er sagen: meine Brüche gehören zu mir! 

Ich kenne solche Solitärbirken in der Heide. Diese „Biografiebäume“, wie ich sie heimlich nenne, sind meine besonderen Lieblinge. Ihre Unvollkommenheit hat eine tiefe Botschaft: das Gelingen des Lebens schließt Misslingen ein; eine verwitterte Birke ist „wohl geraten“, obwohl – oder gerade weil!?! sie alles das, was ihr missrät, würdevoll in sich integriert.

Meine verträumten Gedanken kehren zum Psalm zurück. Ashrē! Ich möchte so werden wie ein Baum, in Gott verwurzelt blühen und Frucht tragen! 

„Aber!“ 

Aber so sind die Gottlosen nicht... Ach, diese Halunken, die rescha’im, hatte ich ganz vergessen vor Glück über die atemberaubende Grandesse des Baumes! Welch ein Gegensatz! Hier spüren wir Seinsfülle; dort lauert das bedrohliche Nichtsein, das abgründige Übel, bei den Griechen bekannt als „Mē On“. Es zeigt sich in negativen Gestalten, die zu negieren sind. 

Glücklich, wer nicht folgt dem Rat der Gottlosen,
den Weg der Sünder nicht betritt
und nicht im Kreis der Spötter sitzt.

Wie gehen wir mit soviel „Meontik“ um? „Meditiere nicht das Negative“, rieten mir geistliche Väter und Mütter. Erliegt Psalm 1 dieser Gefahr? Ich muss lange mit mir ringen, bis mir durch eine kleine Umdichtung die Antwort kommt: 

„Wohl denen, die nicht wandeln unter dem Diktat der Leistungsgesellschaft, noch sich tyrannisieren lassen von der Allgegenwart des Handy-Klingeltones, noch sich unter Druck setzen lassen von der Forderung permanenter Erreichbarkeit, sondern sich in großer innerer Freiheit Auszeiten nehmen zum Gespräch mit Gott und sich satt trinken an der Freude, von ihm bedingungslos ohne jede Vorleistung angenommen zu sein. Glückselig sind, die Nein sagen könnnen zu falschen Prioritäten, denn sie werden das große Ja Gottes erleben und können darum auch ein ungeteiltes Ja zu ihm sprechen.“ 

Doch, auf dem Gebetswege sind Abgrenzungen nötig. Beten ist Ja-Sagen zu Gott. Aber ein kraftvolles Ja gelingt nur mit einem beherzten Nein an anderer Stelle. Die vielen absolute Aufmerksamkeit heischenden Ablenkungen des Alltags spotten des Gebets. Ich will nicht sitzen, wo die Spötter sitzen.

Wenn Beten eine Wanderung ist, so führt uns dieser schwere Anfang zu dem Ziel des 150. Psalms: dem schwerelosen, alles umarmenden, klingenden und schwingenden Gotteslob der Kreaturen in ungetrübter, singender Freude. 


Volker Keding
Juni 2016

 


Alles, was Odem hat, lobe den HERRN!

psalm 150

 

Der letzte Psalm bekommt das erste Wort?! Ja! Mit gutem Grund!

Schon immer lese ich Bücher gern vom Ende her (Kriminalromane sind die Ausnahme). Zuerst überfliege ich das Nachwort. Worauf wollte das Buch hinaus? Wenn ich das weiß, kann ich zielorientiert lesen. Damit folge ich, wie ich heute weiß, einer klugen Maxime von Stephen Covey: „Begin with the end in mind“. Denke vom Ziel her! 

