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Die Welt ist gut – 9 Gründe für mehr Zuversicht

Torsten Strobel ist Logotherapeut und Montessori-Pädagoge
 

Dieser Artikel ist aus einem Vortrag hervorgegangen, den ich im April 2026 an der Akademie für Logotherapie und Existenzanalyse in Mainz gehalten habe. Grundlage waren gesellschaftliche Beobachtungen, wissenschaftliche Studien sowie konkrete Beispiele aus sehr unterschiedlichen Lebensbereichen.
Inspiriert hat mich unter anderem der GEO-Beitrag „Neun Gründe für mehr Zuversicht (trotz allem)“ (Ausgabe 01/2023), verbunden mit logotherapeutischen Gedanken des österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor E. Frankl. Im Zentrum stand dabei keine Gegenerzählung zur Weltlage, sondern die Frage, wie sich der Blick verändert, wenn man nicht nur das Bedrohliche sieht, sondern auch das bereits Gelungene. Denn oft entscheidet nicht nur die Welt selbst über unsere Zuversicht, sondern die Haltung, mit der wir ihr begegnen.

Krieg und Klimawandel, Unsicherheit und gesellschaftliche Spannungen: Gründe zur Sorge gibt es viele. Und doch gibt es ebenso viele Entwicklungen, die Hoffnung und Zuversicht verbreiten. Um sie wahrzunehmen, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Neun Beobachtungen strukturieren diesen Blick und zeigen, dass Krise und Gestaltung oft näher beieinander liegen, als es scheint. 

Neun Perspektiven für mehr Zuversicht (trotz allem)

1. Haben wir mehr in der Hand, als es scheint?
Die Studie “Ängste der Deutschen“ der R+V-Versicherung zeigt seit Jahren ein stabiles Muster: Zukunftsängste gehören zu den konstant stärksten Sorgen in Deutschland. Besonders häufig betreffen sie Sicherheit, wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Entwicklungen. Die gefühlte Unsicherheit ist dabei oft größer als die tatsächliche Entwicklung vieler Bereiche. Nicht die Unsicherheit selbst prägt unser Zeitempfinden am stärksten – sondern die ständige Verfügbarkeit von Krisenbildern, unter anderem auf dem Smartphone. Genau diese Diskrepanz prägt das Grundgefühl vieler Menschen.
Der Historiker Frank Biess beschreibt diesen Zusammenhang treffend mit der Verschiebung der Perspektive: Die entscheidende Frage sei nicht nur, was in der Welt geschieht, sondern was es mit uns macht. Oder, in einer zugespitzten Lesart: Nicht nur die Welt prägt uns – sondern auch unsere Wahrnehmung prägt die Welt, in der wir leben.

2. Werden Seuchen die Menschheit aussterben lassen?
Seuchen haben die Menschheitsgeschichte immer wieder tief erschüttert. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Medizinischer Fortschritt hat viele dieser Bedrohungen deutlich reduziert. Die globale Kindersterblichkeit ist seit den 1990er-Jahren um rund 60 Prozent gesunken. Ein besonders eindrückliches Beispiel kommt aus Brasilien: In den Favelas von Rio de Janeiro wird der Kampf gegen das Dengue-Fieber neu gedacht. Das Forschungsinstitut Fiocruz setzt dabei auf ein biologisches Verfahren: Mücken werden mit dem Bakterium Wolbachia infiziert. Dieses verhindert, dass sich Dengue-Viren im Insekt vermehren. Die Mücken übertragen dadurch deutlich seltener die Krankheit. Die Eier dieser „geimpften“ Mücken werden in Kapseln verpackt und von Jugendlichen direkt in die Stadtteile gebracht. In den Favelas selbst spielt die lokale Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Der Biologe Wesley Oliveira betont: „In den Favelas war die Hilfe der Kinder vor Ort entscheidend.“ Krise wird hier nicht nur verwaltet, sondern gemeinsam transformiert.

