Glauben und Genießen

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Zu diesem Thema „Glauben und Genießen“, passend zur letzten Rubrik aus dem Motto „Glauben. Fragen. Lieben.” sind wir von den Mönchen des Klosters auf dem Kreuzberg in der Hohen Röhn inspiriert worden.
Regelmäßig veranstalten wir Tagungen in den Gästehäusern der Hohen Röhn und dabei wandern wir fast jedes Mal auf den Kreuzberg. Dort kehren wir meistens in der Klosterschänke ein und genießen das im Kloster gebraute Bier.
An der Außenwand der Schänke steht in großen Lettern „Glauben und Genießen“.

In meinen jungen Jahren wurde ich etwas „pietistisch-protestantisch-eingeklemmt“ geprägt. Glauben und Genießen waren da beinah in einem antagonistischen Verhältnis.
Im Laufe des Lebens und beim Nachdenken für diesen Artikel des 153er Newsletters erkannte ich, Genießen ist kein “verwegenes Geschehen”, das uns Christen „ab und zu mal und wenn überhaupt, dann nur wohldosiert", erlaubt ist und bei dem wir uns dann ein bisschen „am Rand zum über die Stränge schlagen“ empfinden.
Nein, wahrer Genuss hat den Glauben zur Voraussetzung. So sehr, wie der Fisch das Wasser für sein Leben zur Voraussetzung hat.


Paulus spricht im 1. Timotheusbrief selbstverständlich vom Genießen.

1. Tim. 6/17
„Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen.”

Genießen kommt von Gott, Gott will Genuss und Gott bietet alles was wir zum Leben brauchen so großzügig an. Und das sollen wir durchaus genießen. Interessant ist, dass Gott das, was er uns zum Lebensvollzug anbietet, nicht nur stumpf zum „Gebrauch” anbietet, sondern dass es sinnlich wahrgenommen und wertgeschätzt werden soll. Es soll eben „genossen” werden.
Was für ein „Adel des Alltäglichen”.

Dabei stehen wir in der Gefahr, uns selbst zum größten Feind des Genusses zu werden. Genießen ist eine Lebenskunst, die sich etwas „Gefallen-lassen“ kann. Eine Lebenshaltung, die von zwei Gefährdungen bedroht ist, Stolz und Angst.
Reiche Menschen sind besonders gefährdet, als Bürger des Westens betrifft das uns fast alle. Reiche stehen in der Gefahr, so Paulus, sich den Genuss selbst zu verschaffen, weil ihre wirtschaftliche Potenz Ihnen das ermöglicht. Damit wird der Genuss aber hohl. Es entspringt dann meiner wirtschaftlichen Potenz und meiner Cleverness es so organisieren zu können, dass Genuss jederzeit möglich ist.
Das ist Stolz. Damit ist der Genuss als Genuss hohl und tot.
Genuss ist dann am originärsten Genuss, wenn das Objekt des Genusses in Dankbarkeit und Abhängigkeit von einem „Ermöglicher“ empfangen wird, das ist Gott selbst und er zeigt sich dabei als liebevoller, versorgender Vater und Papa (ABBA lieber Vater…)
Es ist ein liebevolles Wechselgeschehen von Darbietung und Entgegennahme, ein Wechselspiel, hochgradig sinnlich aufgeladen. Für dieses Wechselspiel in seiner tiefen Dimension befinden wir uns wahrscheinlich erst am Anfang des Verstehens. Davon will ich gern mehr erkennen, denn das ist der Lebensgenuss, den Gott uns gönnt.

Reichtum und die wirtschaftliche Potenz an sich, sich den Genuss selbst verschaffen zu können, sind nicht das Problem, sondern die womöglich damit einhergehende Selbstbezogenheit und Unabhängigkeit von Gott.
Eine Selbstbezogenheit, die MIR den Genuss auch zukünftig absichert. Diese Selbstbezogenheit ist Mißtrauen gegenüber Gott, dass er mir den Genuss doch nicht gönnen oder nicht erneut gönnen könnte. Und für diesen Fall sorge ich lieber selbst vor.
Dieses Selbstbezogenheit entspringt aus Stolz und Angst. Beides vergiftet den Genuss.

Das erinnert mich an zwei biblische Situationen:
 1 Das Volk Israel wird in der Wüste von Gott mit Manna versorgt, Gott legt explizit Wert darauf, dass immer nur eine Ration für den aktuellen Tag gesammelt wird. Außer am Vortag des Sabbats, da soll für den Sabbat vorgesorgt werden. Einige der Israeliten misstrauen diesem Szenario und sammeln mehr, um Sicherheit für die Zukunft zu haben (es könnte ja morgen kein erneutes Manna da herumliegen …). Folgendes passiert: der Vorrat für die Zukunft vergammelt und Gott ist darüber sehr traurig, dass sich sein Volk so (misstrauisch) verhält.
2 Der reiche Kundenbauer hat eine Riesenernte, die ihm einen Vorrat für lange Zeit zu garantieren scheint. Deshalb baut er dafür geeignete Vorratshäuser. Gott konfrontiert ihn mit seinem Sterben und fragt, wem der ganze Ertrag nach seinem Tod gehören wird? Hm, vermutlich betretenes Schweigen beim Bauern. Gott sagt zu ihm, du bist ein Narr. Die Narrheit liegt in der Angst, den scheinbaren Vorsprung, den „der Markt ihm unverhofft bot”, absichern zu wollen, für den Fall, dass es nicht nochmal so einen Überfluss geben wird. Das ist Angst, das ist Misstrauen, (und das ist für mich sehr nachvollziehbar ...)

Beide Geschichten verdeutlichen ein und die selbe Sache: Gott wünscht sich so sehr, dass wir ihm vertrauen in allen Belangen unseres Lebens. Deshalb sagt Paulus „den Reichen … gebiete …” (man beachte den Befehlston).

Das ist Gottes Ringen um unser Herz, er wünscht sich innig, dass wir seiner Versorgung glauben (vertrauen).
Und auch dann, wenn wir nur stammeln können „ich glaube, hilf meinem Unglauben”. Das kleine „Grümel” Glaube, oder auch nur der Wunsch, dass es doch bitte so sein möge, dass ich denn glaube, das ist für Gott genug Glaube.

Denn Gott will uns in solcher vertrauensvollen Abhängigkeit haben.
So hat er uns konzipiert.
Diese vertrauensvolle Unabgesichertheit ist der Garant für den wahren Genuss.
Gott will, dass wir unser Leben genießen.


„Genuss und Vertrauen in Gott” ist eine Symbiose, wie es das Wort-Paar „Glauben und Geniessen” an der Wand der Klosterschänke, bestens ausdrückt.

Bei den Tagungen zum Forum der Gruppe 153 haben wir in den letzten Jahren dem Geniessen schon mehrfach mit Verkostungen „gefrönt“: 2023 „Schokolade und Wein“, 2024 „Käse und Wein“ und 2025 werden wir, so Gott will, „Schinken und Bier“ genießen und dabei uns unserer Sinne, unserer Werkzeuge zum Genießen, erfreuen.