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Wo Gott im Menschen Gestalt annimmt

Chaim Sharvit
 

„Und Gott erschuf den Menschen in Seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf Er ihn.“
Bereschit 1,27
 

Der göttliche Funke
Die jüdische Tradition kennt keine Inkarnation im christlichen Sinn. Dennoch beinhaltet sie eine tiefe Lehre über die Gegenwart Gottes im Menschen, nicht in einem Einzelnen, sondern in jedem Menschen.
Wenn der Talmud sagt, dass „wer ein einziges Leben rettet, eine ganze Welt rettet“ (Sanhedrin 37a), dann bedeutet dies, dass jeder Mensch eine ganze Welt in sich trägt, ein Zelem Elohim, ein göttliches Abbild.
Die „Menschwerdung“ ist im jüdischen Denken also kein einmaliges Ereignis, sondern ein fortwährender Auftrag: Immer dann, wenn ein Mensch Güte zeigt, Gerechtigkeit übt, Frieden sucht, zeigt sich die Gestalt Gottes im Handeln des Menschen. Gott ist nicht fern, Er ist im Tun, im Mitfühlen, im Leben. Er ist da, wo der Mensch ‚a Mensch‘ wird.

Die Schechina – Gott wohnt in der Welt
Die rabbinische Lehre spricht von der Schechina, der göttlichen Gegenwart, die mit Israel in die Verbannung ging, die mit Menschen mitleidet und inmitten ihrer Welt wohnt.
Der Talmud lehrt: „Wo zwei Menschen einander in Liebe begegnen, dort wohnt Gott zwischen ihnen.“ (Megilla 29a)
In den Sprüchen der Väter steht: „Wenn zwei Menschen einander in Liebe begegnen, wohnt die Schechina zwischen ihnen.“ (Pirkej Awot 3,2)
Und die Kabbala fügt hinzu: „Der Mensch ist das Werkzeug, durch das Gott sich in der Welt offenbart.“ (Zohar I, 105b)
So gesehen ist „Menschwerdung“ kein fernes Wunder, sondern ein tägliches Geschehen: Immer dann, wenn Barmherzigkeit, Mitgefühl und Verantwortung Wirklichkeit werden, tritt Gott mitten im Leben aus der Verborgenheit hervor.

Der Bund mit Noach – Die Menschheit als Hüterin des Lebens
Bevor Israel am Sinai stand, schloss Gott bereits einen Bund mit der ganzen Menschheit. Nach der Flut sprach Gott zu Noach und setzte den Regenbogen als Zeichen Seines versprochenen Bundes:
„Meinen Bund setze ich zwischen Mir und euch und allem lebenden Wesen...“ 
(Bereschit 9,12-17), dass Er die Welt nicht aufgeben werde, solange der Mensch sie hütet. Die Tora erzählt, dass Gott Noach und seinen Nachkommen sieben grundlegende Gebote anvertraute: die Scheva Mitzwot Bnei Noach (Sanhedrin 56a-60a). Sie sind keine Last, sondern ein Geschenk: eine Erinnerung daran, dass jeder Mensch als Träger des göttlichen Bildes eine Verantwortung für das Leben trägt.
Diese sieben Wege Gerechtigkeit, Achtung vor Leben, Wahrhaftigkeit, Treue, Maß, Barmherzigkeit und Ehrfurcht bilden das Fundament menschlicher Würde. Sie sagen: Kein Mensch steht außerhalb des göttlichen Bundes. Jeder ist Partner Gottes, auf dass die Welt Bestand habe und gut werde.
So verstanden, sind die noachidischen Gebote keine Grenze zwischen Völkern, sondern eine Brücke. Sie verbinden alle Menschen in einem gemeinsamen Auftrag: das Leben zu schützen und die Welt zu bewahren.
Der Bund mit Noach ist damit die praktische Seite der Schöpfungsidee: Wer im Ebenbild Gottes geschaffen ist, lebt dieses Abbild, indem er sich für das Leben, die Gerechtigkeit und die Mitmenschlichkeit einsetzt. Darum lehrt der Midrasch: „Gott begehrte eine Wohnstatt in der unteren Welt.“ (Midrasch Tanchuma, Nasso 16; vgl. Schemot Rabba 34,1)
Nicht im Himmel, sondern unter uns will Er wohnen, dort, wo Menschen gut handeln.

Die Würde des Menschen – ein göttlicher Auftrag
Rabbiner Samson Raphael Hirsch schrieb: „Heilig sollt ihr sein – d.h. nicht nur fromm, nicht nur sittlich, sondern heilig: das ganze Leben.“ (Hirsch, Kommentar zu Wajikra 19,2)
Das ist die eigentliche „Menschwerdung“: dass wir aus dem göttlichen Ebenbild, das in uns gelegt wurde, eine Form des Lebens schaffen, die Barmherzigkeit, Mitgefühl und Verantwortung atmet.
In der Adventszeit wird die Ankunft Gottes in dieser Welt erwartet – das Judentum beschreibt die Ankunft des Menschen in seiner göttlichen Würde. Beide Varianten sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Wahrheit: 
Gott ist nicht fern. Er ist dort, wo der Mensch ‚a Mensch‘ wird, im Respekt vor dem Anderen, im Hören auf den Ruf des Gewissens, im Dienst am Leben.

Der gemeinsame Ruf
Vielleicht ist das das Geheimnis der wahren Religion: dass sie uns erinnert, wer wir sind und was Gott in uns sieht.
Die Welt wird nicht durch Wunder geheilt, sondern durch Menschen, die sich vom göttlichen Funken in sich entzünden lassen. Darum sagt die Tora: „Lo bashamayim hi…“ – Sie ist nicht im Himmel. (Dewarim 30,12)
Die göttliche Weisung bzw. der göttliche Traum liegt nicht in den Sternen, sondern in unseren Händen. Jeder Mensch, ob jüdisch oder nicht, trägt diesen Funken, diese Möglichkeit, dass Gott in dieser Welt wohnen kann: nicht jenseits, sondern mitten unter uns.

Möge das Licht des Ewigen in unseren Herzen leuchten und in unseren Taten Gestalt annehmen.
Mögen wir zu seinem Werkzeug des Friedens werden, zu Spiegeln Seiner Barmherzigkeit und zu Trägern Seiner Gegenwart.