Geist! – Welcher Geist?

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Tansania, 2011, Issuna, Jubiläumsfeier zur Gründung einer lutherischen Missionsstation in der Zentraldiözese Singida. Keine weltbewegende Veranstaltung, aber immerhin so wichtig, dass verschiedene Kooperationsparter der LCT (Lutheran church of Tansania) angereist sind, um an den Festivitäten teilzunehmen. Auch wir, eine kleine Abordnung aus Hildesheim, gaben uns die Ehre, im Gepäck eine Lutherfigur, rot, mühsam durch die Flughafenkontrollen bugsiert, aus dem Arrangement des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl von 2010.

Vor den Hauptfeierlichkeiten am folgenden Sonntag gab es allerhand typisch Kirchliches zu genießen: verschiedene Mahlzeiten, Chordarbietungen, ein Fußballspiel auf einem halbwegs geeigneten, plattgewalzten Acker, viel Austausch und Geplauder. Wir nahmen gern im Rahmen der sprachlichen und gestischen Möglichkeiten daran teil. Bei Dunkelheit, so hieß es, sollten wir uns nicht einfach ins Gras setzen – wegen der Schlangen. Na gut, dann eben direkt in den Sand.

Nach Einbruch der Dunkelheit begann es in der etwa 300 m entfernten Kirche laut zu werden. Musik war zu hören, aber auch viel Geschrei und ein Getöse, wie es gelegentlich im Maschseestadion zur Unterstützung von Hannover 96  auch zu hören ist, so ähnlich jedenfalls. Neugierig, wie wir waren, begaben wir uns zur Kirche, etwas befremdet von der wirklich lauten Musik und dem Gebrüll. Als wir dann in die Kirchentüre hineinlugten, prallten wir fast zurück ob der Wucht des sinnlichen Eindrucks. Es war rappelvoll, gedrängt und gedrückt und gerüttelt, jung und alt, jemand mit einem Mikrophon skandierte mit überschlagender Stimme kleine Phrasen, die dann von der Menge lautstark wiederholt wurden, und dann war da noch der Geruch von Hunderten schwitzenden, engstens aufeinander hockenden Menschen mit allem, was die Körper und Kleider an atmosphärischer Bereicherung hergaben. 

Es handelte sich, kurz gesagt, um einen Heilungsgottesdienst. Den armen Kranken im Altarbereich der Kirche hatten wir wegen der Opulenz des Gesamtauftritts der Gemeinde gar nicht mitbekommen. Er lag auf einem Gestell und wurde unentwegt umtanzt. Was er hatte, war uns unerfindlich. Aber aus den Sprachfetzen, die wir verstanden, identifizierten wir eindeutig „Herr“, „Gott“, „Halleluja“, „Amen“, „Jesus“ – die Keywords eben, an denen man eine enthusiastische Christenversammlung von einer bierseligen Nachfeier bei einem 96-Sieg ziemlich einfach unterscheiden kann.

Ob der Mann beim oder nach dem Gottesdienst gesund geworden ist, habe ich nicht herausbringen können. Der Lärm und die Intensität der Gebete hätten für ein niedersächsisches Gemüt wie das meine aber ausreichen müssen, um nicht allzu widerstandsfähige Dämonen erfolgreich aus dem Gotteshaus zu jagen. Ich jedenfalls hätte es mit der Angst zu tun bekommen, wäre diese Gottesdienstversammlung auf mich losgegangen.

Interessanterweise ging es einer Reihe von Mitgliedern unserer Partnerschaftsgruppe ähnlich. Auch wenn die Schlüsselwörter klar und vernehmlich waren, war ihnen diese gottesdienstliche Performance schlicht unheimlich. Sie waren ob der Exzessivität in Lautstärke und körperlicher Aktivität, der Leidenschaft und der archaischen Rhythmik, die sich ihnen darbot, mehr als ungewiss, ob das überhaupt noch Christentum ist. Verglichen mit einem sonntäglichen Gottesdienst in Lühnde irgendwo in der Rübensteppe Niedersachsens war das ein Irrenhaus. Da half es auch nicht, auf die durchaus bemerkenswerten Berichte aus dem Neuen Testament hinzuweisen, bei denen Jesus, seinen Jüngern oder dem Apostel Paulus auch derlei Möglichkeiten zugeschrieben werden. Man lese nur die Begebenheit mit dem taubstummen Menschen, dem Jesus einen Brei mit Spucke auf Ohren und Zunge schmiert (Mk.7). Das ist auch nicht besonders appetitlich, und was Paulus über das sogenannte Zungengebet in 1.Kor.14 schreibt, hat allerhand Unruhe und Aufruhr im Blick – im Namen des Herrn Jesus. Aber nein, entgegneten meine Mitstreiter, das war ja Bibel, sozusagen liturgisch abgedeckt, aber Issuna, also das alles in echt, das war etwas anderes.

