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Matthäus – Betrachte die Lilien
Sabine Bochmann | Teil 2
ALSO, schauen wir hin, werden still und erwarten das Leuchten …
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C O N S I D E R T H E L I L I E S
„Und warum seid ihr um Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen; sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht.”
(Matthäus 6, 28)
Das Bild ist kein einfacher Kommentar zu diesem Bibelvers. Es ist wie ein Ereignis, welches uns still in eine Begegnung hineinzieht. Fujimura malt nicht einer simplen Erklärung wegen, sondern um einen Raum zu öffnen, in dem Gottes Gegenwart im Sichtbaren aufleuchten darf.
Schon die Entstehung des Bildes verweist darauf: Über SECHZIG (!) Schichten aus feinsten Mineralpigmenten, Gold, Platin und jahrzehntealten Tuschen legt er geduldig übereinander – jede Schicht ein stiller Akt des Gebets, ein Warten darauf, dass aus dem Zermahlenen, aus dem Staub, etwas Neues geboren wird.
Die Lilien als leise Träger des Osterlichts:
Fujimura zeigt uns keine naturalistischen Blumen. Seine Lilien wirken wie aus einer anderen Wirklichkeit herübergeweht – geöffnet; leuchtend zwar, aber nicht präsent und nach dem Blick heischend. Er selbst deutet sie als Osterlilien, Zeichen einer „post-Resurrection, generative reality“, einer Wirklichkeit, die sich nach der Auferstehung neu ausbreitet.
Diese Lilien sind nicht „einfach nur da“: Sie brechen auf – wie ein Grab, das nicht halten konnte. Sie öffnen sich – wie eine Menschheit, die sich im Licht Christi verwandelt. Sie atmen das Licht – wie ein Herz, das neu geboren wird.
Was mich an diesem Bild bzw. dem ganzen Zyklus besonders begeistert, gepackt und gefesselt hat, ist, wie sehr Fujimura Material, Prozess und persönliche Hingabe mit einer Botschaft verwebt. Kostbare Materialien werden gebrochen, zermahlen, zu feinstem Staub verarbeitet. Und doch, durch Schicht über Schicht, beginnen sie zu glänzen.
Genau das ist Menschwerdung: Gott scheut nicht den Staub. Er scheut nicht das Zerbrochene. Er kommt in unsere Welt, in unsere begrenzte, brüchige Existenz – und befähigt uns zum „Leuchten“.
Im Werk lässt sich dieses Leuchten nicht einmal auf einen Punkt fixieren. Es ist diffus, atmend, wachsend. Das Licht scheint aus den Lilien zu kommen, durch die vielen Schichten hindurch. Es bahnt sich seinen Weg.
Was „Consider the Lilies“ zu einem für mich persönlich spirituell bzw. geistlich so tiefen Bild macht, ist, dass es mich nicht belehrt, sondern einlädt: – zur Stille – zum Staunen – Sichöffnen für Gottes zarten, schöpferischen Blick auf unser Leben.
Wie Jesus im Matthäusevangelium sagt: „Betrachtet die Lilien …“ Fujimuras Bild nimmt diesen Satz ernst. Es zwingt uns nicht, sondern führt uns hin – Schritt für Schritt, Schicht für Schicht. Und wie die Lilien dem Licht antworten, so erinnert uns das Bild daran: Auch wir sind gerufen, in dieser österlichen Wirklichkeit zu leben. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil Christus die Tür geöffnet hat.
