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Neue Blickwinkel
Katharina Krämer, 26 Jahre, studiert an der Deutschen Sporthochschule in Köln „Sport und Gesundheit in Prävention und Therapie”
Eigentlich wollte ich nach meinem Abitur 2019 nach Kanada, um zu arbeiten und zu reisen, so wie es auch schon die meisten meiner Freunde nach ihrem Schulabschluss in Neuseeland oder Australien gemacht haben. Nach dem Abitur habe ich ein paar Monate gearbeitet, um eine gute Grundlage für meine Pläne zu schaffen. Im März 2020, nach dem 18. Geburtstag meiner Schwestern, wollte ich los. Doch dann ging leider gar nichts mehr. Reisen auf einen anderen Kontinent oder innerhalb von Europa waren nicht mehr möglich. Meine Pläne für die Zeit zwischen Schule und Studium wurden durch Corona mächtig durchkreuzt. Also musste ich umdenken. Ich habe meinen Minijob erstmal weitergemacht und abgewartet, in der Hoffnung, dass der ganze Corona-Wahnsinn schnell wieder aufhört. Hat er leider nicht …
Im Sommer 2020 kam mir dann die Idee, eine mehrwöchige Fahrradtour zu machen, um wenigstens etwas zu reisen, auch wenn es „nur“ in Deutschland ist. Kurze Zeit später war ich unterwegs mit dem Zug nach Flensburg, wo meine Fahrradtour starten sollte. Einige kleine Campingplätze an der Ostsee hatten gerade wieder geöffnet und mein neues Ziel war es, entlang des Ostseeküsten-Radwanderwegs bis zur polnischen Grenze zu fahren. Was dann sein würde? Das würde ich sehen, wenn es so weit wäre. Erstmal losfahren. Es tat gut, wieder unterwegs zu sein. Als Jugendliche war ich oft unterwegs und erlebte nun inmitten der Corona-Zeit wieder, was ich am Reisen so schätzte: So nah an der Natur zu sein, auf mich allein gestellt, nur ich mit meinen Gedanken und Wahrnehmungen im jetzigen Moment; mich von meinem Bauchgefühl und spontanen Ideen leiten zu lassen.
Nach insgesamt acht Wochen Fahrradtour – vier Wochen an der Ostsee von Flensburg bis Usedom und vier Wochen Nordsee von Hamburg bis zur belgischen Grenze – bin ich sonnengebräunt und mit viel frischem Wind im Kopf wieder angekommen. Und gleichzeitig habe ich noch etwas mit nach Hause genommen: den Drang, weiterzureisen. Auch wenn ich ursprünglich nur eine einjährige Arbeits- und Reisepause zwischen Schule und Studium machen wollte, ist mir klar geworden, dass ich jetzt noch nicht mit dem Studium anfangen konnte. Während der acht Wochen auf dem Fahrrad und im Zelt konnte ich zwischendurch ganz gut vergessen, dass es Corona gab, aber zu Hause holte mich die Realität wieder ein. Übersee-Reisen waren nach wie vor eher unrealistisch. Und auch im November 2020 wäre Reisen nur dann möglich gewesen, wenn ich nirgendwo unterkommen müsste. Das hieß: ohne Hostel, ohne Campingplatz, ohne Ferienwohnung.
