153 – mehr als eine Zahl
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„Die ganzen Zahlen hat der liebe Gott gemacht; alles andere ist Menschenwerk“. Dieses Zitat wird Leopold Kronecker (1823-1891) zugeschrieben, einem der produktivsten und streitbarsten Mathematiker des 19. Jahrhunderts. Damit polemisierte er gegen die zu seiner Zeit aufkommenden mathematischen Modelle, in denen mit unendlichen Mengen gearbeitet wurde oder Algorithmen mit unendlich vielen Arbeitsschritten in Gebrauch kamen. Die Zahl 153 ist so eine ganze Zahl. Kein Bruch, keine negative, komplexe oder reale Zahl, keine von den abstrakten, schwer vorstellbaren und dennoch für die moderne Technik unentbehrlichen Einheiten, mit denen gerechnet und Mathematik getrieben werden kann. Die Bedeutung, die die Zahl 153 durch die Erwähnung im 21. Kapitel des Johannesevangeliums, v.11, auf sich zieht, würde Kronecker wahrscheinlich gefallen haben: Es geht um Theologie, um Gott und um eine wundersame Reihe von Eigenschaften, die dieser Zahl zukommen, ohne dass recht erklärt werden könnte, warum. Es ist gewissermaßen sprichwörtlich eine der besonderen Zahlen, die Gott gemacht hat.
Im folgenden wollen wir in mehreren Episoden so etwas wie die biblische, theologische, mathematische und spekulative Tiefenstruktur dieser eigenartigen Zahl anschauen. Manches davon ist ordentliche Mathematik oder solide exegetische Wissenschaft, manches ist geschichtliches Referat, aber einiges auch spielerischer Umgang mit den Zusammenhängen, auf die uns die 153 führt, weil sie da steht, wo sie steht, und weil sie durch nichts erklärt wird, sondern einfach erscheint. Und wie alles, was nicht erklärt wird, sondern einfach erscheint, zieht sie Neugier und Einsicht, Phantasie und Phantastik auf sich. Von dem allen wird in den verschiedenen Episoden die Rede sein.
„Gruppe 153“ trägt diese Zahl im Namen. Das ist natürlich nicht von ungefähr. Gruppe 153 ist nicht der ursprüngliche Name der Gemeinschaft, die sich darunter heute versammelt. Ursprünglich war sie als ein Verein gegründet worden, der die Arbeit des Ev.-luth. Missionswerks in Niedersachsen unterstützte, die Nachfolgeinstitution der 1849 gegründeten Hermannsburger Mission. Dass aus dem „Ev.-luth. Missionsdienst“, wie es im Vereinsregister noch heute heißt, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die „Gruppe 153“ wurde, verdankte sich maßgeblich einer intensiven Beschäftigung mit dem Kapitel 21 des Johannesevangeliums. Denn im ersten Teil des Kapitels wird vom sogenannten nachösterlichen Fischzug der Jünger Jesu berichtet – im Gegensatz zum vorösterlichen Fischzug, von dem im Lukasevangelium, Kap.5, die Rede ist –, in dessen Mittelpunkt der Fang von 153 Fischen berichtet wird. Und zwar großen Fischen, wie es ausdrücklich und prominent in v.11 heißt. Die Beschäftigung nicht nur mit dem Ergebnis dieses Fischfangs, sondern auch mit der theologischen Aussage und den Kontexten dieses Berichtes hat dann den Namenswechsel hin zu „Gruppe 153“ motiviert.
Bei genauerem exegetischem Hinschauen stellt sich zunächst folgendes heraus: Das Kapitel 21 gehört ohnehin nicht zum Erstbestand des Evangeliums, sondern ist nachträglich angefügt, wie man unschwer erkennen kann. Mit Joh.21,30f. endet nämlich das ursprüngliche Evangelium: „Dies aber ist geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“. Kapitel 21 setzt also noch etwas hinzu, offenbar war das Evangelium mit diesem Abschluss eben doch noch nicht zu Ende. So wie die ganze Geschichte der Christenheit ja auch als ein unendlich großer und vielfältiger Zusatz zur Geschichte des Jesus von Nazareth gelesen werden kann: Weder mit seinem Tod noch mit seiner Auferstehung war weder sein Anliegen noch sein Wirken zum Abschluss gekommen. Wundersame Fischzüge wie den bei Lukas berichteten (Kap.5, 1-11) und aller alltäglichen Gewohnheit widersprechende Wunder gab es eben nicht nur zur vorösterlichen Lebenszeit Jesu, sondern gehören zur Erfahrung der weltweiten Christenheit bis auf diesen Tag. Der Auferstandene lässt sich auf diesem Wege immer wieder einmal blicken und greift in das irdische, alltägliche Geschehen ein.