3. Verarmen die Menschen?
Ungleichheit ist eine der zentralen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit. Gleichzeitig entstehen Initiativen, die genau dort ansetzen. Der dänische Unternehmer Djaffar Shalchi hat mit der “Human Act Foundation” eine Struktur geschaffen, die große Vermögen gezielt in soziale Wirkung überführt. Ziel ist nicht klassische Wohltätigkeit, sondern langfristige systemische Veränderung. Im Netzwerk „Millionaires for Humanity“ engagieren sich zudem vermögende Menschen für eine stärkere Besteuerung großer Vermögen, um globale Ungleichheit strukturell zu reduzieren. Die Zahlen verdeutlichen die Spannung: Die oberen 10 % besitzen rund 67 % des Vermögens, die unteren 50 % lediglich etwa 1,3 %. Gleichzeitig entsteht ein neues Selbstverständnis von Verantwortung: Vermögen wird zunehmend nicht nur als Besitz, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstanden.

4. Gibt es für die Jungen noch eine Zukunft?
Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die stark von Krisenwahrnehmung geprägt ist. Gleichzeitig entsteht daraus eine aktive Gegenbewegung: Verantwortung wird nicht mehr nur erwartet, sondern übernommen. Philipp von der Wippel formuliert diese Haltung deutlich: Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht lösen, wenn Verantwortung ständig externalisiert wird. Zukunft wird damit weniger Hoffnungs-, sondern mehr Handlungsraum. Anders ausgedrückt: Zukunft wird nicht nur als etwas verstanden, auf das wir hoffen, sondern als etwas, das wir aktiv mitgestalten können.

5. Werde ich alt und einsam sterben?
Die Angst vor Einsamkeit im Alter ist weit verbreitet. Gleichzeitig entstehen neue Formen des Zusammenlebens. In der Siedlung Uhlenbusch in Schleswig-Holstein, gegründet von Caroline und Ulrich Reimann, leben rund 50 Menschen in einem gemeinschaftlich organisierten Wohnprojekt. Alltag, Entscheidungen und soziale Verantwortung werden geteilt. Das verändert das klassische Altersbild grundlegend: Alter wird nicht als Rückzug verstanden, sondern als soziale Gestaltungsphase.
Hinzu kommt ein Wandel in der digitalen Teilhabe: Rund 49 % der über 75-Jährigen nutzen das Internet täglich, was zeigt, dass Aktivität und Vernetzung im Alter deutlich höher sind als oft angenommen.

6. Wird die Erde unbewohnbar?
Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Gleichzeitig entstehen konkrete Lösungen. Ein Beispiel ist der Ladepunkt „Heinz“, der in Straßenlaternen integriert und inzwischen in mehreren Berliner Bezirken eingesetzt wird. Infrastruktur wird dadurch unsichtbar, alltagsnah und effizient neu gedacht. Parallel zeigen ökologische Entwicklungen eine bemerkenswerte Dynamik: In Teilen Ostdeutschlands haben sich nach dem Ende der innerdeutschen Teilung große Naturräume regeneriert. Heute sind dort wieder Wolf, Luchs sowie Fisch- und Seeadler heimisch. Das zeigt: Selbst tiefgreifende Veränderungen können Gegenbewegungen erzeugen.

7. Könnten alle Tiere verschwinden?
Das Artensterben ist real und wissenschaftlich eindeutig belegt. Gleichzeitig zeigen Renaturierungsprojekte, dass Natur sich regenerieren kann, wenn Lebensräume geschützt oder wiederhergestellt werden. Ehemalige Militär- und Industrieflächen in Ostdeutschland sind heute wieder Rückzugsräume für seltene Arten. Biodiversität entsteht dort neu, wo Raum entsteht. Natur ist damit nicht nur gefährdet, sondern auch erstaunlich widerstandsfähig.

8. Nimmt die alltägliche Gewalt weiter zu?
Das subjektive Unsicherheitsgefühl ist in den letzten Jahren gestiegen. Die statistische Entwicklung zeigt jedoch ein anderes Bild: 2021 gab es in Deutschland 257 Mordopfer, 2002 waren es noch 449. Kriminologe Nils Zurawski von der Universität Hamburg weist darauf hin, dass diese Wahrnehmungsverschiebung stark durch mediale Logiken geprägt ist. „Crime sells“ beschreibt dabei eine Dynamik, in der Einzelfälle stärker wirken als langfristige Trends. So entsteht eine Kluft zwischen gefühlter und messbarer Realität.

9. Zerfällt die Gesellschaft?
Gesellschaftliche Spannungen sind sichtbar und real. Gleichzeitig existieren starke zivilgesellschaftliche Gegenbewegungen. Ein Beispiel ist die Initiative „Augen auf“. In Zittau wurden im Rahmen einer Aktion 2.262 Paar Schuhe ausgelegt – jedes Paar steht symbolisch für einen Menschen, der im Mittelmeer gestorben ist. Das Plakat der Initiative trug die klare Botschaft: „WIR SIND DA! – TLRNZ & SLDRTT“. Gesellschaft zeigt sich hier nicht nur als Konflikt, sondern als Handlungs- und Verantwortungsraum.

