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Pilgern auf dem Olavsweg in Norwegen
Klaus Dettke, Pastor i. R., Dransfeld bei Göttingen
Gerade pensioniert, habe ich mich Ende Mai 2018 auf den Weg gemacht. Zunächst fuhr ich mit dem Flixbus von Göttingen über Berlin nach Oslo. Dort stieg ich nach 22 Stunden in den Zug nach Hamar, wo mein Weg beginnen sollte: 488 km bis Trondheim, zum Olavsdom, Ziel des alten Pilgerweges – mit 10 Kilogramm Gepäck täglich 20 bis 25 Kilometer mit einem Auf und Ab von insgesamt 15.656 Höhenmetern. Dieser Weg sollte mir im Übergang vom Beruf als Pastor und Leiter des Geistlichen Zentrums Kloster Bursfelde helfen, mich in die neue Phase des Ruhestandes einzufinden. Ich wählte den Olavsweg, weil ich davon ausgehen konnte, dort weitgehend allein unterwegs zu sein.
Bereits in der ersten Pilgerherberge, in Hamar, übernachtete ich allein. Die weitgehende Einsamkeit der 31 Tage war eine Herausforderung, für die ich bis heute dankbar bin. Ich habe sie als Einladung Jesu genommen: „Geht ihr an eine einsame Stätte …“ (Markus 6,31). Ich hatte kein Programm, keine Frage, die ich lösen wollte. Den Tag begann ich mit den Losungen und dem Wochenpsalm. Am Abend schrieb ich betend mein Pilgertagebuch. Die äußere Bewegung bringt innerlich etwas in Bewegung. Der äußere Weg macht aufmerksam für einen inneren. Unterwegs habe ich neu entdeckt, dass ich bei allem, was ich bin und habe, noch nicht dort bin, wo ich hingehöre: „Nichts kann uns genügen, wir ewigen Nomaden auf dem Weg zu Gott“ (Antoine de Saint-Exupéry). Eine unbestimmte Sehnsucht hat mich aufbrechen lassen. Ich wollte Abstand gewinnen zu dem Gewohnten, Alltäglichen – äußerlich und innerlich. Zu Fuß unterwegs zu sein, hat mich entschleunigt. Dabei habe ich entdeckt, dass das Loslassen des Vielen reich macht. Denn weniger ist mehr. Als Pilger brauche ich nicht viel für den Weg. Das einfache Leben hat mir einen neuen Geschmack für Freiheit vermittelt. Allerdings haben sich auf dem Weg auch Widerstände gemeldet. Ich habe mich auf manchem Wegabschnitt, auf dem es hoch und runter oder über scheinbar endlose Schotterwege ging, gefragt: „Warum tue ich mir das an?“ Wie im „richtigen“ Leben gehörten zum Weg auch Umwege und Irrwege und das Übersehen von Wegzeichen. Je länger ich unterwegs war, umso achtsamer wurde ich für die Zeichen des Weges. Der gleichmäßige Rhythmus hat sich als heilsam erwiesen. Die Aufmerksamkeit für und die Freude an den kleinen Schönheiten des Weges ist gewachsen. Staunen über die Kreativität unseres Schöpfers. Es fing in mir an zu beten, zu singen: Dank, Freude, Lob… In Träumen meldete sich eine alte Frage neu: „Wer bist Du ohne Deinen Beruf, ohne Deine Leistung?“ Eine alte Antwort fiel mir zu und erreichte mich ganz tief: „Dein bin ich, o Gott!“ Ein Thema, das ich für längst geklärt angesehen habe, wurde plötzlich präsent. Im Pilgerführer las ich, dass ich auf der nächsten Etappe an einer Pyramide aus vielen Steinen vorbeikommen würde; jeder Stein eine symbolische Last eines Pilgers. Zunächst dachte ich: „Das brauchst du nicht.“ Aber dann nahm ich doch einen Stein zur Hand. In der Weg-Stunde bis zur Steinpyramide merkte ich, dass der Stein zu einem Symbol wurde für etwas, das ich schon lange jemandem nachtrug, und was mich bis nach Norwegen begleitete. Als ich den Stein betend zu den vielen Steinen legen konnte, spürte ich eine große Erleichterung.