Daran erinnert der Name „Gruppe 153“ und hat zu der Parxis geführt, dass mindestens einmal im Jahr in einem Gottesdienst diese Geschichte vom 153-Fischzug Gegenstand der Predigt auf einer unserer Seminare und Gottesdienste ist.
Beginnen wir mit einer zunächst sehr oberflächlichen Betrachtung. 153 – das ist – als Zahlwert – einerseits bemerkenswert detailliert und wirkt andererseits auch irgendwie groß. Kein Wert, mit dem man alltäglich umginge oder der an der Ladentheke behandelt würde (sofern es noch an Ladentheken Handel und Austausch gibt). Für 153 gibt es kein Gefühl, keine Symbolik, keine Ahnung, auch im zweiten Anlauf nicht.
Die ersten natürlichen (ganzen) Zahlen dagegen, 1 bis 12, liegen in ihren elementaren Bedeutungen geradezu menschheitlich fest. Sie tragen eine Fracht an Bedeutung, die man kaum überschätzen kann. Die 1 als der Urwert schlechthin. Alle Zahlen ergeben sich als Addition dieses Urwertes. Die 2 steht als Symbol für Ambivalenz, Symmetrie, Dialog und Widerspruch – alles Erfahrungsqualitäten, die engstens mit dem menschlichen Leben verbunden sind. Vom Tag-und-Nacht-Rhythmus bis zur digitalen Technik steht die 2 für duale Wirklichkeitskonstellationen. Die 3 steht für Stabilität (auf drei Beinen erzielen wir die größte Standfestigkeit), zudem die erste zusammengesetzte Zahl (aus 1 und 2), oft in den Religionen, keineswegs nicht nur im Christentum, als triadische Struktur für Gottesvorstellungen zu finden. Die 4 als Kennzahl der geschöpflichen Ordnungen: 4 Raumkoordinaten, 4 Elemente in der antiken Kosmoslehre, 4 Jahreszeiten, Menschenalter und Temperamente. Die 5 als Tetragramm einerseits, als mnemotechnische Hilfe andererseits. Wir müssen nicht alle Zahlen durchgehen, allenfalls sei noch auf die menschheitsweit genutzte Zahl 12 verwiesen, die den Tierkreiszeichen, also den astronomischen Zusammenhängen unserer Erde abgelesen ist und in allen Kulturen bekannt und genutzt ist. In den Überlieferungen der biblischen Bücher reicht ihre Bedeutung von den 12 Stämmen Israels über die 12 Apostel bis hin zu den 144.000 Geretteten der Offenbarung des Johannes, eben 12x12x1000. Dass 12 das Produkt aus 3 und 4 ist, die Summe aus 3 und 4 hingegen die wichtige Zahl 7 ergibt, deutet an, dass auch die Kombinationen keineswegs mathematischer Beifang sind, sondern ihrerseits wichtige Botschaften zu vermitteln vermögen. Auch die Zahl 40 zieht einige Aufmerksamkeit auf sich, weil sie durch die biblischen Berichte von der Wüstenwanderung und der Fastenzeit Jesu mit der Versuchungsgeschichte zu wichtigen Festlegungen der christlichen Kalender zu Weihnachten und Ostern geführt haben.
