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Auszeit

Helmut Aßmann
 

Von einer bemerkenswerten „Auszeit“ ist im Evangelium des Lukas die Rede. Es handelt sich um eine Auszeit von niemand Geringerem als dem Teufel. Genauer: In Luk. 4.13 wird berichtet, dass der Teufel (Diabolos) nach der dreifachen Versuchung Jesu in der Wüste für „eine Zeit“ von ihm Abstand nimmt. Wörtlich steht da: „Der Teufel stand für eine gewisse Zeit abseits von ihm“. Er beschloss, mit heutigen Worten, eine Auszeit vom Gottessohn und ließ ihn bis auf Weiteres in Ruhe.
Diese Auszeit endet in Luk. 22.3. Dort wird notiert, dass der Teufel (diesmal mit der Bezeichnung „Satan“) „in Judas“ fährt, „der Iskariot genannt wird“, wörtlich: in Judas „hineingeht“. Was ihm mit Jesus nicht gelungen ist, führt nun ohne größeren Aufwand bei Judas zum Erfolg. Damit erscheint der Teufel wieder im Umfeld Jesu und setzt das böse Werk in Gang, das Jesus am Ende ans Kreuz und schließlich auch den Jünger Judas selbst um sein Leben bringt.

Mit Luk.22.3 beginnt die eigentliche Passionszeit. Aber bis dahin, zwischen der missglückten Versuchung Jesu und dem Verrat des Judas, den man als erfolgreiche Maßnahme des Teufels verstehen kann, befindet sich das Umfeld Jesu in einer „satanslosen“ Zeit. Das ist eine Zeitspanne, die für den Evangelisten Lukas so etwas wie das Zentrum der Weltgeschichte darstellt. In der neutestamentlichen Wissenschaft wird sie oft als „Heilszeit“ bezeichnet. In ihr geschehen all die wunderbaren und wunderlichen Dinge, die uns bis heute so bezaubern und die christliche Hoffnung auf eine Erlösung von Anfang an beflügeln: Von den unsterblichen Worten der Bergpredigt (die bei Lukas unter dem Titel „Feldrede“ firmiert) über die Speisung der 5000 und die Naturwunder bis zu den herrlichen Gleichnissen vom Barmherzigen Samariter und dem Verlorenen Sohn.
Wo aber ist der Satan in dieser Zeit? Womit beschäftigt er sich? Welche Bedeutung kommt dieser seltsamen Auszeit zu?

1. Nach der souveränen Abfuhr, die der Teufel durch die Antworten und das Verhalten Jesu erhalten hat, zieht er sich aus der Umgebung Jesu zurück. Er lässt ihn wirken, predigen, sein Anliegen ausrichten und erfolgreich sein. Man kann natürlich spekulieren, ob er das tut, um seine Wunden zu lecken oder ob er gezwungenermaßen das Weite sucht. Die Exorzismen, von denen die Evangelien berichten, also Austreibungen von bösen Mächten, sprechen dafür, dass es der Diabolos in der Nähe Jesu einfach nicht ausgehalten hat (vgl. Luk. 4.41, 8.26-39, 9.37-43 u. a.). Lukas stellt sich das öffentliche Wirken Jesu als eine Zeit vor, in der, anders als in allen Zeiträumen der Weltgeschichte, um Jesus von Nazareth herum die reale Wirklichkeit frei war vom Bösen. An die Gestalt Jesu kommt der Teufel nicht heran. Der entscheidende Aspekt dieser Überzeugung besteht in den Evangelien darin, dass sich das nicht in mythologisch ferner Vergangenheit zugetragen hat oder in ebenso mythologisch aufgeladener Zukunft, sondern unter den Augen von Zeugen, mit Orts-, Datums- und Zeitangabe und inmitten des Alltagsbetriebes menschlichen Lebens. An Jesus hat sich der Teufel die Finger verbrannt – da geht er nicht mehr heran.