Als mir klar wurde, dass Reisen möglich ist, allerdings ohne Unterkunft, kam mir die Frage in den Sinn, wie ich möglichst autark reisen kann. So entstand zum ersten Mal der Gedanke, mir ein Auto auszubauen, mit Toilette und Dusche und allem Drum und Dran, so dass ich nicht auf Campingplätze angewiesen bin und theoretisch einfach im Wald stehen kann, ohne Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Ende November habe ich mir einen Transporter gekauft. In den kommenden sechs Monaten habe ich jeden Tag von morgens bis abends daran gearbeitet, bis schließlich ein ausgebauter Camper mit einem Strom- und Wassersystem, großem Bett, Bad und Küche fertig vor mir stand. Anfang Juni 2021 ging die Reise dann los. Nach Skandinavien. Mein Ziel war es, Midsommar in Schweden zu feiern und die Mitternachtssonne zu sehen. Nach zwei Wochen hatte ich beides abgehakt, hatte auf dem Weg tolle Menschen kennengelernt, Schweden und den schwedischen Sommer noch mehr lieben gelernt und war innerlich total angekommen. Von Nordschweden aus ging meine Reise weiter zum Nordkapp. Dieser Ort war ein Wendepunkt auf meiner Reise. Ich realisierte (vielleicht zum ersten Mal), dass ich mit meinem eigenen selbst ausgebauten Zuhause auf vier Rädern ans nördliche Ende Europas gefahren war. In einer Zeit, in der mir so viele Pläne durchkreuzt wurden, war ich angekommen, wo ich in diesem Moment genau sein wollte. Ich habe mich so unendlich frei und selbstbestimmt gefühlt. Stress, Druck, schlechte Laune und die Einschränkungen durch Corona waren ganz weit weg. Da waren nur noch meine innere Ruhe und das Vertrauen, dass ich genau richtig hier bin, sowie ein gestärktes Selbstwertgefühl. Von dort aus bin ich wieder südwärts gefahren, allerdings in einem entspannteren Tempo. Ich fuhr über die Lofoten bis Trondheim und dann über Oslo zurück nach Schweden an die Schären der Westküste. Insgesamt war ich vier Monate unterwegs. Ich war viel allein an wunderbaren Orten in ganz zauberhafter Natur.
Ich habe gelernt, was es heißt, frei zu sein. Keine Erwartungen, keine Kompromisse, keine Diskussionen. Außer mit und von mir selbst. Insgesamt war diese Reise unglaublich wertvoll und wichtig für mich. Ich bin aus meinem gewohnten Umfeld herausgekommen, habe mich wirklich mit mir auseinandersetzen müssen und mich dabei besser kennengelernt als je zuvor. Ich habe viel über Freundschaft und Menschen gelernt, über mein Bauchgefühl (was meistens recht hat), über die Frage, was ich eigentlich wirklich will und wer ich eigentlich bin. Es gibt viele Momente, die tief in mir drin verankert sind. Die meisten Momente beinhalten das Gefühl von Zufriedenheit, von Vertrauen und von „Alles ist gut!“. Dazu gehören das Gefühl der schwedischen Abendsonne auf der Haut, das Rauschen der Wellen und das Rascheln der Birkenblätter in den Ohren sowie die warmen Farben der Sonne in der Natur. Auch wenn die Welt draußen Kopf stand, war meine Welt in diesen Momenten einfach vollkommen in Ordnung. Ich habe gefühlt, gesehen und gespürt. Ich habe kaum an die Vergangenheit und die Zukunft gedacht. Ich war ganz im Hier und Jetzt – und das hat mir Ruhe und inneren Frieden gegeben. Dabei hat mich die Natur sehr unterstützt. Die Natur wusste ja gar nicht, dass irgendwo gerade jemand eine Maske tragen musste. Sie war einfach da, der Jahreszeit angepasst, den Elementen ausgesetzt – einfach da. Und mit und in ihr war auch ich manchmal einfach nur da. Auch wenn das gar nicht so einfach ist.
Wenn mir die Welt heute manchmal unheilvoll und dunkel erscheint, ohne Hoffnung auf eine positive Wende, dann hilft es mir sehr im gegenwärtigen Moment zu sein – so wie auf meinen Reisen. Die Natur ist wie ein Anker für mich. Dort kann ich meine inneren Batterien wieder aufladen und zur Ruhe kommen, wenn es draußen mal wieder zu hektisch wird. Und gleichzeitig habe ich aus dieser Zeit in meinem Leben mitgenommen, dass ich mich nicht entmutigen lassen möchte. Auch wenn die Situation anders ist als erwartet und meine Erwartungen vielleicht enttäuscht wurden, versuche ich, das Ganze aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, um so ziemlich sicher einen guten Umgang mit der Situation zu finden. Ich suche mir regelmäßig ruhige Orte in der Natur, an denen ich nur den Wind und das Vogelzwitschern höre und manchmal das Rauschen von Wasser, wo ich einfach im Moment sein kann.