Kostbar waren einige wenige Begegnungen mit anderen Pilgern. Dabei schenkte Gottes Geist ein überraschendes Verstehen im Gespräch. Erfahrene Gastfreundschaft in Herbergen ließ oftmals die anstrengenden Tagesetappen vergessen. In einer der einsamsten und wüstesten Landschaften, dem Dovrefjell, sagte eine Herbergsmutter nach einer Andacht in ihrer eindrücklichen Kapelle: „Wir leben hier in einer Art Kloster in der Wüste des Fjell.“
Schritt für Schritt öffnete sich ein neuer Horizont, der mein Herz weitete, auch für das Beten. Die Fürbitte wurde mir dabei besonders wichtig. Bei der Ankunft in der eindrücklichen Kathedrale von Trondheim spürte ich eine eigentümliche Wehmut. Pilgerinnen und Pilger spüren nicht nur Fernweh, sondern auch Heimweh: „Wir sind nur Gast auf Erden…“ heißt es in einem Kirchenlied.
Bevor ich aufbrach, schenkten mir verschiedene „erfahrene“ Pilger folgende Ge(h)bote für Pilger. Anfangs las ich sie nur und steckte sie in mein Pilgertagebuch. Je länger ich unterwegs war, umso öfter lieh ich mir einzelne Sätze für mein Erleben:
1. Geh: Es gibt fürs Pilgern kein besseres Fortbewegungsmittel als das Gehen. Nur Gehen! Darum geht es.
2. Geh langsam: Setz dich nicht unter unnötigen sportlichen Leistungsdruck. Du kommst doch immer nur bei dir selber an.
3. Geh leicht: Reduziere dein Gepäck auf das Nötigste. Es ist ein gutes Gefühl, mit wenig auszukommen.
4. Geh einfach: Einfachheit begünstigt spirituelle Erfahrungen, ja, sie ist sogar die Voraussetzung dafür.
5. Geh alleine: Du kannst besser in dich gehen und offener auf andere zugehen.
6. Geh lange: Auf die Schnelle wirst du nichts kapieren. Du musst tage-, wochenlang unterwegs sein, bis du dem Pilgerweg allmählich auf die Spur kommst.
7. Geh achtsam: Wenn du bewusst gehst, lernst du den Weg so anzunehmen, wie er ist. Dies zu begreifen, ist ein wichtiger Lernprozess und braucht seine Zeit.
8. Geh dankbar: Alles – auch das Mühsame – hat seinen tiefen Sinn. Vielleicht erkennst du diesen erst später.
9. Geh weiter: Auch wenn Krisen dich an deinem wunden Punkt treffen, geh weiter. Vertraue darauf: Es geht, wenn man geht.
10. Geh mit Gott: Es pilgert sich leichter, wenn du im Namen Gottes gehst. Wenn Gott für dich in weite Ferne gerückt ist, könnten dir die Geh-Bote 1 bis 9 helfen, das Geheimnis Gottes in dir wieder zu entdecken.
Diese Sätze wurden gefunden in der Kathedrale Le Puy-en-Velay in Frankreich, einem wichtigen Durchgangs- und Ausgangspunkt auf dem Weg nach Santiago. Sie waren mir nicht nur Deutungshilfen für meinen Olavsweg, sie werden mir seitdem auch immer wieder lebendig auf meinem Lebensweg. Ähnlich ergeht es mir mit dem kleinen Text „Zum Aufbruch“:
Brich auf! Du bist für den Weg geboren.
Brich auf! Du hast ein Treffen einzuhalten.
Wo? Mit wem? Vielleicht mit dir selbst.
Brich auf! Deine Schritte werden deine Worte sein,
der Weg dein Lied, die Müdigkeit deine Gebete.
Und am Ende wird deine Stille zu dir sprechen.
Brich auf! Alleine oder mit anderen.
Aber komm heraus aus dir selbst!
Du hast Rivalen geschaffen,
du wirst Begleiter finden, Brüder und Schwestern.
Brich auf! Dein Kopf weiß nicht,
wohin deine Füße dein Herz führen.
Brich auf! Jemand ist unterwegs, dich zu treffen,
sucht dich im Heiligtum am Ende des Weges,
im Heiligtum in der Tiefe deines Herzens.
Er ist dein Friede, Er ist deine Freude.
Geh! Gott ist schon unterwegs mit dir und zu dir
(Anonym, Kloster Lluc, Mallorca, aus:
„Auf und werde: Der geistliche Begleiter für Pilgerwege“).