Authentizität reloaded

24. Februar 2026

 

 


Es gibt sie immer noch, diese merkwürdigen Angebote, die eine unbekannte Person vorzugsweise aus Übersee dem erstaunten E-Mail-Leser präsentiert, um ominöse 1.5 Millionen $ loszuwerden. Kostet nichts, nur einen Klick, und schon sind die Kontaktdaten in irgendeinen digitalen Raffschlund gelangt, der vermutlich nichts Rechtschaffenes damit vorhat. Das sind inzwischen plumpe, fast vorsintflutliche Betrugsversuche. Neuere Versionen tragen ordentliche Domain-Namen und haben sich die Mühe eines seriös aussehenden Brandings gemacht. Da braucht es schon einen höheren Misstrauens- oder Rechercheaufwand, um gut und ungut zu unterscheiden. Die KI-Produkte, die nunmehr auf die kriminellen Märkte kommen, sind allerdings soweit ausgearbeitet, dass man auf den ersten oder zweiten Blick nicht mehr erkennt, worum es sich handelt. Da geht der erste Blick auch gar nicht mehr auf die Sache und den Inhalt, sondern auf den Absender. Ist das jemand, den ich kenne? Erst bei Bejahung dieser Frage darf sich die Aufmerksamkeit auf den Inhalt der Information richten, immer noch unter den wichtigen Vorbehalt, dass jemand die Adressliste meines bekannten Absenders gekapert haben könnte. Aber das lässt sich per Telefonanruf als Beglaubigungsnachweis einfach herausfinden. Es findet eine interessante Drift in der Vokabel „Authentizität“ statt. Sie ist gestartet als Ausdruck für Originalität und Eigentümlichkeit und häutet sich zu einem wichtigen Parameter, nicht einer Lüge aufgesessen zu sein: Doch, dieser Post ist echt, kein Bot, kein Fake, kein Troll. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die allerhärteste Währung des Lebens ist das Vertrauen. Zu Gott, zu Menschen und zur Schöpfung. Was wir daraus gemacht haben und machen können, ist etwas anderes.

Helmut Aßmann
 

----------
Weitere Kolumnen