Das ist übrigens gut biblisch. Die Propheten der Hebräischen Bibel und ihre Weisheitslehrer lebten zwar ganz in der Gegenwart, dachten aber auch gern vom Ende her. „Bedenke das Letzte (éschata), und du wirst dein Leben nicht verfehlen“ (Jesus Sirach 7,40).  Das „Letzte“ ist das Letztgültige und überbietet das Vorletzte, ohne es jedoch zu entwerten (Bonhoeffer). Auch Aristoteles denkt zielorientiert: Er sieht in allen Bereichen des Seins eine Zielursache am Wirken. Das Drängen dieses inneren Ziels auf Verwirklichung nennt er „Entelechie“. 

So lese ich das Buch der Psalmen vom Ende her. Und wie immer es zusammengestellt wurde, das Redaktionsteam wird gewusst haben, warum sie es mit Psalm 150 beschließen: Sie empfanden ihn offenbar als Schlusswort. 

Das Buch der Psalmen gleicht einem Weg, und sein Ziel ist klingendes Gotteslob: Alles, was Odem hat, lobe den HERRN. Halleluja! Der Weg dahin geht durch Höhen und Tiefen. Wer heute weinen muss und den 150. Psalm nicht mitsingen kann, möge zu Psalm 42 oder 126 greifen oder sich in Psalm 22 hineinschmiegen. Alles hat seine Zeit. Auch die Klage. 

Warum dann aber diese ausgelassene Freude in Psalm 150? Lauschen wir seinen Klängen: 

Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht! 
Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! 

Daher die Freude: weil es um Gott geht! Der Psalm lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Gottes Herrlichkeit. Es gibt Zeiten, in denen es gut tut, Abstand zu suchen von unseren Verfehlungen und unserem Ungemach - auch wenn manche Psalmen ein herzzerreißendes Lied davon singen können. All dies ist das Vorletzte, Gott aber ist der Erste und der Letzte. Darum bestimmt uns letztlich die Anbetung Gottes und die daraus geborene Freude! 

Unser Psalm gibt nun eine einfache Anweisung, wie das gelingen kann: Mit Musik!

Halleluja! Lobet Gott mit Posaunen, lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!
Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit klingenden Zimbeln!

Diese Aufzählung von Musikinstrumenten ist keine einengende Festlegung, sondern spielerische Einladung in tanzender Leichtigkeit: Nur immer her, was klingen kann! Es geht um keine Rangordnung. In diesem Lichte muss ich schmunzeln, wenn manche klassisch geschulten Kirchenmusiker keine Gitarren in der Kirche dulden. Wissen sie es denn nicht? Harfe heißt auf Griechisch Kithara. Und die Orgel ist lediglich indirekt durch die „Pfeifen“ repräsentiert.

So groß die Freude am Lob Gottes und so vielfältig die Art der musiklischen Begleitung vorgestellt wird, so umfassend ist auch der Kreis derer, die zum Lob eingeladen sind: 

Alles, was Odem hat, lobe den HERRN. Halleluja!

Nicht nur: „Alle Frommen“, oder „Alle Völker“! Alle Lebewesen dürfen mitsingen. So wie das letzte Wort der Bibel in Offenbarung 22,21 die Gnade des Herrn Jesus Allen zusagt, so endet der Psalter mit einer Einladung an Alle, sich dem Gotteslob zu überlassen.

Bei jedem Besuch im ehemaligen Tagungszentrum der Gruppe 153 „Haus Lutterloh“ begrüßte uns dies Psalmwort, und ich dachte oft bei mir selbst: Darauf also läuft alles Beten hinaus! Angst, Sündennot und Hilfeschreie sind Themen vieler Psalmen. Und sie haben ihren Raum. Aber sie gehören dem Vorletzten an; das Letzte ist die Freude an der Herrlichkeit Gottes. 

Was für ein strahlendes Ziel! Psalm 150 weist auf die Entelechie allen Betens. Fröhlich und leicht fliegt am Ende die betende Seele, frei wie ein Vogel in ausgelassenem Jubel! Und ich habe die kühne These: Psalm 150 ist der perspektivische Fluchtpukt allen Betens: Dahin sind wir unterwegs.


Volker Keding
März 2016