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153 – mehr als eine Zahl
Episode 3 | Helmut Aßmann
Wie hört man auf?
Schaut man sich die vier Evangelien an, so haben alle einen eigenen, charakteristischen Schlusston. Anfänge und Schlüsse sind ohnehin komplizierte Ereignisse. Mit jedem Anfang beginnt eine unberechenbare Geschichte, sei sie literarisch, sei sie biographisch oder gar weltgeschichtlich. Genauer formuliert, ist der Anfang von etwas nie genau bestimmbar. Denn in der Vielzahl der zusammenfließenden Kräfte, durch die etwas beginnt, ist ein genau bestimmter Zeitpunkt nie zu fixieren. Und bei Schlüssen ist es ähnlich. Wann hört schon etwas tatsächlich, endgültig und definitiv auf, zu sein, zu wirken oder zu erinnern?
Nicht anders bei den Evangelien als literarische und theologische Einheiten: Warum wurden diese Bücher, das „Evangelium“ nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes geschrieben (von den vielen anderen, nichtkanonischen Evangelien einmal ganz abgesehen), für wen, aus welchem persönlichen Interesse, aufgrund welcher gedanklicher, emotionaler und psychischer Einwirkungen? Und wann ist es so zu Ende, dass der Autor sagen kann: Es ist alles gesagt, und es ist so gesagt, dass ich das Geschriebene auf seine unberechenbare Reise durch die Zeit schicken kann? Antoine de Saint-Exupéry, der Verfasser des „Kleinen Prinzen“, soll einmal gesagt haben, dass ein Text nicht dann vollkommen sei, wenn nichts mehr hinzugefügt, sondern wenn nichts mehr aus ihm weggestrichen werden könne. So leicht hört man eben nicht auf. Gelegentlich geht das schon manchen Predigern und Predigerinnen so, wenn sie den Schluss ihrer Ausführungen suchen und selbst beim dritten Landeanflug nicht finden.
Matthäus, um nun endlich zu den Evangelien zu kommen, endet bekanntlich mit den Worten „Matthäi am Letzten“, dem sogenannten Missionsbefehl: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch gesagt habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“ (Mt.28,18-20). Landläufig denkt man sich hinzu oder hat vor Augen, dass nach diesen Worten Jesus von der lichten Wolke in den Himmel aufgenommen wird, aber der Text nach Matthäus endet damit eben nicht. Zum Schluss des Evangeliums gibt es vielmehr ein programmatisches Wort Jesu, mehr nicht. Von Himmelfahrt wird nichts berichtet. Der Schluss des Evangeliums ist eine Aufforderung Jesu an seine Gemeinde, verbunden mit der Zusage der unaufkündbaren Begleitung seiner Gemeinde durch die Zeiten hindurch. Die Jesusgeschichte ist zu Ende, die Christusgeschichte dagegen wird eröffnet.
Der Schluss des Markusevangeliums ist kurios, weil doppelt. Nach vielen Forschungen und Vermutungen ist der derzeitige Stand der theologischen Erkenntnis, dass Mk. 16,1-8 den ursprünglichen Schlussakkord des Evangeliums bietet: „Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“ (V 8). Das Evangelium endet sozusagen mit offenem Mund und erschrecktem Gesicht. Keine Jüngerversammlung auf dem Ölberg, keine Himmelfahrt, auch kein letztes programmatisches Wort. Die Verse danach, 16, 9-20, bilden, wenn man etwas genauer hinschaut, nur eine Zusammenfassung der Schlüsse aus anderen Evangelien, den uns bekannten, aber auch anderen, apokryphen Evangelien. Diese Verse tauchen erst im 2. nachchristlichen Jahrhundert in den Handschriften auf und werden gemeinhin dem Bedürfnis der christlichen Gemeinden zugeschrieben, das Markusevangelium nicht mit solch einem abrupten Abschluss (wie 16,8) enden zu lassen. In etwa nach dem Motto: So kann in der Schrift nicht aufhören, was in der Wirklichkeit weitergegangen ist.