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Fragen an die Leserinnen und Leser
Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle nicht nur zu lesen, sondern kurz innezuhalten:
• Welche dieser neun Perspektiven hat meinen eigenen Blick auf die Welt am stärksten berührt oder irritiert? 
• Wo erlebe ich selbst eher die Wirklichkeit der Angst – und wo vielleicht schon die Wirklichkeit von Handlung und Gestaltung? 
• Was würde sich in meinem Alltag verändern, wenn ich nicht zuerst frage, was fehlt, sondern was bereits möglich ist? 

Die entscheidende Frage: trotzdem JA zum Leben
Die neun Fragen zeigen keine einfache Welt, sondern eine widersprüchliche Realität zwischen Krise und Gestaltung. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, was geschieht, sondern wie wir darauf antworten. Hier steht die Logotherapie nach Viktor E. Frankl im Zentrum: Es geht um die Fähigkeit, trotz allem JA zum Leben zu sagen – nicht als Optimismus, sondern als bewusste Haltung gegenüber einer unvermeidlich ambivalenten Welt. Diese Haltung beginnt genau dort, wo wir aufhören, das Leben nur zu bewerten, und beginnen, ihm zu antworten. Dieses Ja ist kein optimistisches Gefühl, sondern eine Haltung, die auch dort trägt, wo Antworten ausbleiben.

Vergänglichkeit, das „Protokoll der Welt“ und der Optimismus der Vergangenheit
Alles, was der Mensch erlebt, hinterlässt eine unwiderrufliche Spur. Frankl beschreibt dies als eine Art „Protokoll der Welt“, in dem jedes Leben, jede Entscheidung und jede Handlung aufgehoben bleibt. Dieses Protokoll ist unverlierbar – und damit tröstlich. Aber es ist zugleich unkorrigierbar – und damit verpflichtend. Denn nichts kann aus der Welt wieder entfernt werden. Daraus ergibt sich eine zentrale Einsicht: Die Vergangenheit ist nicht vorbei im Sinne von bedeutungslos, sondern voll von Wirklichkeit. Frankl nennt dies den „Optimismus der Vergangenheit“: die Erkenntnis, dass alles Gelungene, jedes verantwortete Handeln und jede menschliche Entscheidung in der Welt Bestand hat. Jede kleine gute Tat bleibt Teil dieses unverlierbaren Ganzen. Gleichzeitig entsteht daraus der „Aktivismus der Zukunft“: Weil alles unwiderruflich wird, liegt die volle Verantwortung im gegenwärtigen Moment. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen:
• Vergangenheit: unverlierbarer Sinnbestand
• Gegenwart: entscheidender Verantwortungsraum
• Zukunft: aktiv zu gestaltender Möglichkeitsraum
In dieser Spannung zeigt sich menschliche Freiheit in ihrer konkretesten Form.

Zuversicht als Entscheidung
Die Welt ist nicht perfekt. Sie war es nie. Sie ist auch nicht abgeschlossen. Aber sie wird durch das, was wir ihr innerlich und äußerlich entgegenstellen, jeden Tag neu mitgeprägt. Die Welt ist gestaltbar. Und genau darin liegt Zuversicht. Die Welt muss nicht perfekt sein, damit wir ihr mit Mut begegnen.

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Autorenporträt
Torsten Strobel ist Logotherapeut und Montessori-Pädagoge. Im Mainzer Gesprächskreis für Logotherapie und Existenzanalyse gestaltet er regelmäßig Vorträge und Gesprächsabende. Dabei greift er Gedanken Viktor E. Frankls auf und bringt sie mit aktuellen gesellschaftlichen und existenziellen Fragen ins Gespräch.  

Quellenhinweis
Der Artikel basiert auf einem Vortrag vom April 2026 sowie einer freien inhaltlichen Verdichtung gesellschaftlicher Beispiele und wissenschaftlicher Befunde. Impulse stammen unter anderem aus einem GEO-Beitrag zu „Neun Gründe für mehr Zuversicht (trotz allem)“ sowie aus der Logotherapie nach Viktor E. Frankl.