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Makoto Fujimura – The Four Holy Gospels
Sabine Bochmann | Teil 1
Es gibt Momente, in denen Kunst uns nicht direkt anspricht, eher langsam umhüllt, in gewisser Weise in den Bann zieht, uns fasziniert. Lässt man sich ein auf diesen Prozess, ist Kunst sehr schnell mehr als nur Farbe und Form – sie wird zu einer Einladung, den eigenen Blick neu auszurichten. Gerade jetzt mitten in der Passions- und nahenden Osterzeit, in der wir die Menschwerdung und das neue Leben in Christus bedenken, möchte ich Euch einen wundervollen Bildzyklus ans Herz legen, der eben nicht durch das Offensichtliche besticht, sondern durch seinen Prozess, die Wandlung.
„The Four Holy Gospels“ entstand 2011 im Auftrag des amerikanischen Verlags Crossway zur Feier des 400- jährigen Jubiläums der King-James-Bibel. Fujimura erhielt dabei ungewöhnlich große Freiheit, um die Evangelien künstlerisch zu illuminieren – nicht als Illustration, sondern als eine Art visuelle Theologie.
Viele Jahre lebte Fujimura mit seiner jungen Familie in unmittelbarer Nähe vom Ground Zero in New York und überstand dort die Ereignisse des 11. September 2001. Diese Erfahrung wurde zu einer zentralen Quelle seines künstlerischen Ringens um Licht inmitten von Dunkelheit. Besonders sein Werk „Tears of Christ“ aus dem „The Four Holy Gospels“-Zyklus ist direkt von dieser Zeit der Erschütterung inspiriert.
Fujimura arbeitete in traditioneller Nihonga-Technik mit fein gemahlenen Mineralpigmenten, Gold, Platin und Tuschen. Die Schicht für Schicht aufgebaute Materialität macht die Gemälde zu leuchtenden Oberflächen, die aus dem Gebrochenen heraus spirituelle Tiefe entfalten (schaut Euch gern dazu dieses Video an).
Makoto Fujimuras Bilderzyklus gehört eher zu jener Art von Kunst, die nicht laut spricht, sondern leise verwandelt. In jedem seiner Bilder scheint schon in der Entstehung – schon im Prozess des Schaffens – eine tiefe Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes mitzuschwingen, mit sichtbarer Hingabe und zugelassener „Verletzbarkeit“. Wer sich auf seine Malerei einlässt, spürt etwas von dieser inneren Bewegung: vom Ringen, vom Hören, vom geduldigen Ausharren in der Dunkelheit, bis das Licht wieder sichtbar wird.
Genau aus diesem Spannungsfeld heraus ist sein Leben und Schaffen gleichzeitig ein Zeugnis, das die Einladung ausspricht: Schau hin. Werde still. Erwarte das Leuchten.