Der Evangelist Lukas geht den Schluss wiederum anders an. Er teilt von vornherein den ganzen Bericht über Jesus in zwei große Abschnitte: das Evangelium im engeren Sinn und die Apostelgeschichte, die als Wirkungs- und Fortsetzungsgeschichte der wunderbaren Jahre der irdischen Präsenz Jesu gelesen werden soll. Die Himmelfahrtsgeschichte als Scharnier zwischen der Zeit des Heils und der Zeit der Kirche als Zeit der Ausbreitung des Heils findet sich denn auch ausschließlich bei Lukas, genauer in Lk. 24, 50-53 und Apg. 16-11. All die Himmelfahrtsbilder, -legenden und -erzählungen, mit denen wir in den sommerlichen Feiertagen operieren, stammen aus dieser Quelle. Genau genommen, beendet Lukas sein Evangelium nicht mit einem Schluss, sondern mit einer Fortsetzung. Ihm ist daran gelegen, das Leben Jesu nicht für beendet zu erklären, sondern seine Wirkung in der Zeit der Kirche und der christlichen Verkündigung als Fortsetzungsgeschichte zu interpretieren. Hatte Matthäus an das Ende des Evangeliums eine Art Magna Charta gesetzt, den Missionsbefehl, und Markus, vermutlich das älteste der Evangelien, es bei einem grenzenlosen Erstaunen und Erschrecken über eine Veränderung der Dinge belassen, ohne schon daraus Konsequenzen zu ziehen, wird Lukas sehr viel konkreter und bindet sein Evangelium bereits in so etwas wie eine Kirchengeschichte ein. Deren Protagonisten sind zunächst Petrus und dann Paulus, aber sie endet ohne spektakuläre Anmerkungen oder Ereignisse mit Apg. 28, 17-31 und der Schilderung der (vergleichsweise leichten) Haft des Paulus in Rom. Denn dort in Rom werden in den kommenden Jahrhunderten die entscheidenden Weichen für den Fortgang und die Entwicklung des Christentums gestellt. Das aber konnte Lukas noch nicht wissen.
Dem Evangelium nach Johannes fällt es ebenfalls und schon formal schwer, ein eindeutiges Ende seines Evangeliums zu formulieren. Das Buch endet zunächst mit dem 20. Kapitel, wie bereits in Folge 1 dieser Reihe über „153“ angedeutet. Es hätte des 21. Kapitels nicht wirklich bedurft, um das Evangelium in seinen theologischen Kerneinsichten als der Aufnahme in die Heilige Schrift würdig zu bewerten. Und ob das 21. Kapitel aus einer anderen Hand als der des Evangelisten stammt, bleibt bis zur Stunde umstritten. Rudolf Bultmann hatte sich in seinem berühmten Johanneskommentar dieser Position angeschlossen (1941, inzwischen in der 21. Auflage).
Aber das ist für unsere Betrachtung nicht erheblich. Die eigentlichen Impulse sind weniger exegetischer als vielmehr theologischer Natur. Dass in einem der zentralen Dokumente über das Leben Jesu der Schluss nicht eindeutig gezogen wird, ohne zweimal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass man eigentlich noch viel mehr sagen könnte, vielleicht sogar müsste, aber weder Raum noch Zeit dafür ausreichte, das auf befriedigende Weise zu tun, verrät die entscheidende Verlegenheit. Irgendwie ist die Sache nicht zu Ende, auserzählt, zureichend erfasst; es gibt immer so etwas wie einen Spalt ins Offene, eine Fragestellung ohne den Hauch einer Antwort. Als würde der Geist als geheimer Autor in der Schreibe des Evangelisten sich gesagt haben: Wir schließen diese Geschichte nicht und nie ab, weder programmatisch noch mit einem unechten Schluss noch mit dem Übergang in die Kirchengeschichte, sondern lassen das Christenvolk bis auf Weiteres (bis in alle Ewigkeit) mit einer Reihe von offenen Fragen, Hinweisen, Andeutungen stehen, weil sie zu der Sache selbst gehören. Denn die Jesusgeschichte auf Erden hat ein Ende, die Geschichte des Mysteriums, die mit dieser Gestalt verbunden ist und wie wir theologisch die Menschwerdung Gottes nennen, geht indessen weiter.
