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Die Lust zu reisen

Dr. Klaus Schulz
 

Und wohin geht es im Urlaub? Selbstverständlich ist heute Urlaub mit Reisen verbunden. Urlaub als Unterbrechung, als Abstandnehmen, manchmal auch als Flucht von daheim. Mal etwas ganz anderes machen, was anderes essen, sich anders kleiden, Neues sehen, „Wildes“ unternehmen. Reisen ist zu einem Bestandteil der persönlichen Identität und Selbstdarstellung geworden. Nicht verreisen zu können, ist inzwischen zu einem gesellschaftlichen Makel geworden. 

Aus der „Grand Tour“, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert unter wohlhabenden europäischen Adeligen und reichen Bürgersöhnen verbreitet war, wurde im 20. Jahrhundert der „Tourismus“. Während am Anfang junge Männer (!) durch Europa, insbesondere nach Italien und Frankreich reisten, um ihre Bildung zu vervollständigen, ist durch Eisenbahn und Flugzeug bei inzwischen erschwinglichen Kosten der (Massen-)Tourismus geworden. Der Begriff „Tourismus“ verrät schon, was heute aus den Reisen der Wenigen, die es sich leisten konnten, geworden ist: eine Ideologie von Lebensqualität! Wer nicht verreist und nicht gestehen mag, dass einem die finanziellen Mittel fehlen, der sieht sich zu einer Rechtfertigung genötigt, warum Balkonien oder Terrassanien genauso schön ist wie Mallorca oder die Toskana.
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu betonte, dass kulturelle Vorlieben eng mit sozialer Herkunft verbunden sind. Dies zeigt sich auch im Reiseverhalten. Unterschiedliche soziale Gruppen bevorzugen unterschiedliche Reiseformen. Während manche Menschen Luxusreisen und exklusive Hotels bevorzugen, suchen andere Abenteuer, Kultur oder naturnahe Erlebnisse. Reiseziele können damit auch soziale Zugehörigkeit und kulturelles Kapital ausdrücken.
Darüber hinaus erfüllt Reisen wichtige gesellschaftliche Funktionen. Es ermöglicht Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Kulturen und kann Vorurteile abbauen. Internationale Reisen fördern interkulturelles Verständnis und erweitern den eigenen Horizont.
Viele Menschen reisen außerdem, um Abenteuer zu erleben. Besonders junge Menschen suchen häufig Herausforderungen und außergewöhnliche Erfahrungen. Aktivitäten wie Bergsteigen, Tauchen oder Trekking befriedigen das Bedürfnis nach Spannung und Selbstwirksamkeit. Erfolgreich bewältigte Herausforderungen stärken das Selbstvertrauen und fördern das Gefühl persönlicher Kompetenz.
Reisen als Ausdruck moderner Mobilität wird oft als Voraussetzung für persönliche Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe angesehen. Wer reisen kann, besitzt häufig mehr Möglichkeiten zur Bildung, beruflichen Entwicklung und kulturellen Erfahrung.

Aber was ist der tiefere Grund zu reisen? Ist es das Bedürfnis nach Erholung in der Leistungsgesellschaft? Ist es einfach Neugier, das natürliche Interesse an neuen Erfahrungen, unbekannten Orten und fremden Kulturen, mit denen der Erfahrungshorizont erweitert und persönliche Entwicklung ermöglicht wird?
Hans Magnus Enzensberger beschreibt in seinem berühmt gewordenen Essay „Eine Theorie des Tourismus“(1958), dass die Reiselust nicht allein aus praktischen Bedürfnissen entsteht. Der Mensch verfügt nach Enzensberger über einen „Phantasieüberschuss“: Er träumt von anderen Orten, Lebensweisen und Möglichkeiten, die über seine alltägliche Realität hinausgehen. Menschen reisen demnach, weil ihre Phantasie Bilder einer anderen, besseren oder interessanteren Welt erzeugt.
Enzensberger argumentiert, dass touristische Ziele oft bereits vor der Reise in der Vorstellung existieren. Reisende folgen gewissermaßen ihren eigenen Wunschbildern und Projektionen. Die Reise wird dadurch zu einem Versuch, die imaginierte Welt mit der realen Welt in Einklang zu bringen. Touristische Orte werden oft zunächst als Wunschbilder konstruiert, bevor sie tatsächlich besucht werden. Allerdings führt dies häufig zu Enttäuschungen, weil die Realität die Erwartungen der Phantasie nicht vollständig erfüllen kann.
Der moderne Tourismus ist von einem grundlegenden Widerspruch geprägt: Menschen reisen, um Freiheit und Individualität zu erleben. Gleichzeitig reisen Millionen Menschen zu denselben Orten. So führt die Flucht aus der heimischen Enge in die Masse des „Overtourism“. Das Besondere gerät dabei zum Massenprodukt. Der Tourist sucht das Authentische und Einzigartige, findet aber häufig standardisierte Hotels, organisierte Ausflüge und touristische Infrastruktur vor.

Ist diese Spannung zwischen Phantasie(-überschuss) und Realität der Anlass dafür, dass nach der Urlaubsreise gerne alles in einem hellen Licht erscheint und daheim meist positiv berichtet wird, auch wenn es einige Abstriche zu machen gilt bei Unterbringung, Exkursionen, unglücklichen Erfahrungen im Restaurant und dergleichen? Eine Urlaubsreise darf einfach nicht als Katastrophe berichtet werden. Das verlangt die Selbstdarstellung als reisererfahrener Zeitgenosse, die Hochschätzung der Reise als Ausdruck von Lebensqualität.
Und der Phantasieüberschuss wird auch nach der Reise mit wenigen positiven Erfahrungen schon die nächste Reise ins Auge fassen, dem Wunsch nach Freiheit wieder Raum geben und von anderen, schöneren, positiven Erfahrungen träumen.

Ja, Reisen kann glücklich machen, Erholung und Gesundheit bringen, den kulturellen Horizont erweitern und zur persönlichen Reifung beitragen. Gekonntes Reisen basiert aber vor allem auf einer inneren Haltung, die der Phantasie Raum gibt und sich von den Grenzen der Realität nicht entmutigen lässt, sondern diese als Korrektur und erweiterten Realitätssinn positiv ergreift. 
Es ist dieses Maß an Unverfügbarkeit, mit dem die Wirklichkeit die menschliche Phantasie übersteigt und zugleich immer neu kreativ werden lässt. Wir werden beim Reisen also nie „wirklich ankommen“.

Die viel wallfahrten, werden selten heilig“,kritisierte schon Thomas von Kempen (1379-1471) in seiner Schrift Die Nachfolge Christi. Bloßes Umherreisen und das Aufsuchen weit entfernter heiliger Stätten (d. h. Sehnsuchtsorte) führten nicht automatisch zu innerer Reife oder tiefer Gottesfurcht.
Ob darum das Nicht-Erreichen des ersehnten Zieles die eigentliche Erfahrung ist, die der „Lust zu reisen“ die Erfüllung schenkt, weil sie den Reisenden mit dem Unendlichen in Resonanz bringt?