Wir haben damals lange über das Ereignis und die damit verbundenen zwiespältigen Erfahrungen gesprochen. Über die Befremdung, die Sinnlichkeit, diese irgendwie unangenehm direkte Art, mit Gott umzugehen, als wäre der nun wirklich persönlich am Hantieren. Soll das Wirkung und Wesen dessen sein, was man als Heiligen Geist im Dritten Glaubensartikel bekennt? Da hört sich das alles doch sehr viel abstrakter, abgeklärter, abgehangener an: Heilige christliche Kirche, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Das ist hinreichend unvorstellbar, um daraus nicht praktische Taten ableiten zu müssen. Aber das bedrängende Gebetsgeschrei wegen Krankheit und um Heilung ist so indezent, dass es für unsereinen an die Schamgrenzen rührt.

Der Geist Gottes zwischen kontemplativer Entrückung und Gebetskampf mit allen Sinnen und Leidenschaften. Zwischen Begriffen und Bestürmung. Zwischen theologischer Abstraktion und überfallartiger Entrückung. Zwischen Bewusstseinserweiterung und Straßenkinderhilfe. D.h., genauer müsste man sagen: Nicht „zwischen“, sondern „als“. Dann trifft es die Sache besser. Die domestizierten Formen der Gottesverehrung, wie wir sie seit einigen Jahrhunderten kennen, ist eben nur eine der Lebensäußerungen christlichen Glaubens.

Und damit kommt die Sache auch zum Punkt. Ekstatisches Spektakel ist das eine, das bedient Sensationslust und Neugier, Aufmerksamkeits- und Beweisbedürfnisse. Wir Menschen brauchen das immer wieder einmal. Zeichen sind wichtig für uns. Ohne jede Bestätigung und Unterstützung wird es schwer mit dem Glauben und mit der Liebe. Aber: Spektakel können andere auch. Die Welt war schon immer voll von Wundertätern, Quacksalbern und Scharlatanen, die weniger Gott als vielmehr ihre eigenen Interessen im Blick haben.

Deswegen ist der Hinweis Jesu aus der Bergpredigt an dieser Stelle unaufgebbar und tragend: „An den Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Mt.716). Jesus verbindet das mit dem für ihn zwingenden Zusammenhang zwischen Baum und Frucht. Schlechte Bäume geben keine guten Früchte. Ungute Motive und Interessen können keine Wohltaten auslösen, die etwas anderes sind als Mittel zum Zweck. 

Natürlich kann man beispielsweise sagen, dass der inzwischen verstorbene Drogenbaron von Medellin, Pablo Escobar (1949-1993), seine Stadt und seine Region mit Schulen, Krankenhäusern und Infrastruktur ausgestattet hat durch das Drogengeld, das ihm in die Taschen floss. Das war gut investiertes Geld für alle, die daraus Nutzen zogen. Aber es wollte nicht den Menschen helfen, sondern seinen territorialen Einfluss stützen. Das sieht gleich aus, ist aber im Kern etwas anderes. Es soll nicht helfen, sondern abhängig machen. Präziser noch: Es soll helfen, um abhängig zu machen. 

Der Geist, dessen Wirkung, Wesen und Wollen man an der Gestalt Jesu ablesen kann, hat die christliche Kirche als Geist Gottes genannt und bekannt. Dass es sich dabei nicht um dogmatische Verengung oder begriffliche Beckmesserei handelt, kann man nahezu jeden Tag besichtigen. Denn auf dem Weg in die Informations- und Kommunikationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts sind zusehends weniger die Fakten und wissenschaftlichen Tatsachen für die Lebensbewältigung und Realitätssinn von Bedeutung. Sondern das mindset, die Gesinnung, die Orientierung des Verstehens von Fakten und wissenschaftlichen Ergebnissen. Der Geist Gottes, soweit wir ihn von Jesus kennen, ist eine heilende, barmherzige, kritische und schöpferische Kraft, auf allen Ebenen menschlicher Erfahrung.


Helmut Aßmann