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Menschwerdung
Prof. Andreas Rauhut
Quer durch Kulturen und Epochen zieht sich eine Ahnung. Das leise Gespür für Gott. Es tritt in zwei charakteristisch verschiedenen Spielarten auf. Für die einen ist Gott unzugänglich weit entfernt. Für die anderen sehr präsent, aber mit allzu oft allzu menschlichen Zügen.
Zunächst zu dem entfernten Gott. Dieser Eindruck ist geprägt von der untrüglichen Erfahrung unüberbrückbarer Distanz. Schon im alten China sprach man vom Shang-Di (上帝), dem höchsten Gott und Schöpfer des Universums. Aber Shang-Di war zu weit entfernt, als dass man ihn hätte anbeten oder anflehen können. Eine ähnliche Ahnung umspielte die Bantu-sprachigen Völker Afrikas. Auch sie waren sich zwar sicher, dass es „da draußen“ sehr wohl einen höchsten Gott gäbe. Doch wo genau er war und wie Menschen zu ihm vorstoßen könnten – das vermochte niemand zu ergründen. Im Europa der Aufklärung (18./19. Jahrhundert) machte sich ein ähnliches Gottesverständnis breit, der sogenannte Deismus: Gott, so sagten die Deisten, sei die Urkraft alles Seins, die das Universum einst erschaffen und in Schwingung versetzt habe. Hier, heute und jetzt aber ist dieser Gott uns Sterblichen weit entzogen. Die Gottesferne des höchsten Gottes ist ein verbreiteter Topos, ein religionsgeschichtlicher Archetyp. Hierin spiegelt sich eine Grunderfahrung: Die ganze Welt mitsamt all ihren Menschen muss in Relation zu diesem höchsten Gott verschwindend klein sein. Um es mit einer Metapher aus dem biblischen Buch des Propheten Jesaja zu sagen: nicht größer als ein kleiner Tropfen an einem Eimer (40,15).
Doch es gab und gibt auch die gegenläufige Tendenz: Der Hang des Menschen, sich die Götter nahbar zu machen, sie ins konkrete Leben zu holen, ihre Gunst zu erwirken und sie gnädig zu stimmen. Die rege Fantasie dazu trieb Blüten vielfältiger Vorstellungen von Halbgöttern, Göttersöhnen und einer Göttermythologie voller Neid, Streit, Hass, Ränkeschmieden und Familiendramen. All dies mutet allerdings aus heutiger Sicht wenig glaubwürdig an. Es war Ludwig Feuerbach (deutscher Philosoph, 1804-1872), der diese Götterwelt als puren Projektionsraum unerfüllter menschlicher Wünsche und Sehnsüchte dechiffrierte. Die Moderne dankte es Feuerbach. Endlich einer, der den Vorhang fortriss! Die Verarbeitungs-, Deutungs- und Versorgungsmühen, für die die Alten ihre Halbgötter, Engel, Dämonen und Heiligen brauchten, können heute ganz immanent von Ärzten, Therapeuten, Psychologen und dem staatlichen Sozialsystem übernommen werden. Einzig unser lustvoller Hang nach ‚großen Geschichten‘ wird von dieser De-Konstruktion nicht befriedigt. Doch auch hier finden sich Auswege: Die archaischen Bedürfnisse des Staunens werden durch bildgewaltige Stories in Filmformat gestillt (Star Wars, Herr der Ringe, Harry Potter usw.). Diese (Ersatz-)Mythen als ‚wahr‘ zu betrachten, wäre natürlich ein naiver Kategorienfehler. Gleichwohl ist es erstaunlich, dass ohne derartige Mythen heute wohl kein Startup mehr ein erfolgreiches Branding entwickeln kann.
Funktionalen Ersatz für den unzugänglich distanzierten Gott wussten Menschen sich auch noch auf andere Weise zu (v)erschaffen: durch strategische „Selbst-Vergottung“, die dem Ziel diente, die eigene Macht zu sichern. Egal ob ägyptische Pharaonen, römische Kaiser, mittelalterliche Herrscher oder spätmoderne Autokraten – der gottgleiche Status mit transzendentalen Obertönen war immer schon ein probates Mittel zur Beherrschung der Massen. Doch auch diese Variante wurde (glücklicherweise) als menschengemachter Tand von Feuerbachs Zeitgenossen dekonstruiert. Die mit der Moderne einsetzende Götterdämmerung entmachtete die Halbgötter und (Selbst-)Vergottete gleichermaßen.
Zurückblieb der sehnsuchtsvolle Mensch. Mit der Ahnung, dass da noch weit außerhalb seiner selbst mehr sei: etwas oder jemand, das ihn unbedingt anginge. Doch der unerreichbar entfernte Gott blieb so ungreifbar, wie selbstgebackene Halb-Götter unglaubwürdig. Ein wahres Dilemma. Das Dilemma des spätmodernen Menschen. Denn: Die Sehnsucht ist noch immer da. Die Ahnung und Hoffnung, dass da jemand sei, den zu bestaunen es sich auf ewig lohnt und den zu erkennen alle Mühen der Welt wert sind, lebt fort. In eben diesem (Ahnungs-)Dilemma bleiben die ins Dasein geworfenen Menschlein schicksalhaft unerhört stecken.
Es sei denn, sie werden erleuchtet. Es sei denn, die wirkliche Wirklichkeit des ewig unerreichbaren Gottes würde mit einem Mal unverhofft und handfest direkt in ihre tropfenkleine Menschenwirklichkeit hineinragen. Es sei denn, das Ewige würde in der Zeit aufblitzen. Doch nicht wie ein blendender Blitz, der alle Anschauung mit seinem gleißenden Strahl auslöscht und dann ebenso blitzartig verschwindet. Nein, der ewige, weite, unerreichbare, wirkliche Gott müsste für den Menschen zu einem Jemand werden, dem sie oder er begegnen kann, den er oder sie sich ansehen kann. Und das seinerseits sie oder ihn anspricht. Zu einem Gegenüber, dem er vertrauen kann und das ihm die Welt erklärt und ihn beim Wort nimmt. Die Ewigkeit müsste ihr Zelt in der Zeit aufschlagen. Die alle Form transzendierende Kraft müsste in Raum und Zeit Form annehmen. Der unerreichbare und allein deshalb glaubwürdige Gott müsste glaubhaft erreichbar werden.
Die gute Nachricht ist: Genau das ist geschehen. Gott wurde Mensch. In Jesus von Nazareth.