Fluch der Karibik
12. januar 2026
Die USA marschieren in der Karibik, einem der schönsten Gewässer der Welt, mit avatareskem Marineaufgebot vor der Küste Venezuelas auf. Offizielles Ziel ist es, die „Versorgung“ der USA mit Drogen durch die südamerikanischen Drogenbanden zu unterbinden. Als rustikale Ansage werden schon mal ein paar vermeintlichen Drogenkuriere auf dem Weg über das türkisblaue Wasser von der Luft aus zerbombt. Die hiesigen Medien werden nicht müde, dieses explosive Spektakel immer wieder in den Video-Nachrichten zu zeigen und sich angemessen empört daran zu weiden. Das dass venezolanische Öl mindestens ebenso zielgebend ist wie die Zerstörung der Drogeninfrastruktur, ist ein offenes Geheimnis, ebenso wie der Umstand, dass Präsident Maduro nicht gerade zum gehobenen politischen Establishment der Region zählt. Auch die Tatsache, dass der Drogenmissbrauch nachweislich ebenso hausgemacht wie importiert ist, spielt bei der martialischen Inszenierung eine nachgeordnete Rolle. Der Fluch der Karibik sind ja nicht die Drogen. Die werden in den USA konsumiert, in Europa, irgendwo außer Landes. Solange das Unvermögen der industriellen Gesellschaften in der Ersten Welt anhält, das ganz normale Leben auch ohne Aufputsch-, Betäubungs- und Schmerzmittel zu fristen, werden die karibischen Piraten ihr subversives Handwerk weiter verrichten. Und wenn einmal alle venezolanischen Boote bombardiert sein sollten, wird man sich gewiss der amerikanischen oder chinesischen oder meinethalben auch bolivianischen oder österreichischen Kähne bedienen. Der Fluch geht nicht weg, wenn man Kompensationswut exzessiv auslebt. Er geht vielmehr weiter.
Helmut Aßmann
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