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Reisen in Indien

Simon Kuhn, 22 Jahre, studiert Jura in Leipzig im 4. Semester
 

Die letzten elf Monate habe ich in Indien studiert – zwei Semester indisches und internationales Recht an der O.P. Jindal Global University in Sonipat, das ist eine Autostunde von Delhi entfernt. Warum Indien? Dahin brachte mich offiziell das Interesse am Rechtssystem eines rasant an internationaler Bedeutung gewinnenden Schwellenlandes, und inoffiziell die Neugier am persönlichen Austausch mit völlig anders sozialisierten Menschen und der Herausforderung des Reisens durch völkerrechtlich umkämpfte Regionen und unterschiedlichste Klimazonen: Im Westen die Wüste Rajasthans, im Süden die paradiesischen Strände von Kerala, im Nordosten der Dschungel von Meghalaya und im Norden die zerklüftete Mondlandschaft von Ladakh, neben Kaschmir mit seiner alpinen Schönheit.
Wohin es auch geht, eine Reise in Indien beginnt immer ähnlich: 14 Uhr, Mittagspause in der Campusmensa, ein Nachtbus für 10 Euro wird gebucht. 21 Uhr, der Busfahrer lotst unseren Taxifahrer am Telefon und macht plötzlich einen Rollstop auf der linken Spur der dreispurigen Autobahn. Drei Inder hieven uns und unsere Rucksäcke in den Bus, dann geht’s mit Vollgas weiter. 1 Uhr, der ganze Bus wird zum Abendessen an einem Dhaba, einer indischen Raststätte, wachgehupt. 10 Uhr, wir wachen auf an einem neuen Ort und der Tag kann beginnen. Dieses spontane und bezahlbare Reisen werde ich vermissen, wenn ich mir für 60 Euro ein ICE-Ticket kaufe.
Landschaftlich wie kulturell frage ich mich, wie Indien als ein Land zusammengefasst werden kann. Unser muslimischer Taxifahrer Rizwan in Kaschmir erzählte uns von seiner Sympathie für unabhängigkeitsbestrebende Milizen und seinen Demütigungserfahrungen durch ortsfremde Soldaten des indischen Militärs. Die Hindu-Soldaten träten auf wie eine Besatzungsmacht, schikanierten die Einheimischen mit langwierigen Kontrollen. Kaschmir ist für mich ein Beispiel, das zeigt, vor welche Herausforderungen religiöse Vielfalt diesen Subkontinent stellt.
Kaschmir markiert für mich außerdem den Höhepunkt der immensen indischen Gastfreundschaft. Fast jeder Taxifahrer lud uns zu sich nach Hause ein, um seine Familie kennenzulernen. Als wir im Landratsamt scheiterten, eine Reiseerlaubnis für das Gurez Valley im Norden Kaschmirs zu bekommen, lieh uns der zuständige Beamte stattdessen sein privates Zelt aus und zeigte uns den restlichen Tag die schönsten Aussichten in der Umgebung. Diese Erfahrungen haben mich inspiriert, zu Hause mehr auf gestrandete Reisende zuzugehen.
Einer meiner Kurse „Law and Religion“ brachte mich besonders zum Nachdenken. Darüber, ob Religion eher vereint oder spaltet, und was eine bewusste Beziehung zu Gott bedeutet, wenn religiöse Rituale zur Routine werden. Viele Rituale im Hinduismus sind für mich speziell. In Varanasi werden am Ufer des Ganges in aller Öffentlichkeit die Toten verbrannt und wird die Asche an den heiligen Fluss gegeben. Die Möglichkeit, in Varanasi kremiert zu werden, gilt als großes Glück, denn wessen Asche dort in den Ganges geworfen wird, der soll direkt ins Moksha gelangen und dem Kreislauf der Wiedergeburten entkommen können. Diese Bestattungspraxis kam mir befremdlich vor, und doch war der Glaube der Menschen faszinierend zu beobachten.
Ich kann sicher sagen, dass ich wiederkommen werde, um noch mehr zu erfahren – von der indischen Spiritualität, der Spontanität, dem Pragmatismus und der Gastfreundschaft.
Indien schockiert. Indien begeistert. Indien kehrt wieder.