153 – der Cliffhanger des Johannes
Der Evangelist lässt uns in Joh.21 mit zwei Rätseln stehen, besser: schickt uns mit ihnen auf den Weg. Das erste: Was um alles in der Welt soll man mit der Zahl 153 im nachösterlichen Fischfang anfangen? Das zweite: Was hat Jesus mit seinen rätselhaften Antworten an Petrus gemeint, als es um die Bedeutung des Lieblingsjüngers geht? Da es uns um die 153 als Thema geht, bleiben wir in diesem Text bei der Zahl.
Die Zahl wird ausdrücklich genannt, mit einem interessanten Nachsatz: „Obwohl es so viele (Fische) waren, zerriss doch das Netz nicht“. Dieser Hinweis bezieht sich innerbiblisch auf den anderen, den ersten, vorösterlichen Fischzug des Petrus und seiner Kollegen, wie er in Lk. 5, 1-11 berichtet wird. In 5,6 wird angemerkt, dass „die Netze anfingen zu reißen“.
Die Netze halten diesmal. Der Fischfang aus Joh.21 ist keine Wiederholung aus Lk. 5 nur unter nachösterlichen Bedingungen. Es geht nicht einfach weiter wie vorher. Der irdische Jesus bleibt unsichtbar wirksam, ist aber nicht mehr Teil der empirischen Welt. Es sind gewissermaßen himmlische Netze, die hier zur Anwendung kommen.
Und es sind auch „himmlische Fische“, die in diese Netze gelangen. Denn es heißt ausdrücklich: Die Fische sind allesamt „groß“, von Beifang ist nicht die Rede. Diese Zuschreibung ist, wie die Zahl 153, in ihrer Konkretion weder nötig noch selbsterklärend. Solche Fänge gibt es unter normalen Bedingungen nicht.
153 große Fische zählt Petrus aus dem Netz. Einige davon werden im Zuge des weiteren Gangs der Handlung verspeist. Die anderen bleiben am Strand liegen. Jedenfalls wird ihnen vom Evangelium keine weitere Beachtung geschenkt. Sie waren lediglich als, sagen wir einmal, theologische Ausstattung für die vorletzte Geschichte des Evangeliums vorgesehen.
Was haben wir hier vor uns? Die Fische sind, im Vergleich zu Lk. 5, zählbar. Es sind nicht einfach viele, um das Wunder besonders imposant zu machen. Die Zahl ist konkret. Mit ihr bzw. den Fischen wird aber nichts weiter veranstaltet. Sie bleiben ohne weitere Bedeutung. Die Zahl ist allerdings, wie wir in Folge 2 gesehen haben, derartig komplex und reich an mathematischem Innenleben, dass sich der Verdacht aufdrängt, so ganz ohne Hintergedanken werde sich die „153“ – bei aller Konkretion – nicht in dieses letzte Evangeliumskapitel verirrt haben. Da man, bei aller Vorsicht, den Autoren der Evangelien eine mathematische Begabung oder Ambition kaum wird unterstellen können, ist ein menschlich unableitbares Eingreifen höherer Inspiration nicht ganz von der Hand zu weisen.
Etwas spitz könnte man sagen: Typisch theologisch, diese Geschichte. Konkret, aber nutzlos; reich, aber abstrakt; berührend, aber weltfremd; menschlich, aber seltsam göttlich.
Ich schlage vor: Wir nennen die Zahl 153 einen theologischen Cliffhanger, den das Johannesevangelium uns hier bietet. Nach dem Motto: Das hier ist es noch nicht ganz, es fehlt noch etwas. Es steht noch etwas aus. Noch nicht genug erklärt, verstanden, erfasst – weder von Gott noch von uns noch von dem, was zwischen uns geschieht. Es muss noch mehr daran sein. Damit wir, als weit, weit Nachgeborene der Jünger der ersten Stunde, weiterhin an den Offenbarungen des Auferstandenen „dran“ bleiben und nicht aus Versehen oder Ermattung die Akte schließen, ist es mit der 153-Offenbarung am See von Tiberias nicht getan. Johannes 21 ist zwar das letzte Kapitel des Evangeliums, aber nicht das der Offenbarungen. Die „153“ erinnert uns: Das war es noch nicht...