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Realitäten
Helmut Aßmann
Etty Hillesum (1914-1943), eine im KZ Auschwitz umgekommene holländische Jüdin, zieht mit ihren Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1941 und 1943 seit den 60er Jahren eine unaufhaltsam wachsende Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur wegen der formalen Ähnlichkeit zu den Tagebucheintragungen ihrer Landsfrau Anne Frank, sondern mehr noch wegen ihrer besonderen spirituellen und religiösen Entwicklung, die sie im Laufe dieser furchtbaren Jahre durchgemacht hat.
Eine ihrer zentralen Erfahrungen ist die Beobachtung, dass trotz, ja, neben den schrecklichen Zuständen im besetzten Amsterdam und im Durchgangslager Westerbork mit all dem menschlichen Elend und der menschenverachtenden Behandlung durch die Nationalsozialisten der Himmel sommers weiterhin blau ist, die Vögel unverdrossen singen und Rosen blühen (vgl. Tagebucheintrag vom 23.7.1942). Ähnliches hatte auch Dietrich Bonhoeffer in seinen Aufzeichnungen aus dem Tegeler Gefängnis formuliert. Die eine Realität hebt die andere nicht auf. Ein ähnliches Thema bearbeitet auch der Film „The Zone of Interest“ (2023), allerdings mit genau umgekehrtem Sichtfeld: Er zeigt die Realität der Familie des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß, die direkt neben dem KZ-Stammlager I wohnte und – davon fast unberührt – ein idyllisches Leben mit Haus, Garten und Freizeitvergnügen am nahe vorbeiziehenden Flüsschen Sola führte. Auch hier: Das Grauen des Lagers und die friedvolle Atmosphäre des Landlebens unmittelbar nebeneinander – nur eben aus der Perspektive der Täter, nicht der Opfer.
Das Nebeneinander verschiedener Realitäten in diesen beiden extremen Beispielen ist kaum auszuhalten, aber es war so. In deutlich schwächerer Form haben wir alle damit zu tun. Wir vollziehen unser Leben in verschiedenen Rollen, wir leben in einem von vielen verschiedenen Milieus, und wir werden Tag für Tag mit Nachrichten aus Krisenregionen dieser Erde konfrontiert, in denen wir – Gott sei Dank – nicht leben müssen. Mancher hat möglicherweise Verwandte, Freunde und Kollegen dort und ist in Sorge um sie, aber das ändert nichts daran, dass der hiesige Supermarkt alle Dinge des täglichen Bedarfs zur Verfügung hat und man sich angelegentlich schwarzärgert über die Unpünktlichkeit des ÖPNV. Lächerlich angesichts der Herausforderungen, vor der andere Menschen stehen, gewiss, aber das allein nimmt den Ärger nicht weg. Wir leben eben dort, wo wir leben, alles andere ist weiter weg, nicht so unmittelbar präsent und deswegen immer wieder einmal außer Sicht.
Aber selbst da, wo wir praktisch leben, ist es nicht anders. Beruflich mag es gerne wunderbar laufen, privat stellen sich möglicherweise zur gleichen Zeit größere Probleme ein. Und in derselben Kollegenschaft gibt es Menschen, die einen zur Hochform auflaufen lassen, und solche, die einen lähmen. Die Zeiten, in denen „es“, und zwar alles, läuft“, gehören zu den seltenen Überraschungen, auf die man zwar immer hofft, gelegentlich auch glaubt, dass sie einem zustünden, die sich aber außerhalb unserer Verfügungsmacht befinden.
Ob es einem Menschen gut oder schlecht geht, hängt dementsprechend weniger von den Tatbeständen ab als vielmehr von den Tatbeständen, die in den Blick genommen bzw. denjenigen, die außer Betracht gelassen werden. Die Quersumme über die Güte der Erfahrungen, die wir in einem bestimmten Augenblick oder zu einer definierten Zeit machen, dürfte überwiegend sehr ähnlich ausfallen: eine Mischung aus positiven und negativen Aspekten, gelegentlich mit Ausreißern nach oben oder unten.
Die Kunst, diese verschiedenen Erfahrungsqualitäten in ihrer Verschiedenheit, ja, Gegensätzlichkeit stehenzulassen und nicht einfach gegeneinander aufzurechnen, ist nicht über Nacht gegeben. Man erlernt sie in aller Regel nur mühsam, weil wir dazu neigen, auf negative Erfahrungen heftiger und rascher zu reagieren als auf positive Aspekte, mit denen der Tag aufwartet. Die Neigung, missliche Erlebnisse als Verletzung unseres natürlichen Anrechts auf Glück zu werten, ist in der Moderne mit Eifer kultiviert worden und in den Ideenbestand unserer Gesellschaften eingeflossen. Dazu gehört die Gewohnheit, für jedwede kritischen Erfahrungen, Unfälle oder Niederlagen jemand anderes verantwortlich zu machen als sich selbst. Man schaue sich daraufhin einmal Nachrichten an oder lese Boulevardzeitungen bzw. Postings auf Social Media.
Es braucht Zeit und meist auch Anleitung, um sich aus dieser Überbewertung negativer Erfahrungen zu befreien und die Fülle von positiver Zuwendung, Unterstützung und Begleitung wahrzunehmen, die uns umgibt. Angefangen von den Menschen, die uns teuer sind, über den Frieden, den wir in unserem Land vorfinden, bis zu der Lebenskraft unseres Körpers und unserer Seele, die uns einen Tag nicht nur überstehen, sondern auch gestalten lässt. Menschen wie Etty Hillesum oder Dietrich Bonhoeffer tun das auf literarische Weise, Freunde und Nachbarn in ganz lebenspraktischer Hinsicht.
Etty Hillesum schreibt in der Notiz vom 23.7. weiter: Ich „... kam mit einem großen Rosenstrauß nach Hause. Und da stehen sie. Sie sind genauso real wie all das Elend, das ich an einem Tag erlebe. In einem einzigen Leben ist für so viele Dinge Platz. Und ich habe so viel Platz, mein Gott…”
Hier laufen unsere Überlegungen auf ihr Zentrum zu. In jedem Lebenstag ist für „so viele Dinge“ Platz, nicht nur für eine Sache. Stets sind es mehrere Realitäten, derer wir ansichtig werden. Wer sie auf eine tragende Realität verengt, verliert die Orientierung. Die Konzentration allein auf die kritischen Aspekte treibt uns in den Pessimismus und eine traurige Gesinnung. Die Ausblendung dieser negativen Momente macht uns zu Traumtänzern. Beide Partien gehören in den Tag als Realitäten, different und gelegentlich widersprüchlich, in denen wir gefordert und gewürdigt werden.
Vor allem: Auch für Gott ist Platz, und zwar: In allen Realitäten, in denen wir uns bewegen.