Neben diesen mehr oder weniger intuitiv einleuchtenden Bedeutungen der Grundzahlen wirkt „153“ seltsam fremd, merkwürdig, zufällig. Zu genau, um unbeachtlich zu bleiben, zu zufällig, um sofort verständlich zu sein. Warum nicht 157 oder 261? Was hätte das an der theologischen Aussage geändert? Und dass in der Geschichte des Fischzugs nun ausgerechnet 153 große Fische gezählt werden, ergibt sich aus keinem naheliegenden Zusammenhang der Geschichte selbst. Weder vorher noch nachher wird darauf verwiesen oder Bezug genommen. Würde erzählt werden, wie Petrus an den Strand hinuntergeht und eine sorgfältige Fangbeschauung anstellt, würde man bei 153 Fischen gesagt haben: Donnerwetter, viele, einfach viele Fische, und ganz unerwartet gefangen. Aber eben die Beiläufigkeit der Zahl, ohne Anhalt an den Ereignissen selbst, macht sie bemerkenswert. Ausgerechnet im Johannesevangelium, in dem so genau auf die Zahl der Zeichen geachtet wird, die Jesus zu seiner Beglaubigung in der Öffentlichkeit geschehen lässt, und in dem ebenso genau die Menge Wasser festgehalten wird, die in Wein verwandelt wird (Joh.2), wie die Zeit des Aufenthaltes für den Gelähmten am Teich Betesda (Joh.5) von Interesse ist, ausgerechnet hier sollte im letzten Kapitel Beliebigkeit die Feder geführt haben? Das ist unwahrscheinlich. Irgendetwas muss den Autor des Evangeliums bewogen haben, diese Zahl im Text unterzubringen, der ja auch ohne sie eine sehr profilierte und aussagekräftige Geschichte vorstellt.
Ein kleiner historischer Rückblick.
Natürlich war die Zahl auch den ersten Kommentatoren des Evangeliums aufgefallen, aus genau den oben erwähnten Gründen. Über den Verfasser des Evangeliums, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht identisch mit dem Jünger Johannes der sogenannten synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas ist, wissen wir fast nichts. Auch darüber, wieviel die ersten Christengemeinden über ihn wussten, ist wenig bekannt. Greifbar und beim ersten Lesen spürbar ist, dass das vierte Evangelium aus anderen Quellen schöpft als die drei anderen Evangelien. Die Sprache, die biographischen Details, die Weitschweifigkeit der theologischen Reflexionen dokumentieren, dass hier ein deutlich anderer Blick auf Jesus gerichtet ist als bei den Evangeliumskollegen. Dazu gehört die sich durchziehende Eigenart, sowohl in den Zeichenhandlungen als auch in den Dialogen mit dem Stilmittel der Doppelbödigkeit und des Missverständnisses zu arbeiten. Die Gegner Jesu verstehen immer nur oberflächlich, die Ansagen Jesu sind doppeldeutig, die Ausführungen in den Reden sind abstrakt und nicht immer einsichtig, auch beim zweiten Nachdenken nicht.
Auch das letzte Kapitel macht davon keine Ausnahme. Wir dürfen davon ausgehen, dass es mit den 153 Fischen eine Bewandtnis hat.
Von den antiken christlichen Autoren gibt es einige Versuche, die 153 plausibel zu machen, aber überzeugend sind sie – für heutige Verstehensgepflogenheiten – nicht. Der durch seine überragende Übersetzungsarbeit biblischer Texte seinerzeit berühmte Theologe Hieronymus (347-420) hatte die 153 als Zahl aller in der Welt existierenden Fischarten gedeutet. Und zwar im Zusammenhang einer Auslegung von Ez 4710, ein Vers, in dem es „um sehr viele Fische von aller Art im großen Meer“ geht. Tiefer ist der Zusammenhang nicht. Die Gleichsetzung der sehr vielen mit den 153 Fischen war natürlich eine Annahme, die eher aus zahlenmystischen Überlegungen denn aus realer Beobachtung stammte, aber immerhin: Auf diese Weise konnte er die 153 Fische als Zeichen für die Vielzahl aller Völker deuten, die durch die Botschaft des Evangeliums gefangen bzw. erreicht werden sollten. Dass die Zahl 153 keinerlei Anhalt an der zoologischen Wirklichkeit hat, liegt am Tage.
Helmut Aßmann