2. Auf diese satanslose und „reine“ Qualität weist auch Paulus in 2. Kor. 1.19 hin. Hier betont er, dass im Wort und im Handeln Jesu kein zwielichtiges „Jein“ existiert, sondern ein unverbrüchliches und uneingeschränktes Ja Gottes, anders als in unseren Beschwörungen und Beteuerungen. Auch der reichlich komplizierte Hebräerbrief versucht diese Überzeugung zu fassen, wenn auch mit einer schwierigen Formulierung, nämlich, dass Jesus ein Mensch wie wir, doch „ohne Sünde“ sei (Hebr. 4.15). Schwierig ist daran, dass im Hintergrund die Reinheitsvorstellungen aus den alttestamentlichen Opfertraditionen stehen, die aber mit den Ausführungen im Hebräerbrief genau abgetan werden sollen. Daher werden in die Formulierung „ohne Sünde“ in allen Epochen allerhand Projektionen dessen eingetragen, was man sich an Sünde in der jeweiligen Zeit so vorstellt. Ähnliche Anspielungen finden sich auch in 2.Kor. 5.21 und in Phil. 2.5-11. Wie immer man sich diese Hinweise im Einzelnen zusammenstellt: Zusammen mit der lukanischen Vorstellung von der Auszeit des Teufels wird erläutert und sinnenfällig gemacht, dass sich in der Gestalt Jesu nichts Böses findet.

3. Es ist nicht von ungefähr, dass der Teufel es bei Jesus nicht ein zweites Mal versucht, sondern gleich an einer schwächeren Stelle ansetzt: Bei einem seiner Jünger. Warum es Judas trifft und nicht einen seiner anderen Jünger, ist nicht zu ermitteln. Die Zuschreibungen an Judas als einen Geizhals und Tunichtgut, die z. T. schon in den Evangelien angedeutet werden, stammen aus späterer Zeit. Jedenfalls versucht der Teufel gar nicht erst, Jesus zu vereinnahmen oder zu überlisten, sondern erscheint in seiner weiteren Umgebung. Er kommt nun indirekt. Wir kennen dieses Verfahren bis heute. Nicht Jesus ist das Ärgernis der Kirche – sein „Bodenpersonal“ ist es. Es sind die Menschen um ihn herum, die auf seinen Namen getauft sind, seine „Firma“ leiten und sich seinem Anliegen verschrieben haben. Dieses Verfahren ist äußerst erfolgreich, wie wir wissen, und lenkt den Blick von Christus ab. Vielleicht hat sich der Teufel in seiner Auszeit dieses Vorgehen überlegt.
Wir tun gut daran, uns dieses bauernschlaue Verhalten zu merken und damit zu rechnen. Es gibt keine christliche Gemeinde, die diese Erfahrung nicht macht. Immer ist irgendetwas, das Störmanöver auslöst, irgendjemand, der querschießt mit Themen, die irgendwoher kommen. Ein gärtnerischer Weisheitsspruch sagt dazu: Misstraue jedem Garten, in dem es kein Unkraut gibt.

4. Noch wichtiger aber ist, dass Jesus selbst nicht mehr korrumpiert wird. Ist auch die Kirchengeschichte und die reale Erfahrung in christlichen Gemeinschaften stets zwiespältig und mit Wenns und Abers behaftet, so bleiben Wort und Werk Jesu seltsam frei von Verdächtigungen und bösen Zuschreibungen. Zwar gibt es manche Versuche, sich in seine Psychologie einzufühlen und Erläuterungen anzustellen, was ihn getrieben oder gehemmt haben könnte, aber meines Wissens gibt es keine Bemühungen, ihn selbst zu diskreditieren. Als hätte der Teufel bei solchen Versuchen noch immer Blasen an den Fingern. Die Auszeit des Teufels hat sich, so könnte man es vielleicht sagen, verwandelt in eine Scheu vor dem Gekreuzigten.

5. Deswegen ist in der Praxis des geistlichen Lebens die Hinwendung zu Christus von so entscheidender Bedeutung. Auf geheimnisvolle Weise ist hier immer noch ein teufelsfreier Raum, der nichts mit uns zu tun hat, sondern mit ihm. Das ist ein nicht geringer Trost angesichts der vielfältigen Unzulänglichkeiten, mit denen wir es bei uns selbst und anderen Menschen zu tun haben. Und es ist eine hilfreiche Orientierung, wenn man den Eindruck hat, die Welt sei in bösen Händen – eine Haltung, die vielen Menschen gerade zu schaffen macht. Schließlich ist es eine Quelle der Widerstandskraft, wenn wir selbst angefochten werden und merken, wie unser Herz den bekannten oder unbekannten Versuchungen des Teufels zu erliegen beginnt.

6. Mag der Teufel auch seine Auszeit beendet haben und mag er auch irgendwo fündig werden. Es gibt einen Ort, der ist für ihn tabu.